Mein Tagebuch: 30.10.2022

30. Oktober, Sonntag: Die heilige Maria von Fatima und die Weihe

Jeden zweiten Tag singe und klinge ich mit meinen Kristallklangschalen in der Seitenkapelle der Marienkirche von Leukerbad. Dabei stehe ich neben eine Statue aus Zedernholz, welche die heilige Maria von Fatima darstellt. Diese Statue hat eine so lebendige Ausstrahlung, dass mir scheint, als würde mir die Muttergottes persönlich zuhören. Da ich kaum etwas von Fatima in Portugal weiss, habe ich im Internet bei Wikipedia recherchiert und herausgefunden, dass dieser heilige Ort 130 km nördlich von Lissabon mindestens so bedeutsam ist wie die zwei bekanntesten Marienpilgerorte Lourdes und Medjugorje.

In den Jahren 1917 bis 1919 erschien in dem ländlichen portugiesischen Ort insgesamt dreimal die Muttergottes drei Hirtenkindern und vermittelte ihnen jedes Mal eine Botschaft, welche «die drei Geheimnisse von Fatima» genannt werden. Im ersten Geheimnis wurde die Hölle dargestellt. Das zweite Geheimnis lautet:

„Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott in der Welt die Andacht zu meinem unbefleckten Herzen begründen. Wenn man tut, was ich euch sage, werden viele Seelen gerettet werden, und es wird Friede sein. Der Krieg wird ein Ende nehmen. Wenn man aber nicht aufhört, Gott zu beleidigen, wird unter dem Pontifikat von Papst Pius XI. ein anderer, schlimmerer beginnen. Wenn ihr eine Nacht von einem unbekannten Licht erhellt seht, dann wisst, dass dies das große Zeichen ist, das Gott euch gibt, dass Er die Welt für ihre Missetaten durch Krieg, Hungersnot, Verfolgungen der Kirche und des Heiligen Vaters bestrafen wird. Um das zu verhüten, werde ich kommen, um die Weihe Russlands an mein unbeflecktes Herz und die Sühnekommunion an den ersten Samstagen des Monats zu verlangen. Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Russland sich bekehren und es wird Friede sein. Wenn nicht, wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Kirchenverfolgungen heraufbeschwören. Die Guten werden gemartert werden, der Heilige Vater wird viel zu leiden haben, verschiedene Nationen werden vernichtet werden, am Ende aber wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren. Der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden.“

Am 25. März 2022 weihte Papst Franziskus Russland und die Ukraine dem unbefleckten Herzen Mariens.

Ich bin zutiefst bewegt und erstaunt. Man könnte meinen, Leukerbad sei weit weg von dem russischen Angriffskrieg, der uns seit dem 24. Februar dieses Jahres so erschüttert. Irrtum: Bei meinen Klangmeditationen bin ich zwei Meter von der Marienstatue aus Fatima entfernt, und Georg in Bremgarten 30 m von den ukrainischen Flüchtlingen mit dem kleinen Platon.

Dass meine Klänge und Gesänge dem Frieden dienen, weiss ich. Aber jetzt wird mir ihre Bedeutsamkeit noch bewusster. Ich bin sehr dankbar dafür, so wirken zu dürfen. 

P.S.: Zur Zeit von Papst Pius XI. fand der 2. Weltkrieg statt. Mehr Info findet ihr bei Wikipedia: Die drei Geheimnisse von Fatima. Das letzte wurde erst im Jahre 2002 veröffentlicht.

Foto: Marienkirche Leukerbad und meine Kristallklangschalen mit dem Gebet „Salve Maria“

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 27.10.2022

27. Oktober, Donnerstag: Wer kann das verstehen? Energieparadies Wallis

Die Auszeichnung für die Verteidigung der Menschenrechte, der Sacharow-Preis, geht dieses Jahr an das ukrainische Volk. Es kämpft für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, so lautet die Begründung. – Unterdessen verschärft sich der russische Angriffskrieg. Christina schreibt uns aus Kiew, dass es ihnen den Umständen entsprechend trotz ständigem Fliegeralarm einigermassen gut geht, und bedankt sich dafür, dass wir an sie denken. Ihre ältere Schwester Veronika ist nach sechs Wochen mit ihren drei Kindern wieder zu ihren vorherigen Gastgebern, unseren Nachbarn, zurückgekehrt. Sie konnte in Odessa keine Wohnung finden. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als den Winter in der Schweiz verbringen, ohne ihren Mann und Vater der Kinder. Georg bringt ihnen wieder frischen Fisch vom Berner «Märit».
Der Kreml erzählt seinen Soldaten, dass sie ihre Heimat verteidigen. Zu Beginn des Krieges durfte niemand das Wort «Krieg» in den Mund nehmen, ohne dass eine Verhaftung drohte. Die «Aktion» hiess offiziell «Spezialoperation». Und jetzt spricht der Kreml von einer «Kriegsmobilmachung». Wer kann das verstehen?

Bis vor kurzem galt man als Verschwörungstheoretiker:in, wenn man sagte, dass das Virus künstlich „in einem Labor“ hergestellt wurde. Jetzt kann man dies sogar im Gratisblatt «20Minuten». Wer kann das verstehen?

Die Wahrheit kommt ans Licht: Auf Nachfrage des europäischen Parlaments hat die Firma Pfizer zugegeben, dass sie gar nicht getestet hatte, ob der Impfstoff vor einer Übertragung des Virus schützt. Die EU-Kommission wusste dies. Trotzdem wurden Millionen von Menschen, die sich nicht haben impfen lassen wollen, schikaniert und diskriminiert. Wer kann das verstehen?
Die EU-Kommission bestellte bei Pfizer für jeden und jede der Bevölkerung in den EU-Ländern 10 Dosen zu einem Preis von 71 Milliarden Euro. Der hundertseitige Kaufvertrag ist geheim. Auf Anfrage des Europäischen Parlaments schickte Pfizer eine Vertragskopie mit 100 geschwärzten Seiten. Wer kann das verstehen? 

