Mein Tagebuch: 19. Mai 2020

19. Mai, Dienstag:

Andauerndes Prachtswetter dank vereinigter Hochdruckgebiete über ganz Europa! An der US-Ostküste braut sich früher als sonst der erste Tropensturm des Jahres zusammen.
Die Autobahn rauscht wieder wie früher, die Rasenmäher brummen jetzt öfters als in den letzten Wochen. Unser übernächster Nachbar hat den lautesten der ganzen Umgebung. Das stille Leben ist zu Ende. Die Entschleunigung auch. Unsere über 80-jährigen Nachbarinnen freuen sich darüber, dass sie wieder selbst einkaufen gehen dürfen. Die Tageszeitungen bringen wieder mehr unterhaltsame Stories, das Niveau wird seichter.
Was wird bleiben? Wo findet ein Umdenken statt? Was wird noch aufgedeckt? Viele meinen, wir würden auch auf die Dauer lokaler einkaufen und bewusster konsumieren. Und wenn möglich auch auf Balkonen für mehr Selbstversorgung sorgen. Heute liefert unser Bauer aus der Nachbarschaft einen Ster Holz für Georgs Friedensfeuer.               


Angst wird von den Medien immer noch gemacht: Die zweite oder dritte Welle käme bestimmt. Diejenigen, die Covid-19 gehabt hätten, seien entweder gar nicht oder nur für ein paar Monate immun.

Ein emeritierter Professor schreibt in einem Leserbrief an den heutigen „Bund“:

„Das einseitige Deutungsmonopol öffentlicher Stellen und eines Teils der Epidemiologen über das Coronavirus ist keine deutsche Besonderheit. Auch bei uns folgen Radio, Fernsehen und die Tagespresse folgsam den Verlautbarungen von Bundesrat und BAG. Sie publizieren täglich die Anzahl der Ansteckungen und Toten – letztere grob irreführend, weil sie weder mit der Zahl der Einwohner noch mit der Zahl der Sterblichkeit aus anderen Influenza-Perioden in Beziehung gesetzt werde. Man erfährt kaum etwas über die tatsächliche Ausbreitung der Pandemie und das tatsächliche Mortalitätsrisiko, auch im Vergleich zu anderen Risiken.“ Ja, dieser Ansicht waren wir schon Mitte März.
Erst heute steht im „Bund“, dass von den 1753 Todesfällen allein 927 in Alters- und Pflegezentren vorkamen. Immer noch wird nicht unterschieden, ob jemand mit oder „nur“ an Covid-19 gestorben ist.

Ich weiss, dass ich die Stille und das langsame Leben vermissen werde. Ich freue mich aber über die wiederkehrende Lebensfreude der Stadt. Abstandhalten finde ich angenehm, die Hygienemaske eher unangenehm. Besonders bei den jetzt höheren Aussentemperaturen schwitzt man darunter. In ein Restaurant werden wir wohl noch längere Zeit nicht gehen. Die nötigen Massnahmen mit Plexiglasscheiben und maskierter Bedienung verbreiten eine seltsame Atmosphäre. Inzwischen hat der Datenschutz befunden, dass die Gäste nur freiwillig ihre Kontaktdaten hinterlegen müssen.
Lieber pflegen wir unseren häuslichen Tisch. Demnächst möchte ich ein iranisches Rezept für Rhabarber ausprobieren: Die Stangen werden wie Gemüse mit gedünsteten Zwiebeln gekocht und mit Kardamom, Muskat und Pfefferminzkraut gewürzt.  

Text und Fotos von Bern: Petra Dobrovolny

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