Mein Tagebuch 19.10.2022

19. Oktober, Mittwoch: Die Talente in die Welt bringen

Die Lärchen färben sich goldgelb, die Mauersegler sind weiter in den Süden geflogen. Ab und zu höre ich abends das Zirpen einer einsamen Feldgrille. Seit der Abreise von Georgs jüngster Schwester und ihrem Ehepartner – unserem Besuch aus Mähren – am 1. Oktober hält das milde und sonnige Wetter an. In der Nacht wird es hier auf 1450 m Höhe nicht kälter als 10°C, tagsüber zeigt das Thermometer mindestens 23°C.

Diesen Monat ist schon so viel passiert, dass ich gar nicht mehr mit dem Schreiben nachkomme. Also Schritt für Schritt der Reihe nach:

Habt ihr mal etwas von dem Amerikaner William Toel gehört? In meinem Tagebuch habe ich ihn bereits erwähnt. Er erzählt auf Youtube, dass er von Gott dazu auserkoren wurde, ein Wächter oder Hüter Deutschlands zu sein. Ungefähr 1984 hatte er die Vision vom Fall der Mauer. Niemand glaubte ihm. Letztes Jahr organisierte er zum ersten Mal einen «Walk am Rhein» im Gedenken an die jungen deutschen Soldaten, die als Gefangene unter amerikanischer Besatzung in den Rheinwiesenlagern verhungerten, verdursteten oder erschossen wurden. Tausende von Menschen, besonders Familien mit drei Generationen, nahmen an dem Spaziergang teil, beteten und trauerten. Viele Tränen durften endlich fliessen. Diese «Aktion» bewirkte eine wichtige Heilung von alten Traumata.- Dieses Jahr rief William Toel im September wieder zu einem «Walk am Rhein» auf: Wir sollten in diesem Monat am Ort unserer Wahl eine Stunde lang für die Freiheit und Souveränität Deutschlands beten. Auch in der Schweiz beteten Menschen am Ufer des Rheins. Ich tat dies am Ufer der Aare, die in den Rhein fliesst. Deutsche sollten sich nicht mehr für ihr Deutschsein schämen und schuldig fühlen, sondern sich mit der deutschen Seele, Tugenden und Begabungen verbinden, um positiv für das Allgemeinwohl zu wirken. Es geht nicht darum, überheblich zu werden und sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen. Jedes Volk auf der Welt hat wie die Figuren auf einem Schachbrett eine bestimmte Rolle und Aufgabe. Jetzt sei es höchste der Zeit, so William Toel, dass die Deutschen sich an ihre einzigartige Rolle im Dienst der Welt erinnern und diese wahrnehmen. In diesem Sinne hielt er am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, eine Rede in Berlin. Zu Beginn erzählt er, dass er zu Hause in den USA vor zehn Tagen eine schlaflose Nacht hatte. Seine deutsche Frau riet ihm zu beten. Gott sprach zu ihm und gab ihm den Auftrag sofort nach Berlin zu reisen, um am Tag der deutschen Einheit zu den Menschen zu sprechen. William Toel prophezeit, dass Deutschland in vier bis fünf Monaten frei und souverän sein wird – gemäss dem Willen Gottes.

Gott hat uns alle – egal welcher Nation wir angehören – mit Talenten geschaffen und uns Begabungen geschenkt, damit wir uns frei – und nach bestem Wissen und Gewissen – ausdrücken und für das allgemeine Wohl wirken. Durch Minderwertigkeitsgefühle, Selbstboykott, Angst und Scham oder dem Gegenteil davon, durch Konkurrenzdenken, ein überhebliches Auftreten als Besserwisser oder Prahlhans verhindern wir dies.

