Mein Tagebuch: 15. Mai 2020

15. Mai, Freitag:

Heute ist die „kalte Sophie“, auf Tschechisch heisst sie „Sophie, die sich in die Hose gepisselt hat“. Es regnet und es bläst ein starker Wind. Zuerst wollte ich mein T-Shirt mit den Sommerblumen anziehen, doch dazu ist es zu kühl. So wähle ich ein grünes mit einem Mandala, das dabei hilft, immer schön in der Mitte zu bleiben.

Gestern habe ich herausgefunden, welche Farben in dieser Pandemie-Zeit hilfreich sind: Gelbgrün, orange und scharlachrot wie die Berner Geranie. In diesen Farben habe ich mir letztes Jahr Murano-Glasperlen gedreht. Die Kette passt gut zum heutigen T-Shirt. Sich mit der Schönheit zu verbinden, war allen alten Kulturvölkern wichtig: „Walk in beauty!“

In der Stadt fand gestern der erste Abendverkauf seit … statt. Nur wenige nutzten diese Gelegenheit. Die längste Warteschlange sah ich vor einem auf Jogging-Schuhe spezialisierten Sportgeschäft. Von den etwa 50 Passant*innen, denen ich begegnete, trug höchstens eine einzige Person eine Hygienemaske. 

Die Berner Zeitung berichtet heute von schlimmen Vorfällen in zwei St. Petersburger Spitälern: 2 Beatmungsgeräte gerieten in Brand, sechs Menschen sind deswegen gestorben. Die Geräte des „Uraler Gerätebauwerks“, die nach dem 1. April hergestellt worden waren, wurden inzwischen aus dem Verkehr gezogen. Mit diesem Typ Beatmungsgerät hatte Russland vor einigen Wochen den USA und Italien geholfen. Bisher ist zumindest in Italien kein Unfall damit passiert. Auf den russischen Militärlastwagen, die die Geräte lieferten, prangten Aufkleber mit Herzen in den russischen und italienischen Nationalfarben und dem Slogan: „From Russia with Love“.

„Hallöchen!“, sagt Natascha und macht ein Video zur besseren Verbindung mit dem Willen Gottes. „Dein Wille geschehe!“  

Mein Tagebuch: 16. Mai 2020

16. Mai, Samstag:

Die Eisheiligen sind nun spürbar vorbei: Es wird wieder wärmer!
Heute berichtet der „Bund“ davon, dass der Kanton Bern im Vergleich mit der übrigen Schweiz weniger hart vom Coronavirus getroffen wurde. Es gab sogar insgesamt weniger Todesfälle als in den gleichen Monaten der letzten 5 Jahre!
Es melden sich zusehends häufiger Leute zu Wort in dem Sinne: Das Virus muss man zwar ernst nehmen, doch der Bundesrat hätte zu spät und unvorbereitet reagiert, obwohl er bereits im Januar Bescheid wusste. Mit Schutzmasken und genügend Testkapazitäten wäre ein Lockdown nicht nötig gewesen. Dank Notrecht hätte der Bundesrat teilweise unverständliche Massnahmen ergriffen. Der Kolumnist Ruedi Strahm schrieb von „materialbezogenen Massnahmen“. Und dies passierte alles ohne die Kontrolle des Parlaments.
Auch heute werden viele für Freiheit und Bürgerrechte demonstrieren. Vom Berner Sicherheitsdirektor wurde ihnen dafür die Allmend, der grosse Platz beim Messegelände angeboten. Dort sei Abstandhalten besser möglich als in der Altstadt. Doch es gibt wieder zu viele Demonstrierende auf dem symbolträchtigen Bundesplatz, also direkt vor dem Parlamentsgebäude. Die Polizei registriert hundert davon. Der Berner Stadtpräsident erlaubt ab sofort Kleinst-Demos mit 5 Personen.   
Erstaunlich finden wir die zahlreichen Leserbriefe, die die Demonstrierenden als unverantwortlich bezeichnen. Die Presse vermutet einen „Haufen“ von Impfgegnern, Esoterikern, Verschwörungstheoretikern, G5-Gegnern usw. Dieser „Haufen“ besteht jedoch vor allem aus besorgten Bürger*innen, die gewaltlos die Gewährleistung der vom Europarat garantierten Menschenrechte einfordert und auf den guten schweizerischen Konsens setzt. Endlich sagt ein Politiker: „Ziviler Ungehorsam wird bald zur Bürgerpflicht!“ Niemand in der Schweiz will die Regierung stürzen, im Unterschied zu Deutschland.

