Mein Tagebuch: 13.05.2021

13. Mai, Sonntag: Auffahrt oder Himmelfahrt: «Ich werde bei euch sein …»

Vor dem Gotthardtunnel staut sich seit langem wieder der Verkehr. Heute um 11 h auf mindestens 8 km. Wartezeit über eine Stunde. Rückkehr zur früheren Normalität? Alle wollen ins Tessin oder nach Italien. Gestern sagte mir eine Nachbarin, dass Leukerbad hauptsächlich eine Winterdestination sei. Zu den anderen Jahreszeiten wollten alle ans Meer.
Auch Flüge für Ferienreisen werden wieder gebucht. Für Geimpfte soll das Reisen jetzt kein Problem mehr sein. Fehlanzeige! Das Gratisblatt 20minuten berichtete gestern von einer Schweizer Familie. Der 57-jährige Vater musste vor dem Rückflug von den Seychellen trotz Impfung einen PCR-Test machen lassen. Dieser fiel positiv aus! Die Folge: Die übrigen nicht-geimpften und negativ getesteten Familienmitglieder durften nach Hause fliegen, der Vater wurde zur Quarantäne in ein Hotelzimmer gesperrt. Ein sofortiger zweiter PCR-Test wurde ihm verweigert! Nach einem diplomatischen Hin und Her durfte der Betroffene nach drei Tagen nach Hause fliegen. Wahnsinn! Hier kommen zwei Probleme zusammen: Der PCR-Test ist oft falsch positiv, und Geimpfte können Virusträger*innen sein. Sie sind nicht steril immun! Ein drittes Problem kommt noch hinzu: Die Bürokratie der Kontrollstellen der Flughäfen ändert sich nicht so schnell. 

Wieder muss ich daran denken, dass Georg vor einigen Monaten zu einem Freund, der ihn fragte, ob er sich impfen lassen solle, sagte: «Warte noch ab mit deiner Entscheidung: Vielleicht dürfen bald nur noch Nicht-Geimpfte ins Flugzeug!»

Heute darf ich ab 17 Uhr beim Abendgottesdienst der evangelisch-reformierten Kirche mitwirken: Meine Kristall-Lyra – sie umfasst acht Röhren aus Bergkristall, die schwingend auf einem Rahmen aus Akrylglas montiert sind – habe ich auf den Altar zwischen die grosse Kerze und die Vase mit orangen Rosen gelegt. Nach dem Glockengeläut schlage ich beidhändig mit zwei Schlägeln jeweils eine Röhre der Oktave in C – Dur mit 432 hz an, langsam und meditativ. Jeder Ton klingt und schwingt lange nach, ähnlich wie bei tibetischen Klangschalen. So stimme ich die Anwesenden auf den Gottesdienst ein. Sie lauschen verwundert und andächtig. Die ungewöhnlichen Klänge passen zum heutigen Thema. Der Pfarrer schildert, wie Christus auf dem Ölberg vor den Augen seiner Jünger durch das Licht Gottes emporgehoben wurde. Seine letzten Worte: «Ich werde bei euch sein bis aller Tage Ende.» Was für ein Abschied, der Hoffnung schenkt! Nach der Predigt spiele ich die passenden Klänge zu dieser Szene. Die Gemeinde singt noch zwei Kirchenlieder. Mit Maske ist dies seit kurzem wieder erlaubt. Es folgt der Segen, und zum Abschluss lauschen die Anwesenden noch einmal andächtig meinen Klängen. Der Sigrist hat jetzt zum Glück den «Beamer», der die Psalm- und Liedertexte an die Wand projiziert, ausgeschaltet, so dass dessen Ventilator meine Klänge nicht mehr mit einem technischen Rauschen stört. Die reinen Töne des Bergkristalls können nun ungehindert die Lauschenden erreichen und ihnen einen Moment schenken, der Ewigkeit und Unendlichkeit erahnen lässt.
Ein leises dankbares Klatschen zeigt mir, dass meine Darbietung angekommen ist. Der Sigrist meint, es sei an der Zeit den alten Beamer durch einen neuen zu ersetzen. Auch der Pfarrer dankt mir beim Abschied. «Auf ein nächstes Mal!»
Voller Freude packe ich meine Lyra ein und ziehe sie auf zwei Rädern hinter mir her, den Berg hinauf nach Hause. Auch die steilen Felswände rund um Leukerbad scheinen sich zu bedanken und strahlen auf ihre Art zurück. Die Wolken haben sich gelichtet. Morgen wird sich der blaue Himmel zeigen.

Foto: Balmhorn über Leukerbad und Text: Petra Dobrovolny           

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.