Mein Tagebuch: 17.09.2021

17. September, Freitag: Demo in Bern von gestern

Als unmittelbare Reaktion auf die Ankündigung des Bundesrats über die Erweiterung der Zertifikatspflicht auf Restaurants, Schwimmbäder, Fitness-Studios etc. sowie den verstärkten Druck in Richtung Impfzwang fand gestern Abend eine unbewilligte Demo in Bern statt. Ich schaue mir hier in Leukerbad auf Youtube den Lifestream von Sabine Seibold an. Die Teilnehmenden versammeln sich beim Bahnhof und ziehen friedlich durch die Altstadt zum Bundeshaus. So viele Menschen habe ich in Bern noch nie gesehen. Der «Blick» schreibt am nächsten Tag von 1500, doch von anderer Seite heisst es, dass es etwa 30’000 waren: Familien mit Kindern, öfters alle drei Generationen waren dabei. Die Menge skandiert immer wieder «Liberté! Liberté! Liberté!» oder «Friede, Freiheit, Demokratie!» Viele tragen die Schweizer Fahne mit sich oder schwingen sie, ab und zu wird die Nationalhymne gesungen. Dann sind wieder die «Freiheitstrychler» mit ihren Kuhglocken zu hören. Etwa 30 Meter vor dem Bundeshaus ist ein vier bis fünf Meter hoher Zaun aufgestellt worden. Auch so etwas habe ich noch nie gesehen. Kurz vor 21 Uhr beginnt eine Gruppe des sog. «Schwarzen Blocks», gewaltbereite junge Leute, die an Wochenenden immer wieder in Bern demonstrieren und Schutz vor der Polizei in der Reitschule beim Berner Bahnhof finden, am Zaun zu rütteln und Petarden in Richtung Bundeshaus und Polizei zu werfen. Daraufhin schaltet die Polizei nach einer kurzen Vorwarnung ihren Wasserwerfer ein. Jemand schlägt Sabine Seibold ihr Handy mit einem solch kräftigen Schlag aus der Hand, so dass der Stick, auf dem sie es montiert hatte, abbricht. Andere helfen ihr, das Handy wiederzufinden und trösten sie. Trotz Schock kann sie weiterfilmen. Im Scheinwerfer des nun abgestellten Wasserwerfers tauchen zwei weiss gekleidete Männer mit indischen Trommeln auf. Sie tanzen und singen das Mantra «Hare Krishna», in kurzer Zeit singen, tanzen und klatschen etwa vierzig Leute mit. Die aufgeheizte Stimmung auf dem Bundesplatz wird wieder friedlich, gegen 22 Uhr löst sich die Demonstration auf, ohne dass die Polizei noch einmal eingreift.

Am Tag nach der Demo verteidigt der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause den Einsatz der Polizei. Das Bundeshaus hätte geschützt werden müssen, sonst wäre so etwas wie am 6. Januar in Washington, als das Capitol gestürmt wurde, passiert. Die Tageszeitungen schreiben von einer zunehmenden Gewaltbereitschaft der Impfgegner und werfen alle Demonstrierenden in denselben Topf.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

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