Mein Tagebuch: 30.10.2022

30. Oktober, Sonntag: Die heilige Maria von Fatima und die Weihe

Jeden zweiten Tag singe und klinge ich mit meinen Kristallklangschalen in der Seitenkapelle der Marienkirche von Leukerbad. Dabei stehe ich neben eine Statue aus Zedernholz, welche die heilige Maria von Fatima darstellt. Diese Statue hat eine so lebendige Ausstrahlung, dass mir scheint, als würde mir die Muttergottes persönlich zuhören. Da ich kaum etwas von Fatima in Portugal weiss, habe ich im Internet bei Wikipedia recherchiert und herausgefunden, dass dieser heilige Ort 130 km nördlich von Lissabon mindestens so bedeutsam ist wie die zwei bekanntesten Marienpilgerorte Lourdes und Medjugorje.

In den Jahren 1917 bis 1919 erschien in dem ländlichen portugiesischen Ort insgesamt dreimal die Muttergottes drei Hirtenkindern und vermittelte ihnen jedes Mal eine Botschaft, welche «die drei Geheimnisse von Fatima» genannt werden. Im ersten Geheimnis wurde die Hölle dargestellt. Das zweite Geheimnis lautet:

„Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott in der Welt die Andacht zu meinem unbefleckten Herzen begründen. Wenn man tut, was ich euch sage, werden viele Seelen gerettet werden, und es wird Friede sein. Der Krieg wird ein Ende nehmen. Wenn man aber nicht aufhört, Gott zu beleidigen, wird unter dem Pontifikat von Papst Pius XI. ein anderer, schlimmerer beginnen. Wenn ihr eine Nacht von einem unbekannten Licht erhellt seht, dann wisst, dass dies das große Zeichen ist, das Gott euch gibt, dass Er die Welt für ihre Missetaten durch Krieg, Hungersnot, Verfolgungen der Kirche und des Heiligen Vaters bestrafen wird. Um das zu verhüten, werde ich kommen, um die Weihe Russlands an mein unbeflecktes Herz und die Sühnekommunion an den ersten Samstagen des Monats zu verlangen. Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Russland sich bekehren und es wird Friede sein. Wenn nicht, wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Kirchenverfolgungen heraufbeschwören. Die Guten werden gemartert werden, der Heilige Vater wird viel zu leiden haben, verschiedene Nationen werden vernichtet werden, am Ende aber wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren. Der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden.“

Am 25. März 2022 weihte Papst Franziskus Russland und die Ukraine dem unbefleckten Herzen Mariens.

Ich bin zutiefst bewegt und erstaunt. Man könnte meinen, Leukerbad sei weit weg von dem russischen Angriffskrieg, der uns seit dem 24. Februar dieses Jahres so erschüttert. Irrtum: Bei meinen Klangmeditationen bin ich zwei Meter von der Marienstatue aus Fatima entfernt, und Georg in Bremgarten 30 m von den ukrainischen Flüchtlingen mit dem kleinen Platon.

Dass meine Klänge und Gesänge dem Frieden dienen, weiss ich. Aber jetzt wird mir ihre Bedeutsamkeit noch bewusster. Ich bin sehr dankbar dafür, so wirken zu dürfen. 

P.S.: Zur Zeit von Papst Pius XI. fand der 2. Weltkrieg statt. Mehr Info findet ihr bei Wikipedia: Die drei Geheimnisse von Fatima. Das letzte wurde erst im Jahre 2002 veröffentlicht.

