Mein Tagebuch: 24. Mai 2020

24. Mai, Sonntag:

In der heutigen Sonntagszeitung wird mit Hilfe von Grafiken auf zwei Seiten erklärt, wie eine Impfung funktioniert und wie verschiedene Teams in unterschiedlichen Ländern an einem Impfstoff forschen. Eine separate Kolonne zeigt, wie das Immunsystem reagiert und sich gegen das Virus wehrt.
Dazu kommen mir ein paar Gedanken und vor allem Fragen: Unser Immunsystem erkennt fremde Eindringlinge und lernt bei jedem Angriff dazu. Warum sollte es durch eine Impfung auf Vorrat gegen ein Virus trainiert werden, welches in dieser Form vielleicht gar nicht mehr auftreten wird, wenn es mutiert?
Wann kommt die Homöopathie zum Wort? Homöopathische Impfungen sind möglich, können ohne Risiko hergestellt werden und haben keine Nebenwirkungen. Man nimmt die Tinktur erst im Falle einer Infektion und nicht auf Vorrat ein.
Bei der Blutplasmatherapie wird Blut von Infizierten und Genesenen auf Infizierte übertragen. Die Antikörper wirken dann in der „neuen“ Umgebung und kämpfen gegen das Virus. Es geht also hierbei eigentlich um eine Informationsübertragung, um eine Weitergabe der Lernerfahrung. Ich denke, dass die Forschung in Zukunft wertvolle Impulse von der „Informationsmedizin“ erhalten wird. Der bisherige Nachteil kumulierter konventioneller Impfungen liegt darin, dass das Immunsystem in vielen Varianten ständig auf Vorrat trainiert wird. Dies beansprucht wertvolle Lebensenergie, die dem Menschen dann eben fehlt. Ich denke, dass wir in den kommenden Jahren noch vieles auch über das Immunsystem entdecken werden.
Jedenfalls nimmt Präsident Trump vorsorglich bereits ein Malaria-Medikament ein, auch wenn – oder weil? – Experten davon abraten. Er glaubt fest daran, sein brasilianischer Kollege macht es ihm nach …

Mein Tagebuch: 23. Mai 2020

23. Mai, Samstag:

Am letzten Donnerstag, am Tag der Auffahrt, waren bei schönem Sommerwetter viele Leute unterwegs, das Abstandhalten eine Illusion. Die Fallzahlen in der Schweiz halten sich auf tiefem Niveau. Aber man wisse erst Anfang Juni, wie sich die Lockerungen seit Mitte Mai auswirken. Der Epidemiologe Marcel Tanner, der in der wissenschaftlichen Taskforce des Bundesrats die Expertengruppe für öffentliche Gesundheit leitet, meint: „Die Schweiz könne man nicht noch einmal abschalten“. Das ginge nicht. Dank Tracing könne jetzt lokal und fokussiert reagiert werden. Das klingt schon mal gut.


Eine Freundin aus Schmerikon verrät mir den Grund für die Fahnen: Das gelte nicht nur für Bern, sondern für das ganze Land! Auf diese Weise solle ein Zeichen des Dankes an das medizinische Personal und alle anderen gesetzt werden, die sich unermüdlich während dieser Zeit engagieren. Applaus und mehr Anerkennung genügen aber nicht, meinen diese und fordern mehr Lohn.

 
Heute kam die Regenfront gegen Mittag bei uns an. Es ist kühler geworden.
Unsere Nachbarn melden sich aus Neuseeland. Die Landesgrenzen sind immer noch geschlossen. Sie schätzen, dass sie etwa Mitte Juni zurückreisen können. Zum Glück wird ihr Garten heute von vielen liebevollen Händen in Ordnung gebracht. Neue Gemüsesetzlinge werden überall verteilt und können jetzt schon mal in Ruhe wachsen.
Und die Fische im Aquarium sind noch alle da.

In Zürich verteilen Mitarbeiter*innen der Verkehrsbetriebe Tausende Gratismasken. Am kommenden Mittwoch wird der Bundesrat entscheiden, welche Lockerungen ab dem 8. Juni möglich sein werden. Über Pfingsten sollen die Campingplätze voraussichtlich noch geschlossen bleiben.