Christina Neuhaus schrieb in der NZZ am 9. Mai: „Machen wir uns nichts vor: Notrecht bedroht die Demokratie. Es beschneidet unsere Freiheit im Namen von Sicherheit und Gesundheit. Natürlich droht der Schweiz keine Autokratie. Aber wir müssen aufpassen, dass sich die Gewichte nicht zu stark Richtung Sicherheit verschieben. Sonnst nimmt uns der Staat eines Tages auch die Verantwortung ab, die wir ihm gar nie übertragen haben.“

Heute herrscht im Bio-Garten unseres Dorfes Hochbetrieb: Nach den Eisheiligen wollen viele Hobbygärtner*innen neue Setzlinge pflanzen. Georgs Komposterde findet grossen Absatz.
Während meines Spaziergangs der Aare entlang sehe ich eine Entenmutter mit 12 Kleinen. Sie wirkt sehr entspannt. In einem Schrebergarten setzt ein Mann Salate auf seinen Kompost. Er fühlt sich geschmeichelt, dass ich sie fotografiere.



Text und Fotos: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 12. und 13. Mai 2020

12. Mai, Dienstag: Diese Woche ist es kalt, die Eisheiligen sind da. Seit gestern dürfen die Menschen in Frankreich wieder raus und zur Arbeit gehen. Restaurants und Schulen sind noch geschlossen. Es gilt eine Maskenpflicht. Bei den Métrostationen werden Masken päckchenweise gratis verteilt. Eine Passantin sagt, die Helfer und die Polizisten könne man jederzeit um Auskunft fragen, das bewirke, dass man nicht zu viel Angst haben müsse. Nach 2 Monaten strenger Ausgangssperre liegt nun eine verhaltene Erleichterung in der Luft.
In Deutschland melden vier Landkreise steigende Infektionszahlen. Sie behalten sich vor, selbständig und schneller über Massnahmen zu entscheiden und nicht erst auf die Bundesregierung zu warten. Einige deutsche Städte haben seit 10 Tagen keinen einzigen neuen Fall und wollen mit der Lockerung vorwärts machen. Es ist sinnvoll, lokaler oder regionaler zu handeln. Seit gestern gehen die Kinder in der Schweiz wieder in die Schule. Auch hier sehen die Massnahmen in den Kantonen unterschiedlich aus. Die Rauchschwaden der nachbarlichen Zigarette nehmen leider wieder zu. Es scheint sich dort etwas zu tun: Letzte Woche haben sich verschiedene Leute das Haus angesehen. Eine Besucherin sagte auf Georgs Frage hin: Es würde neu vermietet. Wir sind gespannt, wann wir konkret informiert werden. Unsere Waschmaschine konnte inzwischen repariert werden. Jetzt muss ich nicht mehr mit Georgs Hilfe die Wäsche von Hand auswringen.

Bei der Demo am letzten Samstag war auch die Tochter von Friedrich Dürrenmatt dabei. Sie wohnt in Bern und hatte sich mit ihrem Rollator auf den Bundesplatz begeben. Gemäss offizieller Definition gehört sie zur Risikogruppe. Ein kleines Plakat hatte sie selbst gemalt und sich um den Hals gehängt: Darauf ist eine Waage zu sehen, deren Waagschalen aus dem Gleichgewicht geraten sind. In der einen liegt eine züngelnde Schlange, die die autoritäre Angstpolitik des Bundesrates symbolisiert. Aus der anderen tropft Blut. Dies zeige, wie sehr wir die letzten Wochen unter den Massnahmen gelitten hätten. Am nächsten Samstag sei sie, Ruth Dürrenmatt, wieder dabei, falls wieder demonstriert würde. Sie meint: „Irgendetwas stimmt da nicht. Das Ganze passt nicht zusammen.“

„Yes! Yes! Yes!“

13. Mai, Mittwoch:

Die heutige Schlagzeile vom „Bund“: „Zumindest Kleinstdemos sollen in Bern wieder toleriert werden“. Staatsrechtler und Politiker fordern die Stadt Bern zur Toleranz auf.