Foto: Marienkirche Leukerbad und meine Kristallklangschalen mit dem Gebet „Salve Maria“

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 27.10.2022

27. Oktober, Donnerstag: Wer kann das verstehen? Energieparadies Wallis

Die Auszeichnung für die Verteidigung der Menschenrechte, der Sacharow-Preis, geht dieses Jahr an das ukrainische Volk. Es kämpft für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, so lautet die Begründung. – Unterdessen verschärft sich der russische Angriffskrieg. Christina schreibt uns aus Kiew, dass es ihnen den Umständen entsprechend trotz ständigem Fliegeralarm einigermassen gut geht, und bedankt sich dafür, dass wir an sie denken. Ihre ältere Schwester Veronika ist nach sechs Wochen mit ihren drei Kindern wieder zu ihren vorherigen Gastgebern, unseren Nachbarn, zurückgekehrt. Sie konnte in Odessa keine Wohnung finden. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als den Winter in der Schweiz verbringen, ohne ihren Mann und Vater der Kinder. Georg bringt ihnen wieder frischen Fisch vom Berner «Märit».
Der Kreml erzählt seinen Soldaten, dass sie ihre Heimat verteidigen. Zu Beginn des Krieges durfte niemand das Wort «Krieg» in den Mund nehmen, ohne dass eine Verhaftung drohte. Die «Aktion» hiess offiziell «Spezialoperation». Und jetzt spricht der Kreml von einer «Kriegsmobilmachung». Wer kann das verstehen?

Bis vor kurzem galt man als Verschwörungstheoretiker:in, wenn man sagte, dass das Virus künstlich „in einem Labor“ hergestellt wurde. Jetzt kann man dies sogar im Gratisblatt «20Minuten». Wer kann das verstehen?

Die Wahrheit kommt ans Licht: Auf Nachfrage des europäischen Parlaments hat die Firma Pfizer zugegeben, dass sie gar nicht getestet hatte, ob der Impfstoff vor einer Übertragung des Virus schützt. Die EU-Kommission wusste dies. Trotzdem wurden Millionen von Menschen, die sich nicht haben impfen lassen wollen, schikaniert und diskriminiert. Wer kann das verstehen?
Die EU-Kommission bestellte bei Pfizer für jeden und jede der Bevölkerung in den EU-Ländern 10 Dosen zu einem Preis von 71 Milliarden Euro. Der hundertseitige Kaufvertrag ist geheim. Auf Anfrage des Europäischen Parlaments schickte Pfizer eine Vertragskopie mit 100 geschwärzten Seiten. Wer kann das verstehen? 

Schottische Statistiken zeigen, dass seit 2021 doppelt so viele Neugeborene im ersten Lebensmonat sterben als sonst. Die Behörden halten es nicht für nötig nachzufragen, ob die schwangeren Mütter dieser Babys geimpft waren oder nicht. Entsprechende Daten werden nicht erhoben. Das Bundesamt für Gesundheit in Bern empfiehlt jetzt im Herbst die Impfung für Schwangere, über 65-Jährige und Mitarbeitende im Gesundheitswesen. Wer kann das verstehen?

Von Januar bis September dieses Jahres hat die Schweiz für mindestens 5 Milliarden Schweizerfranken Energie in das nahe Ausland exportiert. Offiziell wird für den kommenden Winter eine Energieknappheit vorausgesagt. Wer kann das verstehen?

Das Dach «unseres» Hauses in Leukerbad muss renoviert werden. Bei der Stockwerkeigentümerversammlung wurde dagegen gestimmt, bei der Renovation Solarpaneels zu installieren. Wenn ich oberhalb des Dorfes – in der besten Sonnenlage – spazieren gehe, sehe ich viele Hausdächer, die im Sommer renoviert wurden. Keines hat eine Solaranlage erhalten. Die Gemeinde ist der Meinung, dass es in Leukerbad wegen der hohen Felswände tagsüber zu wenige Stunden Sonne gibt. Besonders im Winter könnte die Sonneneinstrahlung nur von 10 bis 16 Uhr genutzt werden. Das lohne sich nicht.

