Mein Tagebuch: 22.10.2022

22. Oktober, Samstag: Leben in wachsenden Ringen

Im Alter von 13 Jahren begann ich Gedichte von Rainer Marie Rilke zu lesen und zu lieben. Ich fühlte eine Seelenverwandtschaft zu ihm, denn er fasste in Worte, was ich auch empfand, aber nicht ausdrücken konnte. Er ging an den Rand, wo Sprache noch möglich ist. – Die Aufgabe von Künstler:innen ist es, durch Literatur, Musik, Bildhauerei oder eine andere Art von Kunstwerken das auszudrücken, was im kollektiven Unbewussten schlummert. C.G. Jung vergleicht den künstlerischen Schöpfungsakt mit dem Heben eines kostbaren Schatzes aus einem tiefen See. So sind zum Beispiel Kunstwerke wie eine Beethoven-Sinfonie, die «Guernica» von Picasso, eine Statue von Rodin oder ein Gedicht von Rose Ausländer oder eben von Rilke auch immer ein Ausdruck von uns – als Teil des kollektiven Unbewussten -, der uns etwas bewusst macht und an dem wir wachsen können. Bei der Betrachtung oder Wahrnehmen eines solchen Werkes können wir einen «göttlichen Aha-Moment» erleben. Die Griechen nennen diesen Moment «Kairos». Der Künstler oder die Künstlerin selbst kann im Moment der Schöpfung eine Lust empfinden und eine erhöhte Wachheit, die ihn mit der Ewigkeit verbindet. In dem Moment sind Widersprüche überwunden, ein «Kairos», der Rosenduft verströmt. So verstehe ich den Spruch auf dem Rilkes Grabstein, in welchem der Dichter die Essenz seines Lebens zusammenfasst:

«Rose, oh reiner Widerspruch

Lust

Niemandes Schlaf zu sein

Unter soviel Lidern

Nun bin ich meinem Empfinden nach noch nicht bei meinem Grabstein angelangt. Mit Rilke würde ich es so ausdrücken:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen.

Den letzten werde ich vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.»

Vor zwei Wochen durfte ich einen runden Geburtstag feiern, mit einer Sieben vor der Null. Dies ist vielleicht mein vorletzter runder Geburtstag. Georg hat mir mit einem Gedicht in seiner Muttersprache gratuliert. Darin dankt er mir für mein Dasein und meine Werke und fragt mich, welche Werke noch entstehen werden. Er lässt meine kleine Theatertruppe – gestrickte Fingerpuppen – sprechen: Ich hätte sie wohl vergessen! Es sei jetzt höchste Zeit, mich wieder an sie zu erinnern. Ich solle sie wieder zum Leben erwecken und mir kleine Theaterstücke für Gross und Klein ausdenken.

Ich finde es rührend, wie viele liebe Menschen sich passende Geschenke zu meinem Geburtstag ausgedacht haben: Mein Bruder schickte mir aus London einen Teekannenwärmer – a teapot cosy – mit der Krone der Queen darauf. Meine Schwägerinnen und Georgs Nichten und Neffen schenkten mir zwei handbemalte Seidenschals, Kräutertee, eine Kräuterteetasse, mährischen Wein, selbstgemachtes Hautöl, Lavendelseife, frische Wolle vom eigenen Schaf, ein kleines Kräuterkissen für einen guten Schlaf … Alles Dinge für mein Wohlbefinden. Heute nennt man dies «Wellnessprodukte». Zweimal wird mir gewünscht, dass ich 100 Jahre werden möge bzw. auf dem besten Weg dazu sei.

Meine eigenen Geburtstagsfeiern sind mir nicht so wichtig, auch wenn mein 40. und 60. Geburtstag für mich Meilensteine waren. Den 40. Geburtstag verbrachte ich in einem Kloster am Vierwaldstättersee. Die Nonnen hatten mich um ein Seminarwochenende mit Atem- und Entspannungsübungen gebeten. Meinen 60. Geburtstag verbrachte ich mit Georg auf Kauai’i. Zufälligerweise feierte an demselben Tag das neben unserem Hotel gelegene Zentrum für einheimische Kultur seinen ersten Geburtstag. Diese Feier mit dem Vaterunser und weiteren Liedern auf Hawaiianisch, Tänzen und Umarmungen werde ich nie vergessen. – Kurz gesagt: Familienfeiern liebe ich nicht, denn sie sind für mich für ein paar Stunden eine geballte Ladung ohne Zeit für tiefe Gespräche, im schlimmsten Fall noch mit zu lauter Musik. Deswegen hatte ich gesagt, sie könnten mich zu einem ihnen passenden Zeitpunkt in Leukerbad besuchen und dies mit Ferien verbinden. Meine Idee fand Gefallen und so habe ich gefühlte drei Monate, in denen sich die Besuche abwechselten, gefeiert.

An meinen Geburtstagen bin ich besonders dankbar für mein Leben, Aber ich empfinde es viel wichtiger zu feiern, wenn meine Werke geboren werden und den Weg in die Welt finden. Blicke ich auf mein gerade vollendetes Lebensjahr zurück, freue ich mich über folgendes: Mein Tagebuch des Jahres 2021 im Sammelband «Tanz im Zwielicht» wurde im Frühling vom Literaturpodium in der Dorante Edition Berlin herausgegeben. Zwei weitere Alben bzw. CDs mit meinen Klängen und den Titeln «Waves of Love» und «Holy Grail» konnte ich komponieren, aufnehmen und online zur Verfügung stellen. Zwei Mal durfte ich im evangelischen Kirchenzentrum in Leukerbad meine Gedichte vorlesen. Und zu meiner grossen Freude darf ich in der katholischen Pfarrkirche meine Kristallklänge und Gesänge präsentieren. Gründe genug zum Feiern. Und um sich den nächsten wachsenden Ring des Lebens vorzunehmen und zu wagen. Versuchen will ich ihn.

Zu den Trailern von CD 51 und 52 auf meinem Youtube-Kanal:

https://www.youtube.com/watch?v=RzRR-BYy8hw

https://www.youtube.com/watch?v=Ibgh94QV1JE

Foto: Meine Theatertruppe

und Text: Petra Dobrovolny

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.