In der Nacht habe ich geträumt, dass ich mit Georg im Flughafen von London bin. Unser geplanter Rückflug in die Schweiz wurde kurzfristig abgesagt. Wir haben in einem kleinen Hotelzimmer des Flughafens übernachtet und wollen uns jetzt nach dem nächsten Flug erkundigen. Der Mann am Schalter sagt, dass der Zeitpunkt noch nicht bekannt sei, jedoch kurzfristig angesagt werde. Wir könnten solange im Restaurant warten. Das tun wir, und Georg bestellt für mich einen frisch gepressten Limonensaft mit Mineralwasser und für sich ein englisches Bier vom Fass.
Der Traum sagt mir, dass uns im Moment nichts anderes übrigbleibt als zu warten. Dass es aber plötzlich losgehen könne. In der Zwischenzeit werden wir gut versorgt mit Hotelzimmer und Getränken. Wunderbar! Was wollen wir mehr?
Es ist eine Art „Zwischenzeit“, und niemand weiss, welche Zeit danach kommen werde. Viele möchten einiges aus diesem „Dazwischen“ in den zukünftigen Alltag mitnehmen: Manche möchten im Homeoffice bleiben, mehr Familienzeit einplanen, mehr Kochrezepte ausprobieren oder erfinden.
Der Absatz von Bioprodukten hat enorm zugenommen. Diese können eigentlich nur so bezeichnet werden, wenn die Böden nicht verseucht sind. Das Bundesamt für Umwelt warnt davor, dass in 12 (!) Kantonen das Grundwasser mit Abbauprodukten des Pestizids Chlorothalonil verunreinigt sei. Die Herstellerin Syngenta kritisiert die Behörde für die Verbreitung der Wahrheit …
Ein Leserbriefschreiber meinte vor ein paar Wochen, wir befänden uns in einem dreifachen Notstand: Wegen Corona, wegen des Klimas und wegen der Pestizide. Der erste Notstand ginge vorüber, aber die zwei anderen blieben.

Text: Petra Dobrovolny
Fotos: Georg Dobrovolny

Mein Tagebuch: 7. Mai mit Gedicht

Grenzenlos                   

Willst du deine Liebste
zum Wochenende einladen,
so musst du erst die Ämter fragen.
Das ist schwer zu ertragen.
Doch deine Liebste könnte haben
das Virus im Gepäck.
Und zu diesem Zweck
sind die Grenzen zu.
Dies raubt dir nächtens deine Ruh‘!
Alles hängt jetzt ab
von der Entwicklung in Italien.
Das sind keine Lappalien.

Du klagst über dein schweres Los,
doch wisse: Eure Liebe ist grenzenlos!
Und bald seid Ihr wieder vereint
und werdet vergessen, wie oft Ihr geweint.

Eure Herzen zueinander finden.
Das kann kein Amt der Welt verhindern.
Trotz Stacheldraht und Zaun
nimmt sich die Liebe ihren Raum.
Du merkst es daran,
dass in der Luft
liegt ein ganz besond’rer Duft
von Maiglöckchen und Flieder.
Liebe kann man nicht verbieten,
und wir sehen uns bald wieder!

Mein Tagebuch: 6. Mai mit Gedicht

Wunderbar!              

Ein Professor in Amerika
befindet: Das Virus ist zu harmlos,
um einen Impfstoff dagegen zu entwickeln.
Wunderbar!
Doch viele gehen auf ihn los
und wollen sein impf-pflichtig.
And’re wieder finden, das ist nicht richtig!
Noch schweigt die Pharma-Industrie.
„Mich kriegt ihr nie!“
Lacht sich das Virus ins Fäustchen,
Professor hin oder her
von der University,
denn ich bin ein Künstler in Diversity!“
Und fliegt davon auf einem Fledermäuschen.

Seine Stacheln wirft es ab
und bringt niemanden mehr ins Grab.
Ihr dürft wieder mit anderen zusammen sein
und euch erzählen, wie das Virus war gemein,
heimtückisch und doch weise,
und dass jedes Land es bekämpfte auf eigene Weise.

Der Präsident von Amerika
schlug vor,
statt in der Krankheit zu versinken,
lieber Desinfektionsmittel zu trinken.
Experten raten dringend davon ab,
denn dieser Mann sei nicht vom Fach.

Hebt lieber ein Glas Wein in der Runde
prostet euch zu und trinkt auf die frohe Kunde
über Frieden in der ganzen Welt,
und darauf, dass die Menschheit zusammenhält.

Text und Foto: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 5. Mai 2020

5. Mai, Dienstag:

Heute ist ein Regentag. Der Himmel ist grau, die Erde wunderbar grün und blütenbunt.
Das BAG zieht in Erwägung die Massnahmen für Risikogruppen, besonders für ältere Menschen, neu zu definieren. Wir sind gespannt.
Für die Schweiz wurden gestern 88, heute 28 Neuansteckungen gemeldet.
Die WHO beurteilt das Vorgehen in Schweden ohne Lockdown und mit Setzen auf die Eigenverantwortung als gut. Die Weltgesundheitsorganisation überlegt sogar, ob sie Schweden als Vorbild empfehlen solle. 
Die freie Medienfachfrau Preradovic interviewt wieder Prof. Homburg von der Uni Hannover. Dieser fordert aufgrund seiner wissenschaftlichen Zahlenanalysen die sofortige Aufhebung aller Massnahmen ohne ideologische Diskussionen darüber, was bis jetzt alles schlecht gelaufen sei. Er entlarvt zwei falsche Behauptungen des bayrischen Ministerpräsidenten Söder:

1. Man müsste unbedingt eine 2. Welle vermeiden, die mit Sicherheit käme, das hätte man in Singapur gesehen. Die offiziellen Zahlen zeigen aber für Singapur keine 2. Welle.
 
