Mein Tagebuch: 5. und 6. August 2020

5. August, Mittwoch:

In der Nacht ist es auf 10°C abgekühlt, am Morgen liegt Nebel über der Aare. Es riecht schon nach Herbst. Am Vormittag zeigt sich wieder die Sonne, es wird sommerlich warm. Unseren neuen Nachbarn beginnen mit grossem Schwung den verwilderten Garten zu bearbeiten.
Bei dem schönen Wetter kann ich meine Wäsche draussen trocknen. Neuerdings wasche ich wieder mit „effektiven Mikroorganismen“ – EM – und ohne Waschmittel. Ich putze mit EM und ohne Putzmittel. Dadurch wird nicht alles so steril, sondern positiv belebt! Ein japanischer Professor für Mikrobiologie, Herr Dr. Higa, hat ein menschenfreundliches und umweltsicheres Produkt entwickelt, welches aus Milchsäurebakterien, Hefen und Photosynthesebakterien besteht. Die Synergie dieser Mikroorganismen lässt Böden gesunden und erhöht die Selbstreinigungskraft des Wassers. In mehr als 100 Ländern der Welt werden die EM-Produkte in der Landwirtschaft, im Umweltschutz, der Gesundheitsvorsorge, Nutztierhaltung und Reinigung eingesetzt. Vor 10 Jahren hatte ich in Deutschland einen Vortrag darüber gehört und ein paar Produkte gekauft. Ich war davon begeistert, wusste jedoch nicht, wo sie in der Schweiz erhältlich sind. Nun hat Georg das „Boden-Fit“ in der Bio-Gärtnerei entdeckt. Es regeneriert Humus, erhöht den biologischen Wert von Kompost und verbessert die Bodenstruktur. Ausserdem kann man damit putzen, Rost und Kalk entfernen. Es gibt EM auch als Keramik-Kügelchen. Damit kann man Trinkwasser verbessern und Wäsche waschen. Man könnte auch den ganzen Neuenburgersee mit EM sanieren. Der hätte das gerade jetzt besonders nötig. Dies wäre noch nicht einmal so teuer! Und chemische Düngemittel wären in der Landwirtschaft gar nicht mehr nötig! Zur weiteren Lektüre zu diesem Thema kann ich das Buch von Anne Lorch empfehlen: „EM Eine Chance für unsere Erde“.

Es ist unglaublich! Kaum schreibe ich diesen Absatz, erreichen mich die Nachrichten von der Explosion in Beirut. Im Hafen ist ein Lagerhaus mit 2750 t Ammoniumnitrat und hat im Umkreis von mindestens 20 km eine Katastrophe angerichtet. Ammoniumnitrat ist ein Düngemittel, aber auch eine chemische Waffe! Es wurde in einem Lagerhaus 7 Jahre lang ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert. Den Behörden war dies bekannt, sie unternahmen aber nichts. Effektive Mikroorganismen hätten keinen Schaden angerichtet!

Ich erinnere mich daran, dass wir am 2. Januar in einem Berner Restaurant zwei Touristinnen, eine Mutter mit ihrer Tochter, aus Beirut kennengelernt hatten. Da die Tochter ständig auf den Bildschirm ihres Smartphones starrte, anstatt die wunderbare Aussicht auf die Altstadt zu geniessen, sprach Georg sie an. Wir kamen miteinander ins Gespräch: Die Mutter bildet in Beirut Kindergärtnerinnen aus, die Tochter ist als Sozialpsychologin in einem Projekt zur Therapie kriegstraumatisierter Kinder engagiert. Ich schenke ihnen spontan ein Exemplar meiner CD „Sounds from Heaven“ mit meiner Kristall-Lyra und erkläre, dass die Klänge beruhigend und entspannend wirken. Beide meinen, dass wir unbedingt bald in Libanon Ferien machen sollten und versprechen uns eine Einladung zum Abendessen in Beirut. Sie schwärmen von der libanesischen Küche. Das Land sei sicher und in den letzten Jahren wieder aufgeblüht. Davon würden die ausländischen Medien leider nicht berichten. Ich empfehle die Ausstellung von Johannes Itten im Kunstmuseum Bern. Dieser Künstler und Lehrer aus dem Berner Oberland hatte Anfang der 30er Jahre in Berlin eine besondere Schule gegründet. Seine Studierenden leitete er vor dem Unterricht auf dem Dach des Hauses zu Atemübungen an. Er sah es als seine Aufgabe, jeden Schüler und jede Schülerin auf dem Weg zum eigenen Ausdruck zu begleiten. In der Nazizeit galten die Kunstwerke von Johannes Itten als „entartet“, die Schule wurde geschlossen. Heute ist sie nur ein Wohnhaus. Eine Bewohnerin hat zum Andenken an die Geschichte des Hauses die Wände des Fahrstuhls von oben bis unten mit Fotos von Ittens Kunstwerken und Dokumenten zu seiner Farbenlehre beklebt.  

