Mein Tagebuch: 19.03.2022

19. März, Samstag: Das Leben ist ein Tanz – mein eigener Weg

Heute hätte die weltberühmte Ballerina Margot Fonteyn ihren 100. Geburtstag. Gestern sah ich auf dem Youtube-Kanal „Arte“ einen Dokumentarfilm über ihr Leben und erinnerte mich daran, dass ich einmal Tänzerin werden wollte. Margot Fonteyn war für mich ein grosses Vorbild. Als ich 15 Jahre alt war, führte ihr „Royal Ballet“ im neuen Stadttheater von Luxemburg „Schwanensee“ auf. Sie tanzte zusammen mit Rudolph Nurejew.  Es war atemberaubend, ich kann mich noch genau daran erinnern. Sobald Margot Fonteyn die Bühne betrat, verschwanden ihre Ich-Grenzen. Mit ihrer Energie füllte sie nacheinander den Bühnenraum, den Orchestergraben und schliesslich den gesamten Zuschauerraum aus. Man sah ihr nicht einfach zu, wie sie tanzte, sondern man tanzte in ihr. Der sterbende Schwan starb nicht getrennt vom Publikum auf dem Boden der Bühne, sondern das Publikum starb mit. Wenn Nurejew dazukam, bildeten beide im Pas de Deux eine Energiekugel von Liebe, Sehnsucht und Verzweiflung, die bald einmal auf das Publikum überschwappte. Der russische Tänzer hatte eine unglaubliche Bühnenpräsenz und eine grosse Leidenschaft. Während dieser Aufführung vergass ich die Welt um mich herum.

Der Dok-Film rief in mir viele Erinnerungen an mein eigenes Tanzen wach. Die Namen der Tanzschritte aus dem Film kenne ich immer noch, die Musik von Tschaikowsky und die Choreografie lassen mich immer noch dahinschmelzen. Das Leben ist ein Tanz. Vom 4. bis zum 17. Lebensjahr besuchte ich den Unterricht im klassischen Ballett in Luxemburg nach dem Programm der Royal Academy of Dance in Covent Garden, London. Margot Fonteyn war damals die Direktorin.
Meine „Tanzgeschichte“ begann so:
Als kleines Kind war ich sehr schüchtern und ängstlich. Meine Mutter dachte, dass Ballett mir guttun würde, und ich erhielt ab dem Alter von 4 Jahren Unterricht im klassischen Tanz. Meine Lehrerin hiess Stenia Zapalowska und kam ursprünglich aus Polen. Ihr Hintergrund war das klassische Ballett der Kiewer Schule und sie kannte die berühmten Choreografien von Balanchine und weiteren Russen. Vor allem hatte sie eine Gabe mit Kindern umzugehen, alle liebten sie. Sie war „unsere“ Madame Zapalowska. Zum grössten Teil unterrichtete sie nach dem Programm der Royal Academy of Dance. Alle zwei Jahre kam aus London eine Inspektorin, um uns Schülerinnen zu prüfen. Hatte man bestanden, gab es ein Diplom für den betreffenden Grad. Es gab 5 Grade oder „Degrees“ des „primary level“, der Grundausbildung. Danach konnte man noch drei Prüfungen des professionellen Niveaus absolvieren und mit der Bühnenreife abschliessen. Einmal im Jahr führte Madame Zapalowska den Eltern und Bekannten ihrer Schüler:innen vor, was wir gelernt hatten. Diese Aufführung fand die ersten Jahre noch im alten Luxemburger Stadttheater statt. Die Kostüme wurden ausprobiert, die Musik ab Tonband, die Bühnenbeleuchtung. Der Bühnentechniker erklärte uns alle Knöpfe auf der grossen hölzernen Schalttafel. Wir durften auch selbst mal den Vorhang bedienen. Am lustigsten war ein weisser Emailknopf mit der schwarzen Aufschrift: „Vent“. Drückte man darauf, erklang das Geräusch des Windes, der sich je nach Wunsch noch verstärken liess. Einen Knopf für den Regen gab es auch. Schon als kleines Kind wurde mir klar: Auf einer Bühne kann man den „Lieben Gott“ spielen und die ganze Schöpfung in Bewegung setzen. So ein Spass! Auch den Geruch der schweren Samtvorhänge werde ich nie vergessen. Lampenfieber kannten wir kaum, wir freuten uns, unsere Künste zu zeigen. Dafür setzte sich unsere Madame Zapalowska umso mehr unter Leistungsdruck und konnte die Nacht vor einer solchen Aufführung vor Migräne nicht schlafen. Sie verwechselte dann schon mal die Reihenfolge der Kostüme, die wir für die verschiedenen Tänze anziehen mussten. Doch wir bemerkten dies immer und brachten es wieder in Ordnung. Später gab es ein neues Stadttheater mit einer sehr grossen und einer kleineren Bühne, auf welcher wir tanzten. Diese war zwar technisch besser und praktischer eingerichtet, hatte aber nicht die Magie des alten Theaters.

