Mein Tagebuch: 17.03.2022

17. März, Mittwoch: Saharastaub, Solunate und Kriegstrauma

Seit drei Tagen verdeckt der Saharastaub auch die Walliser Sonne, taucht alles in gedämpftes safrangelbes Licht und lässt sich auf der grünen Gartenbank auf der Dachterrasse nieder. Mein griechischer Oregano hat den Winter überstanden und streckt seine ersten hellgrünen Blättchen aus der Erde. Im Flachland macht sich der Frühling schon stärker bemerkbar. Georg schickt mir per Post ein paar Blätter Bärlauch, den er in Bremgarten am Hang zur Aare pflückt. Seiner linken Hand geht es langsam besser, belasten kann er sie immer noch nicht. Zum Schutz trägt er manchmal noch eine Orthese, eine abnehmbare Schiene, die das Handgelenk stabilisiert, wenn er zum Beispiel bei der Gartenarbeit oder beim Einkauf beide Hände gebrauchen muss. – Ihr erinnert euch: Georg war am 17. Oktober in Leukerbad ausgerutscht und hatte sich mit der linken Hand aufgefangen. Innerhalb von vier Wochen wurden Unterarm und Handgelenk 12mal geröntgt. Kein Arzt wollte sich nicht auf eine Diagnose festlegen oder eine Operation empfehlen. Doch die Wirkung der geballten Ladung an Röntgenstrahlen war eine schwere Verbrennung der Haut, und das Handgelenk konnte sich bis jetzt noch nicht regenerieren. – In den letzten Monaten waren viel Zeit und Geduld wichtig. Georg wandte kalte Wickel an, badete den linken Arm mit Meersalz und trug immer wieder verschiedene Salben zur Heilung der Verbrennung auf, vor allem Zinksalbe. Die Radioaktivität musste Georg unbedingt so schnell wie möglich ausleiten, damit sie keinen weiteren Schaden anrichten konnte. Die Verbrennung verbreitete sich auch auf den rechten Arm. Es war, als ob dieser mithalf, den Schaden zu heilen. Dies erinnerte mich daran, was ich einmal in einem Seminar über Anwendungen und Wickel mit dem Heilgestein AION A aus der Emma-Kunz-Grotte bei Würenlos gelernt hatte: Mit einem Wickel lässt sich auch das Gelenk behandeln, welches dem betroffenen Gelenk gegenüberliegt. Im Verlauf des Februars schälte sich die verbrannte Haut beider Arme. Es bildete sich eine neue, zunächst noch sehr empfindliche Haut. Es tat Georg weh, sie nur schon mit einem langärmeligen Hemd zu bedecken. Sein Hausarzt ist der Meinung, dass mit seinem Röntgengerät alles in Ordnung und die Ursache für die starke Verbrennung woanders zu suchen sei. Er würde Georg, falls gewünscht, an einen Hautspezialisten überweisen. Georg winkt ab: «Was bringt das ausser einer weiteren Arztrechnung?»  
Im Internet recherchiert er nach Informationen zur Ausleitung von Radioaktivität und findet die sogenannten «Solunate». Dieses Heilmittelsystem wurde um 1900 von Alexander von Bernus entwickelt und kam 1921 in Deutschland auf den Markt. Das System umfasst 24 zusammengesetzte Heilkräutertinkturen zur Prävention, Unterstützung der Selbstheilungskräfte und zur Heilung verschiedener Krankheiten. Davon hat Georg sich vier verschiedene Tinkturen für Lymphe, Haut, Leber und Nieren besorgt. Unsere Drogerie in Bremgarten konnte sie von Deutschland kommen lassen. Wir sind so von der positiven Wirkung begeistert, dass diese Mittel bereits einen festen Platz in unserer Hausapotheke erhalten haben. Das Buch von Siegfried Sulzenbacher « Die Solunate: Dynamische Mittel für den Praktiker, Hausapotheke und bewährte Therapien» vom ML-Verlag hat Georg mir geschenkt. Wer mehr wissen möchte: www.soluna.de

