Mein Tagebuch: 22.11.2020

22. November, Sonntag:

Auf zu neuen Ufern!

Heute kommt wie geplant der weitere Transport meiner eingepackten Praxis nach Leukerbad. Unser Nachbar lädt alles sorgfältig aus und bringt die Möbel und Schachteln mit einem Sackkarren in unsere Wohnung. Sogar zwei Geranien und eine Aloe Vera hatten noch Platz in der Fuhre. Georg hat alles sehr fachmännisch verpackt, besonders den kleinen Schrank mit der Vitrine. Nichts ist kaputt gegangen. Der Stapel bunter Papierservietten, die übriggebliebenen Zeugen unserer gemeinsam organisierten Veranstaltungen unter dem Label „Forum Ost-West“ ist auch mitgekommen. Ich habe in meinem Tagebucheintrag vom 14. November beschrieben, welche Erinnerungen diese Servietten in mir wachgerufen hatten.

Seit Anfang September ist alles sehr schnell gegangen: Über eine Freundin kam ich auf die Idee, mir Leukerbad näher anzuschauen. Ursprünglich hatten wir in Ligurien nach einer Ferienwohnung am Meer Ausschau gehalten. Doch „Corona“ hatte uns bereits im Februar unsere Pläne durchkreuzt. Ein Kraftort mit Thermalwasser in der Schweiz, wo wir uns erholen und Energie tanken können? Warum nicht! Ich buche ein Hotelzimmer mit Zugang zum Thermalbad und bin begeistert. Das Angebot an Wohnungen in Leukerbad erweist sich als sehr gross:  Die alte Generation will jetzt verkaufen, die junge hat andere Pläne und will meistens das Geld, aber nicht die Wohnung erben. Ich melde unsere Wünsche nicht nur bei den Engeln, sondern auch bei einer Immobilienfachfrau. Diese zeigt mir bereits an demselben Tag zwei Wohnungen. In der zweiten sind die Eigentümer anwesend. Ich komme schnell mit dem sehr netten älteren Ehepaar ins Gespräch und zu unserer Überraschung stellt sich heraus, dass Frau V. und ich in derselben Stadt geboren sind. Die Wohnung verfügt über eine grosse Dachterrasse mit Aussicht auf die riesigen steilen Felswände, ist sehr gepflegt und gemütlich eingerichtet. Wir müssten nichts renovieren. Ich könnte alle meine Musikinstrumente hierherbringen und … Georg erzähle ich begeistert von meiner Vision, eine Woche später kommt er mit nach Leukerbad, ein weiterer Besichtigungstermin kann stattfinden. Unsere Entscheidung ist klar, wir möchten jedoch noch eine Nacht darüber schlafen. Herr und Frau V. haben dafür Verständnis. Frau V. meint, ein Wohnungskauf sei eben nicht wie der Kauf von einem Paar Schuh.

Beim Termin mit der Notarin am 25. September übergibt Herr V. uns feierlich alle Schlüssel und die dazugehörende Liste. Er bekräftigt unseren Entscheid: „Vous n’allez jamais le regretter!“ Wir würden ihn bestimmt niemals bereuen. Die Notarin gratuliert uns, mit einem Glas Walliser Weisswein dürfen wir anstossen. Die Nacht können wir bereits in „unserer“ Wohnung verbringen. Der Winter meldet sich an, es schneit ein wenig. Wir kundschaften die Räumlichkeiten genauer aus. In der Abstellkammer neben der Terrasse finde ich oben auf einem Gestell eine schön dekorierte Weinflasche, die Frau V. wahrscheinlich als Souvenir dort hingestellt hatte: Sie kommt aus Bernkastel-Kues von der 700-Jahr-Feier im Jahre 1991 der Stadt und war einmal Moselwein gefüllt. Ich bin perplex: Meine Mutter ist in dem Ort geboren und im Jahre dieser Jubiläumsfeier gestorben. Ist dies ein Zufall, dass diese Flasche ausgerechnet hier auf uns wartet? Eine besondere Art Flaschenpost! Herrmann Hesse wusste es: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, …“ 

Foto Berge um Leukerbad im Morgenrot und Text: Petra Dobrovolny

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