2. Schwedens Modell sei untauglich, die Zahl der Toten erhöhe sich dramatisch. Auch dies stimme so nicht, meint Prof. Homburg. Durch den Gegenwind wollten andere europäische Länder unbedingt vermeiden, dass sich ein gelungenes Gegenbeispiel zur eigenen verfehlten Politik zeige. Zwar habe Schweden mehr Todesfälle als Deutschland, liege jedoch zwischen Frankreich und der Schweiz, sogar weit unter Belgien. Das Virus verhalte sich eben unabhängig von der Politik.
Besonders unverständlich ist, dass auch das Robert-Koch-Institut alle Verstorbenen in einen Topf wirft: Waren zum Beispiel Verkehrsopfer, Opfer häuslicher Gewalt oder Suizidfälle mit dem Virus infiziert, werden sie so gezählt, als seien sie an Covid19 gestorben.
Die Stanford Universität sagt, dass die Sterberate bei Covid19 mit 0.2 % nicht höher sei als bei einer Grippe.
Die neusten Erkenntnisse der Feldstudie in Heinsberg und dem Team um Prof. Streeck: 22% der Infizierten hatten gar keine Symptome, also etwa jeder 5. merkte nichts von Covid19. Die Wahrscheinlichkeit, sich in einem gemeinsamen Haushalt anzustecken beträgt lediglich 15%. Die Sterberate im Kreis Heinsberg würde mit 0.37% hoch eingeschätzt, sie läge in Wirklichkeit eher tiefer. Seine Aussagen interessieren auch ausländische Fernsehstationen.

Unsere 90jährige Nachbarin möchte den Sammelband „Reiseträume erfüllen sich“, den ich ihr zur Ansicht überlassen hatte, bei mir kaufen. Ich bin dort mit 3 Reiseberichten nach Irland, Kauai’i und in die Karibik vertreten. Sie freue sich darauf, mit mir beim Lesen zu reisen, denn jetzt wäre dies in der Wirklichkeit nicht möglich. Wie in einer anderen Wirklichkeit hätte sie sich vor ein paar Wochen gefühlt: Sie musste in der Stadt etwas erledigen und rüstete sich mit Hygienemaske und Einweghandschuhen aus. Als sie in den Bus stieg, sah sie zu ihrem Erstaunen nur 3 weitere Fahrgäste, alle ohne Maske und Handschuhe. Da hätte sie ihre Ausrüstung wieder eingepackt. Und die Stadt sei menschenleer gewesen. So etwas hätte sie in ihrem langen Leben noch nie erlebt.

Mein Tagebuch: 4. Mai 2020

4. Mai, Montag:

Ein Artikel im heutigen „Bund“ erfreut uns sehr: „Die Alten wehren sich“. Alle freuen sich auf die baldigen Lockerungen, doch die über 65-Jährigen sollen weiterhin zuhause bleiben. Dies sei eine Diskriminierung! Die Risikogruppen sollten neu definiert werden. Die Journalistin Christina Berndt schreibt: „Die Krise trifft alle. Die Interessen der Alten und der Jungen, der noch Gesunden und der schon Kranken sind nicht so unterschiedlich. Es geht für alle um Gesundheit, um Geld und um ein möglichst langes Leben in einer Gesellschaft, die in der Krise zusammensteht.“

„Yes! Yes! Yes!“

Der deutsche Europarechtler Daniel Thym sagt, dass die Grenzschliessungen jetzt nicht mehr rechtlich vertretbar seien. Jean-Claude Juncker meldet sich aus Luxembourg: Die Grenzöffnungen wären gerade jetzt angebracht.
In Island öffnen morgen die Schulen – ohne Abstandsregeln. Das ganze Land ist wegen seiner Lage ein Testlabor.
Heute ist der Welttag der Pressefreiheit. Vor einigen Wochen – warum gerade jetzt? –  erliess die Russische Föderation ein Gesetz gegen die Verbreitung von Fake-News, also von Nachrichten, die nicht stimmen. Wer entscheidet darüber, was stimmt und was nicht? Jetzt erleichtert dieses Gesetz das Vorgehen gegen freie Medienfachleute. Diese werden gezwungen, ihre Berichte im Netz zu löschen, auch wenn sie wahr sind. Jemand möchte nicht, dass über die dortigen schlimmen Verhältnisse in den Krankenhäusern berichtet wird. Die Zahl der erfassten Infizierten steigt jetzt im Land rasant an. In Moskau darf man nur mit einem digitalen Passierschein aus dem Haus.