Text und Fotos: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 19. Mai 2020

19. Mai, Dienstag:

Andauerndes Prachtswetter dank vereinigter Hochdruckgebiete über ganz Europa! An der US-Ostküste braut sich früher als sonst der erste Tropensturm des Jahres zusammen.
Die Autobahn rauscht wieder wie früher, die Rasenmäher brummen jetzt öfters als in den letzten Wochen. Unser übernächster Nachbar hat den lautesten der ganzen Umgebung. Das stille Leben ist zu Ende. Die Entschleunigung auch. Unsere über 80-jährigen Nachbarinnen freuen sich darüber, dass sie wieder selbst einkaufen gehen dürfen. Die Tageszeitungen bringen wieder mehr unterhaltsame Stories, das Niveau wird seichter.
Was wird bleiben? Wo findet ein Umdenken statt? Was wird noch aufgedeckt? Viele meinen, wir würden auch auf die Dauer lokaler einkaufen und bewusster konsumieren. Und wenn möglich auch auf Balkonen für mehr Selbstversorgung sorgen. Heute liefert unser Bauer aus der Nachbarschaft einen Ster Holz für Georgs Friedensfeuer.               


Angst wird von den Medien immer noch gemacht: Die zweite oder dritte Welle käme bestimmt. Diejenigen, die Covid-19 gehabt hätten, seien entweder gar nicht oder nur für ein paar Monate immun.

Ein emeritierter Professor schreibt in einem Leserbrief an den heutigen „Bund“:

„Das einseitige Deutungsmonopol öffentlicher Stellen und eines Teils der Epidemiologen über das Coronavirus ist keine deutsche Besonderheit. Auch bei uns folgen Radio, Fernsehen und die Tagespresse folgsam den Verlautbarungen von Bundesrat und BAG. Sie publizieren täglich die Anzahl der Ansteckungen und Toten – letztere grob irreführend, weil sie weder mit der Zahl der Einwohner noch mit der Zahl der Sterblichkeit aus anderen Influenza-Perioden in Beziehung gesetzt werde. Man erfährt kaum etwas über die tatsächliche Ausbreitung der Pandemie und das tatsächliche Mortalitätsrisiko, auch im Vergleich zu anderen Risiken.“ Ja, dieser Ansicht waren wir schon Mitte März.
Erst heute steht im „Bund“, dass von den 1753 Todesfällen allein 927 in Alters- und Pflegezentren vorkamen. Immer noch wird nicht unterschieden, ob jemand mit oder „nur“ an Covid-19 gestorben ist.

Ich weiss, dass ich die Stille und das langsame Leben vermissen werde. Ich freue mich aber über die wiederkehrende Lebensfreude der Stadt. Abstandhalten finde ich angenehm, die Hygienemaske eher unangenehm. Besonders bei den jetzt höheren Aussentemperaturen schwitzt man darunter. In ein Restaurant werden wir wohl noch längere Zeit nicht gehen. Die nötigen Massnahmen mit Plexiglasscheiben und maskierter Bedienung verbreiten eine seltsame Atmosphäre. Inzwischen hat der Datenschutz befunden, dass die Gäste nur freiwillig ihre Kontaktdaten hinterlegen müssen.
Lieber pflegen wir unseren häuslichen Tisch. Demnächst möchte ich ein iranisches Rezept für Rhabarber ausprobieren: Die Stangen werden wie Gemüse mit gedünsteten Zwiebeln gekocht und mit Kardamom, Muskat und Pfefferminzkraut gewürzt.  

Text und Fotos von Bern: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 18. Mai 2020

18. Mai, Montag:

Heute werden zum ersten Mal keine neuen Covid-Fälle im Kanton Bern gemeldet. In der Stadt geht der Angstpegel der Leute spürbar zurück, Zuversicht macht sich breit. Die Gassen der Altstadt sind offiziell mit den Fahnen der Schweiz und des Kantons Bern geschmückt. Den Grund dafür kenne ich nicht. Normalerweise ist dies zur Zeit der grossen Frühjahrsmesse, der BEA, der Fall. Doch diese kann jetzt gar nicht stattfinden.
Die Polizei hat jetzt nichts Besseres zu tun, als über 5-köpfige Gruppen zu büssen und aufzulösen. Dabei warten jetzt bedeutend mehr als 5 Fahrgäste an einer Haltestelle auf Tram und Bus! Es ist noch nicht bekannt, auf wie viele Personen sich die Versammlungsfreiheit ab dem 8. Juni beschränken wird. Gemäss Umfragen finden erstaunlicherweise vor allem junge Leute eine weitere Lockerung für verfrüht.

