Mein Tagebuch: 29.10.2021

29. Oktober, Donnerstag: «Out of order» und Bewusstseinstränen

Die Anzeigetafeln in den Schweizer Bahnhöfen funktionieren wieder. Manchmal ist es gut nicht zu wissen, wohin der Zug fährt. Der Grund für den Ausfall war ein unbekanntes technisches Problem. Der Bildschirm meines PCs überlappt sich immer wieder mit dem vorhergehenden Bild. Der Grund dafür ist ein unbekanntes technisches Problem. Zwei verschiedene Wirklichkeiten überlappen sich. In der damaligen Tschechoslowakei sah ich auf meinen Reisen öfters eine Tafel mit der Aufschrift: Es funktioniert nicht. «Nefunguje». Aus technischen Gründen. Ob diese bekannt waren oder nicht, wurde nicht mitgeteilt. Viele Tafeln waren schon vor einigen Jahren an dem betroffenen Ort angebracht worden. Ohne Entschuldigung, ohne ein «We’re sorry.»  
Ein Stromausfall könne alle 30 Jahre auftreten. Es sei bald wieder so weit, sagt Bundesrat und dieses Jahr auch Präsident Guy Parmelin. Man sollte Kerzen und Batterien auf Lager haben. Pro Person sollten Wasserreserven von 9 Litern vorhanden sein, natürlich auch ein Notvorrat an unverderblichen Lebensmitteln. In einem Haus mit Lift sollte man nachschauen, ob niemand steckengeblieben ist. Telefonieren sollte man unterlassen, um das Netz nicht unnötig zu überlasten. Out of order. We’re sorry. Etwas ist aus der Ordnung gefallen. Es tut uns leid. Doch eigentlich können wir nichts dafür. Wir entschuldigen uns für die eventuell für Sie entstandenen Unannehmlichkeiten. Ändern Sie Ihr Kennwort. Es wird in zwei Tagen ablaufen. Aus Sicherheitsgründen benutzen Sie Buchstaben in Kombination mit Zahlen. Mindestens ein Buchstabe sollte grossgeschrieben werden.
Wenn du müde bist und traurig, wenn du dich klein fühlst, werde ich an deiner Seite sein und dich trösten. Mit diesen Worten beginnt das Lied «Bridge over troubled water» von Simon und Garfunkel. Die Beiden sind 80 geworden und freuen sich nach der langen Corona-Pause wieder auf gemeinsame Konzerte. Viele mit diesem oder ähnlichen Jahrgang melden sich jetzt. Ihre Musik haben mich in den 60er- und 70er Jahren ständig begleitet und war oft der passende Ausdruck für mein Lebensgefühl von Schwung, Aufbruch, Freiheit, Liebe, Melancholie, der Sehnsucht nach Frieden für die Welt. John Sheahan, der letzte Überlebende der «Dubliners», feiert seinen 80. Geburtstag mit einem Konzert, an dem er seine Violine spielt und das Publikum wie früher bezaubert. Adriano Celentano ist auch schon 80, Harry Belafonte auch, Reinhard Mey, Tina Turner… Manche melden sich wieder neu wie die schwedische Gruppe ABBA, manche gehen auf Abschiedstournee wie Joan Baez oder Elton John. Viele haben sich bereits in den letzten Jahren verabschiedet und schauen uns vom Himmel her zu: Luciano Pavarotti, Lucio Dalla, Leonard Cohen, Udo Jürgens, Jean-Paul Belmondo, einer der Elderly Brothers und erst kürzlich Mikis Theodorakis…
Manchmal hängt die dritte Dimension an uns wie schwere Gewichte. Trotzdem können wir uns in höhere Dimensionen erheben und uns Engelsflügel wachsen lassen. Alles wird leicht. Aus unbekannten technischen Gründen.
Unser Sonnenstoren funktioniert nicht. Er reagiert nicht mehr auf die Funkimpulse des kleinen Fernsteuergerätes in meiner Hand. Aus unbekannten technischen Gründen. Der Monteur öffnet das Kästchen des Empfangsgerätes, schüttelt den Kopf und schliesst es wieder. Die Lieferzeit für ein neues Gerät würde mindestens vier Wochen betragen. Der Hafen von Triest ist blockiert. Nochmal probiert er das Fernsteuergerät aus. Der Storen setzt sich in Bewegung. Aus unbekannten technischen Gründen. Der Monteur schreibt in seinen Arbeitsrapport, er hätte etwas neu programmiert.

