Mein Tagebuch: 10. November 2020

10. November, Dienstag:

Vor zwei Wochen wurde unser PC gehackt. Ja, das kann einem auch in der Schweiz passieren! Unsere Daten sind für uns nicht mehr zugänglich, auch Georgs E-Mailkonten sind gesperrt, meine kann ich noch benutzen. Ein Bekennerschreiben in einem sehr höflichen Englisch informiert mich: In einem verletzlichen Moment unseres Systems wären sie hereingekommen und hätten alle Daten entwendet, denn diese seien „of great benefit“ für User in der ganzen Welt. – Nun, dagegen habe ich nichts, doch werde ich lieber vorher gefragt. – Am Schluss dieser freundlichen Benachrichtigung steht noch: „Im Falle, dass Sie die Wiederherstellung Ihrer Daten wünschen, senden Sie eine Mail an xxx mit dem Code yyy.“ Ich ahne, dass es sich um eine Cyber-Erpressung handelt. Ein paar Tage später klärt mich ein Artikel im „Bund“ auf: Cyberangriffe auf Schweizer Firmen würden sich gerade jetzt häufen, denn dies sei ein sicherer Job. Niemand werde erwischt. Falls man auf die Erpressung einginge, erhielte man die Angaben zu einem anonymen Bitcoin-Konto, auf welches man die geforderte Geldsumme einbezahlen solle. Nach der Bezahlung bekäme man die Daten trotz Versprechen nicht zurück.

Es ist ein seltsames Gefühl, auf diese Weise unfreiwillig von der digitalen Welt abgeschnitten zu werden. Ich komme darauf, dass der beste Schutz die Veröffentlichung der eigenen Daten ist. Meine Erzählungen und Gedichte, vor allem meine Musik, die ich in den letzten Jahren veröffentlicht habe, kann mir niemand mehr löschen. Gerade das ist – so meine ich – of great benefit for the world!

Unser IT-Experte Beat ist fassungslos: So etwas habe er noch nie erlebt. Und unser Norton Sicherheitsdienst hätte nichts gemerkt! Zum Glück kann Beat feststellen, dass – entgegen der Behauptung im Bekennerschreiben – die Daten „nur“ gesperrt und zu 90% gelöscht sind, aber nicht abgezapft wurden. Als Vorgehen empfiehlt er einen neuen PC und die Wiederherstellung der Daten mit Hilfe unserer separaten Festplatte, auf welcher wir regelmässig unsere Daten sichern. Georg hat mein Corona-Tagebuch auf einem Stick gespeichert. Glück im Unglück!

Der „Bund“ berichtet von einer Firma in Finnland, die 25 Filialen für Psychotherapie verwaltet. Diese Firma wurde gehackt und erpresst. Es wird gedroht, dass die Notizen von psychotherapeutischen Sitzungen samt den Namen der Patienten und Patientinnen veröffentlicht werden. Mir entfährt ein Seufzer der Erleichterung: Solche Notizen habe ich immer von Hand geschrieben und nach einiger Zeit die Blätter dem Papierwolf gegeben. Dabei wäre ich seit etwa 3 Jahren „von Amtes wegen“ dazu verpflichtet, meine Notizen zu digitalisieren …

Seit dem 6. November verschärfen viele Kantone die Massnahmen wegen der sehr schnell steigenden Zahl der registrierten Infizierten. Es wird von einem „Mini-Lockdown“ gesprochen: Schulen und Geschäfte bleiben offen. Im Wallis werden die Restaurants geschlossen. In Hotels haben nur die Hotelgäste Zugang zum Thermalbad. Die in den letzten Monaten wiederaufgelebte Wirtschaft erhält einen Dämpfer, Konkursanmeldungen steigen exponentiell.   

In Leukerbad gehe ich bei mildem und nebelfreiem Herbstwetter auf dem Römerweg spazieren. Dort gibt es eine kleine Kapelle aus dem Jahre 1705, die dem heiligen Antonius geweiht ist. Das erinnert mich an meine alte fromme Tante Susi, die diesem Heiligen etwas spendete, wenn sie ihr Portemonnaie oder ihre Schlüssel verlegt hatte. Am nächsten Tag fand sie immer das Verlorene wieder. So zünde ich Antonius zu Ehren eine Kerze an und bitte ihn, unsere Daten wiederzufinden. Auch möge er meiner Tante Susi im Himmel einen lieben Gruss von mir ausrichten.

Unser Experte Beat hat inzwischen – dem heiligen Antonius sei Dank – den Schaden behoben.  

Text: Petra Dobrovolny

Seidenmalerei und Foto: Petra Dobrovolny      

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