Mein Tagebuch: 25.01 2021

25. Januar, Montag: Heiter durch die Räume …

Erinnert ihr euch an das «Stufen-Gedicht» von Hermann Hesse?

«Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.»

Heute gebe ich dem Verwalter die Schlüssel zu meinem Praxisraum ab. Nach 12 ½ Jahren unter einem Dach in der Mitte der Berner Marktgasse. Ein langer Zyklus geht zu Ende: 40 Jahre lang habe ich Raum um Raum durchschritten, während meiner Tätigkeit als selbständige Psychotherapeutin und Erwachsenenbildnerin: Davon 33 Jahre in der Stadt Bern, 19 Jahre lang in der Altstadt. Etwa 25 Jahre davon war ich auch beteiligt an Georgs Projekten, die er im Rahmen des Forums Ost-West durchführte. Diese Organisation hatte er 1994 in Bern gegründet, um nach der Wende und dem Fall der Berliner Mauer eine neue partnerschaftliche Zusammenarbeit von Ost und West zu bewirken. Mit Georg zusammen habe ich interkulturelle Trainings entwickelt und durchgeführt, zahlreiche Veranstaltungen organisiert und den Youtube-Kanal mit Interviews von Zeitzeugen ins Leben gerufen. Es war eine wunderbare und sehr erfüllte Zeit, manchmal durchschritten wir Räume gemeinsam, manchmal allein.

Meine Arbeit verlangte viel Verantwortung und Kraft von mir, sodass meine Heiterkeit in manchen Zeiten der Erschöpfung wich. Ich sehnte mich nach langen Ferien, auch nach einem Sabbatjahr, welches bis jetzt nie stattfinden konnte. Am meisten Energie brauchte ich für Menschen, die ein Trauma oder mehrere Traumata erlitten hatten. Ein schweres Erlebnis in einem Krieg, unter einer Diktatur, durch einen Verkehrsunfall, durch sexuellen Missbrauch oder noch schlimmer durch jahrelangen Inzest, durch Misshandlungen im Kinder- oder Jugendalter …  Grosse Freude brachte jeweils eine gelungene Wandlung von einer Lebenskrise zu einem neuen Lebenssinn, wenn endlich der richtige Partner geheiratet wurde, wenn endlich ein Kind geboren werden konnte, wenn sich endlich der berufliche Erfolg einstellte. Oder wenn nach vielen Rekursen endlich die rechtmässige Rente ausbezahlt wurde. Ich ermunterte immer zum Weitermachen, Weiterkämpfen. Oft sagte ich: «Wenn wir jetzt – im Kampf für das eigene Recht oder mitten in einem seelischen Heilungsprozess – schon so weit gekommen sind, dann geben wir erst recht nicht auf.»

Mit einem Ritual habe ich gestern Abend Abschied genommen. Zum letzten Mal habe ich in dem nun leeren Raum eine Kerze und ein Räucherstäbchen angezündet. Ich danke für alles, was ich in den vergangenen 40 Jahren erleben und bewirken durfte, weil die Ratsuchenden mir ihr Vertrauen schenkten. Ich danke vor allem dafür, dass ich Zeugin sein durfte für das heilende Wirken der Träume, des bewusst wahrgenommenen Atems und meiner harmonisierenden Naturtonklänge.  
Die geistige Welt antwortet auf meinen Dank mit einem Bild: Georg und ich stehen nebeneinander mit je einer brennenden Fackel in der rechten Hand. Eine Schlange von Menschen geht an uns vorbei, jeder und jede entzündet an unserem Feuer die eigene Fackel und trägt das Licht weiter in die Welt. Dieses Bild berührt mich sehr.

Neue Räume erwarten uns. Auch diese möchten wir heiter durchschreiten und freuen uns auf die nächste Stufe. Denn, so Hermann Hesse, der Weltgeist will uns «nicht fesseln und engen», sondern «heben und weiten».

Und noch einmal zum Stufen-Gedicht:

«Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben …»  

Foto: Die leere Marktgasse in der Berner Altstadt zu Corona-Zeiten
und Text: Petra Dobrovolny          

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