Meine Mutter machte mir bald einmal klar, dass eine Tänzerin ihre Bühnenkarriere höchstens bis zum 27. Lebensjahr verfolgen könne. Danach bliebe ihr nur noch übrig Ballettlehrerin zu sein. Das sei doch nichts für mich. – Eine kleine Nebenbemerkung: Margot Fonteyn trat im Alter von 60 Jahren von der Bühne ab. Doch ich bildete mir nicht ein ihr Format zu haben. – Ausserdem, meinte meine Mutter, sollte ich mich im Abiturjahr besser auf den Schulabschluss konzentrieren. Dieser sei nämlich für meine Zukunft entscheidend und nicht der Tanz. – Nun, auch eine Mutter kann nicht alles im Voraus wissen. – Ich bettelte so lange, bis mir doch noch eine Stunde pro Woche gewährt wurde. Meine Madame Zapalowska unterrichtete mich zusätzlich ab und zu heimlich und kostenlos, denn ich wollte mit dem 5. und letzten Grad unbedingt die Grundausbildung noch während meiner Zeit in Luxemburg – noch vor dem Studium an der Universität Zürich – abschliessen. Die Gebühren für die Prüfung mit der englischen Inspektorin bezahlte ich von meinem Taschengeld und erzählte meinen Eltern erst davon, als ich ihnen das Diplom zeigen konnte. Nach 13 Jahren hiess es Abschied nehmen, und meine Lehrerin schenkte mir eine Schallplatte mit Klaviermusik zu einer klassischen Ballettstunde mit Übungen an der Stange und in der Mitte des Raumes.

