Mein Tagebuch: 12. und 13. Mai 2020

12. Mai, Dienstag: Diese Woche ist es kalt, die Eisheiligen sind da. Seit gestern dürfen die Menschen in Frankreich wieder raus und zur Arbeit gehen. Restaurants und Schulen sind noch geschlossen. Es gilt eine Maskenpflicht. Bei den Métrostationen werden Masken päckchenweise gratis verteilt. Eine Passantin sagt, die Helfer und die Polizisten könne man jederzeit um Auskunft fragen, das bewirke, dass man nicht zu viel Angst haben müsse. Nach 2 Monaten strenger Ausgangssperre liegt nun eine verhaltene Erleichterung in der Luft.
In Deutschland melden vier Landkreise steigende Infektionszahlen. Sie behalten sich vor, selbständig und schneller über Massnahmen zu entscheiden und nicht erst auf die Bundesregierung zu warten. Einige deutsche Städte haben seit 10 Tagen keinen einzigen neuen Fall und wollen mit der Lockerung vorwärts machen. Es ist sinnvoll, lokaler oder regionaler zu handeln. Seit gestern gehen die Kinder in der Schweiz wieder in die Schule. Auch hier sehen die Massnahmen in den Kantonen unterschiedlich aus. Die Rauchschwaden der nachbarlichen Zigarette nehmen leider wieder zu. Es scheint sich dort etwas zu tun: Letzte Woche haben sich verschiedene Leute das Haus angesehen. Eine Besucherin sagte auf Georgs Frage hin: Es würde neu vermietet. Wir sind gespannt, wann wir konkret informiert werden. Unsere Waschmaschine konnte inzwischen repariert werden. Jetzt muss ich nicht mehr mit Georgs Hilfe die Wäsche von Hand auswringen.

Bei der Demo am letzten Samstag war auch die Tochter von Friedrich Dürrenmatt dabei. Sie wohnt in Bern und hatte sich mit ihrem Rollator auf den Bundesplatz begeben. Gemäss offizieller Definition gehört sie zur Risikogruppe. Ein kleines Plakat hatte sie selbst gemalt und sich um den Hals gehängt: Darauf ist eine Waage zu sehen, deren Waagschalen aus dem Gleichgewicht geraten sind. In der einen liegt eine züngelnde Schlange, die die autoritäre Angstpolitik des Bundesrates symbolisiert. Aus der anderen tropft Blut. Dies zeige, wie sehr wir die letzten Wochen unter den Massnahmen gelitten hätten. Am nächsten Samstag sei sie, Ruth Dürrenmatt, wieder dabei, falls wieder demonstriert würde. Sie meint: „Irgendetwas stimmt da nicht. Das Ganze passt nicht zusammen.“

„Yes! Yes! Yes!“

13. Mai, Mittwoch:

Die heutige Schlagzeile vom „Bund“: „Zumindest Kleinstdemos sollen in Bern wieder toleriert werden“. Staatsrechtler und Politiker fordern die Stadt Bern zur Toleranz auf.

In der Nacht habe ich geträumt, dass ich mit Georg im Flughafen von London bin. Unser geplanter Rückflug in die Schweiz wurde kurzfristig abgesagt. Wir haben in einem kleinen Hotelzimmer des Flughafens übernachtet und wollen uns jetzt nach dem nächsten Flug erkundigen. Der Mann am Schalter sagt, dass der Zeitpunkt noch nicht bekannt sei, jedoch kurzfristig angesagt werde. Wir könnten solange im Restaurant warten. Das tun wir, und Georg bestellt für mich einen frisch gepressten Limonensaft mit Mineralwasser und für sich ein englisches Bier vom Fass.
Der Traum sagt mir, dass uns im Moment nichts anderes übrigbleibt als zu warten. Dass es aber plötzlich losgehen könne. In der Zwischenzeit werden wir gut versorgt mit Hotelzimmer und Getränken. Wunderbar! Was wollen wir mehr?
Es ist eine Art „Zwischenzeit“, und niemand weiss, welche Zeit danach kommen werde. Viele möchten einiges aus diesem „Dazwischen“ in den zukünftigen Alltag mitnehmen: Manche möchten im Homeoffice bleiben, mehr Familienzeit einplanen, mehr Kochrezepte ausprobieren oder erfinden.
Der Absatz von Bioprodukten hat enorm zugenommen. Diese können eigentlich nur so bezeichnet werden, wenn die Böden nicht verseucht sind. Das Bundesamt für Umwelt warnt davor, dass in 12 (!) Kantonen das Grundwasser mit Abbauprodukten des Pestizids Chlorothalonil verunreinigt sei. Die Herstellerin Syngenta kritisiert die Behörde für die Verbreitung der Wahrheit …
Ein Leserbriefschreiber meinte vor ein paar Wochen, wir befänden uns in einem dreifachen Notstand: Wegen Corona, wegen des Klimas und wegen der Pestizide. Der erste Notstand ginge vorüber, aber die zwei anderen blieben.

Text: Petra Dobrovolny
Fotos: Georg Dobrovolny

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