Der Kanton Wallis produziert zu 100% die hier benötigte Energie selbst. Davon kommen 93% vom Wasser. Die Stauseen sind zurzeit zu 85% gefüllt. Also müssen wir uns keine Sorgen machen wegen einer eventuellen Energieknappheit. Auch die Preise sollen konstant bleiben, teilt uns der regionale Energieversorger mit. Das Wallis plant jetzt drei grosse alpine Solaranlagen, die zunächst einmal den ganzen Kanton versorgen könnten und auch sollen. Es wird daran gearbeitet, dass die juristischen Hürden für solche Projekte in den geschützten Alpenlandschaften fallen.  

Hier in Leukerbad warten alle auf das Projekt «Fernheizung mit dem Abwasser der Therme», mit dem jedes Haus beheizt werden soll. Diese Idee gab es bereits vor 60 Jahren. Doch die Öl-Lobby verhinderte erfolgreich, dass damals die Gemeinde in Bezug auf die Energieversorgung unabhängig wurde. Das kann heute niemand mehr verstehen. Nun ist es als «Generationen-Projekt» endlich aufgegleist, die grossen Rohre für die ersten 150 m wurden im Sommer gelegt. Wir wissen noch nicht, in welcher Generation wir im oberen Teil des Dorfes an diese Fernwärme angeschlossen werden.

Foto: Blick auf die südliche Alpenkette mit den über 4000m hohen Bergen wie der Mischabelgruppe, dem Weisshorn, dem Zinalrothorn

und Text: Petra Dobrovolny         

Mein Tagebuch: 23.10.2022

23. Oktober, Sonntag: Die Provence und Spanien im Wallis vereint

Dass Rainer Maria Rilke seine letzten Jahre in der Schweiz verbracht hatte, wusste ich. Beim Besuch des Rilke-Museums in Sierre am letzten Dienstag erfuhr ich mehr. Mit 44 Jahren, im Jahre 1919, verliess Rainer Maria Rilke Deutschland, um in der Schweiz eine Bleibe zu finden, wo er als Dichter in Ruhe arbeiten konnte. Bei einem Ausflug ins Wallis verliebte er sich in die Landschaft der Umgebung von Sierre: Das weite Tal und der offene Himmel schienen ihm so rein wie am ersten Schöpfungstag. Hier fand er die Provence und Spanien auf engstem Raum vereint und auch er, Rilke, konnte sich mit dieser Landschaft vereinen. Das «Château de Muzot» oberhalb von Sierre war zur Miete oder zum Kauf ausgeschrieben: Ein Gebäude aus dem 13. Jahrhundert mit Möbeln aus dem 17. Jahrhundert, ohne Strom und Wasser. Dieser massive viereckige Burgturm, den Rilke «Castel» nannte, wurde für seine letzten fünf Lebensjahre sein Zuhause. In dieser Abgeschiedenheit verschmolz er mit der Landschaft, Innen und Aussen wurden Eins. Der Dichter fand hier Zugang zum «Weltinnenraum», wie er sich ausdrückte, und konnte endlich – nach 10 Jahren Pause – die Duineser Elegien vollenden und seinem Werk u.a. die Sonetten an Orpheus sowie über 400 Gedichte auf Französisch hinzufügen. Jean-Michel Henny beschreibt in seinem Buch «Rilke en Valais» dessen letzten Lebensabschnitt sehr einfühlsam und liebevoll. Zahlreiche Zitate aus den vielen Briefen, die Rilke schrieb, bringen dem Leser oder der Leserin das «Seelengeschehen» des Dichters – so würde ich es nennen – nahe.

Die Ähnlichkeit des Wallis mit der Provence und Spanien entdeckte Rilke auch in Büchern über die hiesige Flora und Fauna. Einige Pflanzen und Schmetterlinge des Wallis gibt es auch in der Provence und in Spanien. Sonst nirgends auf der Welt. Durch meine Lektüre des Buches «Rilke en Valais» wird mir bewusst, warum ich das Wallis so liebe und hier das Gefühl habe, im Aussen und Innen angekommen zu sein. In meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich die Sommerferien entweder in der Provence oder in Spanien. Meine Eltern waren sehr reiselustig und hatten vor dem grauen Winter im nördlich gelegenen Luxemburg, wo wir wohnten, Sehnsucht nach dem Süden und dem Meer. Diese alljährliche Erfahrung des Südens gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Die Landschaft, das Klima, die Gerüche, der Geschmack bestimmter Speisen, besonders Mandelgebäck, haben mich so geprägt, dass ich mich dort zuhause fühle. Die Menschen dort begegneten mir als Kind mit grosser und der ihnen eigenen spontanen Herzlichkeit. Spanische Frauen hoben mich manchmal hoch und küssten mich, obwohl sie mich gar nicht kannten.