Die Begegnung mit den zwei Damen aus dem Libanon war im Januar. Und wir überlegten tatsächlich, ob wir für Mai eine Reise dorthin planen sollten. Keine der Damen hat mir geschrieben, so dass ich keine Verbindung zu ihnen habe. Wegen Corona haben sich die Zeiten sowieso geändert, mit dem Reisen warten wir erst einmal ab. Aber ich freue mich, dass wenigstens meine Klänge nach Beirut gereist sind und hoffe, dass sie nun nicht unter den Trümmern liegen, sondern ihren Dienst erfüllen.          

Ich habe meine Seidenmalerei wieder aufgenommen und Georg eine Krawatte in feurigen Farben gemalt. Er meint, es sei ein Kunstwerk. Ich sollte mir mal überlegen, wie ich alle meine Werke als ein Gesamtkunstwerk präsentieren könnte. Ich denke darüber nach und komme darauf, dass vieles dazugehören würde: Meine Gemälde, meine CDs bzw. Alben mit meditativen heilenden Klängen, Gedichte, Märchen und Erzählungen, Perlen aus Murano-Glas und natürlich auch meine Seidenmalerei. Dies alles unter einen Hut zu bekommen, ist nicht einfach. Johannes Itten hatte in seiner Berliner Schule auch das „Textilfach“ angeboten. Er musste aus Deutschland fliehen und wurde dann Leiter der Fachschule für Textilkunst in Zürich. 


                       
6. August, Donnerstag:

Heute vor 75 Jahren wurde die erste amerikanische Atombombe über Hiroshima abgeworfen, drei Tage später die zweite über Nagasaki. Die Städte wurden weggefegt, Menschen verdampfen zu nichts, Granitsteine schmelzen. Georg und ich hatten die heute vor Leben pulsierende Stadt Hiroshima im Jahre 1994 auf Einladung des japanischen Aussenministeriums besuchen dürfen. Die Ruine der Handelskammer – von einem tschechischen Architekten erbaut – mit dem von Fotos bekannten Kuppelturm steht heute noch. Den Besuch des Museums des Friedens werde ich nie vergessen. Ich denke, dass der Besuch dieses Ortes zur Weiterbildung eines jeden Politikers und einer jeden Politikerin gehören sollte. Was können Menschen anderen Menschen antun? Auch nach 75 Jahren ist das Thema Atomwaffen noch immer aktuell. Ebenfalls im Jahre 1994, also 49 Jahre nach „Hiroshima“, wurde das Budapester Memorandum unterschrieben von der Russischen Föderation (RF), dem Vereinigten Königreich, den USA, später auch von Frankreich und China. In diesem Abkommen verpflichten sich die Ukraine, Weissrussland und Kasachstan ihre Nuklearwaffen abzugeben. Dafür erhalten diesen drei Ländern die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit innerhalb der bestehenden Grenzen garantiert. Ein militärischer Angriff auf diese Länder müsste den UN-Sicherheitsrat zu unmittelbaren Massnahmen veranlassen. Bis heute ist dies das einzige Abkommen betreffend Vernichtung von nuklearen Waffen. Positiv ausgedrückt: Wenigstens gibt es eins! Aber: Die Führung der RF hat wohl vergessen, dass sie dieses Abkommen unterschrieben hat. Ihre Okkupation der Krim und der Krieg in der Ost-Ukraine zeigen anderen Ländern, besonders Nord-Korea und dem Iran, dass niemand solchen Abkommen vertrauen kann. Der Ukrainer Juri Andruchowitsch meint, dass die Ukraine gerade wegen der Abgabe ihrer Atomwaffen einen Teil ihres Territoriums verloren hat.

Alle Strände des Neuenburgersees sind wieder geöffnet. Cyanobakterien sind anscheinend noch nachweisbar. Man solle beim Baden vorsichtig sein. Zurück zur „Normalität“? Wie sieht sie aus?

Gesundheitsminister Berset kritisiert, dass die Bürger und Bürgerinnen nachlässig werden. Man schüttle sich wieder die Hände und halte nicht mehr genügend Abstand. Dabei sei die Corona-Zeit nicht vorbei. Ein Zurück zur Normalität sei noch lange nicht möglich. Auch wir sind weiterhin zwar nicht aus Angst, aber aus Respekt, vorsichtig. In unserer Sackgasse plant die Nachbarschaft für den 15. August einen „Sommer-Höck“, ein gemütliches Zusammensein unter freiem Himmel. Wie letztes Jahr sollen Tische und Stühle aufgestellt werden, jemand besorgt einen Grill, alle bringen etwas zum Essen und Trinken mit. Wir werden unsere Teilnahme absagen, um nicht Teil eines potenziellen unnötigen Risikos zu sein. In Quarantäne gehen möchten wir auf keinen Fall. Zurzeit ist es immer noch so, dass niemand weiss, wer wen anstecken kann. Mit Maske kann man weder essen noch trinken, mit Abstand von 1.5 bis 2 m kann man sich nicht gemütlich unterhalten.              

Seidenmalerei und Fotos: Petra Dobrovolny
Text: Petra Dobrovolny

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