Die Rauchschwaden der nachbarlichen Zigarette habe ich nun schon eine Weile nicht mehr wahrgenommen…

Mein Tagebuch: 3. Mai 2020

3. Mai, Sonntag:

Nach regnerischen Tagen scheint heute wieder die Sonne. Das Maigrün strahlt mit voller Kraft in die Welt hinaus. Ich entscheide mich für meine 2-stündige Runde: Hinauf auf das Plateau mit Ausblick auf die ganze Alpenkette einschliesslich Eiger, Mönch und Jungfrau, dann hinunter zum Uferweg der Aare entlang. Die Luft ist erfüllt mit Vogelgesang und Grillenzirpen. Die Menschen, die mir begegnen, grüssen mich mit einem freundlichen Lächeln oder ignorieren mich völlig. Man hält Abstand, wenn möglich. Joggern begegne ich nur zweimal. Die meisten gehen bedächtig, fast meditativ. Alle zusammen, auch wenn wir uns nicht weiter kennen, geniessen diesen Sonntagsspaziergang. Eine Atmosphäre der Dankbarkeit liegt in der Luft.
Der spirituelle Lehrer Mooji empfiehlt für die Zeit wie diese, bewusst wahrzunehmen, wofür wir dankbar sein können. Ein wichtiges Mantra sei „Thank you“, dreimal hintereinander ausgesprochen. Es helfe bei Angst und Depression.
Dr. Joe Dispenza, ein amerikanischer Neurowissenschaftler, ruft auf Youtube zu einer täglichen etwa 10minütigen Meditation auf, in welcher wir an einen geliebten Menschen denken und ihm im Stillen sagen sollen, was wir an ihm lieben. Wenn wir dabei ein Foto dieser Person betrachten, können wir uns besser konzentrieren. Dies Meditation bewirke bei uns einen gleichmässigen wohltuenden Herzrhythmus, der unser Immunsystem stärke. Darüber hinaus haben Untersuchungen ergeben, dass diese Frequenz oder Kraft der Liebe auf die ganze Umgebung, auf die Dauer sogar in die weite Welt wirkt: Menschen, die weder die meditierende Person kennen, noch Ahnung von deren Tätigkeit hätten, zeigen nach einiger Zeit ebenfalls den gleichen Herzrhythmus. Stell dir vor: Alle Herzen der Welt werden von diesem Rhythmus der Liebe ergriffen und senden ihn weiter aus! Da bleibt kein Platz mehr für Angst und Panik! Wir können viel mehr bewirken, als wir meinen. Yes, we can!
Der Psychoanalytiker C. G. Jung hatte das Feld des kollektiven Unbewussten entdeckt. Der Quantenphysiker Fritjof Capra ging in den 70er Jahren noch weiter und forderte für die Wissenschaften einen ganzheitlich-systemischen Ansatz. Gregg Braden spricht von „Der Matrix“, der Blaupause der Schöpfung, die alles umfasst. Dr. Joe Dispenza hat diese mit wissenschaftlichen Messmethoden erforscht und sagt, wie wichtig es ist, sich bewusst zu werden, mit welchen Sätzen unseres Glaubenssystems wir uns selbst oder andere fördern oder behindern können. Die 10-minütige Meditation stellt er unter das Motto „Go Love 2020“, abgekürzt „Golov20“.     

Estelle hat für die kommende Woche wieder Karten gelegt. Zur Erinnerung: In dieser Woche waren wir aufgefordert, wichtige innere Entscheidungen zu treffen. Die Engel kennen uns Menschen anscheinend sehr gut, denn bei so wichtigen Entscheidungen kommen uns auch wieder Selbstzweifel und viele Fragen: „Kann ich das wirklich schaffen?“ Estelles Engelkarten sagen: „Yes, yes, yes!“ Sie unterstützen das Wagnis, ein neues Leben, das besser zu uns passt, zu beginnen. Wenn es denn in Einklang mit unserem Herzen sei, wäre es in Ordnung, den Job zu kündigen, die Beziehung zu beenden oder an einen anderen Ort umzuziehen. In der kommenden Woche ist es Zeit, das alte Leben zu beenden. Die Engel versichern uns ihre Unterstützung.