Und nun hören mir die Menschen, die zur Mittagszeit auf ihrer Wanderschaft in der Marienkirche von Leukerbad einen Halt einlegen, zu, obwohl sie mich nicht kennen. Und obwohl diese «Veranstaltung» im Internet nicht zu finden ist. Ich kenne diese Menschen auch nicht, doch wir begegnen uns in unserem gemeinsamen Menschsein als Gottes Geschöpf. Ich schenke ihnen meine Klänge und Gesänge. Dankbar nehmen sie mein «Benedictus, benedicta, qui venit in nomine domini» und «Andate in pacem» mit auf ihren weiteren Weg.

Foto: Foto auf dem Bildschirm im Rilke-Museum in Siders: Château-de-Muzot-sur-Sierre, und Text: Petra Dobrovolny               

Mein Tagebuch: 22.10.2022

22. Oktober, Samstag: Leben in wachsenden Ringen

Im Alter von 13 Jahren begann ich Gedichte von Rainer Marie Rilke zu lesen und zu lieben. Ich fühlte eine Seelenverwandtschaft zu ihm, denn er fasste in Worte, was ich auch empfand, aber nicht ausdrücken konnte. Er ging an den Rand, wo Sprache noch möglich ist. – Die Aufgabe von Künstler:innen ist es, durch Literatur, Musik, Bildhauerei oder eine andere Art von Kunstwerken das auszudrücken, was im kollektiven Unbewussten schlummert. C.G. Jung vergleicht den künstlerischen Schöpfungsakt mit dem Heben eines kostbaren Schatzes aus einem tiefen See. So sind zum Beispiel Kunstwerke wie eine Beethoven-Sinfonie, die «Guernica» von Picasso, eine Statue von Rodin oder ein Gedicht von Rose Ausländer oder eben von Rilke auch immer ein Ausdruck von uns – als Teil des kollektiven Unbewussten -, der uns etwas bewusst macht und an dem wir wachsen können. Bei der Betrachtung oder Wahrnehmen eines solchen Werkes können wir einen «göttlichen Aha-Moment» erleben. Die Griechen nennen diesen Moment «Kairos». Der Künstler oder die Künstlerin selbst kann im Moment der Schöpfung eine Lust empfinden und eine erhöhte Wachheit, die ihn mit der Ewigkeit verbindet. In dem Moment sind Widersprüche überwunden, ein «Kairos», der Rosenduft verströmt. So verstehe ich den Spruch auf dem Rilkes Grabstein, in welchem der Dichter die Essenz seines Lebens zusammenfasst:

«Rose, oh reiner Widerspruch

Lust

Niemandes Schlaf zu sein

Unter soviel Lidern

Nun bin ich meinem Empfinden nach noch nicht bei meinem Grabstein angelangt. Mit Rilke würde ich es so ausdrücken:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen.

Den letzten werde ich vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.»

Vor zwei Wochen durfte ich einen runden Geburtstag feiern, mit einer Sieben vor der Null. Dies ist vielleicht mein vorletzter runder Geburtstag. Georg hat mir mit einem Gedicht in seiner Muttersprache gratuliert. Darin dankt er mir für mein Dasein und meine Werke und fragt mich, welche Werke noch entstehen werden. Er lässt meine kleine Theatertruppe – gestrickte Fingerpuppen – sprechen: Ich hätte sie wohl vergessen! Es sei jetzt höchste Zeit, mich wieder an sie zu erinnern. Ich solle sie wieder zum Leben erwecken und mir kleine Theaterstücke für Gross und Klein ausdenken.