Viele planen die Sommerferien im Inland, aber auch in den angrenzenden Ländern. Das heutige Titelbild vom „Bund“ zeigt einen Strand in der Nähe von Rom. Zwei Männer messen den Abstand zwischen den Sonnenschirmen mit einem Messband ab, er soll 4.5 m betragen. Am 29. Mai dürfen die Strände wieder öffnen.
Slowenien und Tschechien heben den Notstand auf. In Tschechien besteht jedoch weiterhin in bestimmten Situationen Maskenpflicht, zum Beispiel beim Betreten eines Spitals oder während ambulanter medizinischer Behandlungen. Meine Schwägerin, die ihren Ehepartner dazu begleitet, ist deshalb froh um die südkoreanischen Masken, die wir ihnen geschickt hatten. Man könne damit besser atmen als mit selbstgenähten Stoffmasken, die sich beim Einatmen an die Nase „kleben“.

Im „Corona-Wunderland“ Schweden gelten nur 4 Regeln: Nicht mehr als 50 Personen dürfen sich versammeln, Warteschlangen, Einreisen aus dem Ausland und Besuche in Altersheimen sind verboten. Geschäfte, Schulen und Kitas waren die ganze Zeit hindurch geöffnet. Die Wirtschaft hat kaum gelitten. Sogar der als „Einflüsterer“ von Frau Merkel bekannt gewordene deutsche Virologe Christian Drosten lobt seinen schwedischen Kollegen.

Georg hat Bambussprossen aus dem Bio-Garten gebracht. Im Internet hat er gelesen, wie gesund und vitaminhaltig diese seien. Nur gibt es damit viel Arbeit: Die jungen Stangen sind mit harten Blättern umhüllt, die ich zuerst von Hand abschälen muss. Zum Vorschein kommt hellgelbes weiches Fleisch, das man zerschneiden und in Salzwasser kochen kann. Mit Basmatireis und Sojasauce schmeckt Bambus wunderbar! Pandabären essen wohl alles roh.

Text: Petra Dobrovolny
Foto: Georg Dobrovolny


Mein Tagebuch: 17. Mai 2020

17. Mai, Sonntag:

Heute ist Sonntag, die Kirchen sind immer noch geschlossen. Seit 2 Wochen hat der Kölner Dom für die Messe geöffnet, dort ist Abstandhalten möglich. Man muss sich online ein Ticket besorgen, das man beim Eingang vorzeigen muss. Bei der Kommunion steht der Priester hinter einer Plexiglasscheibe und reicht die Hostie darunter hindurch.

Die Kartenlegerin Estelle prophezeit in ihrem „uplifting reading“ für die kommende Woche, dass Wahrheit und Gerechtigkeit ein grosses Thema werden. Dazu passt, dass eine Abgeordnete das italienische Parlament über den „Menschenfreund“ Bill Gates aufklärt. Ein Dauerthema in dieser Zeit ist gemäss Estelle die innere Entscheidung darüber, wie wir wirklich leben wollen. „Ja!“, sagen die Engel, „erschafft den Himmel auf Erden!“ Eine dritte Karte zeigt das Rad des Schicksals: Endlich dreht es sich zu unseren Gunsten! Langsam öffnen sich neue Türen, der nächste Lebenskreis beginnt. Die Engel sagen: „Ihr werdet erfolgreich sein, vor allem wenn ihr eure Wünsche achtsam formuliert!“

Text und Fotos: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 15. Mai 2020

15. Mai, Freitag:

Heute ist die „kalte Sophie“, auf Tschechisch heisst sie „Sophie, die sich in die Hose gepisselt hat“. Es regnet und es bläst ein starker Wind. Zuerst wollte ich mein T-Shirt mit den Sommerblumen anziehen, doch dazu ist es zu kühl. So wähle ich ein grünes mit einem Mandala, das dabei hilft, immer schön in der Mitte zu bleiben.

Gestern habe ich herausgefunden, welche Farben in dieser Pandemie-Zeit hilfreich sind: Gelbgrün, orange und scharlachrot wie die Berner Geranie. In diesen Farben habe ich mir letztes Jahr Murano-Glasperlen gedreht. Die Kette passt gut zum heutigen T-Shirt. Sich mit der Schönheit zu verbinden, war allen alten Kulturvölkern wichtig: „Walk in beauty!“

In der Stadt fand gestern der erste Abendverkauf seit … statt. Nur wenige nutzten diese Gelegenheit. Die längste Warteschlange sah ich vor einem auf Jogging-Schuhe spezialisierten Sportgeschäft. Von den etwa 50 Passant*innen, denen ich begegnete, trug höchstens eine einzige Person eine Hygienemaske. 

