Mein Tagebuch: 30.04.2021

29. April, Donnerstag: Für eine Tasse Café in die Schweiz? Und: Der umarmte Polizist

Vorgestern bin ich wieder in Bremgarten bei Bern gelandet, 900m tiefer. Dazu musste ich noch nicht einmal einen Gleitschirm nehmen. Es genügte der Bus ins Tal sprich Wallis, der Zug durch den Tunnel sprich Lötschbergtunnel. Die Fahrtzeit von der Berg- in die Talwelt dauert zwei Stunden. Ich lande im Frühling: Alles blüht. Die Tulpen in unserem Garten sind bereits zur Hälfte verblüht. Bäume grüssen in maigrün.
Gestern hat Georg mich zum Mittagessen in ein Restaurant mit Gartenterrasse an der Aare eingeladen. Man darf ohne Impfpass und Testresultat dorthin. Nur die Kontaktdaten soll man via QR-Code angeben. Doch wir haben kein Smartphone. Stattdessen haben wir den Tisch reserviert, der Wirt kennt Georg und interessiert sich für die Tschechoslowakei und dafür, wie die Herrschenden es damals hingekriegt haben, dass das Volk bis heute der Ansicht ist, es habe die Wende selbst herbeigeführt. Georg meint, die Wahrheit wird kaum jemand glauben, auch wenn sie ans Licht käme. Wird das mit Corona auch so sein?

Heute steht im «Blick», dem Pendent zur deutschen Bildzeitung: «Coronamüde Deutsche kommen zu uns». Die eidgenössische Zollverwaltung meldet: «Tagsüber beobachten wir an der Grenze zu Deutschland eine leichte Tendenz zu etwas mehr Verkehr.» Die Armen müssen spätestens um 22 Uhr wieder zuhause sein, denn in Deutschland gilt ab dann eine Ausgangssperre bis 5 Uhr. Aber: Die Schweiz gilt als Risikogebiet. Wer ohne triftigen Grund in die Schweiz reist, muss danach in Deutschland für 10 Tage in Quarantäne. Ausser man ist vollständig geimpft oder kann einen negativen Test vorweisen. Ebenfalls steht im «Blick» die genaue Beschreibung der Ausnahmen, die das Ministerium für Soziales und Integration in Baden-Württemberg formuliert hat: Deutsche dürfen für 72 Stunden in die Schweiz, wenn es sich um einen Besuch von Verwandten ersten Grades, des nicht dem gleichen Hausstand angehörigen Ehegatten oder Lebensgefährten oder von einer Person mit geteiltem Sorgerecht oder Umgangsrecht handelt. Wer gegen diese Bestimmungen handelt und erwischt wird, muss eine Busse von bis zu 3000 Euro zahlen.

Seit über einem Jahr erfahren die Bürokraten eine unglaubliche Aufwertung. Wurden sie vorher nicht gross beachtet oder umgangen, so ist dies spätestens seit Corona nicht mehr möglich. Georg hatte diese Macht vor einigen Jahren selbst zu spüren bekommen. Es hiess: «Bei mir müssen Sie unedure – will heissen untendurch -, auch wenn Sie einen Doktortitel haben.»
In Deutschland geht die Polizei sogar auf Rentner los. Die sogenannten «Querdenker» werden jetzt vom Verfassungsschutz «beobachtet». Anfang April ging die Polizei in St. Gallen sehr hart gegen zunächst friedliche Demonstranten vor. Dadurch eskalierte die Gewalt erst recht, in der Altstadt gingen einige Fensterscheiben in die Brüche. Die St. Galler Kantonspolizei setzt jetzt auf die 3D-Strategie: Dialog, Deeskalation, kein Durchsetzen um jeden Preis. In Rapperswil umarmte eine Demonstrantin einen Polizisten, der sie gemäss dem Foto ebenfalls umarmte. Der Journalist Sandro Benini – «Bund» vom 27. April – fragt den Chef der St. Galler Kantonspolizei: «In sozialen Medien feiern Corona-Skeptiker St. Gallen nun als Kanton, in dem man demonstrieren und Polizisten umarmen darf, ohne dass etwas passiert.» Die Antwort: «Das nehmen wir nicht so wahr. Und es trifft nicht zu, dass nichts passiert. Unsere Einsatztaktik werden wir nicht nach der Stimmung in den sozialen Medien festlegen. Wir wissen, was korrekt ist und was getan werden muss. Bei jeder künftigen Veranstaltung wird sich die Frage der Verhältnismässigkeit erneut stellen. Wir können und wollen nicht mit Kanonen auf Spatzen schiessen. … In derselben Situation würden wir wieder gleich handeln. Wir wollten die Demonstration in geordneten Bahnen verlaufen lassen. Das haben wir erreicht.» Der Sprecher der Polizei ist froh, dass er sich nicht für verletzte Demonstranten, Polizisten, Passanten oder Sachbeschädigungen rechtfertigen muss.