Ich finde es rührend, wie viele liebe Menschen sich passende Geschenke zu meinem Geburtstag ausgedacht haben: Mein Bruder schickte mir aus London einen Teekannenwärmer – a teapot cosy – mit der Krone der Queen darauf. Meine Schwägerinnen und Georgs Nichten und Neffen schenkten mir zwei handbemalte Seidenschals, Kräutertee, eine Kräuterteetasse, mährischen Wein, selbstgemachtes Hautöl, Lavendelseife, frische Wolle vom eigenen Schaf, ein kleines Kräuterkissen für einen guten Schlaf … Alles Dinge für mein Wohlbefinden. Heute nennt man dies «Wellnessprodukte». Zweimal wird mir gewünscht, dass ich 100 Jahre werden möge bzw. auf dem besten Weg dazu sei.

Meine eigenen Geburtstagsfeiern sind mir nicht so wichtig, auch wenn mein 40. und 60. Geburtstag für mich Meilensteine waren. Den 40. Geburtstag verbrachte ich in einem Kloster am Vierwaldstättersee. Die Nonnen hatten mich um ein Seminarwochenende mit Atem- und Entspannungsübungen gebeten. Meinen 60. Geburtstag verbrachte ich mit Georg auf Kauai’i. Zufälligerweise feierte an demselben Tag das neben unserem Hotel gelegene Zentrum für einheimische Kultur seinen ersten Geburtstag. Diese Feier mit dem Vaterunser und weiteren Liedern auf Hawaiianisch, Tänzen und Umarmungen werde ich nie vergessen. – Kurz gesagt: Familienfeiern liebe ich nicht, denn sie sind für mich für ein paar Stunden eine geballte Ladung ohne Zeit für tiefe Gespräche, im schlimmsten Fall noch mit zu lauter Musik. Deswegen hatte ich gesagt, sie könnten mich zu einem ihnen passenden Zeitpunkt in Leukerbad besuchen und dies mit Ferien verbinden. Meine Idee fand Gefallen und so habe ich gefühlte drei Monate, in denen sich die Besuche abwechselten, gefeiert.

An meinen Geburtstagen bin ich besonders dankbar für mein Leben, Aber ich empfinde es viel wichtiger zu feiern, wenn meine Werke geboren werden und den Weg in die Welt finden. Blicke ich auf mein gerade vollendetes Lebensjahr zurück, freue ich mich über folgendes: Mein Tagebuch des Jahres 2021 im Sammelband «Tanz im Zwielicht» wurde im Frühling vom Literaturpodium in der Dorante Edition Berlin herausgegeben. Zwei weitere Alben bzw. CDs mit meinen Klängen und den Titeln «Waves of Love» und «Holy Grail» konnte ich komponieren, aufnehmen und online zur Verfügung stellen. Zwei Mal durfte ich im evangelischen Kirchenzentrum in Leukerbad meine Gedichte vorlesen. Und zu meiner grossen Freude darf ich in der katholischen Pfarrkirche meine Kristallklänge und Gesänge präsentieren. Gründe genug zum Feiern. Und um sich den nächsten wachsenden Ring des Lebens vorzunehmen und zu wagen. Versuchen will ich ihn.

Zu den Trailern von CD 51 und 52 auf meinem Youtube-Kanal:

https://www.youtube.com/watch?v=RzRR-BYy8hw

https://www.youtube.com/watch?v=Ibgh94QV1JE

Foto: Meine Theatertruppe

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch 19.10.2022

19. Oktober, Mittwoch: Die Talente in die Welt bringen

Die Lärchen färben sich goldgelb, die Mauersegler sind weiter in den Süden geflogen. Ab und zu höre ich abends das Zirpen einer einsamen Feldgrille. Seit der Abreise von Georgs jüngster Schwester und ihrem Ehepartner – unserem Besuch aus Mähren – am 1. Oktober hält das milde und sonnige Wetter an. In der Nacht wird es hier auf 1450 m Höhe nicht kälter als 10°C, tagsüber zeigt das Thermometer mindestens 23°C.