Heute bringt die Sonntagszeitung einen sehr aufschlussreichen Artikel: „Das Virus und die Schweiz: Chronik des Kontrollverlusts.“ Wir finden es sehr spannend zu lesen, dass die Schweiz bereits am 31. Dezember von der WHO informiert worden war. Bereits am 24. Januar erschien eine Studie der Epidemiologen Christian Althaus und Julien Riou der Universität Bern zur Übertragbarkeit des Virus. Das Fazit: Die neue Krankheit verbreite sich wie die Spanische Grippe von 1918!
Patient Nr. 1 ist bekannt: Ein Engländer, der aus Singapur nach Genf geflogen war, um mit seiner Familie in Frankreich Skiurlaub zu machen. Er traf auch Schweizer Freunde, spürte Symptome, aber keine starken, und flog nach einer Woche von Genf nach London. Am 6. Februar wurde er dort positiv getestet. Inzwischen war auch ein 70jähriger Bewohner vom Tessin aus Mailand mit dem Virus nach Hause zurückgekehrt. Damit ging die Welle so schnell los, dass die Kontaktketten wegen mangelndem Personal und Testmaterial nicht mehr nachverfolgt werden konnten. Ab 8. März sollten nur noch Personen mit deutlichen Symptomen getestet werden. Schutzmasken fehlten, Virologen warnten, am 11. März erklärte die WHO die Krankheit Covid19 zur Pandemie. Österreich hatte schon längst seine Grenze zu Italien geschlossen, unser BAG fand dies noch für unnötig. Am 16. März erklärte der Bundesrat die „ausserordentliche Lage“, liess die Grenzen schliessen und schickte das Land in den Lockdown. Inzwischen hat sich die Schweiz im internationalen Vergleich zwar gut geschlagen: Das Gesundheitssystem kam weder in Bedrängnis, noch brach es zusammen. Doch viele Experten sagen, dass es durchaus Grund zur Kritik gäbe. Wäre medizinisches Schutzmaterial in genügendem Masse vorhanden, würde sich das Virus nicht so sehr in Altersheimen und Spitälern ausbreiten. Auch hätten die Grenzen früher geschlossen werden müssen. Die Fallverfolgung hätte nicht so früh gestoppt werden sollen. Die Knappheit der Testkapazitäten in der Schweiz sei ein schweres Versäumnis. Jetzt müsste der Pandemieplan erweitert werden.

Georg setzt Kartoffeln in einen grossen Sack mit Erde. Das sei Teil seines Pandemieplans für die 2. Welle, verkündet er. Unsere Tomatensetzlinge bekommen grosse Töpfe und frische Erde vom Bio-Garten. Georg darf sich dort selbst bedienen, denn die Erde ist sein Lohn in Naturalien. Schliesslich ist er dort schon seit zwei Jahren Kompostmeister. Naturalien als Lohn müssen eigentlich bei der Steuererklärung angegeben werden. Doch dies habe ich jetzt mal unterlassen. Eine Tomatensorte heisst Berner Rose, die wir sehr lieben.
Georg sei Dank, haben wir alles an Lebensmitteln, was wir brauchen. Und ab dem 11. Mai werden weitere Geschäfte öffnen. Dann kann ich eine neue Speicherkarte für unseren Fotoapparat und Toner für unseren Drucker kaufen.   

Yes! Yes! Yes!
Thank you, thank you, thank you!

Ja! Ja! Ja!
Danke, Danke, Danke!
                  

Mein Tagebuch: 30. April und 1. Mai 2020

30. April, Donnerstag:
Unserem Finanzminister Ueli Maurer ist es nicht mehr wohl in seiner Haut. Dies sagt er in einem langen Interview mit ihm von der NZZ. Er habe zwar die Entscheide des Bundesrates Kollegial mitgetragen, jedoch von Anfang an über die zu erwartenden riesigen Verluste der Wirtschaft gewarnt. Wörtlich sagt er: „Mir kommt es vor, als würden wir den Leuten sagen, sie sollen alle daheimbleiben, weil starker Regen zu erwarten ist. Vielleicht würde es reichen, wenn wir ihnen sagen, sie sollten den Schirm mitnehmen und gute Stiefel anziehen.“
Und, siehe da, in der heutigen Pressekonferenz kündigt der Bundesrat frühere Lockerungen für die Restaurants an, am 11. Mai und nicht erst am 8. Juni dürfen sie öffnen, sogar können die Gäste zu viert an einem Tisch sitzen, Altersbeschränkungen für Kinder fallen weg. Die Wirte können unter freiem Himmel grosszügiger bestuhlen, damit der vorgeschriebene Abstand von 2 Metern zwischen den Tischen besser eingehalten werden kann.
Ich freue mich darauf, wenn die Berner Innenstadt nach fast 3 Monaten wiederbelebt wird. Denn die anfangs friedliche Atmosphäre ist schon seit langem beklemmend bis gespenstisch. Es liegt mehr Abfall herum, je länger je mehr verschandeln Graffities die Fassaden. Berns schmuddelige Patina verbreitet keinen Charme mehr. In Moskau dagegen desinfiziert man sogar die Strassen! Hier fahren die Trams und die Busse wie Geisterfahrzeuge, in welchen fast niemand sitzt, umher. Weder hupen noch klingeln sie. Fotografierende chinesische Touristen stehen ihnen nicht mehr im Weg. Auf den Böden vor den Schaufenstern verunzieren breite schwarz-gelbe Klebstreifen, die die nötigen Abstände markieren, die Lauben. Die UNESCO-Kommission wäre nicht begeistert davon. Ich hoffe, dass dieser „Corona-Style“ nicht Eingang in das UNESCO-Kulturerbe finden wird.
Vom Fenster meines Praxisraums sehe ich auf die anderen Dächer der Altstadt und auf den Baukran, der bereits seit mindestens 2 Jahren bei der Schweizerischen Nationalbank steht. Was wird dort wohl alles umgebaut? Der Kranführer hat mir schon lange nicht gewunken, die Baustelle steht still. Ich sende Klänge für den Frieden in die Welt. Mögen die Menschen sich in dieser Zeit besinnen, wie sie wirklich leben und was sie nicht mehr mitmachen wollen.

