Mein Tagebuch: 28. April 2020

28. April, Dienstag:
Die Kartenlegerin Estelle gibt das Motto der Woche bekannt: „Re-create your life!“ Die Zeitqualität sei jetzt günstig, sich selbst und das eigene Leben neu zu erschaffen. Die besten Ideen kämen in einem Zustand der Zurückgezogenheit. Die Botschaft der Engel lautet: „Es kommt noch etwas Besseres – als dein bisheriges Leben -, lass alles los, was dir nicht dient und nicht mehr zu dir passt. Mit Liebe und Leidenschaft schöpfst du neue Ideen aus deiner Tiefe. Dream big! Das bedeutet: Der neue Lebensentwurf soll ein grosser Traum ohne Beschränkungen sein.“ Das klingt gut, denke ich. Wenn man mal von den derzeitigen Beschränkungen absieht. Doch mit einer Schutzmaske dürfen wir bald wieder fast alles. Und Träumen geht auch ohne Schutzmaske.
Georg meint, es seien noch viele grundsätzliche Fragen nicht beantwortet. Zum Beispiel: Wie lange bleibt das Virus vermehrungsfähig? Wie verschwindet es wieder, wenn überhaupt? Unter welchen Bedingungen? Weiss jemand etwas über die Mutation des Virus?

Also nochmal:
Erschaff‘ dir ein neues Leben. Sei dir deiner Absichten bewusst. Entspanne dich, schaue auf einen weiten Horizont. Dein innerer Skeptiker schweigt, es gibt keine Grenzen, alles ist möglich. Spürst du, wie dein Atem dich weitet?                     
      
Der Bundesrat hat erlaubt, dass Grosseltern ihr Enkel wieder umarmen, aber noch nicht hüten dürfen.
Der Ansturm auf die Bau- und Gartencenter sei nach der gestrigen Eröffnung riesig gewesen. Coiffeursalons sind für die kommenden 3 Monate ausgebucht. Es ist doch wunderbar, wenn die Menschen wieder bauen, ihre Gärten und Balkone bepflanzen und sich schön machen lassen wollen! Spitäler dürfen wieder alle Operationen durchführen, doch aus Angst geht jetzt kaum jemand hin. Am 11. Mai dürfen die Schulen wieder öffnen und der öffentliche Verkehr wird den Fahrplan wieder hochfahren. Die Masken werden dann zur Pflicht.

Das Robert-Koch-Institut RKI in Berlin lobt die gemeinsame Anstrengung der Bürger, die Regeln einzuhalten. Dank dessen stehe Deutschland relativ gut da. Der Anteil der Verstorbenen beträgt 3.8 % der Infizierten. Dies ist wesentlich tiefer als zum Beispiel Spanien mit 12 % und dem Vereinigten Königreich mit 13 %. Trotzdem – oder deswegen? – betont Frau Merkel immer wieder: „Wir sind erst am Anfang der Pandemie.“ Was soll denn noch kommen? Die Kliniken sind nur zu 20% ausgelastet. Zum ersten Mal höre ich von der deutschen Tagesschau, dass sich jetzt Statistikfachleute kritisch zu Wort melden: Die berühmte R-Zahl – die Ansteckungsrate – beruhe auf falschen Stichproben, die für die Bevölkerung nicht repräsentativ seien. Die Tagesschau zeigt heute nicht mehr die seit Wochen aufaddierten Fallzahlen in einer ständig ansteigenden Kurve, sodass man den Eindruck erhält, alles würde jeden Tag schlimmer. Es werden nur die Zahl der Neu-Infizierten des Vortages sowie die Zahl der Verstorbenen gezeigt. Schweden legt das Gewicht nur auf die Anzahl der Verstorbenen, die R-Zahl sei immer über 1 gewesen, trotzdem sind Schulen und Geschäfte geöffnet.
Wie unser Freund, der Chemiker, sagen viele Leute, Zahlen seien Zahlen und deswegen immer objektiv und unbestechlich. Aber: Es gibt unterschiedliche Statistische Modelle und Darstellungsweisen. Prof. Homburg der Uni Hannover, ein Wirtschaftswissenschaftler und Experte für Statistik, stellt die offiziellen Daten des RKI anders da. Und, oh Wunder, das Virus hält sich sogar an die berühmte Gauss’sche Verteilung, die Kurve für das Aufkommen der Infektionen verläuft in der Form einer Glocke. Der Höhepunkt war bereits Anfang bis Mitte März, erst am 23. März erfolgte in Deutschland das Lockdown. Zu der Zeit begann die Kurve bereits zu sinken. Österreich nimmt es seit gestern, Montag, locker und lockert. Kanzler Kurz ist für ausländische Fernsehsender ein beliebter Interviewpartner, die Welt will wissen, wieso Österreich bereits dabei ist, einen „smart restart“ zu schaffen. Er sagt, die Regierung hätte rechtzeitig gehandelt, die Massnahmen seien sehr strikt gewesen, deswegen … Die Hotels dürfen Ende Mai wieder öffnen.
Statistische Zahlen lassen sich so oder so auslegen. Ausser auf die Zahlen kommt es immer auf genügend grosse und repräsentative Stichproben an. Heute berichtet der „Bund“ von teilweise fehlerhaften Zahlen. In der Schweiz übermitteln die meisten Arztpraxen ihre Meldungen an das Bundesamt für Gesundheit immer noch per Fax. Dazu müssen sie ein Formular des BAG von Hand ausfüllen, das BAG überträgt dann ebenfalls von Hand die Zahlen in die Statistiken. Bei diesem Vorgang passieren immer wieder Fehler: So war zum Beispiel ein 109jähriger verstorbener Patient als 9jähriger registriert, just zu der Zeit, zu der über die Wiedereröffnung der Schulen diskutiert wurde. Auf einem anderen Formular, mit welchem die Arztpraxen Todesfälle allgemein melden, können sie nur eine einzige Ursache aufführen.
Sehr breiten Raum in den Medien erhalten Experten, die sich mit statistischen Wahrscheinlichkeiten und Vorhersagen befassen. Diese werden dann so formuliert: „Es könnte sein, dass im Juli eine nächste Covid19-Welle auf uns zukommt.“ Statistisch gesehen könnte es aber auch nicht sein. Nur sagt das niemand. Die bisherige Welle in den Schweizer Spitälern ist ausgeblieben. Wieviel Leid wurde jedoch wegen verschobener Behandlungen und Operationen verursacht? Dies wird nicht erfasst.
Mein Tipp für Statistiker: „Lassen Sie ihre Vorhersagen von Kartenlegerinnen überprüfen. Oder ziehen Sie eine Weiterbildung in Kartenlegen in Erwägung.“
„Re-create your life!“  

Schweizer Kuh. Die Hörner wurden ihr gelassen.

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