Diesen Monat ist schon so viel passiert, dass ich gar nicht mehr mit dem Schreiben nachkomme. Also Schritt für Schritt der Reihe nach:

Habt ihr mal etwas von dem Amerikaner William Toel gehört? In meinem Tagebuch habe ich ihn bereits erwähnt. Er erzählt auf Youtube, dass er von Gott dazu auserkoren wurde, ein Wächter oder Hüter Deutschlands zu sein. Ungefähr 1984 hatte er die Vision vom Fall der Mauer. Niemand glaubte ihm. Letztes Jahr organisierte er zum ersten Mal einen «Walk am Rhein» im Gedenken an die jungen deutschen Soldaten, die als Gefangene unter amerikanischer Besatzung in den Rheinwiesenlagern verhungerten, verdursteten oder erschossen wurden. Tausende von Menschen, besonders Familien mit drei Generationen, nahmen an dem Spaziergang teil, beteten und trauerten. Viele Tränen durften endlich fliessen. Diese «Aktion» bewirkte eine wichtige Heilung von alten Traumata.- Dieses Jahr rief William Toel im September wieder zu einem «Walk am Rhein» auf: Wir sollten in diesem Monat am Ort unserer Wahl eine Stunde lang für die Freiheit und Souveränität Deutschlands beten. Auch in der Schweiz beteten Menschen am Ufer des Rheins. Ich tat dies am Ufer der Aare, die in den Rhein fliesst. Deutsche sollten sich nicht mehr für ihr Deutschsein schämen und schuldig fühlen, sondern sich mit der deutschen Seele, Tugenden und Begabungen verbinden, um positiv für das Allgemeinwohl zu wirken. Es geht nicht darum, überheblich zu werden und sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen. Jedes Volk auf der Welt hat wie die Figuren auf einem Schachbrett eine bestimmte Rolle und Aufgabe. Jetzt sei es höchste der Zeit, so William Toel, dass die Deutschen sich an ihre einzigartige Rolle im Dienst der Welt erinnern und diese wahrnehmen. In diesem Sinne hielt er am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, eine Rede in Berlin. Zu Beginn erzählt er, dass er zu Hause in den USA vor zehn Tagen eine schlaflose Nacht hatte. Seine deutsche Frau riet ihm zu beten. Gott sprach zu ihm und gab ihm den Auftrag sofort nach Berlin zu reisen, um am Tag der deutschen Einheit zu den Menschen zu sprechen. William Toel prophezeit, dass Deutschland in vier bis fünf Monaten frei und souverän sein wird – gemäss dem Willen Gottes.

Gott hat uns alle – egal welcher Nation wir angehören – mit Talenten geschaffen und uns Begabungen geschenkt, damit wir uns frei – und nach bestem Wissen und Gewissen – ausdrücken und für das allgemeine Wohl wirken. Durch Minderwertigkeitsgefühle, Selbstboykott, Angst und Scham oder dem Gegenteil davon, durch Konkurrenzdenken, ein überhebliches Auftreten als Besserwisser oder Prahlhans verhindern wir dies.

