Mein Tagebuch: 15. April 2020

15. April, Mittwoch:
Morgen wird der Bundesrat die Schritte der Lockerung der Massnahmen beschliessen, «smart restart» nennt man das. Es besteht die Gefahr, dass die Risikogruppen wieder nicht richtig definiert werden. Also höchste Zeit für einen Leserbrief an den Bund:

„Deckmäntelchen Fürsorge
Bei der Diskussion um die Lockerung der Massnahmen werden die über 65-Jährigen weiter ausgegrenzt und stigmatisiert. Unter dem Vorwand, man wolle sie besonders schützen, bezeichnet man sie zu Unrecht pauschal immer noch als Risikogruppe.
Denn:
1. Das biologische Alter stimmt nicht mit dem Geburtsdatum überein.
2. Auch Junge können sogar ohne ihr Wissen das Virus haben und andere, auch Ältere anstecken.“

Auch heute ist wieder ein prachtvolles Wetter. Schweizweit besteht akute Waldbrandgefahr.

Der französische Präsident Macron findet, alle müssten sich jetzt hinterfragen, bei ihm angefangen! Alle staunen: Galt er doch bis jetzt als arrogant, also als unhinterfragbar.
Online fragt mich eine Firma: «Kennen Sie schon unser Virenschutzversprechen?» Dieses Wort wird wohl zum Unwort des Jahres 2020 gewählt werden.
Auf den Feldern in Italien besteht die Gefahr, dass die Ernte verderben wird. Es können nicht genügend Helfer aus dem Ausland in das Land, auch im Vereinigten Königreich nicht. Dort lässt man ein Flugzeug mit Erntehelfern aus Rumänien einfliegen! Mein Schwager gräbt vorsorglich schon mal seinen Rasen um und erweitert auf diese Weise den Gemüsegarten um mindestens 50 m2.
Die zu Anfang der Krise grösstenteils friedliche Stimmung beginnt bei umzuschlagen: Wir bemerken dies bei vielen Velo- und Autofahrern, vor allem bei den städtischen Buschauffeuren. Auch diejenigen, die früher sanft und meditativ fuhren, ändern spätestens jetzt ihren Fahrstil. Unser Innen- und Gesundheitsminister, der bis jetzt über die Corona-Krise hinwegstrahlte, wird langsam grantig. Seit Ende Februar dauert sein Arbeitsmarathon, der langsam Spuren hinterlässt. Anfang Mai wird das Parlament wieder tagen. Auch die Kantonsparlamente melden sich zurück. Jeder Kanton hat seine eigene Idee zum «smart restart», dann hätten wir für die Schweiz 26 Varianten!
Der blinde Tenor Andrea Bocelli steht alleine auf dem menschenleeren Platz vor dem Mailänder Dom und singt für die ganze Welt «Amazing Grace». Die Tauben flattern nicht herum, sondern sitzen ganz still zu seinen Füssen und hören zu. Die letzte Zeile heisst: «I was blind, but now I see!» , was bedeutet: «Ich war blind, doch jetzt kann ich sehen!»  

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