Foto: am Aareufer
und Text: Petra Dobrovolny             

Mein Tagebuch: 24.04.2021

24. April, Samstag:

Herrliches Wetter, der kalte Wind hat nachgelassen. Ich geniesse die südliche Sonne über den Walliser Bergen und ein Bad in der Leukerbad-Therme. Die Restaurantterrassen sind gut besetzt bis überfüllt. Die Gäste schätzen jeden Tisch und Stuhl, natürlich auch das gastronomische Angebot. Eine Atmosphäre der Dankbarkeit liegt in der Luft.

Wenn man daran denkt, was seit gut einem Jahr sprachlich umdefiniert wurde, kann man nur staunen: Freiheit ist auf einer Restaurantterrasse an einem Tisch zu sitzen. Solidarität ist sich impfen zu lassen. Leichtsinnig ist der Bundesrat, wenn er Lockerungen anordnet. Bestellt ein westliches Land den russischen Impfstoff Sputnik, bedeutet dies Vertrauen in den östlichen Partner. Rücksicht bedeutet eine Hygienemaske zu tragen und Abstand zu halten. Ein Lockdown, besonders einer mit Ausgangssperren, ist der Weg zur Normalität. Impfen ist der Weg in die Freiheit. Impfen mit den mRNA- Impfstoffen immunisiert. – Bis Ende Jahr wird die Liste bestimmt noch länger.

In Mailand ist 81-jährig die italienische Sängerin Milva gestorben. Der Schlager «Libertà» hatte sie in den 60er Jahren bekannt gemacht. Sie forderte damit Freiheit für alle Menschen in der Welt. Das Schweizer Radio spielt das Lied zum Gedenken. Der Text ist so aktuell wie lange nicht mehr.

Foto und Text: Petra Dobrovolny    

Mein Tagebuch: 23.04.2021

23. April, Donnerstag:

Gestern Abend habe ich im evangelischen Kirchenzentrum hier in Leukerbad einen Vortrag des Pfarrers über die althebräische Sprache besucht. Diese Ursprache gehört eigentlich zur Basis unserer Kultur, nur weiss dies kaum jemand. Herr Pfarrer Dreyer erklärt das konkrete Denken der Hebräer im Unterschied zu unserem abstrakten Denken. Zum Beispiel würden wir sagen: «Heute ist das Wetter schön.» Ein Hebräer würde sagen: «Die Sonne wärmt mein Gesicht.» Die Buchstaben sind in der ältesten Variante der hebräischen Schrift Piktogramme, also Bildzeichen, die Gegenstände aus dem Nomadenleben darstellen. Der Buchstabe Beth sieht aus wie eine eckige Spirale und stellt den Grundriss eines Nomadenzelts dar. Der erste Buchstabe des Alphabets, Alef, ist ein Stierkopf und bedeutet Kraft. «Vater» heisst AB, also Stierkopf, Haus, d.h. der starke Beschützer des Hauses. «Mutter» heisst AM, ein Stierkopf und eine Wasserwelle: ihre Kraft liegt darin, Leben zu bringen. Das 22 Buchstaben enthaltende Alphabet endet mit einem kreuzförmigen T, dem Taw. Dies bedeutet ein «Pfeil». Wir kennen den Spruch von Christus: «Ich bin das Alpha und Omega.» Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet dies: Ich bin der Anfang und das Ende. Dem ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabets entsprechend. Aus dem Hebräischen übersetzt heisst dies: «Ich bin der starke Pfeil» oder auf der symbolischen Ebene: „Ich habe das Kreuz überwunden.“ Dies hat eine andere Dimension.