Bei seiner Einsetzung am 14. August hatte der neue Pfarrer, der ursprünglich deutscher Herkunft ist, in Leukerbad gewünscht, dass jede und jeder mit seinen Talenten zum Wohl der Dorfgemeinschaft beitragen möge. Dies hat mich dazu motiviert, meine Kristallklänge in die Kirche zu bringen. Am Samstagabend, den 15. Oktober war es so weit. Das Programm des Ablaufs der Messe erhielt ich erst am Tag zuvor. Es enthielt einige vorher nicht besprochene Änderungen. Eine gemeinsame Probe hatte nicht stattgefunden. Zum Glück hatte ich die Idee, den Tisch mit meinen Instrumenten nicht in der Seitenkapelle lassen, sondern hinten in das Hauptschiff mit freiem Blick auf den Hauptaltar zu stellen. Zur Mittagszeit probte ich noch einmal für mich und merkte, wie sich meine Selbstzweifel leise, aber deutlich meldeten. Worauf hatte ich mich da eingelassen? Es gibt kein Zurück: Das Plakat vor dem Eingang kündigt klar und deutlich an, dass ich heute die Messe mit Gesang und Instrumenten aus Bergkristall begleite. Ein Musikinstrument kann man auch mit Selbstzweifeln einigermassen spielen, aber … singen? Der Atem reagiert wie ein Seismograf und verrät den inneren Zustand. Ich versuche während meiner letzten Probe so gut wie möglich zu singen, und – siehe da – mir kommt Unterstützung zu: An diesem Mittag besuchen so viele Menschen wie noch nie bei meinen bisherigen Proben die Kirche, nehmen für kurze oder längere Zeit Platz auf einer Kirchenbank, hören mir zu und zeigen mir einen «Daumen hoch», wenn sie wieder gehen. Diese Geste beruhigt mich und ich freue mich sehr darüber. 

Kurz vor Beginn der Messe begrüsst mich der Pfarrer und fragt, ob ich die Ruhe selbst sei, oder ob er noch für mich beten solle. Ich antworte, er könne immer für mich beten, und frage ihn, ob ich auch für ihn beten solle. Ja, meint er, das sei dann gegenseitig. Die Orgel beginnt, der Pfarrer begrüsst die Gemeinde, stellt mich als Klangtherapeutin vor und meint zu den etwa 130 Versammelten, sie müssten nicht mehr extra in eine Therapie gehen, es genüge ihre jetzige Anwesenheit hier. Hauptthema der Predigt ist das Gebet: Wann man beten solle oder könne, welche Formen ein Gebet haben könne – ich verstehe auch meine Klänge und Gesänge als Gebet – und dass der Spruch «Jetzt können wir NUR NOCH beten» das Gebet abwerte. Bald ist mein erster Beitrag «Kyrie eleison» dran. Es geht. Der Pfarrer sagt danach ein paar Worte zum Erbarmen des Herrn. Ich fuhr fort mit «Gloria» und fühlte mich etwas sicherer. Während der Gabenbereitung spielte ich Klänge ohne Gesang, bald steht mein «Agnus Dei» auf dem Programm, doch ich weiss weder, wann ich damit anfangen noch aufhören soll. Die Orgel schweigt, der Pfarrer vollzieht die Zeremonie und auf gut Glück singe und klinge ich. Es geht gut, die grösste Hürde ist genommen. Während der Kommunion spiele ich sehr meditativ eine tonmässig absteigende Melodie, mit der Absicht, die Betenden zu inspirieren. Ich fühle, dass ich jetzt im Geschehen angekommen bin und spüre, wie sich das göttliche Licht von oben her auf die andächtigen Menschen senkt. Am Schluss der Messe dankt mir der Pfarrer und zur Gemeinde sagt er: „Hoffentlich sind jetzt alle geheilt.“ Er beginnt mir Beifall zu klatschen, die Anwesenden schliessen sich ihm an und wenden sich dem Ausgang und damit auch mir zu. Jetzt habe ich ein Dilemma: Zum Ende wollte ich ursprünglich «Andate in Pacem» singen und klingen, doch der Organist hatte mich damit beauftragt, unbedingt noch ein Marienlied einzuflechten, denn es sei eine bestimmte Marienwoche. Ich hatte ihm entgegnet, dass es doch Maria gegenüber unhöflich sei, wenn die Leute in dem Moment ihrer Begrüssung die Kirche verlassen. Er meinte aber, die Leute blieben dann sitzen! Ich finde auch, dass die göttliche weibliche Kraft unbedingt noch begrüsst werden sollte und beginne vor dem mir jetzt zugewendeten Publikum mutig mit «Ave Maria», – und, siehe da, die Leute bleiben stehen oder noch sitzen! Ich kürze ab mit «gratia plena, ora pro nobis» und leite über zu «Andate in pacem» und «Amen». Alle klatschen noch einmal dankbar Beifall und werfen beim Hinausgehen neugierige und staunende Blicke auf meine Bergkristall-Instrumente.