Die Berner Zeitung berichtet heute von schlimmen Vorfällen in zwei St. Petersburger Spitälern: 2 Beatmungsgeräte gerieten in Brand, sechs Menschen sind deswegen gestorben. Die Geräte des „Uraler Gerätebauwerks“, die nach dem 1. April hergestellt worden waren, wurden inzwischen aus dem Verkehr gezogen. Mit diesem Typ Beatmungsgerät hatte Russland vor einigen Wochen den USA und Italien geholfen. Bisher ist zumindest in Italien kein Unfall damit passiert. Auf den russischen Militärlastwagen, die die Geräte lieferten, prangten Aufkleber mit Herzen in den russischen und italienischen Nationalfarben und dem Slogan: „From Russia with Love“.

„Hallöchen!“, sagt Natascha und macht ein Video zur besseren Verbindung mit dem Willen Gottes. „Dein Wille geschehe!“  

Mein Tagebuch: 16. Mai 2020

16. Mai, Samstag:

Die Eisheiligen sind nun spürbar vorbei: Es wird wieder wärmer!
Heute berichtet der „Bund“ davon, dass der Kanton Bern im Vergleich mit der übrigen Schweiz weniger hart vom Coronavirus getroffen wurde. Es gab sogar insgesamt weniger Todesfälle als in den gleichen Monaten der letzten 5 Jahre!
Es melden sich zusehends häufiger Leute zu Wort in dem Sinne: Das Virus muss man zwar ernst nehmen, doch der Bundesrat hätte zu spät und unvorbereitet reagiert, obwohl er bereits im Januar Bescheid wusste. Mit Schutzmasken und genügend Testkapazitäten wäre ein Lockdown nicht nötig gewesen. Dank Notrecht hätte der Bundesrat teilweise unverständliche Massnahmen ergriffen. Der Kolumnist Ruedi Strahm schrieb von „materialbezogenen Massnahmen“. Und dies passierte alles ohne die Kontrolle des Parlaments.
Auch heute werden viele für Freiheit und Bürgerrechte demonstrieren. Vom Berner Sicherheitsdirektor wurde ihnen dafür die Allmend, der grosse Platz beim Messegelände angeboten. Dort sei Abstandhalten besser möglich als in der Altstadt. Doch es gibt wieder zu viele Demonstrierende auf dem symbolträchtigen Bundesplatz, also direkt vor dem Parlamentsgebäude. Die Polizei registriert hundert davon. Der Berner Stadtpräsident erlaubt ab sofort Kleinst-Demos mit 5 Personen.   
Erstaunlich finden wir die zahlreichen Leserbriefe, die die Demonstrierenden als unverantwortlich bezeichnen. Die Presse vermutet einen „Haufen“ von Impfgegnern, Esoterikern, Verschwörungstheoretikern, G5-Gegnern usw. Dieser „Haufen“ besteht jedoch vor allem aus besorgten Bürger*innen, die gewaltlos die Gewährleistung der vom Europarat garantierten Menschenrechte einfordert und auf den guten schweizerischen Konsens setzt. Endlich sagt ein Politiker: „Ziviler Ungehorsam wird bald zur Bürgerpflicht!“ Niemand in der Schweiz will die Regierung stürzen, im Unterschied zu Deutschland.

Christina Neuhaus schrieb in der NZZ am 9. Mai: „Machen wir uns nichts vor: Notrecht bedroht die Demokratie. Es beschneidet unsere Freiheit im Namen von Sicherheit und Gesundheit. Natürlich droht der Schweiz keine Autokratie. Aber wir müssen aufpassen, dass sich die Gewichte nicht zu stark Richtung Sicherheit verschieben. Sonnst nimmt uns der Staat eines Tages auch die Verantwortung ab, die wir ihm gar nie übertragen haben.“

Heute herrscht im Bio-Garten unseres Dorfes Hochbetrieb: Nach den Eisheiligen wollen viele Hobbygärtner*innen neue Setzlinge pflanzen. Georgs Komposterde findet grossen Absatz.
Während meines Spaziergangs der Aare entlang sehe ich eine Entenmutter mit 12 Kleinen. Sie wirkt sehr entspannt. In einem Schrebergarten setzt ein Mann Salate auf seinen Kompost. Er fühlt sich geschmeichelt, dass ich sie fotografiere.



Text und Fotos: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 14. Mai 2020

14. Mai, Donnerstag:

Es regnet, der Himmel ist grau, die Erde trägt hier ein strahlend grünes Frühlingskleid. In Neuseeland ist es Herbst. In der Tageszeitung werden auch die Temperaturen für Sydney und Auckland angegeben: 18°C, also wärmer als die 13°C bei uns.