Nach dem Abitur an der Europa-Schule in Luxemburg zog ich im Alter von gerade 18 Jahren zum Studium in die Schweiz nach Zürich. Dort besuchte ich ein paar Mal die Lektionen im klassischen Ballett des Sportzentrums der Uni. Doch der Unterricht war sehr unpersönlich und machte mir keinen Spass. Theoretisch hätte ich mir eine passende Ballettschule suchen und in drei Jahren die Bühnenreife als professionelle Tänzerin erwerben können. Das Diplom der Grundausbildung hatte ich bereits in der Tasche. Doch ich wollte meine Spitzenschuhe an den Nagel hängen und lieber barfuss den Boden erkunden, anstatt mich von ihm abzuheben. Der moderne Tanz nach Martha Graham war damals beliebt und in Mode, und im Zürcher Opernhaus sah ich davon viele Vorstellungen mit Gruppen aus den Niederlanden, jene von Maurice Béjart damals noch aus Belgien, und den USA. Als Studentin konnte ich mir oft einen Stehplatz ganz oben in der Galerie des berühmten Hauses zu nur einem Schweizerfranken ergattern.
Bald einmal fand ich die Tanzschule von Charlotte Müller. Sie war u.a. von Sigurd Leeder, dem deutschen Tänzer, Pädagogen und Choreografen, ausgebildet worden, welcher auch bei Rudolf von Laban gelernt hatte. Von Laban hatte eine Zeichenschrift erfunden, mit welcher man die Choreografien des modernen Tanzes festhalten konnte. Dies war sehr hilfreich, denn im Unterschied zum klassischen Ballett haben die Schritte und sonstigen Bewegungen im „Modern Dance“ keinen genauen Namen. Es folgten für mich wichtige Lehrjahre des Spürens und Forschens nach meinen eigenen Bewegungen, die sich aus mir heraus entwickeln und sich Raum nehmen wollten. Die Lehrerin machte fast nie etwas vor, was die Schüler nachmachen sollten, sondern sie unterstützte die eigene Suche und begleitete diesen Weg. Das Ziel war keine Vorführung vor einem Publikum. Das Ziel waren der Weg und die Freude über einen stimmigen Ausdruck.
Ein- oder zweimal nahm ich an einem einwöchigen Seminar an der School of Dance von Sigurd Leeder in Herisau teil. Er war damals ein mürrischer alter Mann – er starb im Jahre 1981 -, aber wenn er unterrichtete, blühte er auf und wurde zum Schöpfergott.
Mein Weg führte mich weiter über die Gestalttherapie nach Fritz Pearls und dem „Sensory Awareness“, der gespürten Achtsamkeit nach Charlotte Selver, der Eutonie nach Gerda Alexander bis hin zu Seminaren in Tanztheater bei Katya Delakova und ihrem Partner, dem Musiker und Komponisten Moshe. Die Schweizer Tanztherapeutin Trudi Schoop lernte ich kennen und fragte mich, ob ich eine längere Ausbildung mit Abschluss bei ihr absolvieren sollte. Es kam nicht dazu. Ich musste das quirlige Zürich der siebziger Jahre verlassen und nach St. Gallen umziehen. Georg musste wegen der bevorstehenden Einbürgerung dort noch mindestens zwei Jahre wohnen bleiben. Und als brave Ehefrau konnte ich nach Meinung der damaligen Einbürgerungsbehörde nicht länger von ihm getrennt in Zürich leben. Es kursierten die seltsamsten Anekdoten über den Weg zur Erlangung des schweizerischen Bürgerrechts. Mit dem bekannten Komiker Emil Steinberger in der Hauptrolle als „Einbürgerungsbeamter“ gab es sogar den Film „Die Schweizermacher“ darüber. Auch wir können darüber eine Geschichte erzählen. Davon ein anderes Mal.
An der Migros Klubschule in St. Gallen konnte ich für 30.- Franken im Monat einen Tanzraum mieten, in welchem ich fast täglich eine Stunde lang meinen eigenen Tanz erforschte. Ich genoss die Zeit und den grossen leeren Raum mit mir allein. Nach ein paar Monaten fragte mich eine Assistentin der Klubschule, bei welcher ich jeweils den Schlüssel für den Raum abholte, was ich denn eigentlich dort mache. Als ich ihr von meiner „Forschungsarbeit“ erzählte, war sie beeindruckt und hatte die Idee, dass ich doch mal innerhalb des Klubschulprogramms einen Kurs für Erwachsene anbieten könnte. Zu meinem Erstaunen war mein erster Kurs „Auf dem Weg zum eigenen Tanz“ ausgebucht, bald konnte ich zwei, dann drei Gruppen Erwachsene im Alter von 20 bis 70 Jahren unterrichten. Die Nachfrage war so gross, weil viele sich nicht nach einem von einer Tanzlehrerin festgesetzten Programm ausrichten, sondern eigene Bewegungsfolgen ohne fremde Bewertung entdecken wollten. Meine eigene Freude wirkte dabei ansteckend und ermutigend. Fünf Jahre lang gab ich diese Kurse, bis der Lebenstanz Georg und mich dazu aufforderte, nach einem „Umweg“ über die USA nach Bern umzuziehen.
Mein Tanz nahm eine andere Richtung, als ich Prof. Ilse Middendorf kennenlernte. 1983 fand ich in einer Fachzeitschrift für Gestalttherapie einen Artikel von Ilse Middendorf über den „Erfahrbaren Atem“ und die Suche nach dem eigenen Atemrhythmus. Davon fühlte ich mich sehr angesprochen, musste aber enttäuscht feststellen, dass das Institut eine Berliner Adresse hat und zu der damaligen Zeit nur Vollzeitausbildungen anbot. Für mich war dieser Weg aus finanziellen und geografischen Gründen nicht möglich. Ein paar Tage später schlug ich den „Tagesanzeiger“ genau auf der Seite eines Inserates auf, welches für meine nächsten drei Lebensjahrzehnte wegweisend wurde. Ilse Middendorf gab damals ihren ersten einwöchigen Kurs in Zürich. Ein paar Jahre später begann ich eine berufsbegleitende Ausbildung im Ilse-Middendorf-Institut im Odenwald. Es wurde von ihrem Sohn Helge und ihrer Schwiegertochter Veronika geleitet. Die Methode beinhaltet einerseits eine körperliche Behandlung, bei welcher der Klient oder die Klientin auf einer Liege liegt und mit verschiedenen therapeutischen Griffen, die den Atemfluss im ganzen Körper fördern, behandelt wird. Für einen Zuschauenden mag dies wie eine Massage aussehen, allerdings muss sich dazu die behandelte Person nicht ausziehen. Andererseits zählen zur Methode des „Erfahrbaren Atems“ Übungen, die selbständig im Sitzen oder Stehen ausgeführt werden. Die Kurse, die dazu angeboten werden, tragen oft den Titel „Atem und Bewegung“. Im Jahr 1991 schloss ich die Ausbildung zur Atemtherapeutin ab, 20 Jahre lang unterrichtete und behandelte ich nach dieser Methode. Hauptsächlich geht es darum, den eigenen Atemrhythmus und die eigenen Bewegungen „aus dem Atem“ zu finden. „Das Eigene zu finden“ scheint für mich ein Lebensmotto zu sein. Ich fand meine eigene Therapiemethode, indem ich Atemtherapie nach Ilse Middendorf und Traumanalyse nach C.G. Jung miteinander kombinierte. Über diese Arbeit habe ich zwei Bücher* veröffentlicht. Während ich das erste schrieb, meinte Ilse Middendorf, dass sich ihre Methode nicht mit der analytischen Psychologie nach Jung verbinden liesse. Ich schenkte ihr dann ein Exemplar, und sie erzählte mir, dass sie es zweimal mit grosser Freude gelesen und ihre Meinung geändert hätte.

* 1. „Lass mich atmen!“ Selbstwerdung und Sinnfindung durch Traum und Atem.

2. Eine Rose für Aschenputtel. Ein Weg zur Selbstachtung.

Beide Bücher sind vergriffen und manchmal noch antiquarisch erhältlich. Deswegen habe ich die Kerngeschichte und Quintessenz noch einmal überarbeitet und 2020 im Erzählsammelband
„Riskante Fahrt in die Sahara“, hrsg. Literaturpodium in der Edition Dorante, Berlin, publiziert.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

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