Die wenigen Anwesenden meinen, dass das im Vortrag vermittelte Wissen so wertvoll sei, dass es die nächsten Male aufgenommen und im Internet veröffentlicht werden sollte, damit mehr Leute den Zugang dazu haben.

Heute bringen die Radionachrichten eine interessante Meldung: Eine britische Studie hätte festgestellt, dass Geimpfte ansteckend seien. Eine Impfung unterbricht die Infektionskette nicht.

In Chile sind bereits 25% der Bevölkerung geimpft, wegen der rasant steigenden Infektionszahlen verhängt die Regierung einen harten Lockdown, man darf nur zwischen 6 und 9 Uhr morgens das Nötigste einkaufen. Ein Experte sagt, dass die Bevölkerung in Bezug auf die Corona-Massnahmen nachlässig geworden sei. Gäbe es nicht – auch – eine andere Erklärung? Vor ein paar Wochen sagte der Präsident des RKI, Herr Prof. Wieler: «Je mehr geimpft wird, umso mehr Mutanten entwickelt das Virus.» Hatte er sich verplappert?

Bundesrat Alain Berset verkündet: Wer sich impfen liesse, zeige Solidarität. Georg findet, es sei höchste Zeit für einen Leserbrief:
«Ist Impfen ein Zeichen der Solidarität?
Mit wem? Mit der Pharma? Gemäss der WHO wirken die Impfstoffe nur zu 40% bis 80% und zeigen bereits kurzfristig viele gravierende Nebenwirkungen. Ob Geimpfte niemanden mehr anstecken, ist noch nicht geklärt, die Langzeitwirkungen kennt zurzeit niemand. Nicht nur Alain Berset gaukelt uns vor, dass Impfungen DIE Lösung sind. Das ist eine Suggestion. Gemäss WHO erholen sich 98% der an Covid Erkrankten von selbst, ohne die Spitäler zu belasten. Sie sind anschliessend zu 100% immun.
Fazit: In Selbstverantwortung das eigene Immunsystem zu stärken, zeugt von Solidarität und soll gefördert und gepflegt werden. Nur so kann die Menschheit überleben.»

Foto: Dala-Schlucht, Leukerbad
und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 21.04.2021


21. April, Mittwoch:

Es wird wieder wärmer. Die Kälteperiode seit Ostern hat vor allem den bereits blühenden Obstbäumen zugesetzt. Etwa 70% der voraussichtlichen Aprikosenernte sei schon dahin. Wie es hier um die Reben steht, weiss man noch nicht. In Frankreich ersuchen die Weinbauern des Bordeaux die Regierung bereits um Entschädigung.

Die hiesigen Bauern «bschütten» ihre Wiesen, in und um Leukerbad stinkt es bis zum Himmel. Die Wohnung kann ich kaum lüften, geschweige denn auf der Dachterrasse sitzen. Die Schar der Bergdohlen, die uns sonst regelmässig besucht, hat sich verzogen. Ich wäre jetzt auch gerne eine Bergdohle. Als Abhilfe räuchere ich mit Palo Santo, einem «heiligen Holz», das alle üblen Gerüche durch seinen wunderbaren Duft verwandelt.

In Jerusalem hat sich vor dem Militärministerium ein ehemaliger Kriegsveteran aus Verzweiflung und aus Protest verbrannt. Sein Kollege erklärt diesen Vorfall: Wenn man als Soldat von einer gewonnenen Schlacht heimkehre, würde man für ein paar Tage als Held gefeiert. Danach müsste man aber wieder zurück in den beruflichen Alltag und müsste erleben, dass dies durch Panikattacken und Schlafprobleme verunmöglicht wird. Die Umgebung würde diese Probleme nicht verstehen und wolle auch nichts davon hören. Als Betroffener wolle man die Umgebung auch nicht belasten und schämt sich vor sich selbst und den anderen über den eigenen Zustand, denn schliesslich ist man ja ein Held! So gleiten viele ab in eine soziale Isolation und werden oft drogensüchtig. Eine beantragte Invalidenrente käme, wenn überhaupt, erst nach etwa 12 Jahren. Kriegsveteranen würden vom Staat im Stich gelassen. Als Selbsthilfe wurde die Vereinigung «Break the Silence» gegründet. Es soll offen über Kriegsfolgen, zu denen auch das Leiden unter einem posttraumatischem Stress-Syndrom gehört, gesprochen werden.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 20.04.2021

