Mein Tagebuch: 30.04.2021

29. April, Donnerstag: Für eine Tasse Café in die Schweiz? Und: Der umarmte Polizist

Vorgestern bin ich wieder in Bremgarten bei Bern gelandet, 900m tiefer. Dazu musste ich noch nicht einmal einen Gleitschirm nehmen. Es genügte der Bus ins Tal sprich Wallis, der Zug durch den Tunnel sprich Lötschbergtunnel. Die Fahrtzeit von der Berg- in die Talwelt dauert zwei Stunden. Ich lande im Frühling: Alles blüht. Die Tulpen in unserem Garten sind bereits zur Hälfte verblüht. Bäume grüssen in maigrün.
Gestern hat Georg mich zum Mittagessen in ein Restaurant mit Gartenterrasse an der Aare eingeladen. Man darf ohne Impfpass und Testresultat dorthin. Nur die Kontaktdaten soll man via QR-Code angeben. Doch wir haben kein Smartphone. Stattdessen haben wir den Tisch reserviert, der Wirt kennt Georg und interessiert sich für die Tschechoslowakei und dafür, wie die Herrschenden es damals hingekriegt haben, dass das Volk bis heute der Ansicht ist, es habe die Wende selbst herbeigeführt. Georg meint, die Wahrheit wird kaum jemand glauben, auch wenn sie ans Licht käme. Wird das mit Corona auch so sein?

Heute steht im «Blick», dem Pendent zur deutschen Bildzeitung: «Coronamüde Deutsche kommen zu uns». Die eidgenössische Zollverwaltung meldet: «Tagsüber beobachten wir an der Grenze zu Deutschland eine leichte Tendenz zu etwas mehr Verkehr.» Die Armen müssen spätestens um 22 Uhr wieder zuhause sein, denn in Deutschland gilt ab dann eine Ausgangssperre bis 5 Uhr. Aber: Die Schweiz gilt als Risikogebiet. Wer ohne triftigen Grund in die Schweiz reist, muss danach in Deutschland für 10 Tage in Quarantäne. Ausser man ist vollständig geimpft oder kann einen negativen Test vorweisen. Ebenfalls steht im «Blick» die genaue Beschreibung der Ausnahmen, die das Ministerium für Soziales und Integration in Baden-Württemberg formuliert hat: Deutsche dürfen für 72 Stunden in die Schweiz, wenn es sich um einen Besuch von Verwandten ersten Grades, des nicht dem gleichen Hausstand angehörigen Ehegatten oder Lebensgefährten oder von einer Person mit geteiltem Sorgerecht oder Umgangsrecht handelt. Wer gegen diese Bestimmungen handelt und erwischt wird, muss eine Busse von bis zu 3000 Euro zahlen.

Seit über einem Jahr erfahren die Bürokraten eine unglaubliche Aufwertung. Wurden sie vorher nicht gross beachtet oder umgangen, so ist dies spätestens seit Corona nicht mehr möglich. Georg hatte diese Macht vor einigen Jahren selbst zu spüren bekommen. Es hiess: «Bei mir müssen Sie unedure – will heissen untendurch -, auch wenn Sie einen Doktortitel haben.»
In Deutschland geht die Polizei sogar auf Rentner los. Die sogenannten «Querdenker» werden jetzt vom Verfassungsschutz «beobachtet». Anfang April ging die Polizei in St. Gallen sehr hart gegen zunächst friedliche Demonstranten vor. Dadurch eskalierte die Gewalt erst recht, in der Altstadt gingen einige Fensterscheiben in die Brüche. Die St. Galler Kantonspolizei setzt jetzt auf die 3D-Strategie: Dialog, Deeskalation, kein Durchsetzen um jeden Preis. In Rapperswil umarmte eine Demonstrantin einen Polizisten, der sie gemäss dem Foto ebenfalls umarmte. Der Journalist Sandro Benini – «Bund» vom 27. April – fragt den Chef der St. Galler Kantonspolizei: «In sozialen Medien feiern Corona-Skeptiker St. Gallen nun als Kanton, in dem man demonstrieren und Polizisten umarmen darf, ohne dass etwas passiert.» Die Antwort: «Das nehmen wir nicht so wahr. Und es trifft nicht zu, dass nichts passiert. Unsere Einsatztaktik werden wir nicht nach der Stimmung in den sozialen Medien festlegen. Wir wissen, was korrekt ist und was getan werden muss. Bei jeder künftigen Veranstaltung wird sich die Frage der Verhältnismässigkeit erneut stellen. Wir können und wollen nicht mit Kanonen auf Spatzen schiessen. … In derselben Situation würden wir wieder gleich handeln. Wir wollten die Demonstration in geordneten Bahnen verlaufen lassen. Das haben wir erreicht.» Der Sprecher der Polizei ist froh, dass er sich nicht für verletzte Demonstranten, Polizisten, Passanten oder Sachbeschädigungen rechtfertigen muss.

Foto: am Aareufer
und Text: Petra Dobrovolny             

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