{"id":2883,"date":"2025-01-31T10:56:05","date_gmt":"2025-01-31T10:56:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dolphinkissis.ch\/petrasmaerchen.ch\/blog\/?p=2883"},"modified":"2025-02-27T12:02:23","modified_gmt":"2025-02-27T12:02:23","slug":"albinen-einst-und-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dolphinkissis.ch\/petrasmaerchen.ch\/blog\/?p=2883","title":{"rendered":"Albinen einst und heute"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-65821031c8278037e27f11b33bbf6e0e\" style=\"color:#0709e3\">Heute, am 15. Januar, fahre ich zum Nachbardorf von Leukerbad, nach Albinen, walliserisch \u201eAlbinu\u201c genannt. Eine halbe Stunde lang dauert die Fahrt mit dem Bus auf einer meist einspurigen Strasse und durch einen Tunnel Richtung S\u00fcdosten. Albinen liegt an einem steilen Hang auf 1274 m \u00fcber dem Meeresspiegel \u2013 ca. 140 m niedriger als Leukerbad \u2013 mit einer herrlichen Aussicht auf das sich nach Westen \u00f6ffnende Rhonetal. Wegen der l\u00e4ngeren Abendsonne und dem besseren Schutz vor dem Nordwind ist das Klima hier milder als in Leukerbad. Dies erlebe ich auch heute: W\u00e4hrend in Leukerbad ein st\u00fcrmischer Gemmiwind aus dem Norden bl\u00e4st, ist es in Albinen windstill.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-8beb0aeaf788839cd3bfb196656954ec\" style=\"color:#0727e3\">In einem Vereinslokal \u00fcber der Garage der Feuerwehr trifft sich heute die Seniorengruppe \u201e60plus\u201c zu einem Vortrag \u00fcber Albinen einst und heute. Basil Mathieu, ein \u00fcber 80-j\u00e4hriger Albiner erz\u00e4hlt den ungef\u00e4hr 90 Zuh\u00f6renden von seinem Dorf, das heute etwa 250 Einwohnende z\u00e4hlt. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es ca. 400, und die Gr\u00f6sse der Gemeinde umfasst bis heute 1540 ha. Davon war ein Drittel mit Wald bedeckt. Hier lebten bereits um 100 v. Christi Kelten, wie Funde von Gr\u00e4bern aus der Zeit beweisen. Urkundlich wurde Albinen zum ersten Mal im Jahr 1224 erw\u00e4hnt. Die zwei Weiler in der N\u00e4he Tschingeren und Dorben geh\u00f6ren dazu. Die Gemeinde wurde anf\u00e4nglich \u201eDorben-Albinen\u201c genannt, denn in Dorben befand sich das Gemeindehaus. Das politische Schwergewicht verlagerte sich erst nach 1350 nach Albinen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-0f24c2259f504f0dc18bba67503c8119\" style=\"color:#0727e3\">Im Winter gab es jeweils bis zu 130 cm Schnee, der das Dorf oftmals f\u00fcr eine Woche von der Umwelt abschnitt. Die Transportmittel waren Holzski und breite Holzschlitten, die an den Aussenw\u00e4nden der H\u00e4user aufgeh\u00e4ngt wurden. Die H\u00e4user bestehen aus Holz und Stein, die W\u00e4nde wurden mit gebranntem Kalk befestigt. Zu der Zeit gab es noch kein Zement, sondern eine Kalkbrennerei. Es gab Kalk\u00f6fen, die zum Bedauern des Erz\u00e4hlers leider nicht restauriert wurden und schon lange nicht mehr funktionieren.<br>Es gab einen Schreiner und drei bis vier Schuhmacher. Jede Familie hatte mindestens eine Kuh, eine Ziege, manchmal auch einige Schafe, sowie Obstb\u00e4ume \u2013 \u00c4pfel, Birnen und Zwetschgen \u2013 und Reben im 12 km entfernten Dorf \u201eVaren\u201c, das als Sonnenterrasse 135 m \u00fcber dem Rhonetal auf 760 m \u00fcber dem Meeresspiegel liegt und den Anbau von Reben erm\u00f6glicht. Hier wurde der Wein gekeltert und gelagert. Maultiere trugen ihn jeweils in zwei l\u00e4nglichen F\u00e4ssern hinauf nach Albinen. Jedes Fass konnte mit 75 l Wein gef\u00fcllt werden. Diese Masseinheit wurde \u201eLagel\u201c genannt. In Albinen gab es mindestens 20 Maultiere. &nbsp;<br><br>Der Roggen wurde in den Stadeln, die wie Holzh\u00e4user auf Stelzen aussehen, \u201em\u00e4usesicher\u201c gelagert und im Winter gedroschen. &nbsp;<br>Das Leben richtete sich nach den Jahreszeiten. Im Sommer und Fr\u00fchherbst wurde alles zum \u00dcberleben im Winter besorgt. Obst wurde ged\u00f6rrt