20. April, Dienstag:

In Österreich ist der 5. Patient nach einer Impfung mit AZ gestorben, die meisten davon in einem Zeitraum von 10 Tagen. Nachträglich wurden bei den Betroffenen zahlreiche Thrombosen gefunden. Die Dunkelziffer liegt bei 30 Verstorbenen. Ich hoffe nicht, dass dies Angela Merkel passiert, die sich laut ihrem Sprecher vor ein paar Tagen mit AZ impfen liess.

Im «Bund» vom 15. April fasst Andreas Frei die neusten Erkenntnisse zu Hygieneregeln und Corona-Virus gemäss den Aussagen von Walter Popp, dem Vizepräsidenten der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, zusammen: Händewaschen und -desinfizieren hätte inzwischen an Bedeutung verloren, denn das Virus übertrage sich hauptsächlich über die Luft. Das Risiko, sich über Oberflächen anzustecken, sei minimal. Natürlich gehöre Händewaschen zur grundsätzlichen Hygiene, auch ohne Corona. In der Anfangszeit von Corona seien die Studien unrealistisch gewesen, da die Wissenschaftler mit enorm hohen Mengen von Viren experimentiert hatten. Realistischer war – meiner Meinung nach – die Feldstudie von Heinsberg, die der Virologe Prof. Hendrik Streeck mit seinem Team im letzten Frühjahr durchgeführt hatte. Damals kam man schon zum Resultat, dass Oberflächen bei der Übertragung kaum eine Rolle spielen. Walter Popp glaubt, dass man sich nach der Pandemie die Hand wieder gäbe. Das Gesundheitswesen werde aber vielleicht die Empfehlung geben, dies nicht mehr zu tun. Mit Küsschen sollte man auf jeden Fall aufhören. Eine kurze Umarmung hingegen sei kein erhöhtes Risiko. Fazit: «Wer sich also zum Kaffeekränzchen im Wohnzimmer trifft und wegen der Pandemie auf die Umarmung verzichtet, schätzt die Risiken falsch ein. Lieber sollte man sich kurz umarmen und den Kaffee mit etwas Abstand auf dem Balkon schlürfen.» Alles klar!

Ich bevorzuge den indischen Gruss, indem ich die Handinnenflächen mit dem Fingerkuppen nach oben auf der Höhe meines Herzens aufeinanderlege und mich leicht verneige. «Namaste!» sage ich nicht dabei, denke es aber, denn meine hiesigen Gegenüber sind bereits von meiner Geste befremdet. «Namaste» bedeutet ebenso wie das hawaiianische «Aloa»: «Das Göttliche in mir grüsst das Göttliche in dir!» Als ich dies einmal einem Pfarrer erklärte, war dieser sehr erstaunt.

Die Restaurantterrassen dürfen wieder geöffnet sein. Meine Freundin und ich machen uns auf den Weg nach oben durch den Wald, zunächst ohne Erfolg: Nachdem das Restaurant Buljes ab heute öffnen wollte, heisst es: «Temporär geschlossen». Wir vermuten, dass die nötigen Anlieferungen nicht so schnell geklappt haben. Erst letzten Mittwochnachmittag hatte der Bundesrat die frohe Botschaft verkündet. Und innerhalb von 2 bis 3 Arbeitstagen sollen jetzt die Terrassen wieder Gäste empfangen können? Ein logistisches Kunststück! Aber wir werden doch noch fündig: Weiter unten hat das Bäckerei-Restaurant La Bohème seine Terrasse geöffnet und bietet eine kleine Auswahl warmes Essen und Walliser Wein an. Wir feiern diese wiedergewonnene Freiheit – mit der Zeit freut man sich darüber, was früher selbstverständlich war, Corona sei Dank! – und geniessen es.

