Mein Tagebuch: 23.10.2022

23. Oktober, Sonntag: Die Provence und Spanien im Wallis vereint

Dass Rainer Maria Rilke seine letzten Jahre in der Schweiz verbracht hatte, wusste ich. Beim Besuch des Rilke-Museums in Sierre am letzten Dienstag erfuhr ich mehr. Mit 44 Jahren, im Jahre 1919, verliess Rainer Maria Rilke Deutschland, um in der Schweiz eine Bleibe zu finden, wo er als Dichter in Ruhe arbeiten konnte. Bei einem Ausflug ins Wallis verliebte er sich in die Landschaft der Umgebung von Sierre: Das weite Tal und der offene Himmel schienen ihm so rein wie am ersten Schöpfungstag. Hier fand er die Provence und Spanien auf engstem Raum vereint und auch er, Rilke, konnte sich mit dieser Landschaft vereinen. Das «Château de Muzot» oberhalb von Sierre war zur Miete oder zum Kauf ausgeschrieben: Ein Gebäude aus dem 13. Jahrhundert mit Möbeln aus dem 17. Jahrhundert, ohne Strom und Wasser. Dieser massive viereckige Burgturm, den Rilke «Castel» nannte, wurde für seine letzten fünf Lebensjahre sein Zuhause. In dieser Abgeschiedenheit verschmolz er mit der Landschaft, Innen und Aussen wurden Eins. Der Dichter fand hier Zugang zum «Weltinnenraum», wie er sich ausdrückte, und konnte endlich – nach 10 Jahren Pause – die Duineser Elegien vollenden und seinem Werk u.a. die Sonetten an Orpheus sowie über 400 Gedichte auf Französisch hinzufügen. Jean-Michel Henny beschreibt in seinem Buch «Rilke en Valais» dessen letzten Lebensabschnitt sehr einfühlsam und liebevoll. Zahlreiche Zitate aus den vielen Briefen, die Rilke schrieb, bringen dem Leser oder der Leserin das «Seelengeschehen» des Dichters – so würde ich es nennen – nahe.

Die Ähnlichkeit des Wallis mit der Provence und Spanien entdeckte Rilke auch in Büchern über die hiesige Flora und Fauna. Einige Pflanzen und Schmetterlinge des Wallis gibt es auch in der Provence und in Spanien. Sonst nirgends auf der Welt. Durch meine Lektüre des Buches «Rilke en Valais» wird mir bewusst, warum ich das Wallis so liebe und hier das Gefühl habe, im Aussen und Innen angekommen zu sein. In meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich die Sommerferien entweder in der Provence oder in Spanien. Meine Eltern waren sehr reiselustig und hatten vor dem grauen Winter im nördlich gelegenen Luxemburg, wo wir wohnten, Sehnsucht nach dem Süden und dem Meer. Diese alljährliche Erfahrung des Südens gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Die Landschaft, das Klima, die Gerüche, der Geschmack bestimmter Speisen, besonders Mandelgebäck, haben mich so geprägt, dass ich mich dort zuhause fühle. Die Menschen dort begegneten mir als Kind mit grosser und der ihnen eigenen spontanen Herzlichkeit. Spanische Frauen hoben mich manchmal hoch und küssten mich, obwohl sie mich gar nicht kannten.

Und nun hören mir die Menschen, die zur Mittagszeit auf ihrer Wanderschaft in der Marienkirche von Leukerbad einen Halt einlegen, zu, obwohl sie mich nicht kennen. Und obwohl diese «Veranstaltung» im Internet nicht zu finden ist. Ich kenne diese Menschen auch nicht, doch wir begegnen uns in unserem gemeinsamen Menschsein als Gottes Geschöpf. Ich schenke ihnen meine Klänge und Gesänge. Dankbar nehmen sie mein «Benedictus, benedicta, qui venit in nomine domini» und «Andate in pacem» mit auf ihren weiteren Weg.

Foto: Foto auf dem Bildschirm im Rilke-Museum in Siders: Château-de-Muzot-sur-Sierre, und Text: Petra Dobrovolny               

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