Mein Tagebuch: 14.11.2020

14. November, Samstag:

Der Titel zu meinem heutigen Tagebucheintrag könnte heissen: „Wenn Papierservietten erzählen könnten …“

An der Marktgasse in Bern packe ich weiter meine Praxis ein. Ich finde einen Stapel bunter Papierservietten mit unterschiedlichen Mustern. Erinnerungen werden wach: Im Herbst 2011 suchte Georg einen Büroraum für sich und seine Organisation Forum Ost-West. Ich bat ihm zu seiner Überraschung einen Teil meines Praxisraumes an. Georg sagte zu, und die Umstände bewirkten, dass ich das Sekretariat des Forums übernahm. So kamen auf den 42 m2 über den Dächern der Berner Altstadt zwei Kulturen zusammen: Eine nach innen gewandte meditativ-therapeutische mit den Klängen meiner Naturtoninstrumente und vielen Tassen Tee und eine nach aussen gewandte international kommunizierende mit Computer, Internetanschluss und Drucker sowie vielen Tassen Espresso.

Im Jahre 1994 hatte Georg den gemeinnützigen Verein Forum Ost-West gegründet, um nach den Jahren des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs mit Gleichgesinnten kreative Impulse für ein neues partnerschaftliches Verhältnis zwischen Ost und West zu geben. An den Seminaren, Veranstaltungen, Projekten und Gruppenreisen – nach Moskau, St. Petersburg, Slowenien, Kroatien und die Ukraine – kam es zu eindrücklichen Begegnungen mit Menschen aus vielen Kulturen Mittel- und Osteuropas sowie Zentralasiens wie Kasachstan und Kirgisistan. In all den 25 Jahren wurden über 150 Projekte gemäss den Bedürfnissen vor Ort verwirklicht, die von Fachleuten aus der Schweiz auf den Gebieten der Touristik, des Bank-, Schul- und Gesundheitswesens, der Textilindustrie usw. durchgeführt wurden. Georg brachte es fertig, dass Behörden in der Schweiz und in Mittel- und Osteuropa im Dienste der Sache zusammenarbeiteten.

Ein besonderer Höhepunkt waren die jährlichen einwöchigen Medienforen, an denen jeweils ca. 20 Medienfachleute aus den neuen EU-Ländern wie zum Beispiel den Baltischen Staaten, Zypern, Bulgarien, Rumänien u.a. und auch der Russischen Föderation teilnahmen. So war ich einmal dabei, als die Teilnehmenden die Jean-Monnet-Stiftung in Lausanne besuchten. Es wurde ein Film über die Entstehung der Europäischen Gemeinschaft sowie das Archiv mit eindrucksvollen Dokumenten gezeigt. Ich lernte den Leiter und die Archivarin kennen und sagte, dass mein Vater damals in Luxembourg einer der ersten Mitarbeiter von Jean Monnet gewesen sei. Sein persönliches Archiv von über 800 Pressefotos und Dokumenten könnten mein Bruder und ich der Stiftung vermachen, denn dies sei eigentlich der Wunsch meines im Jahre 1991 verstorbenen Vaters gewesen. Mein Angebot findet Begeisterung, die entsprechende Vereinbarung über den „Fonds Dr. Karl Mühlenbach“ ist bald einmal unterschrieben, und wenige Wochen später brachte ich einen ganzen Einkaufswagen mit wertvollen und gut erhaltenen Dokumenten aus den Anfängen der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ in den 50er Jahren nach Lausanne in das schön renovierte alte Gebäude der „Fondation Jean Monnet pour l’Europe“ neben der Universität. Einen Nachmittag lang erkläre ich den für das Archiv Zuständigen die historischen Zusammenhänge und Begebenheiten, die auf den Fotos festgehalten sind. Die leitende Archivarin bestätigt mir: Alles, auch die Fotos der Europa-Schule ist eine ideale und wesentliche Ergänzung des bestehenden Archivs, welches von Studierenden aus der ganzen Welt besucht wird. Und wir als Familie und Nachkommen seien jederzeit bei der Stiftung zu einer Besichtigung willkommen.

Mit Georg zusammen durfte ich ein interkulturelles Training entwickeln und den Youtube-Kanal des Forums mit der Serie „Interviews als Zeitzeugnis“ gestalten.  Es war eine sehr erfüllte Zeit, die noch intensiver wurde, als ich das Sekretariat des Forums übernahm und die jährlichen Mitgliederversammlungen organisierte. Dazu mieteten wir jeweils einen Seminarraum im Umfeld der Marktgasse, den wir mit Blumen und den vorhin erwähnten Papierservietten jeweils selbst dekorieren durften. Georg organisierte Weisswein und eine riesige Käseplatte.

Seit 2014 beschäftigt uns der Krieg in der Ukraine und die notleidende Bevölkerung. Dank Sach- und Geldspenden organisierten wir 11 Transporte mit humanitären Hilfsgütern von der Schweiz nach Odessa und weiter in die Ostukraine. Tragbahren, Krücken, Spitalbetten, weiteres medizinisches Material sowie Wolldecken und Pullover fanden zum jeweiligen Bestimmungsort. Viele staunten, dass dies ohne die Bezahlung der sonst üblichen Bestechungsgelder möglich war.

In all den Jahren intensiver Zusammenarbeit wuchs auch unser Verständnis für die Tätigkeit des anderen. Georgs Begabung besteht darin, die unterschiedlichsten Menschen zusammenzubringen und für gemeinsame Projekte zu begeistern. Er wiederum respektierte von Anfang an meine therapeutische Arbeit, putzte unseren ab 2011 gemeinsamen Arbeitsraum und schmückte ihn in jeder Saison mit Blumen auf den Fensterbänken und in den Vasen. Vormittags arbeitete Georg an der Marktgasse in unserem „Atelier d’Inspiration“, wie wir den Raum nannten, ich empfing am Nachmittag und Abend Ratsuchende, vormittags führte ich das Sekretariat des Forums von zuhause aus. Eine Freundin fragte mich einmal: „Wann schläfst du eigentlich?“ Denn abends ging ich oft auch noch ins Tonstudio, um meine neusten Klangkompositionen aufnehmen zu lassen.

Georg hat nun das Forum Ost-West der jüngeren Generation anvertraut. Historisch wertvolle Dokumente bereitet er in diesen Wochen für den Transport in das Archiv der Jean-Monnet-Stiftung in Lausanne und für dasjenige der Schweizerischen Osteuropa-Bibliothek in Bern vor.

Somit sind wir beide am Aufräumen und Packen. Bald werden wir diesen Ort verlassen, die Kündigung habe ich bereits abgeschickt. Wir suchen eine geeignete Nachfolge.

Text und Foto vom Berner Oberland mit Eiger, Mönch und Jungfrau:
Petra Dobrovolny        

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