Für die öffentlichen Verkehrsmittel werden Masken empfohlen, Pflicht sind sie nicht. Es trägt auch kaum jemand eine. Warum denn auch? Das Bundesamt für Gesundheit hatte wochenlang verkündet, sie nützten nichts, könnten sogar schaden, besser sei das Abstandhalten. Doch – siehe da! – „Selecta“, eine Firma, die Snackautomaten betreibt, hat neuerdings Hygienemasken und Desinfektionsmittel im Angebot. Kleine Nebenbemerkung: Dort hat wohl jemand mein Tagebuch gelesen.
Pascal Blum, ein Journalist beim „Bund“, analysiert heute, warum die Maske in Asien schon lange zum Alltag gehöre. In Japan hätte sich die Maske vor allem nach der Spanischen Grippe 1918 verbreitet. Diese Sitte sei damals von den USA übernommen worden. Auch die Pestepidemie in der Mandschurei von 1910/1911 hat bewirkt, dass das Maskentragen sich in Ostasien verbreitete. Damals schon vertrat der in Cambridge ausgebildete Arzt Wu Liande, ein Chinese aus British-Malaya, die Theorie, dass die Krankheit sich nicht über Rattenflöhe, sondern über die Luft übertrage. Aha!

Am letzten Freitag bewertete unser Gesundheitsminister die Entwicklung als „absolut zufriedenstellend“. Das Virus bliebe uns erhalten, eine zweite Welle gäbe es in absehbarer Zeit aber nicht. Ist Herr Berset während seiner Zeit im Homeoffice hellsichtig geworden? Wie dem auch sei, Hauptsache, wir dürfen als Angehörige einer Risikogruppe – als solche haben wir uns nie betrachtet – wieder mit gutem Gewissen selbst einkaufen.

Südtirol öffnet sich ohne Einverständnis aus Rom. Die autonome Provinz findet, es müsse wieder Zuversicht einkehren. Ab 11. Mai öffnen Restaurants, Bars und Coiffeure, ab 18. Mai Kindergärten und Grundschulen, ab 25. Mai Hotels und Seilbahnen. Auf nach Südtirol! Wenn denn auch die Landesgrenzen wieder öffnen.
Ab dem 15. Juni öffnen sich die Grenzen der Schweiz zu Deutschland, Österreich und Frankreich. Zu Italien bleiben sie noch geschlossen.

Mein Tagebuch: 12. und 13. Mai 2020

12. Mai, Dienstag: Diese Woche ist es kalt, die Eisheiligen sind da. Seit gestern dürfen die Menschen in Frankreich wieder raus und zur Arbeit gehen. Restaurants und Schulen sind noch geschlossen. Es gilt eine Maskenpflicht. Bei den Métrostationen werden Masken päckchenweise gratis verteilt. Eine Passantin sagt, die Helfer und die Polizisten könne man jederzeit um Auskunft fragen, das bewirke, dass man nicht zu viel Angst haben müsse. Nach 2 Monaten strenger Ausgangssperre liegt nun eine verhaltene Erleichterung in der Luft.
In Deutschland melden vier Landkreise steigende Infektionszahlen. Sie behalten sich vor, selbständig und schneller über Massnahmen zu entscheiden und nicht erst auf die Bundesregierung zu warten. Einige deutsche Städte haben seit 10 Tagen keinen einzigen neuen Fall und wollen mit der Lockerung vorwärts machen. Es ist sinnvoll, lokaler oder regionaler zu handeln. Seit gestern gehen die Kinder in der Schweiz wieder in die Schule. Auch hier sehen die Massnahmen in den Kantonen unterschiedlich aus. Die Rauchschwaden der nachbarlichen Zigarette nehmen leider wieder zu. Es scheint sich dort etwas zu tun: Letzte Woche haben sich verschiedene Leute das Haus angesehen. Eine Besucherin sagte auf Georgs Frage hin: Es würde neu vermietet. Wir sind gespannt, wann wir konkret informiert werden. Unsere Waschmaschine konnte inzwischen repariert werden. Jetzt muss ich nicht mehr mit Georgs Hilfe die Wäsche von Hand auswringen.

Bei der Demo am letzten Samstag war auch die Tochter von Friedrich Dürrenmatt dabei. Sie wohnt in Bern und hatte sich mit ihrem Rollator auf den Bundesplatz begeben. Gemäss offizieller Definition gehört sie zur Risikogruppe. Ein kleines Plakat hatte sie selbst gemalt und sich um den Hals gehängt: Darauf ist eine Waage zu sehen, deren Waagschalen aus dem Gleichgewicht geraten sind. In der einen liegt eine züngelnde Schlange, die die autoritäre Angstpolitik des Bundesrates symbolisiert. Aus der anderen tropft Blut. Dies zeige, wie sehr wir die letzten Wochen unter den Massnahmen gelitten hätten. Am nächsten Samstag sei sie, Ruth Dürrenmatt, wieder dabei, falls wieder demonstriert würde. Sie meint: „Irgendetwas stimmt da nicht. Das Ganze passt nicht zusammen.“

„Yes! Yes! Yes!“

13. Mai, Mittwoch:

Die heutige Schlagzeile vom „Bund“: „Zumindest Kleinstdemos sollen in Bern wieder toleriert werden“. Staatsrechtler und Politiker fordern die Stadt Bern zur Toleranz auf.

