Mein Tagebuch: 7. Juni 2020

7. Juni, Sonntag:

In der Nacht habe ich geträumt, dass unsere Nachbarn aus Neuseeland zurückkommen. Ich empfange sie bei ihrer Haustüre, erkläre ihnen die neusten „Corona-Regeln“ und schenke ihnen zwei Hygienemasken.

„Das Magazin“ Nr. 23 zum Wochenende ist ein „Corona-Erinnerungsheft“ mit 28 Beiträgen verschiedener vom Lockdown Betroffener. Ein Obdachloser, eine Schriftstellerin, ein Ausstellungsmanager und Fachleute aus den Bereichen Pädagogik, Virologie, Epidemiologie, Pathologie und der Krankenpflege, die „an der Front“ arbeiteten, erzählen von ihren Erlebnissen. Auch unsere Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga beschreibt, wie sie die grosse Verantwortung in dieser Zeit erlebt hat. Sie sei sehr erleichtert darüber gewesen, dass die Bevölkerung so gut mitmachte und die Massnahmen befolgte. Da sei ihr ein Stein vom Herzen gefallen, sie hätte alle umarmen können.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie erschrocken ich am 16. März darüber war, dass ich ungefragt plötzlich zu einer Risikogruppe gehören sollte. Sehr fürsorglich wurde mir dingend empfohlen, zu Hause zu bleiben, um so Leben zu retten. Den täglichen Einkauf sollte mir jemand vor die Türe stellen. Zum Glück liess sich Georg nicht davon abhalten, für uns einzukaufen. Fast jeden Tag fuhren wir abwechselnd in die Stadt zu meiner Praxis. Nie wurden wir von der Polizei angehalten, noch von Nachbarn denunziert. Uns war klar: Solange es keine Schutzmasken gibt, bleibt der Lockdown. Doch der Bundesrat wurde für diese materialorientierte Massnahme erst viel später kritisiert. Ich vermute, dass auch deswegen Frau Sommaruga ein Stein vom Herz plumpste: Alle waren während der anfänglichen Schockstarre brav, niemand ging auf die Barrikaden. Im Unterschied zu anderen Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien, war es nicht verboten, das Haus zu verlassen, in der Schweiz blieb es immerhin „nur“ bei einer Empfehlung.    

Eindrucksvoll sind in diesem Magazin auch die Fotos von menschenleeren Zügen, Autobahnen, dem Zürcher Flughafen und Hauptbahnhof.

„Wo ist das Virus hin?“ fragt die Berner Zeitung von gestern. Brachte das Sommerwetter den Plagegeist zum Verschwinden? Studien zeigen einen nur bescheidenen Effekt der warmen Temperaturen. Weitere Forschungsergebnisse bestätigen die gute Wirkung von Masken und Abstandhalten. Nur ein Fünftel aller Infizierten erkrankt schwer. Der Epidemiologe der ETH Lausanne, Marcel Salathé, sagt. „Die Rechnung für die Zukunft ist einfach: Je mehr man lockert, desto besser müssen die Schutzkonzepte greifen.“
Die Restaurantbesitzer*innen sind nicht zufrieden. Bars und Clubs dürfen auch wieder öffnen und haben weniger strenge Vorschriften als Restaurants zu befolgen. Auch das Rotlichtmilieu darf die Arbeit wieder aufnehmen, mit einem gewissen Abstand von Kopf zu Kopf und dem häufigen Wechsel der Leintücher. In den Stadien ist ein Publikum von 10‘000 Menschen erlaubt. Eine meiner Freundinnen findet es bezeichnend, dass sich wieder mal die Lobby der Machos in Bezug auf Fussball und Sex durchgesetzt hätte.

Estelle schaut für die kommende Woche wieder in die Karten: „It’s all about love!“ Wir werden uns von etwas verabschieden, von der Dunkelheit nach vorne ins Licht gehen. Wir werden Geschenke erhalten oder geben, innere Entscheidungen treffen, die unserem Herzen guttun. Die Engel sagen wieder mehrmals: „Yes!“ Wir sollen uns keine Sorgen machen, wir werden es schaffen!  

Foto – Petra Dobrovolny – der neuen „Corona“ – Fahne, die zur Solidarität aufruft: : Schweizer Kreuz in den Wort „wir“ in den 4 Landessprachen 

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