Mein Tagebuch: 2. August 2020

2. August, Sonntag:

Wir konnten gut und ungestört schlafen, ab 23 Uhr wurde in unserer Umgebung nicht mehr geknallt. Mein Ökonom Georg meint: Niemand spricht darüber, dass die Feuerwerkskörper alle aus China importiert werden. In der Schweiz wird jährlich eine sehr grosse Summe dafür ausgegeben. Georg hat die Idee, dass die Konsument*innen hier via Portemonnaie ein Zeichen setzen und auf den Kauf dieser Produkte verzichten könnten. Hinzu kommt, dass Feuerwerke traditionell gar nicht mit dem Schweizer Nationalfeiertag in Verbindung stehen. Noch bis weit in die 80ger Jahre hinein wurden am 1. August auf einigen Berggipfeln Höhenfeuer und keine Feuerwerke entfacht.

Am frühen Nachmittag soll das Wetter umschlagen. Regen und Gewitter sollen eine angenehme Abkühlung bringen. Georg lädt mich zum Mittagessen nach Reichenbach ein, das Restaurant erreichen wir in 30 Minuten zu Fuss der Aare entlang. Es schmeckt uns prima, für einen Dessert bleibt uns leider keine Zeit mehr, denn dunkle Wolken künden ein Gewitter an. Gerade noch rechtzeitig kommen wir wieder zuhause an.

Nach dem ersten Gewitter bringt Georg unseren neuen Nachbarn eine Portion Hummus. Kichererbsenmus ist meine Hausspezialtät, und sie mögen es auch. Es ergibt sich ein Gespräch über den Gartenzaun, bei der Gelegenheit lerne ich „die Neuen“ kennen und freue mich darüber, dass wir so gut miteinander reden können. Sie nehmen unsere Bitte, doch die vielen giftigen Schlingpflanzen in ihrem Garten bald einmal zu entfernen, wohlwollend an. Dann helfen wir ihnen, die am Boden liegenden Stockrosen aufzurichten und anzubinden.

Die Karten von Estelle sagen für die kommende Woche Folgendes voraus: Wir stehen vor einem neuen Anfang, wir sind auf dem richtigen Weg, es eröffnen sich grosse und glückliche Veränderungen. Wir sind auf dem Weg zum Erfolg. Big, happy changes!

Die Veränderung in unserer unmittelbaren Nachbarschaft empfinde ich jetzt schon so. Den Engeln sei Dank!

Foto: Aare mit Ufer und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 1. August

1. August, Samstag:

Der Komet Neowise zeigt sich nach 6000 Jahren wieder am Himmel. Was das wohl bedeuten mag? Bringt er uns eine neue Weisheit? Eine neue „Erleuchtung“ oder Einsicht darüber, dass wir alle miteinander verbunden sind? So, wie es uns das Virus, das keine Grenzen kennt, zeigt?

Oh, das ging jetzt aber schnell: Unsere neuen Nachbarn sind vor 3 Tagen eingezogen! Einen Monat früher als wir erwartet hatten. Doch das finden wir gut. Es ist nicht angenehm neben einem länger leerstehenden Haus zu wohnen. Beide sind sehr sympathisch und als Lehrer bzw. Lehrerin tätig. Georg hat schon mit ihnen gesprochen. Den Garten haben sie bereits mit kleinen Solarlämpchen beleuchtet, auf dem Treppenabsatz zur Veranda steht jetzt ein Hotel für Wildbienen. Tibetische Gebetsfahnen zieren eine Wand. Es weht ein neuer Wind, Zigarettenrauch haben wir noch keinen bemerkt.

Heute ist Schweizer Nationalfeiertag. Alle offiziellen Feuerwerke wurden abgesagt. Man wollte die zu erwartenden grösseren Menschenansammlungen vermeiden. Dafür wird in privaten Gärten umso häufiger und länger geknallt.

Die Zahl der registrierten Infizierten steigt jeden Tag um mindestens 135. Aus den Ferien Zurückkehrende bringen das Virus mit, andere stecken sich bei Familienfesten oder Bar- und Clubbesuchen an. Soviel ist bekannt. Zu 99% halten sich im öffentlichen Verkehr alle an die Maskenpflicht. Meistens sind es jugendliche Asylanden, die keine Maske tragen. Darüber regt sich meine Freundin auf: „Wir befolgen die Regeln, das könnten die auch!“ Sie hatte einen Buschauffeur darauf aufmerksam gemacht, dass im letzten Moment vor der Abfahrt 4 Jugendliche ohne Maske durch die hinterste Tür eingestiegen waren. Der Chauffeur will nichts gesehen haben. Was hätte er auch tun können? Es kommt immer wieder zu mehr oder weniger aggressiven Angriffen auf Chauffeure, die keine Fahrgäste ohne Masken akzeptieren wollen. In Frankreich war vor wenigen Wochen ein Chauffeur dabei sogar ums Leben gekommen.

Eine kleine offizielle Bundesfeier findet statt: Die Bundespräsidentin hatte 250 Personen stellvertretend für verschiedene Berufe wie Gesundheits- und Verkaufspersonal, in der Logistik Tätige und andere, die die Schweiz während des Lockdown versorgt hatten. Ihnen wird für ihr Pflichtbewusstsein und die vielen Überstunden gedankt. Ein LKW-Fahrer wird von einem Radiojournalisten interviewt und gefragt, ob er denn in der Zeit des Lockdowns keine Angst vor einer Ansteckung gehabt habe. Dies verneint der Gefragte. Er habe gar nicht daran gedacht, sondern einfach seine Arbeit und Pflicht getan. So hat die Krise auch die wunderbare Seite vieler Menschen zum Vorschein gebracht.

Alarm am Neuenburgersee: 6 Hunde sind nach einem Bad gestorben. Durch die grosse Hitze und zu viel Phosphat scheidet die Blaualge die giftige Cyanobakterien aus. Ein paar Strände wurden gesperrt, allgemein wird das Baden im See nicht empfohlen. Das Problem ist anscheinend in Kanada bereits seit Jahren bekannt. Eine meiner Bekannten sagt: „Das ist wie die Bibel vorhergesagt hat: Es kommt eine Seuche nach der anderen!“

Georg lädt mich um 17 Uhr ins Restaurant Casino in der Altstadt ein. Im Schatten einer Kastanie geniessen wir auf der Terrasse ein Glas Weisswein vom Genfersee. Unter den Gästen herrscht eine gute Atmosphäre, das Personal ist trotz der grossen Hitze von 32 °C und Maskentragen sehr freundlich. Ab 18 Uhr sind alle Plätze reserviert. Die Menschen sind dankbar und möchten feiern. Vor allem lassen sie sich ihre Lebensfreude nicht nehmen. Das finden wir toll!

Text und Foto: Petra Dobrovolny