Mein Tagebuch: 11. Mai 2020

11. Mai, Montag:

In der Nacht gab es ein heftiges Gewitter.
Die Zeit vergeht so schnell! Und es passiert so viel!

Inzwischen hat die Sondersession des Parlaments stattgefunden. Wegen der Abstandsregeln in der extra zu diesem Zweck für 3 Mio. CHF aufgerüsteten Ausstellungshalle anstatt im engen Bundeshaus. Doch die neue Weite wirkte sich nicht auf das Denken der Parlamentarier*innen aus, im Gegenteil: Sie wirkten in der ungewohnten Umgebung verloren und verunsichert. Der Bundesrat wurde gelobt und verdankt, die Massnahmen wurden nachträglich durchgewunken.
Klaus Stöhlker, ein Unternehmensberater, schreibt im „Paradeplatz“: Nach 2 Monaten Virus-Ferien folgt der grosse Kater. Aus der reichen Schweiz ist über Nacht ein armes Land geworden. Der Pandemie-Lockdown sei nicht nötig gewesen.

Am 8. Mai war ein besonderer Gedenktag: Vor 75 Jahren wurde das Ende des Zweiten Weltkriegs ausgerufen. Die Briten nennen diesen Tag den Victory-in-Europe-Day. Gedenkfeiern finden wegen der jetzigen Umstände im kleinen Rahmen oder online statt. Im Radio werden Leute interviewt, die dieses Datum miterlebt haben und sich noch daran erinnern können. Eine Hörerin aus Schaffhausen, damals ein 9jähriges Kind, erzählt: Ein Nachbar sei zu ihnen gekommen und hätte ihrer Mutter die Nachricht verkündet. Die Mutter hätte kaum glauben können, dass der Krieg nach 6 Jahren auf einmal vorbei sein sollte. Sie hätte aber im Keller noch eine Flasche Wein gefunden und zusammen mit dem Nachbarn auf den Frieden angestossen. Der Nachbar hätte gemeint: „Ich habe noch eine Hakenkreuzfahne im Keller aufbewahrt. Falls die deutschen Truppen doch noch kommen sollten, hänge ich sie zur Sicherheit raus.“ Die Hörerin erzählt auch, dass sie und ihre jüngere Schwester die Erleichterung und die gleichzeitig anhaltende Skepsis der Erwachsenen mitbekommen hatten. Abends vor dem Einschlafen hätte die Mutter sie noch lange Zeit beruhigen müssen: Alles sei wieder in Ordnung. Die zwei Mädchen hatten nämlich erleben müssen, dass sie nachts bei Bombenalarm aus ihrem warmen Bettchen in den Keller fliehen mussten.

Am Samstag, den 9. Mai, finden in Bern, Basel, St. Gallen und Zürich Demonstrationen für Freiheit und Bürgerrechte statt. Die meisten Teilnehmenden gehörten zu den sogenannten Risikogruppen – ein „Mistbegriff“, meint Georg. Einige waren im Rollstuhl dabei. Sie versuchten, die Abstandsregeln einzuhalten, wurden jedoch von der Polizei, die Schutzmasken trug, umzingelt. Schliesslich seien diese nicht-bewilligten Demonstrationen aufgelöst worden, mehrere Dutzend Teilnehmende seien angezeigt worden.
Der Berner Sicherheitsdirektor sagt, dass sein Herz aus epidemiologischer Sicht geblutet hätte. Die Meinung seines „bürgerlichen Herzens“ hat er der Zeitung nicht verraten. Alle Bemühungen würden zunichte gemacht durch das Verhalten, wie es an dieser Demo zu sehen war. (Berner Zeitung vom 11. Mai)

Im „Magazin“ Nr. 19 vom 9. Mai wird die Digitalministerin Taiwans, Audrey Tang, interviewt. Sie meint, die Pandemie sei ein Verstärker: Wenn die Regierung bereits autoritär sei, verstärke sich der Autoritarismus. Wenn die Demokratie partizipatorisch sei, verstärke sie sich in diese Richtung. Auf die Frage, ob ein liberaler Ansatz wie in Schweden effektiver sei als ein autoritärer, antwortet Frau Tang, kooperatives Regieren, also eine Beteiligung der Zivilgesellschaft, sei der effektivste Weg. Taiwan hat nie einen Lockdown verhängt. Die Bürger seien der Meinung, dass sie selbst für den Erfolg verantwortlich seien! Die Regierung habe zu langsam reagiert, aber die Bürger hätten der Regierung geholfen und Taiwan gerettet. Wichtig ist die schnelle Kontaktnachverfolgung. Das Wichtigste jedoch sei es sicherzustellen, dass jeder Bürger, jede Bürgerin, den epidemiologischen Grund jeder Massnahme bzw. Entscheidung der Regierung versteht.
Das Schweizerische Bundesamt für Gesundheit hat in den letzten 2 Monaten kaum dazu beigetragen. Die Informationen der jeweiligen Pressekonferenzen waren häufig ungenau und widersprüchlich, die Entscheide nicht nachvollziehbar. Nachträgliche Korrekturen stifteten Verwirrung. Die Benutzerfreundlichkeit der entsprechenden Webseiten lässt zu wünschen übrig. In der Sonntagszeitung vom 10. Mai bemängelt der Ressortleiter für Datenjournalismus, Dominik Balmer, die „kalkulierte Ignoranz“ des BAG im Umgang mit Daten. Die Corona-Fälle wurden von den Kantonen teilweise per Fax übermittelt. Dies überforderte das BAG, so dass man hier sogar Papierstapel auf eine Waage legte, um die neuen Fallzahlen abschätzen zu können. Aufgrund dieser dürftigen Zahlen wurden Entscheide gefällt! Meine Frage: Wie können dann Bürger und Bürgerinnen solche Entscheide verstehen, geschweige denn mittragen?
Dabei hatte der Bund bereits am 30. November 2018 eine neue Strategie der Handhabung von Daten der Bundesverwaltung beschlossen: die „Open-Government-Data-Strategie“. Die Daten sollten gemäss Bundesrat „offen, frei und maschinell nutzbar publiziert werden“. Soweit die Theorie. Die Corona-Krise bringt einiges zum Vorschein.