Foto des Hauptaltars im Rokokostil, Pfarrkirche „Maria, Hilfe der Christen“ , Leukerbad

und Text: Petra Dobrovolny                    

Mein Tagebuch: 08.10.2022

8. Oktober, Samstag: Beer Stream II

Im Netz läuft gerade eine tschechische Satire viral: «Make Kaliningrad Czech again!» Im Jahre 1255 wurde die Stadt von dem böhmischen König Premysl Otakar gegründet und hiess damals Kralovec. In der Satire schlägt jemand vor, eine Bier-Pipeline von Brünn oder Prag aus über Warschau bis nach Kaliningrad zu bauen. Ein polnischer Nutzer ist von der Idee begeistert und findet sogar, dass die von Russland annektierte Enklave von Kaliningrad polnisch und tschechisch werden sollte. «Es ist Zeit, dass unsere tschechischen Brüder Zugang zum Meer erhalten, um die Welt mit dem begehrten Gerstensaft versorgen zu können.» Der Herr im Kreml ist davon ganz und gar nicht «amused». Die Queen im Himmel würde wohl meinen: «What a good idea!»

Foto: Umgebung von Leukerbad

und Text: Petra Dobrovolny     

Mein Tagebuch: 07.10.2022

07. Oktober, Freitag: Goldener Oktober und Kristallklänge

Nach ein paar kalten Regentagen mit Schnee bis 1700 m ist der milde Herbst zurückgekehrt. Die Feriengäste geniessen auf den zahlreichen Leukerbadner Restaurantterrassen die noch wärmende Oktobersonne. Ab und zu schaut jemand in die Marienkirche, wenn ich zur Mittagszeit dort in der Seitenkapelle übe. Viele lauschen meinem Gesang und den Klängen meiner Instrumente aus Bergkristall. Meistens sind es Frauen, die bei der Marienstatue aus Fatima eine Kerze anzünden. Andere nehmen mit ihrem Handy meine Klänge auf. Mit einer Geste des Dankes und der Wertschätzung in meine Richtung verabschieden sie sich. Heute kam nach kurzer Zeit ein Besucher zum zweiten Mal, nahm sich noch mehr Zeit als beim ersten Mal, nahm in meiner Nähe auf einer Kirchenbank Platz und versank voller Andacht in einem stillen Gebet, als ich das «Credo» sang. Dies hat mich sehr berührt. – Am letzten Samstag kamen der Pfarrer und der Organist in die Kirche, als ich gerade meine Version des «Ave Maria» übte. Letzterer meine, das sei doch gregorianisch, was ich singe, und er sei beeindruckt von der Reinheit der Kristallklänge. Falls ich möchte, könnte ich am Samstag, den 15. Oktober die Abendmesse begleiten. Auch der Pfarrer findet dies einen Versuch wert. Jede Art von Musik oder Klängen würden immer wichtiger, denn die Menschen fühlten sich davon sogar eher angesprochen als von langen Predigten, bei denen sie öfters auf die Uhr schauen und sich fragten, wie lange rede «der da vorne» eigentlich noch. Ich sage zu und bitte die heilige Maria von Fatima um ihre Unterstützung. Der für mich schwierigste Punkt ist, dass ich in der Seitenkapelle ohne Sicht auf den Hauptaltar spielen werde. Der Organist will mir von seiner Empore her jeweils ein Zeichen geben. Ob das klappt?

Foto: Kirche „Maria, Hilfe der Christen“ in Leukerbad

und Text: Petra Dobrovolny