In der Nacht habe ich geträumt, dass ich mit Georg im Flughafen von London bin. Unser geplanter Rückflug in die Schweiz wurde kurzfristig abgesagt. Wir haben in einem kleinen Hotelzimmer des Flughafens übernachtet und wollen uns jetzt nach dem nächsten Flug erkundigen. Der Mann am Schalter sagt, dass der Zeitpunkt noch nicht bekannt sei, jedoch kurzfristig angesagt werde. Wir könnten solange im Restaurant warten. Das tun wir, und Georg bestellt für mich einen frisch gepressten Limonensaft mit Mineralwasser und für sich ein englisches Bier vom Fass.
Der Traum sagt mir, dass uns im Moment nichts anderes übrigbleibt als zu warten. Dass es aber plötzlich losgehen könne. In der Zwischenzeit werden wir gut versorgt mit Hotelzimmer und Getränken. Wunderbar! Was wollen wir mehr?
Es ist eine Art „Zwischenzeit“, und niemand weiss, welche Zeit danach kommen werde. Viele möchten einiges aus diesem „Dazwischen“ in den zukünftigen Alltag mitnehmen: Manche möchten im Homeoffice bleiben, mehr Familienzeit einplanen, mehr Kochrezepte ausprobieren oder erfinden.
Der Absatz von Bioprodukten hat enorm zugenommen. Diese können eigentlich nur so bezeichnet werden, wenn die Böden nicht verseucht sind. Das Bundesamt für Umwelt warnt davor, dass in 12 (!) Kantonen das Grundwasser mit Abbauprodukten des Pestizids Chlorothalonil verunreinigt sei. Die Herstellerin Syngenta kritisiert die Behörde für die Verbreitung der Wahrheit …
Ein Leserbriefschreiber meinte vor ein paar Wochen, wir befänden uns in einem dreifachen Notstand: Wegen Corona, wegen des Klimas und wegen der Pestizide. Der erste Notstand ginge vorüber, aber die zwei anderen blieben.

Text: Petra Dobrovolny
Fotos: Georg Dobrovolny

Mein Tagebuch: 11. Mai 2020

11. Mai, Montag:

In der Nacht gab es ein heftiges Gewitter.
Die Zeit vergeht so schnell! Und es passiert so viel!

Inzwischen hat die Sondersession des Parlaments stattgefunden. Wegen der Abstandsregeln in der extra zu diesem Zweck für 3 Mio. CHF aufgerüsteten Ausstellungshalle anstatt im engen Bundeshaus. Doch die neue Weite wirkte sich nicht auf das Denken der Parlamentarier*innen aus, im Gegenteil: Sie wirkten in der ungewohnten Umgebung verloren und verunsichert. Der Bundesrat wurde gelobt und verdankt, die Massnahmen wurden nachträglich durchgewunken.
Klaus Stöhlker, ein Unternehmensberater, schreibt im „Paradeplatz“: Nach 2 Monaten Virus-Ferien folgt der grosse Kater. Aus der reichen Schweiz ist über Nacht ein armes Land geworden. Der Pandemie-Lockdown sei nicht nötig gewesen.

Am 8. Mai war ein besonderer Gedenktag: Vor 75 Jahren wurde das Ende des Zweiten Weltkriegs ausgerufen. Die Briten nennen diesen Tag den Victory-in-Europe-Day. Gedenkfeiern finden wegen der jetzigen Umstände im kleinen Rahmen oder online statt. Im Radio werden Leute interviewt, die dieses Datum miterlebt haben und sich noch daran erinnern können. Eine Hörerin aus Schaffhausen, damals ein 9jähriges Kind, erzählt: Ein Nachbar sei zu ihnen gekommen und hätte ihrer Mutter die Nachricht verkündet. Die Mutter hätte kaum glauben können, dass der Krieg nach 6 Jahren auf einmal vorbei sein sollte. Sie hätte aber im Keller noch eine Flasche Wein gefunden und zusammen mit dem Nachbarn auf den Frieden angestossen. Der Nachbar hätte gemeint: „Ich habe noch eine Hakenkreuzfahne im Keller aufbewahrt. Falls die deutschen Truppen doch noch kommen sollten, hänge ich sie zur Sicherheit raus.“ Die Hörerin erzählt auch, dass sie und ihre jüngere Schwester die Erleichterung und die gleichzeitig anhaltende Skepsis der Erwachsenen mitbekommen hatten. Abends vor dem Einschlafen hätte die Mutter sie noch lange Zeit beruhigen müssen: Alles sei wieder in Ordnung. Die zwei Mädchen hatten nämlich erleben müssen, dass sie nachts bei Bombenalarm aus ihrem warmen Bettchen in den Keller fliehen mussten.