Bei seiner Einsetzung am 14. August hatte der neue Pfarrer, der ursprünglich deutscher Herkunft ist, in Leukerbad gewünscht, dass jede und jeder mit seinen Talenten zum Wohl der Dorfgemeinschaft beitragen möge. Dies hat mich dazu motiviert, meine Kristallklänge in die Kirche zu bringen. Am Samstagabend, den 15. Oktober war es so weit. Das Programm des Ablaufs der Messe erhielt ich erst am Tag zuvor. Es enthielt einige vorher nicht besprochene Änderungen. Eine gemeinsame Probe hatte nicht stattgefunden. Zum Glück hatte ich die Idee, den Tisch mit meinen Instrumenten nicht in der Seitenkapelle lassen, sondern hinten in das Hauptschiff mit freiem Blick auf den Hauptaltar zu stellen. Zur Mittagszeit probte ich noch einmal für mich und merkte, wie sich meine Selbstzweifel leise, aber deutlich meldeten. Worauf hatte ich mich da eingelassen? Es gibt kein Zurück: Das Plakat vor dem Eingang kündigt klar und deutlich an, dass ich heute die Messe mit Gesang und Instrumenten aus Bergkristall begleite. Ein Musikinstrument kann man auch mit Selbstzweifeln einigermassen spielen, aber … singen? Der Atem reagiert wie ein Seismograf und verrät den inneren Zustand. Ich versuche während meiner letzten Probe so gut wie möglich zu singen, und – siehe da – mir kommt Unterstützung zu: An diesem Mittag besuchen so viele Menschen wie noch nie bei meinen bisherigen Proben die Kirche, nehmen für kurze oder längere Zeit Platz auf einer Kirchenbank, hören mir zu und zeigen mir einen «Daumen hoch», wenn sie wieder gehen. Diese Geste beruhigt mich und ich freue mich sehr darüber. 

Kurz vor Beginn der Messe begrüsst mich der Pfarrer und fragt, ob ich die Ruhe selbst sei, oder ob er noch für mich beten solle. Ich antworte, er könne immer für mich beten, und frage ihn, ob ich auch für ihn beten solle. Ja, meint er, das sei dann gegenseitig. Die Orgel beginnt, der Pfarrer begrüsst die Gemeinde, stellt mich als Klangtherapeutin vor und meint zu den etwa 130 Versammelten, sie müssten nicht mehr extra in eine Therapie gehen, es genüge ihre jetzige Anwesenheit hier. Hauptthema der Predigt ist das Gebet: Wann man beten solle oder könne, welche Formen ein Gebet haben könne – ich verstehe auch meine Klänge und Gesänge als Gebet – und dass der Spruch «Jetzt können wir NUR NOCH beten» das Gebet abwerte. Bald ist mein erster Beitrag «Kyrie eleison» dran. Es geht. Der Pfarrer sagt danach ein paar Worte zum Erbarmen des Herrn. Ich fuhr fort mit «Gloria» und fühlte mich etwas sicherer. Während der Gabenbereitung spielte ich Klänge ohne Gesang, bald steht mein «Agnus Dei» auf dem Programm, doch ich weiss weder, wann ich damit anfangen noch aufhören soll. Die Orgel schweigt, der Pfarrer vollzieht die Zeremonie und auf gut Glück singe und klinge ich. Es geht gut, die grösste Hürde ist genommen. Während der Kommunion spiele ich sehr meditativ eine tonmässig absteigende Melodie, mit der Absicht, die Betenden zu inspirieren. Ich fühle, dass ich jetzt im Geschehen angekommen bin und spüre, wie sich das göttliche Licht von oben her auf die andächtigen Menschen senkt. Am Schluss der Messe dankt mir der Pfarrer und zur Gemeinde sagt er: „Hoffentlich sind jetzt alle geheilt.“ Er beginnt mir Beifall zu klatschen, die Anwesenden schliessen sich ihm an und wenden sich dem Ausgang und damit auch mir zu. Jetzt habe ich ein Dilemma: Zum Ende wollte ich ursprünglich «Andate in Pacem» singen und klingen, doch der Organist hatte mich damit beauftragt, unbedingt noch ein Marienlied einzuflechten, denn es sei eine bestimmte Marienwoche. Ich hatte ihm entgegnet, dass es doch Maria gegenüber unhöflich sei, wenn die Leute in dem Moment ihrer Begrüssung die Kirche verlassen. Er meinte aber, die Leute blieben dann sitzen! Ich finde auch, dass die göttliche weibliche Kraft unbedingt noch begrüsst werden sollte und beginne vor dem mir jetzt zugewendeten Publikum mutig mit «Ave Maria», – und, siehe da, die Leute bleiben stehen oder noch sitzen! Ich kürze ab mit «gratia plena, ora pro nobis» und leite über zu «Andate in pacem» und «Amen». Alle klatschen noch einmal dankbar Beifall und werfen beim Hinausgehen neugierige und staunende Blicke auf meine Bergkristall-Instrumente.

Foto des Hauptaltars im Rokokostil, Pfarrkirche „Maria, Hilfe der Christen“ , Leukerbad

und Text: Petra Dobrovolny                    

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.