Mein Tagebuch: 18.12.2020

18. Dezember, Freitag:

Erinnerungen an Schlüsselerlebnisse auf meinem Lebensweg

Diese Zeit am Ende des Saturns in Steinbock hat es in sich: Ich erinnere mich jetzt an viele Schlüsselerlebnisse, die mein Leben geprägt haben. Dies schreibe ich nicht, um anzugeben. Ich will weder Lob noch Bewunderung, sondern den Lesenden Mut zu machen, gewisse Erlebnisse im eigenen Leben nicht als schrecklich zu empfinden, sondern als wunderbar zu bewerten und dankbar dafür oder stolz darauf zu sein. Mein Georg hatte mir schon oft gesagt: »Das musst du unbedingt mal aufschreiben!» Nun, jetzt bringe ich es zu Papier.

Es war zum Beispiel ein Wunder, dass ich an der Universität Zürich zugelassen wurde. Mein Vater hatte mein Abiturzeugnis mit dem Antrag um Immatrikulation dorthin geschickt. Die Antwort lautete: «Da Ihre Tochter weder eine eidgenössisch anerkannte Matura noch eine Matura des Kantons Zürich vorlegen kann, ist eine Immatrikulation an der Universität Zürich leider nicht möglich. Den Abschluss an der Europa-Schule von Luxembourg erkennen wir nicht an.» Mein Vater war um eine Antwort nicht verlegen, kopierte das Dokument des Europarats, in welchem die Schweiz als Mitglied die Schulabschlüsse aller Mitgliedstaaten des Rats anerkennt, unterzeichnet vom schweizerischen Bundesrat. Im Begleitschreiben bemerkte mein Vater lediglich, dass die Unterschrift des Bundesrates wohl auch für die Universität Zürich bindend sei. Umgehend kam eine sachliche Antwort ohne Entschuldigung: «Ihre Tochter kann sich bei uns für das kommende Wintersemester 1970/71 an der 1. philosophischen Fakultät einschreiben.» Natürlich freute sich mein Vater darüber, dass er massgeblich am Weg seiner Tochter positiv mitwirken konnte.

Kurz nachdem ich im Zug nach Venedig im Jahre 1971 meinen zukünftigen Mann aus Mähren kennengelernt hatte, machte mir meine Mutter klar: Dein Studium ist deine Aussteuer! Vor dem Abschluss darfst du weder heiraten noch ein Kind bekommen. Meine Mutter wollte nur das Beste für mich und hatte sich ursprünglich einen reichen Schweizer Medizinstudenten als Schwiegersohn gewünscht und keineswegs einen Flüchtling aus dem Osten, der mit nur einem Koffer in die Schweiz gekommen war. Und mein Vater machte mir klar, dass er mein Studium nur bis zum Lizentiat, heute «Master», finanzieren würde.  Für meine Ferienreisen und mein späteres Doktorandenstudium müsste ich das Geld selbst verdienen. Damit war ich auch einverstanden und empfand es als eine Herausforderung, um selbständig zu werden.

Eine Vorlesung in Neuropsychologie am Rande des Hauptstudiengangs in klinischer Psychologie faszinierte mich sehr. Eines Tages sagte der zuständige Dozent, er habe einen kleinen Job zu vergeben. Wer sich dafür interessiere, solle sich nach seiner Vorlesung bei ihm melden. Ich war die Einzige. Er erklärte mir, dass es darum ginge, Krankendossiers der Neurologie und Neurochirurgie für die Aufnahme von Mikrofilmen vorzubereiten, zu einem kleinen Stundenlohn. Dies tat ich dann etwa 3 Jahre lang, verdiente mir damit Geld für meine Ferienreisen und bildete mich weiter, indem ich die Krankengeschichten nicht nur sortierte, sondern auch voller Faszination und ohne Auftrag durchlas. Niemand störte sich daran, nur mein Chef staunte über die Langsamkeit meiner Arbeit. Diese verrichtete ich in einem der 2 Räume des «neuropsychologischen Labors» in der Universitätsklinik Zürich, während meine älteren Kolleginnen Patienten und Patientinnen untersuchten und testeten. An einem Wintertag mit Glatteis konnte eine Kollegin mit ihrem Auto nicht rechtzeitig zum Termin mit einem Patienten das Labor erreichen. Sie rief mich an und sagte: «Fang doch schon mal an, du weisst ja, wie es geht, ich kann erst in einer halben Stunde kommen. Nimm dir meinen weissen Kittel und meine Stoppuhr aus der ersten Schublade rechts.» Ich tat, wie sie gesagt hatte, die Gedächtnis- und Wahrnehmungstests machten mir Spass, dem Patienten auch, und dies war der erste Schritt in meiner Karriere als Neuropsychologin.

Etwa im Jahre 1974 hatte ich ein weiteres Schlüsselerlebnis: In einem Fallseminar an der psychiatrischen Universitätsklinik stellte ein renommierter Professor für Psychiatrie eine Patientin vor. Diese bezeichnete Gegenstände mit falschen Worten: Ein Tisch war für sie ein Hut, ein Blatt Papier ein Teller. Dies sei ein aussergewöhnlicher Fall von Schizophrenie, meinte der Herr Professor, eine Medikation mit Neuroleptika sei angebracht. Mir verschlug es die Sprache. Soviel hatte ich bereits von der Neuropsychologie gelernt, um dieses Krankheitsbild einer Sprachstörung, einer sog. «Sensitiven Aphasie», zuordnen zu können. Mir war auch bewusst, dass ich die Einzige im Saal war, die dies richtig erkannte. Die Patientin litt unter einer neurologischen und nicht unter einer psychopathologischen Störung. Eine Behandlung mit Psychopharmaka war keineswegs angezeigt. Doch als kleine Studentin wäre es nicht der richtige Moment gewesen, den grossen Herrn Professor vor allen Anwesenden in Bezug auf seine Diagnose in Frage zu stellen. Dieses Erlebnis war für mich ein Ansporn dafür zu sorgen, dass hirnverletzte Patienten und Patientinnen nicht mehr in der Psychiatrie, sondern in einer ihnen angemessenen Rehabilitation landen. Durch meine Arbeit an einem Forschungsprojekt habe ich theoretisch und praktisch mit Erfolg dazu beigetragen. Seither erhalten mehr Menschen die Chance trotz Behinderung ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sind auch fähig, diese Chance zu nutzen. Darüber freue ich mich bis heute.

Bestimmt kann jeder und jede auf etwas stolz im Leben sein. Oft ist dazu eine Entscheidung nötig, die von anderen weder mitgetragen noch verstanden wird. Zum Beispiel wunderte sich ein weltweit bekannter Neurochirurg, dass ich mit auf die Visite kam. Er sagte zu mir: «Was wollen Sie hier? Meine Operation ist die Therapie. Sehen Sie doch, dieser Patient hat überlebt, kann gehen und sprechen!» Dass er jedoch unter einem massiven Gedächtnisverlust litt und nicht mehr lesen konnte, hatte der Herr Professor gar nicht bemerkt.

Foto: Adventskranz vom Chutzegarte als Symbol dafür, dass sich ein Kreis schliesst und ein neuer – das Wassermannzeitalter – beginnt.
Text und Foto: Petra Dobrovolny

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