Mein Tagebuch: 10.12.2020

10. Dezember, Tag der Menschenrechte, Donnerstag:

Das 1. Schweizer Radio SRF 1 macht heute eine Umfrage. Man kann anrufen und erzählen, wie man die Corona-Zeit bis jetzt überstanden hat, womit man sich selbst geholfen hat und welchen Tipp man denjenigen geben kann, die unter den Massnahmen leiden. Die meisten sagten, ein Spaziergang und Freude an der Natur habe geholfen, oder auch regelmässige Telefongespräche mit den Nächsten, es hilft, wenn jemand einfach mal frage: „Wie geht es dir?“ Andere haben ein neues Hobby und ihre Kreativität entdeckt.

Ich habe auch einen Tipp: Eröffne ein Restaurant! Mit einem Tisch: Ristorante Tavola! Auf deinem Balkon, in deiner Wohnküche oder in deinem Schlafzimmer. Oder abwechselnd mal hier mal dort. Du bist Gastgeberin, Köchin, Servicefrau und Gast in einer Person und schlüpfst mal in diese, mal in die andere Rolle. Mitbewohnenden kannst du als Regisseur oder Regisseurin die jeweilige Rolle zuweisen. Das Szenario klappt aber auch, wenn du alleine wohnst, Hauptsache, es macht Spass. Die Eigenschaften des Servicepersonals legst du je nach Laune fest: Die Sonderwünsche des Gastes werden immer mit einem Lächeln entgegengenommen, manchmal muss „der Kellner“ mehrmals in der Küche nachfragen, welche Tagessuppe oder welches Tagesdessert es heute gibt, ob der Reis mit Gemüse garantiert ohne Peperoni daherkommt, ob der Fisch fangfrisch oder aus dem Tiefkühler ist, aus einer Zucht oder aus dem offenen Meer kommt, ob der Pizzateig wirklich keinen genmanipulierten Weizen enthält, die Pasta auch nicht, … „Sie müssen verstehen, ich reagiere allergisch!“ „Das Bier bitte temperiert, so wie man es im guten alten Böhmen immer trinkt. Wissen Sie, das Kühlen hat man nur eingeführt, damit es nicht so viel Schaum gibt und man das Bier schneller anzapfen kann. Time is money! So geht eben Kultur verloren!“ „Unser Restaurant führt nur Walliser Weine! Wir stehen auf lokale Produkte. Ich empfehle der Dame „Leuker Sonne“, einen leichten Weissen zum Apéritif, dieser enthält nicht so viele Pestizide. Doch damit muss man heute so oder so leben. Etwas Gift härtet ab! Zum Käse, Walliser Bio-Ziegenkäse natürlich, empfehle ich Ihnen einen Pinot Noir, oder möchte die Dame einen Rosé, einen Walliser Misch-Masch, oh, pardon, eine „Assemblage“ vom Besten?“

Der Dialog zwischen Gast oder Gästin und dem Patron könnte auch so ablaufen:
Die Dame: „Wie ich sehe, Monsieur, hat sich Ihr Restaurant ein neues Outfit gegeben, die Tradition ist weg!“
Patron: „Sie müssen wissen, Madame, dieses Jahr hat alles verändert. Wir mussten uns nicht nur dem Zeitgeist anpassen, sondern auch dem Règlement der Regierung. Uns wurde ein neuer Arbeitsrhythmus vorgeschrieben: Zwei Wochen offen, drei Wochen zu, abends ab 19 h zu, 4 Leute an einem Tisch, dann 2, jetzt uniquement nur eine Person und ein Tisch. Doch so können wir ganz für Sie da sein, Madame.“
Sie lächelt und geniesst die volle Aufmerksamkeit des Patron.
„Unser neues Konzept heisst *bio, fair, lokal*, wir tun alles für das Tier- und Menschenwohl. Unsere Walliser Platte enthält weder getrocknetes Rindfleisch noch Schweinespeck, sondern geräucherte Sojawürfel und grillierte Artischockenherzen mit Kapern und Granatäpfelkerne auf Ur-Dinkelbrot. Wegen des Klimawandels wachsen hier jetzt auch bald Granatäpfelbäume. Wunderbar! Unser Angebot geht eben mit der Zeit! A propos Zeitgeist: Gänseleberpastete, Froschschenkel und Weinbergschnecken. Das mussten wir alles von unserer Speisekarte streichen. Und Damen mit Pelzmänteln haben keinen Zutritt mehr zu unserem Restaurant.“
Die Dame rückt ihren echten, aber unecht aussehenden Schal aus Waschbärpelz souverän zurecht, räuspert sich und fragt: „Wie viele Gault-Millaut-Punkte hat denn jetzt Ihr Etablissement?“
Der Patron errötet ein wenig. „Nun ja, wir mussten uns neu anmelden, zwei Inspektoren kamen vorbei, wir taten unser Bestes. Dann sagten sie: ‚Das Bio-Bier, das Sie ausschenken, enthält ein genmanipuliertes Hopfenextrakt. Das lässt sich mit unserer Philosophie nicht vereinbaren. Pflanzen Sie im nächsten Jahr selbst Hopfen an, Setzlinge gibt es in der Bio-Gärtnerei, und bieten Sie Hopfentee an. Die Autofahrenden unter Ihren Gästen werden das alkoholfreie Getränk schätzen. Sie berichten uns über die Umsetzung dieses Projekts, bitte nur positives Reporting, und wir sehen uns wieder bei der nächsten Inspektion!“
Die Dame schüttelt mitleidig mit dem Kopf: „Es ist ja unglaublich, all diese bürokratischen Vorschriften! Dass Sie noch den Mut haben, ein Restaurant zu führen, bewundere ich kolossal!“
Der Patron verneigt sich leicht: „Danke, für Ihr Verständnis, Madame! Welche Empathie! Wir schätzen Gäste, die uns verstehen! Das Haus offeriert Ihnen zum Digestif einen Genepi, einen Wacholderschnaps Réserve du Chef“.
Der Patron tritt ab, die Dame bleibt erwartungsvoll der Dinge, die da kommen, am Tisch sitzen und entfaltet die weisse Stoffserviette. Der Vorhang fällt.

Foto: Madonna mit Kind, Leukerbad
und Text: Petra Dobrovolny

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