Am Samstag, den 9. Mai, finden in Bern, Basel, St. Gallen und Zürich Demonstrationen für Freiheit und Bürgerrechte statt. Die meisten Teilnehmenden gehörten zu den sogenannten Risikogruppen – ein „Mistbegriff“, meint Georg. Einige waren im Rollstuhl dabei. Sie versuchten, die Abstandsregeln einzuhalten, wurden jedoch von der Polizei, die Schutzmasken trug, umzingelt. Schliesslich seien diese nicht-bewilligten Demonstrationen aufgelöst worden, mehrere Dutzend Teilnehmende seien angezeigt worden.
Der Berner Sicherheitsdirektor sagt, dass sein Herz aus epidemiologischer Sicht geblutet hätte. Die Meinung seines „bürgerlichen Herzens“ hat er der Zeitung nicht verraten. Alle Bemühungen würden zunichte gemacht durch das Verhalten, wie es an dieser Demo zu sehen war. (Berner Zeitung vom 11. Mai)

Im „Magazin“ Nr. 19 vom 9. Mai wird die Digitalministerin Taiwans, Audrey Tang, interviewt. Sie meint, die Pandemie sei ein Verstärker: Wenn die Regierung bereits autoritär sei, verstärke sich der Autoritarismus. Wenn die Demokratie partizipatorisch sei, verstärke sie sich in diese Richtung. Auf die Frage, ob ein liberaler Ansatz wie in Schweden effektiver sei als ein autoritärer, antwortet Frau Tang, kooperatives Regieren, also eine Beteiligung der Zivilgesellschaft, sei der effektivste Weg. Taiwan hat nie einen Lockdown verhängt. Die Bürger seien der Meinung, dass sie selbst für den Erfolg verantwortlich seien! Die Regierung habe zu langsam reagiert, aber die Bürger hätten der Regierung geholfen und Taiwan gerettet. Wichtig ist die schnelle Kontaktnachverfolgung. Das Wichtigste jedoch sei es sicherzustellen, dass jeder Bürger, jede Bürgerin, den epidemiologischen Grund jeder Massnahme bzw. Entscheidung der Regierung versteht.
Das Schweizerische Bundesamt für Gesundheit hat in den letzten 2 Monaten kaum dazu beigetragen. Die Informationen der jeweiligen Pressekonferenzen waren häufig ungenau und widersprüchlich, die Entscheide nicht nachvollziehbar. Nachträgliche Korrekturen stifteten Verwirrung. Die Benutzerfreundlichkeit der entsprechenden Webseiten lässt zu wünschen übrig. In der Sonntagszeitung vom 10. Mai bemängelt der Ressortleiter für Datenjournalismus, Dominik Balmer, die „kalkulierte Ignoranz“ des BAG im Umgang mit Daten. Die Corona-Fälle wurden von den Kantonen teilweise per Fax übermittelt. Dies überforderte das BAG, so dass man hier sogar Papierstapel auf eine Waage legte, um die neuen Fallzahlen abschätzen zu können. Aufgrund dieser dürftigen Zahlen wurden Entscheide gefällt! Meine Frage: Wie können dann Bürger und Bürgerinnen solche Entscheide verstehen, geschweige denn mittragen?
Dabei hatte der Bund bereits am 30. November 2018 eine neue Strategie der Handhabung von Daten der Bundesverwaltung beschlossen: die „Open-Government-Data-Strategie“. Die Daten sollten gemäss Bundesrat „offen, frei und maschinell nutzbar publiziert werden“. Soweit die Theorie. Die Corona-Krise bringt einiges zum Vorschein.