Sobald ab dem 11. Mai dann auch die Schulen öffnen, kehrt wieder etwas mehr Normalität im Alltag ein. Normalität mit Abstand: Im öffentlichen Verkehr werden Schutzmasken dann nicht zur Pflicht, aber besonders zu Spitzenzeiten empfohlen. Das Bundesamt für Gesundheit BAG stellt einen Videoclip ins Netz. Er zeigt den richtigen Gebrauch einer Hygienemaske. Eine Pflegefachfrau demonstriert, wie: Zuerst wasche man sich die Hände. Dann entnehme man die Maske der Schachtel, prüfe gegen das Licht, ob sie Löcher aufweise. Man stelle fest, wo oben und unten bzw. aussen und innen ist, ziehe sie in vertikaler Richtung etwas auseinander, befestige sie hinter den Ohren und klemme den Metallbügel über der Nase fest. Dann wasche man sich wieder die Hände. Niemals dürfe man die Maske im Gesichtsbereich anfassen, auch wenn es einen noch so jucke. Zum Abnehmen halte man sie nur an den Gummibändern hinter den Ohren fest. Man entsorge sie umgehend in einen Abfalleimer, dessen Deckel sich per Pedal öffnen lässt. Danach ist wieder Händewaschen angesagt. Alles klar?

Unser Engelchen bringt eine Schutzmaske dorthin, wo sie benötigt wird.


1. Mai, Freitag:

Das Regenwetter hat dazu beigetragen, dass ich mit meiner Steuererklärung vorwärtskomme. Falls das Steueramt meine roten Zahlen nicht akzeptiert, werde ich beim Nachbarn Florim Boxunterricht nehmen. Der Boxsack hängt immer noch vor seiner Haustüre.
Heute wurden Grossveranstaltungen bis August abgesagt. Dies betrifft auch Florim, da er mit seiner Logistik Mitte Juli das Gurtenfestival auf unserem Hausberg versorgt. Letztes Jahr feierten und rockten dort 80‘000 Menschen. Die Bässe sind bis weit über die Stadt Bern hinaus zu hören. Alle sollen tolerant sein und sich daran freuen. Nun freuen sich vor allem die Rehe im Wald.
Unsere Waschmaschine ist kaputt, sie kann kein Wasser mehr abpumpen. Georg meint, es ginge auch ohne. Er sei schliesslich ohne Waschmaschine aufgewachsen und zeigt mir, wie man zu zweit die grösseren Wäschestücke von Hand auswringen kann. Ich staune. Die Corona-Zeit ist eine Zeit des Lernens. Viele Menschen finden die Rückkehr zum einfachen Leben sehr gut. Bei jeder Anschaffung denkt man darüber nach, was man wirklich braucht. Viele möchten jetzt ein Haustier. Die Nachfrage ist merklich gestiegen. Mir genügen für den Moment die Fische im nachbarlichen Aquarium.
Heute steht’s in der Zeitung: „Der Sicherheitsdirektor der Stadt Bern bezeichnet die Wiederbelebung der Innenstadt als hochrangig politisches Ziel.“
Wir sind hier in unserem Dorf privilegiert: Hier begegnet man sich freundlich, grüsst mit Abstand zwar, aber doch, hält an für einen kleinen Schwatz mit Abstand, aber doch. Die Gärten werden gepflegt, es ist ruhig und friedlich. Gestern gab es ausser dem bereits üblichen Gemüsestand bei der Schule auch noch einen Käsestand. Die Händlerin sagte zu Georg: „Falls Sie nicht genug Geld dabeihaben, bringen Sie es eben nächste Woche! Ich kenne Sie noch vom Märit vor dem Bundeshaus (in der Stadt)!“ Georg hatte gerade das nötige Kleingeld dabei, hat sich jedoch gewundert.