Die am 24. Februar begonnene militärische Invasion des Kremlherrn in der Ukraine dauert immer noch an. Der Kampfwille der Ukrainer:innen ist nach wie vor ungebrochen, auch wenn besonders die Bevölkerung in den Städten viel Leid erfahren musste. Bereits in den Jahren 2014 und 2015 hatte Georg mit seiner Organisation «Forum Ost-West» insgesamt 11 Hilfstransporte à 28 Tonnen mit humanitären Hilfsgütern für die Ukraine organisiert. Im Anschluss daran haben wir die dortige Selbsthilfe zur Heilung von Menschen mit einem Kriegstrauma aufgegleist. Ein Informationsblatt über das posttraumatische Syndrom für Angehörige von zurückgekehrten Soldaten gibt es inzwischen auf Ukrainisch. Die zuständigen Fachleute wollten es gerade jetzt drucken und verteilen, doch im Moment verbringen sie die meiste Zeit im Luftschutzkeller.
Ein Krieg richtet nicht nur materielles, sondern vor allem psychisches Leid an. Mein Ehepartner Georg hätte nicht gedacht, dass die Erinnerung an August 1968 wieder so stark in ihm aufsteigt: Am Morgen des 21. August fuhren die russischen Panzer an seinem Fenster in Prag vorbei. Die Scheiben klirrten. An dieses Geräusch und die nächsten Szenen in der Prager Altstadt, auch wie er mit den russischen Soldaten das Gespräch gesucht hatte, kann Georg sich wieder genau erinnern. Alles ist für ihn wieder präsent. Seinen drei Schwestern, meinen Schwägerinnen, die in der Tschechischen Republik wohnen, geht es ebenso. Auch unseren tschechischen Freunden, die vor mehr als 50 Jahren Asyl in der Schweiz fanden.
Irgendein Geräusch, ein Geruch, eine Szene aus dem Alltag kann ein «Flashback» bewirken. Das Trauma wird plötzlich «getriggert» und in der Gegenwart 1:1 wiedererlebt. Ich erinnere mich an die Reaktion meiner Mutter, nachdem wir in der Wohnküche unseres Hauses einen kleinen Schwedenofen installiert hatten. Mit Entsetzen betrachtete sie das Ofenrohr und sagte: «Das erinnert mich an den Krieg.» Für mich dagegen wurde der Ofen zum Inbegriff von Wärme und Gemütlichkeit. Meine Mutter sagte mir oft: «Du hast keine Ahnung. Du hast den Krieg nie erlebt!»
Einmal kam eine deutsche Patientin zu mir nach Bern zur Psychotherapie. Sie hatte das Ende des 2. Weltkriegs in ihrer mit ihr schwangeren Mutter erlebt. Als erwachsene Frau litt «ohne für sie ersichtlichen Grund» unter Stottern, verschiedenen Schmerzen und Ängsten. Kein Arzt hatte ihr helfen können, die Invalidenversicherung stempelte sie als Simulantin ab. Erst ihre Träume brachten uns auf die Ursache ihrer Beschwerden und zeigten den Weg zur Heilung.
Kurz nach dem damaligen Krieg in Jugoslawien verbrachten wir viele Jahre unsere Herbst- und manchmal auch Weihnachtsferien in Kroatien und Montenegro. Zwei unserer Freunde hatten für die Stadt Dubrovnik gekämpft und Streifschüsse am Kopf erlitten. Einen von ihnen hatte die Kugel sogar die Haare gestreift, die an der betroffenen Stelle nicht mehr nachwuchsen. Beide können sich noch daran erinnern, dass sie zu Boden fielen und eine Zeit lang bewusstlos waren. Die Folgen dieses Traumas waren zeitweise Gleichgewichtsstörungen, die ihren Alltag sehr einschränkten. Damals hatte ich gerade meine Ausbildung in Craniosakraltherapie abgeschlossen und wusste, wie man Traumata, die sich in den Körperzellen, besonders in Knochen und Gelenken, in der Form von sogenannten Energiezysten «eingenistet» haben, lösen und heilen kann. Unser Körper verschliesst die Information eines Traumas in solchen Energiezysten zum Selbstschutz ein, damit wir weiterhin funktionieren können. Allerdings braucht dieses Ein- oder Wegschliessen ständig kostbare Lebensenergie, die uns dann im Alltag nicht mehr zur Verfügung steht. Die Folge: Unser vegetatives Nervensystem kann sich nicht mehr ausbalancieren, wenn ein chronischer innerer Alarmzustand herrscht und auch unser Immunsystem wird geschwächt. Aus zeitlichen und geographischen Gründen konnte ich unsere beiden kroatischen Helden nur zweimal behandeln. Doch dies genügte, um wenigstens die Gleichgewichtsstörung zu heilen. Sie waren dafür sehr dankbar, weil diese ihren Alltag sehr eingeschränkt hatte. Ich erinnere mich noch, dass wir einmal Silvester in Dubrovnik verbrachten. Unser Freund verabschiedete sich einen Tag vor dem Fest. Er werde den Jahreswechsel ausserhalb der Stadt in einer abseits gelegenen Wohnung verbringen, wo er das Feuerwerk nicht hören könne. Silvester würde er jedes Jahr unter der Bettdecke und mit einer Schachtel Tabletten gegen Migräne verbringen. Auch wenn seine Freundin dafür kein Verständnis hätte. So können Feuerwerke bei Festen Kriegstraumata wieder aufleben lassen. Dies wissen nur wenige Menschen und verstehen die Reaktion von traumatisierten Verwandten und Freunden nicht. Die Betroffenen verstehen sich manchmal auch selbst nicht. Entweder mögen sie erst gar nicht darüber reden oder haben viele Erlebnisse erfolgreich ins Unbewusste verdrängt, um sich zu schützen. Bei Männern, die an einem Krieg teilgenommen haben, kommt noch hinzu, dass sie als Helden nach Hause zurückkehren, zunächst gefeiert werden, alle sind stolz auf die Heldentaten, die sie jedoch besser nicht erzählen oder die eigentlich niemand hören will. Sie selbst beziehen ihr Selbstwertgefühl und ihre Identität von der Rolle des Helden. Und dann? Nach einiger Zeit wird klar, dass sie nicht zum normalen Familien- oder Arbeitsalltag zurückkehren können. Der Staat lehnt in vielen Fällen die Zahlung einer Rente ab. Aber das Trauma der Vergangenheit holt die Helden ein. Die Folge sind Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Schreckhaftigkeit, Verwirrtheit, Arbeitsunfähigkeit. Sie merken, dass sie nicht mehr dieselben sind wie vor dem Krieg. Die engste soziale Umgebung hat kein Verständnis für ihr Verhalten und ihre Geschichten. Die Rückkehrer, die eine sichtbare körperliche Verletzung davongetragen haben, werden noch eher verstanden, zum Beispiel wenn ihnen ein Arm oder ein Bein fehlt. Besonders die psychischen und damit unsichtbaren Folgen lassen den Helden einsam werden. Viele Ehefrauen wollen jedoch ihren Helden zurück und verstehen nicht, dass er im Alltag, wo er jetzt nicht mehr am Leben bedroht ist, immer noch ängstlich ist oder auch ohne nachvollziehbaren Anlass und völlig unerwartet Wutanfälle bekommt. Viele «Helden» fühlen sich allein gelassen und nicht verstanden, sie verstehen sich oft selbst nicht. Sie ziehen sich aus dem sozialen Umfeld zurück und helfen sich mit Alkohol und Drogen. Viele begehen Selbstmord, manch einer läuft Amok. Von der Wut gepackt erschiessen sie wahllos unschuldige Menschen und richten sich manchmal anschliessend selbst.
Erst nach dem Vietnamkrieg fand die Diagnose «posttraumatisches Syndrom» offiziell Anerkennung und Eingang in das Verzeichnis der psychischen Krankheiten im amerikanischen Kompendium der Diagnostik für Psychopathologie.

