Mein Tagebuch: 12. September 2020

12. September, Samstag:

Meine Freundin Emilie widmet sich der ostasiatischen Kalligrafie. Viele Stunden hat sie während der anfänglichen Corona-Zeit in ihrem Atelier verbracht. Diese Abgeschiedenheit hat sie sehr inspiriert. Heute und morgen zeigt sie ihre neuen Werke in einer Galerie der Berner Altstadt. Ich besuche die Ausstellung und erlebe ein Gesamtkunstwerk: An der Türe werde ich von einer netten jungen Frau mit Maske empfangen, die mich anweist, ebenfalls meine Maske aufzusetzen, meine Hände zu desinfizieren und meine Kontaktdaten anzugeben. Schliesslich werde ich gebeten meine Schuhe auszuziehen. Sodann darf ich den schwarzen Boden eines etwa 50 m2 grossen Raums mit weissen Wänden betreten. Die Künstlerin mit Maske ist anwesend, man darf ihr wegen der Abstandsregel nicht zu nahe kommen, drei weitere Besucher und Besucherinnen betrachten schweigend die auf dem Boden in unterschiedlich langen vertikalen Reihen ausgelegten weissen A4-Blätter mit den geheimnisvollen chinesischen und japanischen Zeichen. Sie bedeuten u.a. „Pinsel“, „Papier“, „Tugend“, „Frau“, „schreiben“, „Drachen“, jedes Zeichen hat eine andere Farbe. Ich darf fotografieren. Auf der rechten Seite des Raumes hängen lange weisse Papierrollen mit schwarzen Zeichen von der Decke herunter. Mit den schwarzen Vorhängen im Hintergrund sehen die Pinselstriche aus, als würden sie tanzen oder durch den Raum schweben. Meditativ umkreise ich die Blätterreihen am Boden und erahne die Abfolge der Striche, die die Künstlerin zu Zeichen verdichtet hat. Die ganze Ausstellung ist eine Art Ge-dicht, welches noch lange in mir nachwirkt. Dankbar verabschiede ich mich.

Text und Foto mit Kalligrafien von Emilie Inniger Koch:
Petra Dobrovolny

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