Die deutsche Tagesschau bringt eine Reportage über die Seeleute. Sie dürfen mindestens seit März die Schiffe nicht verlassen und auch nicht ausgewechselt werden, auch wenn ihre Schicht beendet ist. Über 150‘000 Seeleute sind weltweit auf ihren Schiffen isoliert und dürfen noch nicht einmal an Land gehen. Sie können das Benötigte bestellen, es wird ihnen von einem Kurier gebracht. Im Hamburger Hafen machen die Kapitäne um 12 Uhr durch ihr Schiffshorn auf diese Situation aufmerksam. Eine weitere Reportage gilt den wieder offenen Campingplätzen. In Mecklenburg-Vorpommern filmt ein Kamerateam die Wohnwagenbesitzer*innen, die heute wieder zum ersten Mal in ihrem Haus im Grünen übernachten dürfen. Eine Frau vergiesst Tränen der Trauer über die vergangenen Wochen und Tränen der Erleichterung über die erlaubte Rückkehr. Jetzt müsse sie erstmal den Garten in Ordnung bringen und reisst „Unkraut“ aus. „Halt! Nicht kompostieren!“, will ich ihr zurufen. Die ganze Wiese vor ihrem Wohnwagen besteht aus … Löffelkraut! Das weiss sie offenbar nicht. Ein Schweizer Arzt hat mal gesagt, dass genau die Heilkräuter, die wir benötigen, in unserer nächsten Umgebung wachsen. Die Natur beliefert uns frei Haus! Maiglöckchen zum Beispiel helfen bei Herzrhythmusstörungen.

Text und Fotos: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 29. April 2020

29. April, Mittwoch:
Gestern und auch während der Nacht auf heute hat es seit 6 Wochen wieder mal geregnet. Es lässt sich besser atmen, denn der Blütenstaub in der Luft konnte sich setzen. Auch die Natur atmet auf, die Bauern wünschen sich noch mehr Regen, natürlich gut dosiert. Kennt ihr den Bauern aus dem Märchen? Er beschwert sich bei Gott über das Wetter und bittet ihn um Erlaubnis, ein Jahr lang das Wetter bestimmen zu dürfen. Gott gewährt ihm seinen Wunsch und voller Tatendrang macht sich der Bauer an die Arbeit. Im Herbst muss er einsehen, dass er noch nie so wenig ernten konnte als in all den Jahren zuvor. Er klagt Gott sein Leid und fragt nach dem Grund. Die Antwort: „Du hast den Wind vergessen!“ 

Ich mache zum ersten Mal Pesto aus Löffelkraut. Man nehme 50 g Löffelkraut aus dem Wald, 1 Knoblauchzehe, 1 Esslöffel Sonnenblumenkerne, ein paar Caschewnüsse. Dies verarbeite ich in unserer Küchen-Häckselmaschine. Dann füge ich etwas Olivenöl und weissen Aceto balsamico, auch etwas Gomasio – also geröstete Sesamsamen mit Meersalz. Das Pesto kann man als Brotaufstrich verwenden, oder auch zu Spaghetti, Reis oder Quinoa geniessen. Es schmeckt ähnlich wie Brunnenkresse.
Löffelkraut ist immunstärkend, blutreinigend und enthält Vitamin C. Georg hatte die Setzlinge im Bio-Garten gefunden. Sie zieren mit ihren weissen Blüten nun in Kästli unsere Fensterbank und erfreuen ausser uns auch die Bienen. Wenn man keine Setzlinge zur Verfügung hat, findet jetzt noch bis Juli genügend blühendes Löffelkraut im Wald, besonders an schattigen und feuchten Stellen.

Gemäss Gregg Braden gibt es das Gesetz oder Prinzip der nicht reduzierbaren Komplexität, „irreducible complexity“. Nur wenn genügend Aspekte in Betracht gezogen werden, und dazu wird eine Absicht benötigt, kann ein System funktionieren. Also meine Absicht ist zum Beispiel ein gesundes Pesto herzustellen. Dazu benötige ich verschiedene Zutaten in einer bestimmten Menge, sonst funktioniert die Sache nicht. Wenn in einem Land zum Beispiel  Virologen und Epidemiologen viel Macht erhalten und die Regierung nur deren Analysen und Empfehlungen entsprechend handelt, dann geht „der Wind“ vergessen. Vergessen geht das Leiden der Kranken, die dringend eine Behandlung oder Operation benötigten, aber warten mussten. Vergessen geht die Angst vor der Armut und Insolvenz, die viele in den Selbstmord treibt. Verunmöglicht werden Küsse und Umarmungen, geselliges Beisammensein, …

Welche Absicht steckt dahinter, wenn wir gezwungen werden, unsere Freiheitsrechte aufzugeben? Wenn Risikogruppen willkürlich definiert werden? Wenn die R-Zahl alles dominiert? Wenn uns Angst gemacht wird vor einer oder weiteren nächsten Wellen? Wenn die Welt erst wieder durch einen Impfstoff sicher wird?
Was können wir von Taiwan, Südkorea und Schweden lernen?

Oben im Bild: Löffelkraut
Text und Foto: Petra Dobrovolny