Mein Tagebuch: 09.05.2021

09. Mai, Sonntag: Es gibt etwas zu feiern!

Im Bahnhof Bern sind viele Menschen mit kunstvoll eingepackten Blumensträussen und Kuchenschachteln unterwegs. Es ist Muttertag. Georg berichtigt mich: Heute sage man «Elterntag»! 

Die Stiefmütterchen auf unserer Dachterrasse begrüssen mich mit einem Nicken. Sie blühen in Hülle und Fülle, der Himmel hat sie während meiner 10-tägigen Abwesenheit begossen. Ich setze mich mit einer Tasse Tee auf unsere grüne Gartenbank und lasse meinen Blick schweifen. Die Lärchen tragen jetzt ein zartgrünes Kleid, die Schneefelder auf den hohen Felswänden verwandeln sich allmählich in Wasserfälle, die sich in mehreren Kaskaden ins Tal stürzen. Ihr Rauschen wird durch den Leukerbader Talkessel mit seiner guten Akustik noch verstärkt. Während der Herfahrt habe ich im Zug die Zeitschrift der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen «Psychoscope» gelesen. Es ist kaum zu glauben: Nach 40 Jahren ist es so weit! Ab dem 22. Juli 2022 werden psychologische Psychotherapien von der Grundversicherung der Krankenkassen vergütet, wenn eine ärztliche Verordnung vorliegt. Zunächst für 15 Sitzungen mit der Möglichkeit Verlängerung bis zu 30 Sitzungen, falls die entsprechenden bürokratischen Hürden genommen werden. Trotzdem ist dies ein Durchbruch. Der Berufsdachverband wird dranbleiben und weiterverhandeln. In den Nachbarländern der Schweiz können Psycholog*innen seit mindestens 15 Jahren selbständig mit den Krankenkassen abrechnen. Nun hat «Corona» nachgeholfen: Die Schweizer Bevölkerung leidet deutlich mehr an psychischen Problemen. Die Versorgungsnot ist gestiegen. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Die Depressionssymptome der Schweizer Bevölkerung kamen in die Schlagzeilen. Dies scheint in den Köpfen des Bunderates etwas bewegt zu haben.

Ich habe immer auf eine bessere Lösung für die Vergütung von psychologischen Dienstleistungen gehofft, aber nicht gedacht, dass ich dies noch erleben werde. Oft habe ich für ein sehr niedriges Honorar, manchmal auch unentgeltlich gearbeitet. Viele Hilfesuchende kamen nach dem ersten Gespräch nicht mehr, weil ihre Krankenkasse eine Vergütung ablehnte. Endlich wird die Arbeit von selbständigen Psycholog*innen anerkannt. Nach 40 Jahren. Das muss gefeiert werden!

Foto: Blumengeschäft in Leukerbad und
Text: Petra Dobrovolny 

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