oder als Marmelade verarbeitet. Auch Schnaps wurde gebrannt. Eine Spezialit\u00e4t und zugleich Medizin war der \u201eJenziner\u201c. Er wurde aus der Wurzel des gelben Enzians gebrannt. Das ist heute verboten, wird aber trotzdem manchmal noch gemacht. Es hiess: Wenn du genug Kartoffeln, Holz und Futter f\u00fcr die Tiere hast, kannst du durch den Winter kommen. Die Kartoffeln wurden in einem Loch im Naturboden des Kellers gelagert. Brot wurde nur viermal im Jahr gebacken und sehr hart gegessen. W\u00e4hrend der langen Winterabende wurde nicht nur Wolle, sondern auch Geschichten \u201egesponnen\u201c, darunter auch folgende:<br><br>\u201eEs hiess, dass sich am 13. Januar, am Tag des heiligen Hilarius, die Seelen der Menschen, die im Verlaufe des Jahres sterben werden, sich um Mitternacht in der Kirche treffen. Josi habe sich einmal vorgenommen, der Sache auf den Grund zu gehen. Er liess sich am Hilariusabend vom Sakristan unbemerkt in der Kirche einschliessen und machte es sich so gut wie m\u00f6glich auf der Empore gem\u00fctlich. Trotz der grossen K\u00e4lte schlief er ein. Der Glockenschlag an Mitternacht weckte ihn und er sah unten in der Kirche eine brennende Kerze und zwei Gestalten. Eine davon setzte sich in eine Bank und begann mit dem Rosenkranz \u201edie 5 Wunden Jesu\u201c zu beten. Danach ging die andere Gestalt zum Chor hinter den Altar und rief in Richtung Josi: \u201eUnd jetzt noch \u201edie 5 Wunden\u201c f\u00fcr den auf der Empore!\u201c Josi lief es kalt den R\u00fccken hinunter. Er sagte sich: \u201eIch bin doch gesund, mir fehlt nix. Ich werde bestimmt noch nicht sterben!\u201c Es vergingen 6 Monate, bis ein Dorfbewohner starb. Es wurde Winter und siehe da, am Weihnachtsabend starb ein Zweiter. Josi dachte, dass sich die Vorhersage nicht erf\u00fcllen werde. Noch bevor der Kirchenchor das neue Jahr einsingen konnte, wurde Josi begraben.\u201c<br><br>1850 wurde die Schulpflicht eingef\u00fchrt. Davor konnten die meisten weder lesen noch schreiben. Das Gemeindehaus wurde f\u00fcr die Schulklasse um ein Stockwerk erweitert. Die Leute konnten aber rechnen und benutzten verschiedene Masseinheiten, zum Beispiel zur Berechnung der \u201eMiete\u201c einer Alpweide f\u00fcr die K\u00fche. Die Burgergemeinde war die Besitzerin der Weiden. Als Einstandspreis zur Benutzung der Alpe und Anerkennung der Gemeinde bezahlte man 37.5 l Wein, in der damaligen Masseinheit mit einem \u201e\u00bd Lagel\u201c bezeichnet. Die Maultiere trugen den Wein in zwei l\u00e4nglichen F\u00e4ssern, die je 1 Lagel fassten, insgesamt also 150 l pro Lasttier von Varen hinauf nach Albinen. Pro Sommer musste man ausserdem einen Tag auf der Alp arbeiten, wenn man seine Tiere dort weiden lassen wollte. Als Best\u00e4tigung daf\u00fcr schnitt der Alpvogt eine bestimmte Einkerbung in ein flaches etwa 30 cm langes Holzst\u00fcck, \u201eT\u00e4sl\u00e4\u201c genannt. Die Art der Kerben sagte aus, wie viele Rinder und K\u00e4lber man auf die Alpe treiben durfte. Auch konnte man Losholz aus dem Wald der Burgergemeinde und pro Jahr 4 Flaschen Burgerwein beziehen.<br>Damals wurden auch schlecht zug\u00e4ngliche H\u00e4nge von Hand mit Sensen gem\u00e4ht, so dass die Landschaft sehr gepflegt aussah. Heute werden nur noch die leichter zug\u00e4nglichen H\u00e4nge bearbeitet, sodass viele Bergweiden nicht mehr gepflegt sind und verkommen bzw. \u201everganden\u201c. Im Sommer und Fr\u00fchherbst haben wir in Leukerbad an Wochenenden bis zu drei Generationen beim M\u00e4hen der blumenreichen Weiden beobachten d\u00fcrfen. Dies ist heute eher eine Seltenheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-42c58144fdbeb0d4fa0d6df9cb401fc4\" style=\"color:#0727e3\">1723 wurde die Kirche gebaut, 1739 kaufte sich Albinen von Leuk los. 1906 gab es das erste Lebensmittelgesch\u00e4ft, das vor allem Salz, Petrol und Tabak anbot. Heute befindet es sich im Besitz der Gemeinde und f\u00fchrt nat\u00fcrlich ein breiteres Sortiment. 