Mein Tagebuch: 21.05.2022

21. Mai, Samstag: Endlich wieder Musik!

An diesem Wochenende findet das 78. Treffen der Musikgesellschaften des Bezirks Leuk statt. Zwei Jahre lang war dies nicht möglich, Blasmusik war in der Corona-Zeit nicht erlaubt. Umso mehr freuen sich alle darauf, die Gemeinde Leukerbad ist die Gastgeberin. Das Motto: «Äntli widär Müsig!» 11 Verbände aus allen Dörfern der Umgebung mit durchschnittlich 50 bis 70 Mitgliedern dreier Generationen marschieren in ihren traditionellen Uniformen und Fahnen voller Freude und Dankbarkeit durch die Gassen, angeführt von Kindern und Ehrendamen in Trachten und mit Blumensträussen. Zwei weitere Musikverbände wurden eingeladen: Einer von Lauterbrunnen im Kanton Bern und einer von Vimbuch aus Süddeutschland. Trommeln, Hörner, Trompeten und weitere Blasinstrumente werden gekonnt und schwungvoll gespielt. Das gute Wetter trägt zur feierlichen und fröhlichen Stimmung bei. Besonders gefällt mir die Gruppe der Majoretten. In ihren weiss-roten Kleidchen tanzen die 6- bis 15-jährigen Mädchen leichtfüssig zum Rhythmus der Musik und erhalten viel Beifall vom Publikum am Strassenrand.

Fotos und Text: Petra Dobrovolny 

Mein Tagebuch: 16.05.2022

16. Mai, Montag: Scherben und eine Mahnung

Zur Zeit des Vollmonds im Mai feiern die buddhistischen Gemeinschaften in der ganzen Welt die Erleuchtung des Buddha. Dieses Jahr kam in der Nacht vom 15. auf den 16. Mai eine Mondfinsternis hinzu, welche sogar fast 1 ½ Stunden dauerte. Der Londoner Astrologe Steve Judd meint auf Youtube, dass es in den nächsten 6 Monaten zu bedeutenden weltweiten Veränderungen kommen wird: Alte Strukturen – auch Regierungen – lösen sich auf. Steve sagt: «Old structures are collapsing.» Neues beginnt. Die nächste Mondfinsternis am 8. November werde noch bedeutender sein.

Ich bin gespannt, was bei mir passiert. Und siehe da: Zum Zeitpunkt der Mondfinsternis rollt der Kugelschreiber, welchen ich nach dem Schreiben einer Notiz auf der schrägen Tischplatte meines Stehpults abgelegt habe, nach unten, gewinnt an Fahrt, überspringt sogar die leicht erhöhte untere Kante des Pults und fällt genau in die Mitte meiner grössten Kristallklangschale, die ausnahmsweise dort steht, weil ich sie noch zu meiner Mondmeditation spielen wollte. «Pling!» Erschrocken betrachte ich den Scherbenhaufen am Boden meiner 3000.- Franken teuren Klangschale aus wertvollem grünem Vulkangestein und Platin.

Eben: Strukturen lösen sich auf, etwas geht kaputt. Georg tröstet mich: Das sollte bestimmt so sein, die Zeit dieser Klangschale sei wohl abgelaufen, ich bräuchte jetzt eine andere, bessere, für die neue Zeit passendere.

Am nächsten Morgen, d.h. heute finde ich eine Mahnung des kantonalen Steueramtes in meinem Briefkasten. Ich hätte die Steuererklärung weder per Internet eingereicht noch die erforderlichen Belege per Post geschickt. So eine Behauptung! Das Gegenteil ist der Fall. Doch wer muss das beweisen? Die Steuerzahlerin! Zum Glück habe ich noch die Quittung der Post für meinen eingeschriebenen Brief samt Gewichtsangabe, woraus hervorgeht, dass ich über 120 g Belege mitgeschickt hatte.

Wie viele Mondfinsternisse braucht es noch, bis das Steueramt sich auflöst? So lange kann ich aber nicht warten, denn ich muss mich an die Frist vom 3. Juni halten oder eine Ordnungsbusse bezahlen. Buddhistische Gelassenheit ist angesagt. Ich schaue im Internet bei dem Lausanner Geschäft «Universharmonie» nach, wo ich Stammkundin bin, welche Kristallklangschalen sie zur Zeit anbieten. Eine davon gefällt mir besonders. Ihr Name: «Laughing Buddha», «Lachender Buddha» in lachsrosa.    

Foto meiner kaputten Klangschale

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 17.05.2022

17. Mai, Dienstag: Eine Versammlung kurz vor Vollmond

Am letzten Samstagabend, den 14. Mai, fand die 19. Mitgliederversammlung der Leukerbader Thermalquellenzunft statt. Diese Zunft setzt sich für Informationen rund um das hiesige Thermalwasser ein und hat den Thermalquellensteg in der Dalaschlucht erstellt, der besonders seit der Corona-Zeit sehr beliebt ist und seit 2020 jährlich mindestens von 48’000 Personen besucht wird. Im Oktober muss der Steg wegen der grossen Lawinengefahr geschlossen werden, im Mai werden die Winterschäden in Fronarbeit einiger Zunftmitglieder wieder eröffnet. Der Aufwand lohnt sich auch finanziell, denn gerne honorieren die Besuchenden nach dem Gang durch die Schlucht mit ihren steilen Felswänden, aus denen die Thermalquellen herausfliessen, dieses eindrucksvolle Naturerlebnis mit einer Spende.

