Mein Tagebusch: 24.10.2021

24. Oktober, Sonntag: Gips und «Liberté!» Berner Kundgebung vom 23.10.21

Es ist kälter geworden, nachts gibt es Bodenfrost. Die Lärchen in den Walliser Bergen färben sich goldgelb. Tagsüber wird es 12 bis 18°C. Heute zeigt sich wieder ein strahlend blauer Himmel.
Es gibt gute Nachrichten von Georg: Seine linke Hand ist nicht gebrochen, sie muss auch nicht operiert werden. Dies hat sein Hausarzt in Bremgarten festgestellt. Der Gips sei im Visper Spital gut gemacht worden. Die nächsten sieben Wochen müsse Georg das noch aushalten. So eingezwängt zu sein ist für ihn das Schlimmste, was es gibt, in jeder Hinsicht. Wenn er jetzt mit erhobener Gipshand auf dem Bundesplatz in Bern «Liberté!» riefe, wäre dies sehr symbolisch.

Gestern, Samstagnachmittag, fand in Bern eine nationale Kundgebung historischen Ausmasses statt: Noch nie in der Geschichte der Schweiz gingen so viele Menschen auf die Strasse. Es waren mindestens 50’000, die Medien berichten nur von 10’000. Ich schaue mir von Leukerbad aus die Lifestreams von der CWL Media Group und von Sabine Seibold auf Youtube an. Die Kundgebung ist bewilligt, die Route wurde mit der Polizei abgesprochen. Alles verläuft friedlich. Die Teilnehmenden versammeln sich auf dem Münsterplatz und ziehen zum Bundesplatz: Allen voran ein Dudelsackpfeifer, drei Frauen mit Trommeln und Saxophon, Trachtenfrauen, die zu zweit eine Schweizer Fahne zwischen sich tragen, mindestens hundert Trychler oder Treichler verschiedener Vereine wie die «Freiheitstrychler» und die «Helvetia-Trychler» mit ihren Kuhglocken, eine Gruppe von 26 Leuten, die jeweils ihre Kantonsfahne tragen. Ihnen folgen Menschen aller Altersgruppen, einige mit der Schweizer Fahne, andere mit einer Sonnenblume oder einem selbst bemalten Pappschild oder mit einem Transparent in der Hand. Darauf steht kurz und bündig das Anliegen oder die Forderung wie «NEIN zum Covidgesetz», «Zurück zur Verfassung», «Gott! Befreie uns Vaterland aus den Fängen der Kaptal-Elite! Danke Jesus!», «Kein Impfzwang», «Keine Diskriminierung», «Weniger Staat, mehr Eigenveranwortung!». Der Sonnenschein trägt zur guten Stimmung bei. Ab und zu ruft jemand dreimal: «Liberté!» Dann stimmen andere mit ein. Die Polizei hält sich im Hintergrund. Vor dem Bundeshaus steht in etwa 10 Meter Entfernung ein vier Meter hoher Zaun. Viele Menschen strömen auch von den Seitengassen zum Bundesplatz, der bereits dicht besetzt ist. Der Veranstalter Josef Ender vom Aktionsbündnis der Urschweizer Kantone bittet auf Anweisung der Polizei, nicht zu drängeln, damit keine Panik entsteht.
Alles bleibt friedlich, auf der grossen Bühne beginnen jetzt für fast eine Stunde die Reden auf Deutsch, Schweizerdeutsch und Französisch. Die «freie Linke» und das «Aktionsbündnis der Kantone der Urschweiz» haben die Veranstaltung organisiert. Besonders beeindruckt mich die Ansprache einer jungen Studentin, die Ihren Alltag schildert. Um die Mensa betreten zu dürfen, brauche sie ein Zertifikat, um die Bibliothek und schliesslich auch die Uni betreten zu dürfen, brauche sie ein Zertifikat. Und das nenne man Freiheit! Eine Pflegefachfrau schildert die schlimmen Zustände in Spitälern und Altenheimen. Die seien schon längst vor Covid so katastrophal gewesen. Auch während Corona seien Spitäler und Intensivstationen geschlossen worden. Auch vor Corona wären Alte allein und einsam dahingestorben und mit Essen unterversorgt worden. Der Pflegenotstand verschlimmere sich jetzt, weil das Personal wegen schlechter Arbeitsbedingungen den Beruf an den Nagel hänge. Die guten Nachrichten: Der Kanton Waadt hat letzte Woche die Zertifikatspflicht für Studierende aufgehoben. Und es liesse tief blicken, wenn der Bundesrat es nötig hätte, für einige Millionen Franken Anfang November eine nationale Impfwoche auszurufen.
Zuschauende aus Deutschland hinterlassen auf Youtube viele Kommentare. Sie bewundern die Menschen auf dem Berner Bundesplatz und finden, dass der deutsche Michel schlafe. Die Augen der Welt sind auf die Schweiz gerichtet, besonders am 28. November, wenn über das Covid-Gesetz abgestimmt wird. Jemand meint, dies sei die «schönste und beste» Demonstration gewesen. Die Schätzungen darüber, wie viele Menschen daran teilgenommen haben, gehen weit auseinander. Die Zeitungen schreiben mehrere tausend, die Veranstalter meinen 50’000, andere sogar 100’000! Am Schluss, als sich der Menschenstrom Richtung Bahnhof bewegt, flattern viele Tauben über die Köpfe hinweg. Ein Verkehrspolizist lässt sich von einem Kollegen mit Trychler-Glocken fotografieren. Die Polizeisprecherin beeilt sich zu sagen, dass es darum ging, das Gewicht der Kuhglocken abzuschätzen. Es sei keinesfalls ein politisches Statement gewesen. Sogar der Sicherheitsdirektor der Stadt Bern, Reto Nause, ist zufrieden mit dem friedlichen Verlauf der Kundgebung.

Die Schweiz könnte der Welt vorausgehen. Auch auf italienischen, französischen und englischen Youtube-Kanälen werden kurze Ausschnitte von dieser historischen Kundgebung gezeigt und gelobt.

Foto: 100’000 Kürbisse konnte ich nicht auf das Bild bringen!
und Text: Petra Dobrovolny

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