1946 gab es ein starkes Erdbeben, das die Kirche, die der Schutzpatronin der Bergbev\u00f6lkerung, der Heiligen Barbara, geweiht war, schwer besch\u00e4digte. Sie wurde notd\u00fcrftig repariert. Die 1955 entstandene Strasse ins Tal erm\u00f6glichte den Bau einer neuen Kirche. Der damalige Pfarrer w\u00fcnschte, dass sie die Form eines Schiffs \u00e4hnlich der Arche Noah haben und dem Bruder Klaus geweiht werden sollte. Die damals moderne Architektur war wohl f\u00fcr viele gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Nach der Er\u00f6ffnung berichtete eine Tageszeitung \u00fcber \u201edas gekenterte Schiff von Albinen\u201c.<br><br>Den Worten Basils m\u00f6chte ich noch Folgendes hinzuf\u00fcgen, was ich beim letztj\u00e4hrigen Vortrag von Bruno Zumofen in Leukerbad erfahren habe:<br>Bei den zahlreichen Bade- und Kurg\u00e4sten waren Anfang des 20. Jahrhunderts die Albiner Blumenkinder sehr beliebt. Auf den schmalen Wegen nach Leukerbad pfl\u00fcckten sie einheimische Blumen, vor allem Alpenrosen. Diese verkauften sie in kleinen Schachteln den G\u00e4sten, die die Alpenflora per Post Bekannten und Verwandten in die ganze Welt verschickten. Manchmal verdienten die Blumenkinder pro Monat sogar mehr als der Familienvater. \u2013 Bevor es 1978 die Strasse von und nach Leukerbad gab, war die Benutzung der an den Felsw\u00e4nden fest installierten Leitern zur \u00dcberwindung der steilsten Wegst\u00fccke eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Heute gibt es immer noch 8 Leitern f\u00fcr schwindelfreie Wandernde. \u2013 Medizinisch versorgte sich die Dorfbev\u00f6lkerung mit Heilkr\u00e4utern. Es gab und gibt heute noch in Albinen einen Kr\u00e4utergarten. F\u00fcr schwerere F\u00e4lle kam ein Arzt aus dem Tal auf einem Maultier. Es soll einmal eine Hebamme gegeben haben, die auch gebrochene Arme und Beine richtig schienen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-3185cc8278dcd8cc979bb5629af1a4f1\" style=\"color:#0727e3\">Am Anfang, in der Mitte und am Ende seines Vortrags spielt Basil St\u00fccke auf seiner Mundharmonika. Er gibt auch noch weitere Dorfgeschichten zum Besten. &nbsp;Das meiste davon habe ich nicht verstanden, denn Basils Wallisertitsch, das man wohl eher als \u201eAlbinutitsch\u201c bezeichnen k\u00f6nnte, klingt f\u00fcr meine Ohren sehr ungewohnt. Sogar einige Walliser G\u00e4ste aus dem Tal hatten etwas M\u00fche damit. Doch haben wir alle seine anderthalbst\u00fcndige Darbietung genossen, in der er uns in die Welt der fr\u00fcheren Generationen von \u201eAlbinu\u201c entf\u00fchrte. Da ich weder im Wallis noch in den Bergen, sondern in Luxemburg aufgewachsen bin, habe ich mir nicht eingebildet, dass ich diesen Vortrag ohne Fehler und Missverst\u00e4ndnisse wiedergeben kann. So habe ich Basil Mathieu meinen Text mit der Bitte um Korrekturen per Post geschickt und ihm ein Treffen vorgeschlagen. Dar\u00fcber hat er sich sehr gefreut. Bald sassen wir zusammen in einer Cafeteria in Leukerbad. Basil beantwortete meine Fragen und erkl\u00e4rte mir seine zahlreichen Berichtigungen, die er sorgf\u00e4ltig mit Rotstift angebracht hatte. Ich habe sie hier im Text ber\u00fccksichtigt. Als Dank f\u00fcr meine Interesse schlug Basil vor, im Mai, wenn der Schnee geschmolzen sei, meinen Partner Georg und mich durch sein Heimatdorf zu f\u00fchren und uns noch weitere Geschichten von Albinen einst und jetzt zu erz\u00e4hlen. &nbsp;&nbsp;<br><br>Foto: Albinen mit Blick auf das Rhonetal<\/p>\n\n\n\n<p>und Text: Petra Dobrovolny<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute, am 15. Januar, fahre ich zum Nachbardorf von Leukerbad, nach Albinen, walliserisch \u201eAlbinu\u201c genannt. Eine halbe Stunde lang dauert die Fahrt mit dem Bus auf einer meist einspurigen Strasse und durch einen Tunnel Richtung S\u00fcdosten. 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