Foto: Blumenfee in Leukerbad
und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 19.04.2021

19. April, Montag:

Gestern Abend fand nach dem Gottesdienst in der evangelisch-reformierten Kirche die jährliche Kirchgemeindeversammlung statt. Das reformatorische Gedankengut fand erst im Verlauf des 17. Jahrhunderts seinen Weg in das auch heute noch überwiegend katholische Wallis. Die reformierte Gemeinde Leukerbad zählt etwa 150 Mitglieder bei 1’700 Einwohner*innen. Die meisten Gottesdienstbesucher*innen sind in «normalen» Zeiten – ohne Corona – Kurgäste, aus dem In- und Ausland.

Am Schluss der Versammlung stellt Herr Pfarrer Dreyer mich vor, ich ergänze seine Worte: «Ich danke, dass ich hier sein darf und freue mich. Im Oktober haben mein Mann und ich eine Ferienwohnung hier in Leukerbad gekauft. Ich bin Klangtherapeutin und komponiere Musik zum Meditieren. Einfach nur Ferien machen will ich hier nicht, sondern ich möchte auch meine Klänge hierherbringen. Besonders die Bergkristallklänge, weil diese doch gut hierher passen.» Die Anwesenden bezeugen ihr Einverständnis mit Nicken und zustimmendem Gemurmel hinter ihren Masken. Ich hätte also den Herrn Pfarrer angefragt, der sich offen gezeigt hätte. Ich darf mit seiner Erlaubnis sogar meine Kristall-Lyra auf den Altar mit kunstvollen Holzschnitzereien legen. Die Gemeindemitglieder hören zum ersten Mal, wie Bergkristall klingt. Alle lauschen und staunen. Ich finde offene Ohren und Herzen. Anschliessend meint der Pfarrer: «Am Anfang war das Wort! Gott hat die Welt mit Seinem Wort erschaffen, Wort ist ja Klang! Das war jetzt im wahrsten Sinne des Wortes ein gelungener Ausklang. Es tut mir leid, dass wir nun die Versammlung schon beenden müssen ohne mit einem Glas Wein anstossen zu dürfen. Ich hoffe, dass dies nächstes Jahr wieder möglich sein wird.» Einige der Anwesenden bedanken sich zum Abschied persönlich bei mir, die Klänge seien sehr entspannend und beruhigend. Die Frau des Pfarrers möchte mehr über die Lyra und meine Klänge wissen. Sie hätte sehr starke Schmerzen im Nacken und oberen Rücken gehabt, die seien jetzt weg. Die Klänge seien bestimmt auch beruhigend für ihre zwei Kinder vor dem Einschlafen. Ich schenke ihr meine 40. CD «Sounds from Heaven», sie freut sich sehr darüber.

Am 13. Mai, dem Himmelfahrtstag, in der Schweiz «Auffahrt» genannt, darf ich den Abendgottesdienst mit Bergkristallklängen begleiten. Durch das Schneegestöber bahne ich mir meinen Heimweg den Berg hinauf, meine Lyra habe ich in der gepolsterten Tasche sicher versorgt und ziehe sie auf einem Gestell mit zwei Rädern hinter mir her. Den Abend beende ich mit einem Glas Rotwein in Gesellschaft mit mir selbst und den Engeln.

Foto: Mein Sonntags-Blumenstrauss
und Text: Petra Dobrovolny               

Mein Tagebuch: 16.04.2021

16. April, Freitag:

Die grosse Überraschung: Ab Montag dürfen Restaurantterrassen, Konzertsäle, Kinos und Fitnesszentren in der Schweiz wieder öffnen. Mit Sicherheitsauflagen und zahlenmässig eingeschränktem Publikum. Die Pflicht zum Homeoffice bleibt. In der Kirche darf die Gemeinde mit Masken singen, Chöre jedoch nicht. Immerhin: Es sind mehr Lockerungen als erwartet wurden. Die Begründung: Die Bevölkerung habe sich bisher gut an die Regeln gehalten, die Intensivstationen seien nicht ausgelastet, die geöffneten Wintersportgebiete hätten nicht zur Verschlimmerung des Infektionsgeschehens beigetragen. Man wolle auch illegalen Partys, die sonst in Innenräumen stattfinden, vorbeugen. Die Impfungen zeigen ihre Wirkung, es sterben weniger alte Menschen in den Heimen. Das BAG meint, dass die neu erhältlichen Selbsttests die Inzidenzzahlen verzerren, sodass diese nicht mehr so entscheidend wie früher für die Entscheidung über eventuell strengere Massnahmen herangezogen werden können.