Wie werden Anweisungen, die lange Zeit galten und ständig wiederholt wurden, wieder rückgängig gemacht? Viele Menschen haben jetzt immer noch Angst, eine Arztpraxis zu betreten. Der Verband der Fachärzte für Innere Medizin hat dazu aufgerufen, bei Beschwerden nicht länger zu warten und endlich den Hausarzt aufzusuchen. Bei bestimmten psychischen Krankheiten nehmen wahnhafte Vorstellungen zu. Die Betroffenen fühlen sich verfolgt und haben Angst, von ärztlichem Personal umgebracht zu werden. Endlich erhalten wir aus Neuseeland eine Nachricht von unseren Nachbarn! Am Donnerstag beginne dort die Phase 2, ein vorsichtiges Öffnen des sehr strengen Lockdowns. Erst dann könnten sie ihre Umgebung verlassen und wieder Ausflüge unternehmen. Die Landesgrenzen blieben aber noch geschlossen, internationale Flüge wären nur sehr beschränkt möglich. Mit ihrer Rückkehr in die Schweiz rechnen sie vorsichtig geschätzt mit Mitte Juni. Ihre Kinder, die hier in der Nähe von Bern wohnen, würden nächste Woche den inzwischen verwilderten Garten bestellen, der unmittelbare Nachbar bekäme dann die Aufgabe, die neue Saat zu begiessen. Wir sind erleichtert über diese neue Klarheit. Gestern war Muttertag mit geschlossenen Restaurants. Ab heute öffnen Schulen, weitere Geschäfte und Restaurants, natürlich unter den gebotenen Vorsichtsmassnahmen. Im öffentlichen Verkehr gilt wieder der normale Jahresfahrplan. Wo der Abstand von 2 Metern nicht eingehalten werden könne, werden jetzt doch Schutzmasken empfohlen. Auf die „Schnauze“ einiger Zürcher Trams haben die Verkehrsbetriebe eine grosse Maske gemalt nach dem Motto: „Mit gutem Beispiel voran!“ In Restaurants muss jeder Gast seinen Namen mit Telefonnummer angeben. Doch diese Anweisung wurde vom Datenschützer bereits zurückgewiesen. Es soll freiwillig sein. Aber dies ist noch nicht zu den Restaurants durchgedrungen. Am Eingang steht jeweils eine angestellte Person, die die Personalien aufnimmt und dann einen Tisch zuweist. Georg ging heute ins Casino-Café. In dem grossen Raum sassen ausser ihm nur zwei weitere Gäste. Der Betriebsleiter sagte zu Georg: „Jetzt haben wir endlich wieder geöffnet, und es kommt fast niemand!“ Zeitungen liegen keine mehr auf, da es gefährlich scheint, wenn sie von unterschiedlichen Händen angefasst werden.

Die neuste Nummer der Zeitschrift raum&zeit für Mai und Juni hat natürlich Corona zum Thema, besonders die Suche nach einem homöopathischen Mittel. Wichtig sei es, den „Genius epidemicus“ zu Covid19 herauszufinden, so wie es zur Zeit der Spanischen Grippe vor 100 Jahren gelungen war. Es wird berichtet, wie damalige Lungenentzündungen erfolgreich mit Homöopathie behandelt wurden, ohne dass die Betroffenen daran starben. Der Arzt Ravi Roy, ein erfahrener Homöopath, sähe die kollektive Lernaufgabe beim Corona-Virus darin, dass Menschen durch ihre Ängste und Unsicherheiten hindurchgehen und Sicherheit in sich selbst finden.
Dies deckt sich mit den Aussagen der Kartenlegerin Estelle für diese Woche: Während der Zeit des Lockdowns haben wir in der Zurückgezogenheit Möglichkeiten entdeckt, unser Leben anders zu gestalten. Manche stehen nun vor einer wichtigen Entscheidung. Letzte Woche unterstützten uns die Engel mit einem dreifachen „Yes! Yes! Yes!“ Dies tun sie auch diese Woche wieder, es sei jedoch an uns die Entscheidung zu treffen. Diese sollten wir im stillen Kämmerlein treffen, jenseits von „likes“ und „dislikes“ der anderen. In der Stille fänden wir die innere Führung. „Create this new life from your inner wisdom!“ Also: Verbunden mit der inneren Weisheit können wir Bedeutsames träumen! So würden sich unsere Wünsche erfüllen.   

Der Baukran über der Schweizerischen Nationalbank bewegt sich wieder. Der Präsident der SNB sagt: „Wir operieren mit erhöhter Unsicherheit.“ Die Schweizer Wirtschaft scheint nun eine Patientin zu sein, die operiert werden muss. Vielleicht müssen bisher wichtige Teile ausgewechselt werden. Georg meint: Die schweizerische Exportstärke würde durch die Corona-Krise zur Schwäche.

„Dream big! Wishes will come true!“   

 

Text und Fotos: Petra Dobrovolny