Mein Tagebuch: 17.07.2022

17. Juli, Sonntag: Was ist ein «Posttraumatisches Syndrom»? Oder: Wie feiern wir den 1. August?

Georg hat mir gesagt, ich solle doch mal als Fachperson aus neuropsychologischer Sicht etwas darüberschreiben, was bei einer Traumatisierung bzw. einer Wieder-Traumatisierung passiert. Der aktuelle Anlass sind die baldigen Feuerwerke am Schweizer Nationalfeiertag.
Wenn wir in der Schweiz um den 1. August herum das Knallen von Feuerwerkskörpern hören, verstehen wir – oder sehr viele von uns – dies als einen Ausdruck der Freude über unsere demokratischen Errungenschaften, die gefeiert werden sollten. Bis in die 70er Jahre wurde dieser Tag mit Höhenfeuern gefeiert. Erst seit den 80er Jahren gibt es offizielle Feuerwerke und privates Knallen.
Viele in unserem Land, besonders Flüchtlinge, werden jedoch mit jedem Knall an Schiessereien und Bombenangriffe erinnert, die sie in ihrem Heimatland als lebensbedrohlich erlebt haben. Sie können sich zwar mit dem Verstand sagen: «Jetzt feiern die Schweizer:innen und freuen sich!», aber die Erinnerung an die eigenen traumatischen Kriegserlebnisse wird sofort wieder wach. Der Überlebensinstinkt setzt sich gegenüber dem Verstand durch – dies ist ein Naturgesetz -, das vegetative Nervensystem reagiert sofort: Die Atmung beschleunigt sich, der Blutdruck erhöht sich, Schweiss bricht aus, Stresshormone werden ausgeschüttet, Schlafstörungen folgen. Die früher erlebte lebensbedrohliche Situation, egal ob sie ein paar Tage oder bereits Jahre her ist, läuft im Gedächtnis wieder wie ein Film ab. Die betroffenen Menschen reagieren mit einem Flucht-, Totstellreflex, oder mit einem Angriff, also mit Aggression. Dies kann sogar so weit gehen, dass jemand aus dem Fenster springt oder Amok läuft. Denn in der wiederbelebten bedrohlichen Situation wird naturgemäss der Verstand ausgeschaltet.
 
Was können wir als Gastgebende in der Schweiz tun? Wir könnten zumindest unsere private Knallerei sein lassen und das Geld, welches wir dafür ausgeben würden, spenden. Zum Beispiel für Traumatherapien oder für die allgemeine Aufklärung darüber. Wenn wir als Laien und Mitmenschen sehen, wie jemand leidet, könnten wir diesen liebevoll umarmen. Wir können ihm sagen, dass wir seine Angst verstehen und dass es sich jetzt und hier nicht um eine lebensbedrohende Situation handelt. Uns selbst würde es als von einer solchen Situation Betroffene genauso gehen. Denn als Menschen haben wir alle das gleiche Gehirn und den gleichen Überlebensinstinkt.

Das «Posttraumatische Syndrom» wurde als offizielle Diagnose von der Psychopathologie und dem Diagnose-Index der Psychiatrie erst nach dem Vietnamkrieg anerkannt. Mittlerweile hat diese Diagnose auch in den europäischen Diagnose-Index Eingang gefunden und gilt nicht nur für Kriegstraumata, sondern auch für erlittenen sexuellen Missbrauch, Folterungen, Überfälle sowie für Folgen von Verkehrsunfällen. Bei den Kriegsveteranen aus Vietnam wurde erkannt, dass viele nach ihrer Rückkehr mit den klassischen Formen des Überlebensinstinkts reagierten: Sie zogen sich sozial völlig zurück – Totstellreflex -, flüchteten sich in Drogen oder Alkohol – Fluchtreflex. Oder sie wurden auf nicht nachvollziehbare Weise gegen ihre Partnerinnen und Kinder aggressiv – Angriffsreflex – oder liefen sogar Amok – ein Angriff auf anonyme Opfer stellvertretend als Rache an der Gesellschaft, der man zwar als Soldat gedient hat, aber dabei kaputt ging und nicht als Held gefeiert wurde. Diese drei Reflexe gehören zum Überlebensinstinkt und können nicht über den Verstand kontrolliert werden. Da Kriegsrückkehrende für eine Gesellschaft eine grosse Belastung sind, kann ihr Leiden nicht ignoriert werden. Die Anerkennung der Diagnose «Posttraumatisches Syndrom» hat natürlich für die Therapie und/oder Berentung der Betroffenen wichtige und positive Folgen. Ob Soldat:innen oder Flüchtlinge: Die Gesellschaft, d.h. wir, dürfen auch zu unserem eigenen Schutz deren Probleme nicht ignorieren.

Anm.: Hört euch mal das Lied «Waltzing Mathilda» gesungen von Ronnie Drew auf Youtube an!

Es geht nicht darum, dass wir am 1. August darauf verzichten sollen, die Schweiz zu feiern. Es geht um Achtsamkeit und Mitgefühl dem Nächsten gegenüber. Unter Fachleuten, besonders den Neurowissenschaftler:innen, ist das Wissen über das Posttraumatische Syndrom eher verbreitet. In meiner Karriere habe ich oft erlebt, dass Psychiater:innen und Versicherungsärzt:innen in ihren Gutachten meine betroffenen Patient:innen als Simulant:innen darstellten, besonders wenn diese wegen eines Schmerzsyndroms und Depressionen arbeitsunfähig waren. Meine Berichte wurden dann als fachlich inkompetent verurteilt. Ich legte jeweils Berufung ein. Und, siehe da: Steter Tropfen höhlt den Stein! Vor etwa 8 Jahren erkannte das Schweizer Bundesgericht solche Syndrome als Grund für eine Rente an.  

Das Wissen darüber, was ein Trauma für Betroffene und Angehörige bedeutet, ist sehr wichtig. Der gemeinnützige Schweizer Verein «Pro Mundo» leistet hier eine wichtige Aufklärungsarbeit. Er sorgt mit Informationsblättern in verschiedenen Sprachen, u.a. auch auf Russisch und Ukrainisch, für die Verbreitung des Wissens über Traumata und deren Heilung. Falls Sie diese Arbeit unterstützen möchten, ist Ihre Spende willkommen:  http://www.promundo.ch/

IBAN: CH82 8080 8003 9639 42234
IID 80808 BIC: RAIFCH22

Konto «Pro Mundo» bei der Raiffeisenbank, Bahnhofstr. 20, CH-3400 Burgdorf

Foto und Text: Petra Dobrovolny

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