Ein deutscher Bild-Reporter hat für ein paar Tage die Schweiz besucht und berichtet, er hätte sich hier wie «im Corona-Paradies» gefühlt und zum Beispiel in der Stadt Zug nur glückliche Menschen gesehen.

Zurzeit debattiert das Parlament in Berlin über die von Angela Merkel vorgeschlagene Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes. Der Bund soll bei einer Inzidenzzahl von über 100 eigenmächtig, also ohne die Länder, über eine Verschärfung der Massnahmen wie Ausgangssperren, Läden- und Schulschliessungen entscheiden können. Die Bundeskanzlerin verteidigt diese «Notbremse» mit den Hilferufen der Intensivmediziner*innen, die sie ständig erhielte. Andere Hilferufe scheint sie nicht zu hören. Ausgerechnet jetzt wird bekannt, dass die britische Mutante gar nicht schlimmer oder tödlicher sei wie das bisher bekannte Virus. Und die Berechnung des Inzidenzwertes beruht immer noch auf dem nicht validierten PCR-Test. Der Bonner Virologe Prof. Streeck ist nicht der einzige Experte, der Ausgangssperren kontraproduktiv findet. Wenn die Menschen in engen Wohnungen eingesperrt seien, würde sich das Virus erst recht vermehren. Auf welcher „wissenschaftlichen“ Grundlage basiert dann das neue Gesetz? Am besten argumentiert die AfD dagegen. Auf das Ergebnis der Bundestagswahlen im kommenden September darf man gespannt sein. Inzwischen wurde eine neue Partei gegründet: DieBasis.  

Foto: Bergdohlen auf unserer Dachterrasse
und Text: Petra Dobrovolny        

Mein Tagebuch: 07.04.2021

07. April, Mittwoch:

Inzwischen ist der Winter zurückgekehrt, letzte Nacht waren es -8°C, auf unserer Dachterrasse liegen 2 cm Neuschnee.

Im «Bund» vom 1. April entdecke ich auf der Seite 5 eine kleine Notiz über Belgien: «Die Regierung muss nach einem Gerichtsurteil wegen unzureichender Rechtsgrundlage innerhalb von 30 Tagen alle Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zurücknehmen. Dies habe ein Gericht der Hauptstadt Brüssel in erster Instanz nach einer Klage der Liga für Menschenrechte entschieden, berichteten am Mittwoch mehrere Medien. Eine Sprecherin des Innenministeriums bestätigte das Urteil. Die Liga für Menschenrechte hatte den belgischen Staat zuvor verklagt.» Dies klingt fast wie ein Aprilscherz. Ich frage meinen Bruder, der in Luxemburg wohnt, ob er mehr weiss und wie die Corona-Situation in Luxemburg ist.

Er antwortet mir: «Belgien ist und war immer schon ein Aprilscherz. Vielleicht steht Flandern etwas besser da. Luxemburg schaut auf Belgien, Deutschland und Frankreich. Was machen diese drei? Dann mische man das und kreiert eine Synthese aus dem, was die drei Nachbarn machen. Das Kaninchen aus diesem Corona-Zylinder wird dann die luxemburgische „Pandemie-Politik“. Heute bei 3°C und Schneeschauern z.B. hat man die Terrassen geöffnet, und du kannst auf der Place d’Armes einen Kaffee trinken oder sonst etwas, sogar essen.»

Am 9. März hat das deutsche Bundesland Saarland die Corona-Schutzverordnung ausser Kraft gesetzt. Das Hauptargument: Die Intensivstationen seien nicht überlastet, die Situation rechtfertige keinen harten Lockdown.