So viel zur Diagnose. Und wie kann die Therapie aussehen?

Familienmitglieder und Bekannte sind zunächst die besten Personen, an welche sich ein aus dem Krieg zurückgekehrter traumatisierter Soldat wenden kann. Es hilft ihm, wenn er in einer vertrauensvollen Atmosphäre von seinen Erlebnissen erzählen kann. Liebe und Tränen sind die beste Therapie. Dazu müssen die Nächsten folgendes wissen: Auch ein Held darf weinen. Auch ein Held möchte liebevoll umarmt werden. Lasst ihn erzählen, stundenlang, immer wieder. Auch wenn er sich wiederholt. Wird es den Zuhörenden zu viel, ist dies verständlich. Denn ein erzähltes Trauma kann auch die Zuhörerschaft traumatisieren. Fachleute sprechen dann von einem Sekundärtrauma. Hilfreich ist es, wenn der Betroffenen sich mit ähnlich traumatisierten Kollegen in einer Gruppe austauschen kann. Erkundigen Sie sich nach Selbsthilfegruppen oder organisieren sie selbst eine. Dies alles kann verhindern, dass der Traumatisierte sich von seinem sozialen Umfeld zurückzieht, sich verschliesst, schweigt und dem Alkohol oder anderen Drogen verfällt.
Gibt es die Möglichkeit oder die zusätzliche Möglichkeit einer professionellen Therapie, ist meiner Erfahrung nach die Craniosakraltherapie eine der hilfreichsten.  
Manchmal werden auch Körperübungen angeboten, die der Betroffene als Selbsthilfe ausüben kann. Fragen Sie danach. Psychopharmaka und Schmerzmittel können kurzfristig hilfreich sein, bekämpfen jedoch nur die Symptome und verhindern eine Verarbeitung des Traumas.

Fühlt sich ein Betroffener durch Gebete oder eine Religion angesprochen, so kann folgende Affirmation helfen:

«Ich bitte darum, dass sich die gesamte Information des Traumas aus dem Gedächtnis meiner Körperzellen ganz und gar löst, zurückkehrt zu Gott, dem Allmächtigen. Alles, was mich bedrückt und krank macht, wird transformiert durch das göttliche Licht. Hiermit übergebe ich das Trauma dem allmächtigen Gott unter Beistand von Jesus Christus, der den Tod am Kreuz auch für mich überwunden hat. Ich bin erlöst und geheilt. Amen.» 

Foto: Saharastaub auf meiner Gartenbank
und Text: Petra Dobrovolny

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.