Mein Tagebuch: 07.08.2022

07. August, Sonntag: Weisse Rosen als Dank

Heute Morgen riecht es nach Herbst. Nebelschwaden tasten die Berghänge ab. Der Sommer mit seinen Hitzetagen scheint sich zu verabschieden. Die Wasserfälle rund um Leukerbad sind schon seit Mitte Juni nicht mehr zu hören. Sie sind versiegt. Regen wird sehnlich erwartet.

Am 21. Juli bekam ich eine Nachricht aus Luxemburg: Die ehemalige Schwiegermutter meines Bruders ist mit fast 94 Jahren gestorben. Sie konnte Anfang Juni noch am 70. Geburtstag ihres Sohnes Jos teilnehmen. Er erzählt mir am Telefon, dass er bei seiner Mutter war, als sie starb. Sie wünschte sich, dass er ihr den Rosenkranz um den Kopf legen sollte. Ich bat Jos, bei der Beerdigung in meinem Namen 12 weisse Rosen auf das Grab seiner Mutter zu legen.
Dieses Ereignis ruft viele Erinnerungen in mir wach. Ich mochte die Verstorbene sehr gerne. Sie hiess Maria und hatte italienische Wurzeln. Ihre Kochkünste waren legendär, besonders ihre Lasagne und ihre Mousse au Chocolat. Ich schaute ihr einige Male beim Kochen zu. Maria zeigte mir, wie sie mit ihren geschickten Händen Spaghetti machte. Damals war ich 16 und 17 Jahre alt.

Ich erinnere mich auch wieder an die Musik jener Zeit: Mit 13 hatte ich von meinem Vater ein kleines Radio geschenkt bekommen. Vom Sender «Radio Luxemburg» liess ich mich ausser sonntags um 6.45 h wecken, meistens wurden französische, italienische und deutsche Schlager bzw. Chansons gespielt. Ich schaue bei Youtube nach und werde fündig. Meine Lieblinge wie Michel Sardou, Joe Dassin, Gilbert Bécaud, Mireille Matthieu, Léo Ferré, Yves Montand, Georges Moustaki, … alle sind da, oft in historischen Aufnahmen. Manche sind bereits gestorben, wie Jacques Brel oder France Gall, einige haben vor kurzem ihren 80. Geburtstag gefeiert, wie zum Beispiel Charles Aznavour. Ihre Stimmen, die Texte und Melodien haben meine Jugend begleitet und geprägt. Sie sind ein Teil meiner kulturellen Identität.

Ein paar Tage nach dem Begräbnis schickt Jos mir Fotos vom Grab seiner Eltern. Sein Vater war vor einiger Zeit im Alter von 90 gestorben. Mein weisser Rosenstrauss liegt in der Mitte der grossen Steinplatte, links und rechts davon sehe ich die grossen Kränze der Kinder und Enkelkinder mit vielen grünen Blättern und … ebenfalls weissen Rosen. Wir alle hatten, ohne uns abzusprechen, die gleiche Idee. Jos meint, irgendwie hätte alles gut zusammengepasst, die Feier sei sehr stimmig gewesen.  – Ein Lebenskreis hat sich geschlossen. Und ich danke Maria, dass auch sie und ihre Familie eine Rolle in meiner Prägung gespielt haben. Weisse Rosen sind mein Dank und ein Zeichen meiner Wertschätzung.

Es mag erstaunlich klingen, aber ich weiss genau, dass die Zeit der Prägung meiner Identität an meinem 18. Geburtstag, dem Tag meiner Führerscheinprüfung endete. Ich hatte einen sehr guten Fahrlehrer. Das Wichtigste, was ich bei ihm gelernt habe: «Wenn du in deinem Wagen fährst, fährst du gleichzeitig in dem Wagen des Fahrers vor dir und in dem Wagen des Fahrers hinter dir. Wenn dir das bewusst ist, wirst du niemals einen Unfall bauen.» Recht hatte er. Später – 1986 – nahm ich in Washington DC ein paar Stunden Fahrunterricht, um das amerikanische Verkehrskonzept kennenzulernen. Wir wollten nach unserem Aufenthalt in Washington DC noch Ferien in Kalifornien verbringen und in San Francisco ein Auto mieten. Auch dieser – diesmal ein afroamerikanischer – Fahrlehrer sagte mir: «Du hast die Tendenz, anderen nachzufahren. Aber du hast doch deinen eigenen Weg. So follow your own way!» Mit dieser Aussage hatte er ins Schwarze getroffen. Seither gehe oder fahre ich bewusst meinen eigenen Weg. Dieser amerikanische Fahrlehrer hatte auch klare Ansichten, was das in den USA das Überleben betraf. Er sagte: «Either you make it or not.» Entweder schaffst du es oder nicht. Ganz einfach. Und man müsste auch kein Mitleid haben mit denjenigen, die es nicht schaffen. – Nach der achten Fahrstunde meinte er, alles, was ich jetzt noch zu lernen könnte, seien enge Kurven auf schmalen Parkstrassen in der Nacht. Ich bedankte mich bei ihm für die bisherigen Stunden und sagte, dass ich als Schweizerin enge Kurven gewohnt sei, auch in der Nacht. Das verstand er sehr gut. Und das war es dann auch. – In Kalifornien fuhr ich die Kurven des berühmten Highways Number One, der Küstenstrasse am Pazifik, so rasant, dass Georg meinte, er müsse seine Hand ständig an der Handbremse für den Notfall bereithalten. Meine amerikanischen Erfahrungen kamen mir dann im Jahre 2012 zugute, als wir Ferien auf Kauai’i verbrachten. Nur waren auf der hawaiianischen Insel die Strassen fast europäisch schmal und die Geschwindigkeitsbegrenzung betrug 80 Miles per hour. Und alle Verkehrsteilnehmer:innen waren noch höflicher, sanfter und rücksichtsvoller als sonst in den «Festland-USA». Niemand will den anderen erziehen, dem anderen einen Vogel zeigen oder es besser wissen. Nach zwei Tagen hatte ich es begriffen und schämte mich für meine europäische Ellenbogenmentalität, die besonders während meiner Fahrten in der Tschechischen Republik und auf deutschen Autobahnen gefragt war. Das Miteinander im Verkehr geht auch anders, nämlich liebevoll. Wir haben doch alle etwas gemeinsam: Wir sind unterwegs und möchten ein Ziel erreichen.

Foto und Text: Petra Dobrovolny 

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