Das Verlagshaus Tamedia, welches in der Schweiz mehrere Zeitungen herausgibt, hat eine Umfrage bei Pflege- und Altenheimen darüber gemacht, wie Pflegepersonal und Bewohner*innen im Rückblick auf das Frühjahr 2020 die Situation erlebt hatten. Das Ergebnis: Das Personal fühlte sich von den Behörden im Stich gelassen, es gab nicht genügend medizinisches Hilfsmaterial, zeitweise wegen der Quarantäne-Anordnungen auch nicht genügend Personal. Die Bewohner*innen fühlten sich entmündigt, in der Quarantäne als Schwerverbrecher*innen behandelt. Sie seien gar nicht gefragt worden, ob sie durch solche Massnahmen vor dem Virus «beschützt» werden wollten.  

Foto: Die Dala in Leukerbad, sie fliesst im Tal in die Rhone
und Text: Petra Dobrovolny        

Mein Tagebuch: 05.04.2021

5. April, Ostermontag: Georgs Selbsttest

Vor seiner Abreise wollte Georg noch einmal die Leukerbad-Therme geniessen. Bei der erforderlichen online-Reservierung sah ich, dass alle Termine ausser diejenigen von 8 Uhr bereits ausgebucht waren. Viele Leute hatten dieselbe Idee. Als Georg kurz vor 8 bei der Therme ankam, gab es bereits eine lange Schlange. Das Bad war dann auch entsprechend überfüllt. Im Innenbereich gibt es eine Maskenpflicht, beim Baden nicht.

Youtube hat den Kanal von Boris Reitschuster gesperrt, weil dieser mit einem Lifestream an der Demo in Stuttgart am Ostersamstag dabei war. Eine unabhängige Berichterstattung eines selbständigen Journalisten ist nicht erwünscht. Zum Glück kann Herr Reitschuster sich wehren und die Sache einem bekannten Rechtsanwalt übergeben. Und siehe da: Heute wurde der Kanal wieder zugänglich gemacht, Herr Reitschuster konnte den gelöschten Lifestream wieder raufladen. Es besteht noch Hoffnung! Auch deswegen, weil die Stuttgarter Polizei sich im Unterschied zur Berliner Polizei sehr zurückhielt und von Festnahmen absah. Die Begründung: Ein Einschreiten der Polizei würde das Pandemiegeschehen nur verschlimmern.     

Ein Schweizer Freund, der in Wien lebt und arbeitet, bringt Georg einen Antigen-Selbsttest mit. Dieser soll hier ab dem 7. April in den Apotheken erhältlich sein. Made in China. Warum? Warum erst jetzt? Alles darf man nur einmal verwenden. Wer verdient daran? Neugierig packen wir das Testset aus. Georg entnimmt sich mit dem langen Wattestäbchen eine Probe aus der Nase, ich streife diese im kleinen Plastikreagenzbehälter ab, in welchem sich ein wenig Nährlösung mit inaktivem Virusmaterial befindet und montiere den Tropfer. Drei Tropfen gebe ich in eine Öffnung des kleinen Plastikkästchens, welches auf einer geraden Fläche liegen soll. Während der 15-minütigen Wartezeit kann ich den zweiseitigen Beipackzettel mit dem Kleingedruckten genauer anschauen. Der Text wurde nicht sehr professionell aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt. Eine fast seitenlange Liste zählt auf, in welchen Fällen der Test ein falsch positives Ergebnis anzeigt: Wenn man zum Beispiel Antibiotika, Blutverdünner oder homöopathische Mittel gegen Heuschnupfen einnimmt oder Nasensprays verwendet. Nach 15 Minuten erscheint jetzt bei Georgs Probe ein schwarzer Strich auf der Höhe des Buchstabens C. Hurra! Georg ist negativ. Dürfte er jetzt ohne Maske im Zug nach Hause fahren? Weit gefehlt! Ihm würde ein zertifiziertes und von einem Amt bestätigtes Papier fehlen. In Österreich wird der Selbsttest vor dem Treffen im Freundes- und Familienkreis sowie vor einer Besprechung mit Berufskolleg*innen empfohlen. Falls das Resultat positiv sei – dies zeigt sich durch einen zweiten Strich auf der Höhe des Buchstabens C – solle man sich unverzüglich «offiziell» testen lassen.