Es liegen zurzeit keine Meldungen über grössere Störungen vor. Aus unbekannten technischen Gründen. Wird jetzt alles neu programmiert? Es gibt einen neuen Kompatibilitätsmodus. Wenn du ihn nicht beim Eingang vorweisen kannst, wist du nicht reingelassen. In der 5. Dimension gibt es keine Türen. Es gibt nur Portale, die sich an bestimmten Tagen gemäss dem Mayakalender öffnen. Deswegen ist es ratsam, dass du eine App für diesen Kalender hast. Um nichts zu verpassen. Doch die Klänge der 7. Dimension werden dir bei Bedarf alle Portale öffnen. Du brauchst nur zu Summen.

Die dritte Impfung, der Booster bzw. die Auffrischung wurde jetzt von Swissmedic für über 65-Jährige zugelassen. «Der Bund» von heute meint, es sei höchste Zeit gewesen, damit dies dann mal bis zum Frühjahr reiche.

Im Radio spielen sie das Konzert von Joaquin Rodrigo «Aranjuez», das Adagio. Mir kommen die Tränen. Ich erinnere mich an eine Begebenheit aus dem Jahre 1979. Ich hatte beschlossen, meine akademische Karriere im Alter von 27 Jahren zu beenden. Mein damaliger Chef hatte meinen Forschungsartikel nur mit seinem Namen in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Er wollte zum Professor ernannt werden. Schon damals hiess es «publish or perish». Entweder veröffentlichst du deine oder geklaute Forschungsresultate oder du verschwindest in der Bedeutungslosigkeit. Dies führte dazu, dass Patienten und Patientinnen nur noch als Datenträger*innen wahrgenommen wurden und nicht mehr als Menschen. Da wollte ich nicht mitmachen. Es widerspricht meinen Werten. Ich packte meine sieben Sachen, gab den Schlüssel ab und nahm im Zürcher Hauptbahnhof den Zug nach St. Gallen, wo Georg und ich damals wohnten. Eine Welt war für mich zusammengebrochen, und ich weinte eine Stunde, fast die ganze Strecke lang. Ich hatte die Illusion verloren, dass akademische Wissenschaft so menschlich ist, wie sie vorgibt. Schon damals begriff ich, dass sie an Interessen gebunden ist. Diese Erkenntnis war für mich so schmerzhaft, dass mir die Tränen nur so flossen. Georg nennt sie «Bewusstseinstränen».
Mir schräg gegenüber im anderen Viererabteil sass ein junger Mann mit Kopfhörern und einem kleinen tragbaren Kassettengerät. Etwa fünfzehn Minuten vor St. Gallen nahm er die Musik-Kassette heraus und hielt sie mir hin. «Sie sind sehr traurig! Es tut mir so leid für Sie. Bitte, nehmen Sie diese Kassette! Ich schenke sie Ihnen. Die Musik wird sie trösten.» Dann stieg er eine Haltestelle vor St. Gallen aus. Ich kannte diesen Mann nicht und weiss auch nicht, wie er hiess. Auf der Etikette der Cassette stand von Hand geschrieben: «Aranjuez. Konzert für spanische Guitarre von Joaquin Rodrigo. Solist: Paco de Lucia».
Ein halbes Jahr später erhielt ich den Doktortitel in Psychologie und machte mich auf meinen eigenen Weg ohne öffentliche Anzeigetafeln, die mir sagten, wann ich wohin fahren soll.
Viele in meiner Umgebung haben damals meine Entscheidung nicht verstanden. Ich hätte doch eine sichere Stelle gehabt und eine offiziell anerkannte Karriere machen können. Der eigene Weg ist oft ein einsamer …

Foto und Text: Petra Dobrovolny

 

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