Mein Tagebuch: 15. Juni 2020

15. Juni, Montag:

Am Wochenende haben in den USA und Europa viele Demonstrationen gegen den Rassismus stattgefunden. Auch in der Schweiz ist die Bewegung „Black lives matter“ angekommen. Ohne auf das Abstandhalten wegen Corona zu achten, wurde am letzten Wochenende demonstriert. In Bern waren es 4000, in Zürich 10‘000 Menschen. Die Polizei hielt sich zurück, der St. Galler Polizeidirektor findet die unbewilligten Demos sogar „hocherfreulich“, denn die Leute begännen wieder ihre Grundrechte einzufordern. Aber Gewaltbereite wollen wir nicht!

Heute öffnen nach 3 Monaten viele Landesgrenzen wieder, beim Dreiländereck in Basel ist Hochbetrieb. Politiker und Politikerinnen treffen sich auf der Dreiländerbrücke und sind sehr „heureux“, „heureuses“ und dankbar. Man hätte jetzt erst recht gemerkt, wie sehr man zusammengehöre. Ein Elsässer kommt extra über die Grenze, um in Deutschland Papiertaschentücher einzukaufen. Die seien in Frankreich viel teurer. Wegen seiner niedrigen Rente müsse er jeden Euro zweimal umdrehen. Am Abend sehe ich in Berner Altstadt vor einem Hotel einen Wagen mit einem Luxemburger Nummernschild. Ich freue mich über diesen Gruss aus meiner alten Heimat. Der „Bund“ berichtet über die Öffnungen mit der Schlagzeile „grenzenlos glücklich“.
Auf Mallorca landen die ersten zwei Charterflüge mit deutschen Touristen, alle mit Hygienemasken. Sie werden mit einem herzlichen Beifall des Hotelpersonals begrüsst, ebenfalls alle mit Masken. Ein Reporter fragt eine Touristin: „Haben Sie keine Angst vor einer Ansteckung?“ Diese schüttelt nur den Kopf: „Nein! Ich freue mich auf das Meer und die leeren Strände. Hier sind viel weniger Menschen als in der Düsseldorfer Altstadt.“

Ende gut, alles gut? Kann ich heute mein Tagebuch beenden? Es passiert immer noch so viel, und viele Fragen bleiben offen:
– Wollen meine Leser und Leserinnen überhaupt noch etwas zu dem Thema Corona von mir erfahren? Oder haben sie genug davon?
– Wird eine zweite Welle kommen? In Peking breitet sich das Virus wieder aus. Es kann nicht verheimlicht werden.
– Wie wird die neue Normalität aussehen?
– Wie gehen die Diskussionen um Denkmäler weiter? Damals „erfolgreiche“ Männer wurden damit geehrt, jetzt kommt auch deren Schattenseite zum Vorschein. Ich meine, wir könnten ja mal auch über den Schatten nachdenken. C. G. Jung würde sich freuen! Gemäss ihm entwickelt man sich erst zu einem mündigen Menschen, wenn man seinen Schatten anerkennt und umarmen kann. Man muss nicht alle Denkmäler abreissen oder verschandeln. Sie könnten auch auffordern zu: „Denk‘ mal!“
– Wie geht es weiter mit der Wirtschaft? Die Schweizerische Nationalbank sitzt auf hunderten Milliarden, die eigentlich dem Volk, das heisst dem Bund und den Kantonen gehören. Die SNB will aber vorläufig zumindest nichts hergeben. Über eine eventuelle teilweise Auszahlung entscheiden drei Männer! Dies wurde im Jahre 1907 festgelegt. Da haben wir in der Schweiz mal wieder ein weltweit aussergewöhnliches Problem.  
– Wann werden unsere Nachbarn aus Neuseeland zurückkommen? Wir leeren seit ihrer Abfahrt Ende Januar ihren Briefkasten und passen auf die Fische auf. Der Sohn scheint die Tageszeitungen wieder abbestellt zu haben, der Briefkasten ist nur noch halbleer oder -voll.
– Wann werden unsere Nachbarn, die junge Familie, endgültig ausziehen? Die Vorhänge haben sie schon abgehängt. Und wie wird es mit der neuen Nachbarschaft?  
– Werden meine Glasperlen-Kreationen ein Renner? Werden Gucci oder Versace eine „Corona-Collection“ bei mir bestellen?
– Wird der Gedichtband mit meinen Corona-Gedichten, die im Herbst erscheinen werden, ein Bestseller? Dream big! Die Sterne sagen mir für dieses Jahr ungeahnte Erfolge voraus. Go for it!

Ich werde Edwin im nachbarlichen Aquarium fragen, wie ich das Tagebuchschreiben handhaben soll. Es ist ähnlich wie im Theater: Der Autor oder die Autorin des Bühnenstücks kann leicht Personen auf die Bühne bringen. Doch wie und durch welche Türe lässt man sie wieder verschwinden, wenn man nicht gerade der liebe Gott ist? Das ist eine hohe Kunst. Dies weiss ich von meinen Erfahrungen mit Tanztheater. Oft haben wir darüber gelacht, wenn ein Tänzer oder Tänzerin hilflos auf der Bühne stand und nach einer Regieanweisung rief: „Ich bin jetzt immer noch da, was soll ich machen?“ – Ich kann mir schon denken, was der alte weise Fisch antworten wird: „Tagebuchschreiben ist wie Suchen nach dem Weg durch ein Labyrinth. Es braucht Geduld, bis du die Mitte findest. Um wieder herauszukommen musst du eine unerwartete Kehrwende nehmen. Dann bist du plötzlich in der Zielgeraden, die dich zum Ausgang führt.“ Danke, lieber Edwin!“ Es geht doch nichts über Weisheit, die aus der Tiefe kommt!

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