Foto: Blumenschale mit der „Venus von Vestonice“ , Mähren,
und Text: Petra Dobrovolny    

Mein Tagebuch: 04.04.2021

4. April, Ostersonntag: Das Hugenottenkreuz

In der Zeitung «protestant» der Evangelisch-Reformierten Kirche des Wallis Nr. 25 für März bis Mai 2021 schreibt Pfarrer Stephan Dreyer über den Ursprung und die Symbolik des Hugenottenkreuzes:
«Ursprung: Wann und wo dieses Kreuz entstanden ist, liegt im Dunkel der leidvollen Geschichte der französischen Protestanten, die auch als Hugenotten bezeichnet werden. Einer Legende zufolge wurde ein katholischer Goldschmied namens Maystre in Nîmes einige Jahre nach der Aufhebung des Edikts von Nantes in Lyon Zeuge des Verhörs und der Hinrichtung von vier reformierten Pfarrern. Beeindruckt von ihrer Glaubenstreue, begann er sich mit dem evangelischen Gedankengut auseinanderzusetzen, konnte für die Reformation gewonnen werden und entwarf das Hugenottenkreuz als Anhänger für eine Halskette, die von Frauen getragen wurde.
Symbolik: Das Hugenottenkreuz besteht aus einem Malteserkreuz mit vier gleich langen Armen, die die vier Evangelien darstellen. Jeder Arm wird zunehmend breiter, wenn er die Mitte verlässt, was die Verwandlung der Gläubigen symbolisiert (2. Korinther 3,18). Die V-Form jedes Arms symbolisiert ein V, was für «victoria», den Sieg steht, den die Gläubigen durch Christus errungen haben. Die beiden Spitzen am Ende jedes Arms, insgesamt acht, stehen für die acht Seligpreisungen (Matthäus 5, 3-10). Zwischen den Armen des Kreuzes befinden sich vier Fleur-de-Lys (Lilienblumen) mit jeweils 3 Blütenblättern, die die Dreifaltigkeit symbolisieren. Die zwölf Blütenblätter der vier Fleur-de-Lys stehen für die zwölf Apostel. Die Lilie ist auch ein Symbol für die Auferstehung und die Fürsorge Gottes (Matthäus 6, 28). Die vier Freiräume zwischen den Armen bilden vier Herzen und symbolisieren die Treue, die Liebe Jesu und die Erinnerung an sein Gebot: Liebt einander. (Johannes 13,34). Das Anhängsel ist eine herabsteigende Taube, das Symbol des Heiligen Geistes.»  

In der Fussnote zu dem Artikel ist angemerkt: Das Wort «Hugenotten» geht auf den frühneuhochdeutschen Begriff «Eidgenosse» zurück und zeigt damit eine Verbindung zur Schweizer Reformation. Das Wort erscheint im Französischen zuerst zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der Form «eygenot» als Bezeichnung für die Anhänger einer politischen Partei im Kanton Genf, die gegen die Annexionsversuche des Herzogs von Savoyen kämpften und darum 1526 einen Bund zwischen Genf und den eidgenössischen Orten Freiburg und Bern schlossen.

Meine Grossmutter, die Mutter meines Vaters, stammt aus einer Hugenottenfamilie und hiess mit Familiennamen Cayé. Sie wurde 1891 im elsässischen Colmar geboren. Die Familie wurde wegen ihres Glaubens verfolgt und musste fliehen. In der Hansestadt Lübeck fand sie Asyl. Mein Urgrossvater, ein Schreinermeister, eröffnete dort seine Werkstatt. Er hatte einen Papagei, dem er ein paar Sätze beigebracht hatte. Wenn Kunden die bestellten Möbel abholen kamen, sagte der Papagei: «Hattu schon betuohlt?» Also: «Hast du schon bezahlt?» Manche erröteten dann und zückten schleunigst ihr Portemonnaie. Dies erzählte mir meine Grossmutter, als ich im Alter von 9 Jahren meine Sommerferien bei ihr verbrachte. Damals schenkte sie mir ihre Lutherbibel: Das schwere Buch ist in schwarzem Leder gebunden und hat mit Goldschnitt gefasste Seiten. Wie durch ein Wunder habe ich bis heute einen grossen Schrank aus Nussbaumholz, den mein Urgrossvater gemacht hat.

Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich: «Frohe Ostern! Victoria!»

Foto von Seite 8 der Zeitschrift der Evangelisch-Reformierten Kirche Wallis
und Text: Petra Dobrovolny