Wie werden Anweisungen, die lange Zeit galten und ständig wiederholt wurden, wieder rückgängig gemacht? Viele Menschen haben jetzt immer noch Angst, eine Arztpraxis zu betreten. Der Verband der Fachärzte für Innere Medizin hat dazu aufgerufen, bei Beschwerden nicht länger zu warten und endlich den Hausarzt aufzusuchen. Bei bestimmten psychischen Krankheiten nehmen wahnhafte Vorstellungen zu. Die Betroffenen fühlen sich verfolgt und haben Angst, von ärztlichem Personal umgebracht zu werden. Endlich erhalten wir aus Neuseeland eine Nachricht von unseren Nachbarn! Am Donnerstag beginne dort die Phase 2, ein vorsichtiges Öffnen des sehr strengen Lockdowns. Erst dann könnten sie ihre Umgebung verlassen und wieder Ausflüge unternehmen. Die Landesgrenzen blieben aber noch geschlossen, internationale Flüge wären nur sehr beschränkt möglich. Mit ihrer Rückkehr in die Schweiz rechnen sie vorsichtig geschätzt mit Mitte Juni. Ihre Kinder, die hier in der Nähe von Bern wohnen, würden nächste Woche den inzwischen verwilderten Garten bestellen, der unmittelbare Nachbar bekäme dann die Aufgabe, die neue Saat zu begiessen. Wir sind erleichtert über diese neue Klarheit. Gestern war Muttertag mit geschlossenen Restaurants. Ab heute öffnen Schulen, weitere Geschäfte und Restaurants, natürlich unter den gebotenen Vorsichtsmassnahmen. Im öffentlichen Verkehr gilt wieder der normale Jahresfahrplan. Wo der Abstand von 2 Metern nicht eingehalten werden könne, werden jetzt doch Schutzmasken empfohlen. Auf die „Schnauze“ einiger Zürcher Trams haben die Verkehrsbetriebe eine grosse Maske gemalt nach dem Motto: „Mit gutem Beispiel voran!“ In Restaurants muss jeder Gast seinen Namen mit Telefonnummer angeben. Doch diese Anweisung wurde vom Datenschützer bereits zurückgewiesen. Es soll freiwillig sein. Aber dies ist noch nicht zu den Restaurants durchgedrungen. Am Eingang steht jeweils eine angestellte Person, die die Personalien aufnimmt und dann einen Tisch zuweist. Georg ging heute ins Casino-Café. In dem grossen Raum sassen ausser ihm nur zwei weitere Gäste. Der Betriebsleiter sagte zu Georg: „Jetzt haben wir endlich wieder geöffnet, und es kommt fast niemand!“ Zeitungen liegen keine mehr auf, da es gefährlich scheint, wenn sie von unterschiedlichen Händen angefasst werden.

Die neuste Nummer der Zeitschrift raum&zeit für Mai und Juni hat natürlich Corona zum Thema, besonders die Suche nach einem homöopathischen Mittel. Wichtig sei es, den „Genius epidemicus“ zu Covid19 herauszufinden, so wie es zur Zeit der Spanischen Grippe vor 100 Jahren gelungen war. Es wird berichtet, wie damalige Lungenentzündungen erfolgreich mit Homöopathie behandelt wurden, ohne dass die Betroffenen daran starben. Der Arzt Ravi Roy, ein erfahrener Homöopath, sähe die kollektive Lernaufgabe beim Corona-Virus darin, dass Menschen durch ihre Ängste und Unsicherheiten hindurchgehen und Sicherheit in sich selbst finden.
Dies deckt sich mit den Aussagen der Kartenlegerin Estelle für diese Woche: Während der Zeit des Lockdowns haben wir in der Zurückgezogenheit Möglichkeiten entdeckt, unser Leben anders zu gestalten. Manche stehen nun vor einer wichtigen Entscheidung. Letzte Woche unterstützten uns die Engel mit einem dreifachen „Yes! Yes! Yes!“ Dies tun sie auch diese Woche wieder, es sei jedoch an uns die Entscheidung zu treffen. Diese sollten wir im stillen Kämmerlein treffen, jenseits von „likes“ und „dislikes“ der anderen. In der Stille fänden wir die innere Führung. „Create this new life from your inner wisdom!“ Also: Verbunden mit der inneren Weisheit können wir Bedeutsames träumen! So würden sich unsere Wünsche erfüllen.   

Der Baukran über der Schweizerischen Nationalbank bewegt sich wieder. Der Präsident der SNB sagt: „Wir operieren mit erhöhter Unsicherheit.“ Die Schweizer Wirtschaft scheint nun eine Patientin zu sein, die operiert werden muss. Vielleicht müssen bisher wichtige Teile ausgewechselt werden. Georg meint: Die schweizerische Exportstärke würde durch die Corona-Krise zur Schwäche.

„Dream big! Wishes will come true!“   

 

Text und Fotos: Petra Dobrovolny

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