Die Zunft besteht seit 2003 und hat heute 302 Mitglieder. Letztes Jahr starben 7 davon, 2 traten altershalber aus, 7 neue kamen dazu. Unter anderem auch ich. Der Präsident ermuntert die etwa 60 Versammelten besonders junge Leute als Mitglieder zu werben.

Mich beeindruckt die Herzlichkeit unter den Mitgliedern. Es sind etwa gleich viele Männer wie Frauen bei dieser Versammlung anwesend, in einem Alter von 50 an aufwärts. Hände werden geschüttelt, Umarmungen ausgetauscht, wie vor «Corona». Nur die Fenster in dem eher kleinen Raum schräg gestellt, um für frische Luft zu sorgen. Alle haben sich viel zu erzählen, denn zwei Jahre lang haben sich die meisten nicht mehr gesehen, die Abstimmungen zu den dringendsten Traktanden waren brieflich durchgeführt worden.

Ein diesjähriges Traktandum ist auch anscheinend wieder mal die Erstellung eines frei zugänglichen Kneippbades auf einer Wiese. Da es sich bei dieser um ein privates Grundstück handelt, ist dieses Projekt nicht so einfach. Die Einzelheiten dazu und zu weiteren Plänen kann ich wegen des Leukerbader Wallisertitsch nur zur Hälfte verstehen. Ein «richtiges» Mitglied wird man erst durch ein Taufritual. Es wird die Liste der Anwärter*innen vorgelesen, plötzlich höre ich meinen Namen. Darauf war ich nicht gefasst. Aber «wegen Corona» musste alles auf dieses Jahr verschoben werden, auch wenn ich meinen Mitgliederbeitrag für 2021 bereits bezahlt hatte. Doch erstmal begibt sich die ganze Versammlung in den Saal des Restaurants. Die Zunft hat zu einem Aperitif und einem 4-Gang-Menü eingeladen. Als einzige habe ich eine vegetarische Variante bestellt. Das heisst: Die leckere Süsskartoffelsuppe bekomme ich auch, bei der anschliessenden kleinen Portion grüner Spargel sind für mich keine Crevetten, sondern mehr Spargel dabei. Der Hauptgang besteht aus Kalbsschulter an einer Pilzsauce und Bärlauch-Risotto, für mich gibt es zwar auch Risotto, jedoch mit einem mir nicht schmeckendem Sojaschnitzel mit Bratensauce. Zum Glück gibt es beim Risotto noch einen «Nachschlag». Vor dem Dessert – Joghurtmousse mit frischen Erdbeeren, mmh, lecker! –  steigt die Spannung, denn die Taufe der Neumitglieder wird vom Quellenkonsul und Zeremonienmeister feierlich angekündigt. Wir – zwei Kandidaten und zwei Kandidatinnen sollen nach vorne kommen, Schuhe und Socken ausziehen und der Reihe nach einzeln in eine hölzerne Bütte mit warmem Thermalwasser steigen. Der Quellenkonsul fragt jeden und jede nach der Herkunft und was wir bei einem ersten Besuch der hiesigen Therme erlebt hätten. Ich sage, dass ich u.a. aus Bern käme und bei meinem ersten Besuch einen Regenbogen gesehen hätte. Ich würde mir wünschen, dass Menschen aus allen Ländern der Welt und in allen Farben wie der Regenbogen nach Leukerbad kämen, um hier die Natur und das Wasser zu geniessen. Das Publikum klatscht Beifall. Weiter sage ich: «Leukerbad ist über die Dala und die Rhone mit dem Mittelmeer und so mit der ganzen Welt verbunden. Hier leben Menschen mit einer besonderen Herzenergie und Wasser transportiert Information. Ich bin Klangtherapeutin und weiss, dass der Ton CIS oder «Do majeur» die Herzenergie zum Fliessen bringt. Wenn wir also diesen Ton singen, fliesst diese Energie von hier in die ganze Welt.» Das Publikum klatscht noch mehr. Einige bedanken sich anschliessend auch noch persönlich für meine schönen Worte. Die Zunftratsmitglieder trocknen sodann den vier frisch «Getauften» die Füsse, und zwar die Frauen den Männern und die Männer den Frauen. Der Präsident überreicht jedem und jeder ein grafisch kunstvoll gestaltetes Blatt, das die Mitgliedschaft bei der Zunft bestätigt, sowie einen Pin zum Anstecken mit dem Logo der Zunft, einer kleinen kecken Nixe. Mit weiteren Gläsern Walliser Wein geht dieser wunderbare gesellige Abend um Mitternacht zu Ende. Der baldige Vollmond und die Sterne grüssen vom wolkenlosen Himmel. Es ist fast windstill und für die Jahreszeit sehr warm.

Foto: Thermalquellensteg in der Dalaschlucht, Leukerbad

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 11.05.2022

11. Mai, Mittwoch: Bergfrühling

Der Bergfrühling ist nun auch erwacht. Die Lärchen tragen wieder ihr hellgrünes Kleid, die Wiesen leuchten in neuem Grün gesprenkelt mit dem Gelb des Löwenzahns. Die Wasserfälle, gespeist von den restlichen Schneefeldern, rauschen in Kaskaden den steilen Felswänden hinunter ins Tal. Gämse und Steinböcke schnuppern Frühlingsluft. Die Berge gehören ihnen, denn die Seilbahnen haben Pause bis Pfingsten. Der Bartgeier sucht die Geierin. Der Kuckuck ruft, die Mauersegler sind wieder aus dem Süden zurückgekehrt. In ihren Ställen freuen sich die Kühe schon auf den Alpaufzug.

Ich denke an die Ukraine. Dort können die Felder noch nicht bestellt werden.

Foto und Text: Petra Dobrovolny