Mein Tagebuch: 29.11.2021

29. November, Montag: Einfache Lösungen sind gefragt! Oder doch nicht?

In Leukerbad liegen bereits 20 cm Schnee. Ich treffe zwei Nachbarn beim Hauseingang. Einer hält den „Blick“ in der Hand. Die Schlagzeile: „Das Volk hat den Bundesrat erlöst!“ Beide Herren sind zufrieden, dass 62% der Abstimmenden die behördliche Vorgehensweise während der Corona-Zeit billigen und das Covid-Gesetz angenommen haben. 78% der über 35-Jährigen hätten „Ja“ gestimmt. Der 85-jährige Nachbar Erich meint, die Jungen fühlten sich eben in ihrer Freiheit beschränkt, aber das sei doch ein Blödsinn. In einer solchen Zeit bräuchte es einfach eine klare Führung. Auch könne nicht jeder Kanton machen, was er wolle. Der andere 80-jährige Nachbar aus Deutschland erzählt, dass dort jetzt 60 Millionen Impfdosen von Moderna vernichtet werden müssten, weil sie niemand wolle und das Datum der Verwendbarkeit inzwischen abgelaufen sei. Dabei hätte man damit doch einige Afrikaner spritzen können! Aber wir würden eben nichts gerne hergeben, meint er. Ich denke bei mir: „In Afrika wäre man vielleicht nicht unbedingt begeistert von einem solchen Geschenk.“ Beide Herren meinen, solange nicht die ganze Welt geimpft sei, bliebe die Pandemie. Ich entgegne, warum man nur auf das Impfen setze, wo es doch Medikamente gäbe. Nein, die gäbe es nicht. Da niemand mehr weiterdiskutieren will, wünscht man sich einen schönen Tag und verabschiedet sich voneinander.
Anfang November wurde in Pretoria, Südafrika, eine neue Variante des Virus entdeckt. Diese ist wahrscheinlich schon länger unterwegs und stammt auch nicht unbedingt aus Südafrika. Die WHO hat sie inzwischen mit dem 15. Buchstaben des griechischen Alphabets „Omikron“ benannt. Im Vergleich zur sog. Delta-Variante weist es 50 Mutationen in den Spikeproteinen auf. Jetzt wird darüber diskutiert, ob das Immunsystem dank dem bisherigen Impfstoff auch diese neue Variante erkennen und bekämpfen könne. Immer wieder wird bekräftigt, dass alle bisherigen Impfstoffe bestens wirken, am besten nach der 3. Dosis, dem sog. „Booster“. So einfach ist das.
Bei Angst wird die Aktivität des Grosshirns, mit dem wir differenziert denken, Informationen prüfen, Meinungen abwägen usw., ausgeschaltet. Jetzt werden die Überlebensinstinkte der unteren Hirnregionen aktiv. Drei reflexartige Reaktionen haben wir wie die Säugetiere und Reptilien zur Verfügung: Flucht, Aggression oder den Totstellreflex. Flucht: Wohin kann ich in dieser Situation auswandern? Aggression: Ich schlage um mich ohne Nachzudenken und zu diskutieren. Alle, die eine schnelle klare Lösung, egal mit welchen Verlusten, verhindern, sind schuld am Andauern der Misere. Nur eine „Endlösung“ bringt die Erlösung. Covid-Null-Strategie. Das Virus muss ausgerottet werden. Impfzwang muss sein. Wer da nicht mitmacht, wird zum Sündenbock. Demokratie und Grundrechte sind Zeitverschwendung und müssen warten. Jetzt braucht es eine klare Führung. Der Totstellreflex: Ich will von dem allen nichts mehr hören und lesen. Dazu äussere ich meine Meinung nicht mehr. Am besten ist jetzt ein Winterschlaf und ein Aufwachen, wenn alles vorbei ist. So einfach ist das. Oder doch nicht?
Immer weniger Menschen auf der Welt haben Angst und immer mehr gehen auf die Strasse, um ihre Grundrechte zurückzufordern. Vor allem protestieren sie friedlich gegen das Covid-Zertifikat bzw. gegen den grünen Pass sowie gegen die Impfpflicht. Eindrückliche Bilder und Szenen dieser Demonstrationen finden sich auf youtube zum Beispiel von Melbourne, Rom oder Wien. In Österreich sollen sich den Demonstrierenden sogar auch Polzisten angeschlossen haben. In der Schweiz geben die Helvetia Trychler auch nach dem 28. November, der Annahme des Covid-Gesetzes, nicht auf. Jetzt wollen sie sich erst recht für die Freiheit einsetzen und verbinden sich über das Geläut ihrer Kuhglocken mit der Kraft und dem Mut ihrer Vorfahren. Die deutsch-jüdische Historikerin und politische Philosophin Hanna Arendt (1906-1975) sagte einmal: „Es gibt kein Recht, das einer Person die Verantwortung der eigenen Tat abnimmt. Es gibt in dem Sinne kein Recht auf einen blinden Gehorsam. Verantwortung kann sich nur bilden, wenn man reflektiert. Nicht über sich selbst, sondern über das, was man tut.“  

Foto: Die aktuellen offiziellen Plakate über die Vorschriften bei einem Restaurant in der Berner Altstadt
und Text: Petra Dobrovolny
    

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