Schottische Statistiken zeigen, dass seit 2021 doppelt so viele Neugeborene im ersten Lebensmonat sterben als sonst. Die Behörden halten es nicht für nötig nachzufragen, ob die schwangeren Mütter dieser Babys geimpft waren oder nicht. Entsprechende Daten werden nicht erhoben. Das Bundesamt für Gesundheit in Bern empfiehlt jetzt im Herbst die Impfung für Schwangere, über 65-Jährige und Mitarbeitende im Gesundheitswesen. Wer kann das verstehen?

Von Januar bis September dieses Jahres hat die Schweiz für mindestens 5 Milliarden Schweizerfranken Energie in das nahe Ausland exportiert. Offiziell wird für den kommenden Winter eine Energieknappheit vorausgesagt. Wer kann das verstehen?

Das Dach «unseres» Hauses in Leukerbad muss renoviert werden. Bei der Stockwerkeigentümerversammlung wurde dagegen gestimmt, bei der Renovation Solarpaneels zu installieren. Wenn ich oberhalb des Dorfes – in der besten Sonnenlage – spazieren gehe, sehe ich viele Hausdächer, die im Sommer renoviert wurden. Keines hat eine Solaranlage erhalten. Die Gemeinde ist der Meinung, dass es in Leukerbad wegen der hohen Felswände tagsüber zu wenige Stunden Sonne gibt. Besonders im Winter könnte die Sonneneinstrahlung nur von 10 bis 16 Uhr genutzt werden. Das lohne sich nicht.

Der Kanton Wallis produziert zu 100% die hier benötigte Energie selbst. Davon kommen 93% vom Wasser. Die Stauseen sind zurzeit zu 85% gefüllt. Also müssen wir uns keine Sorgen machen wegen einer eventuellen Energieknappheit. Auch die Preise sollen konstant bleiben, teilt uns der regionale Energieversorger mit. Das Wallis plant jetzt drei grosse alpine Solaranlagen, die zunächst einmal den ganzen Kanton versorgen könnten und auch sollen. Es wird daran gearbeitet, dass die juristischen Hürden für solche Projekte in den geschützten Alpenlandschaften fallen.  

Hier in Leukerbad warten alle auf das Projekt «Fernheizung mit dem Abwasser der Therme», mit dem jedes Haus beheizt werden soll. Diese Idee gab es bereits vor 60 Jahren. Doch die Öl-Lobby verhinderte erfolgreich, dass damals die Gemeinde in Bezug auf die Energieversorgung unabhängig wurde. Das kann heute niemand mehr verstehen. Nun ist es als «Generationen-Projekt» endlich aufgegleist, die grossen Rohre für die ersten 150 m wurden im Sommer gelegt. Wir wissen noch nicht, in welcher Generation wir im oberen Teil des Dorfes an diese Fernwärme angeschlossen werden.

Foto: Blick auf die südliche Alpenkette mit den über 4000m hohen Bergen wie der Mischabelgruppe, dem Weisshorn, dem Zinalrothorn

und Text: Petra Dobrovolny         

Mein Tagebuch: 23.10.2022

23. Oktober, Sonntag: Die Provence und Spanien im Wallis vereint

Dass Rainer Maria Rilke seine letzten Jahre in der Schweiz verbracht hatte, wusste ich. Beim Besuch des Rilke-Museums in Sierre am letzten Dienstag erfuhr ich mehr. Mit 44 Jahren, im Jahre 1919, verliess Rainer Maria Rilke Deutschland, um in der Schweiz eine Bleibe zu finden, wo er als Dichter in Ruhe arbeiten konnte. Bei einem Ausflug ins Wallis verliebte er sich in die Landschaft der Umgebung von Sierre: Das weite Tal und der offene Himmel schienen ihm so rein wie am ersten Schöpfungstag. Hier fand er die Provence und Spanien auf engstem Raum vereint und auch er, Rilke, konnte sich mit dieser Landschaft vereinen. Das «Château de Muzot» oberhalb von Sierre war zur Miete oder zum Kauf ausgeschrieben: Ein Gebäude aus dem 13. Jahrhundert mit Möbeln aus dem 17. Jahrhundert, ohne Strom und Wasser. Dieser massive viereckige Burgturm, den Rilke «Castel» nannte, wurde für seine letzten fünf Lebensjahre sein Zuhause. In dieser Abgeschiedenheit verschmolz er mit der Landschaft, Innen und Aussen wurden Eins. Der Dichter fand hier Zugang zum «Weltinnenraum», wie er sich ausdrückte, und konnte endlich – nach 10 Jahren Pause – die Duineser Elegien vollenden und seinem Werk u.a. die Sonetten an Orpheus sowie über 400 Gedichte auf Französisch hinzufügen. Jean-Michel Henny beschreibt in seinem Buch «Rilke en Valais» dessen letzten Lebensabschnitt sehr einfühlsam und liebevoll. Zahlreiche Zitate aus den vielen Briefen, die Rilke schrieb, bringen dem Leser oder der Leserin das «Seelengeschehen» des Dichters – so würde ich es nennen – nahe.

Die Ähnlichkeit des Wallis mit der Provence und Spanien entdeckte Rilke auch in Büchern über die hiesige Flora und Fauna. Einige Pflanzen und Schmetterlinge des Wallis gibt es auch in der Provence und in Spanien. Sonst nirgends auf der Welt. Durch meine Lektüre des Buches «Rilke en Valais» wird mir bewusst, warum ich das Wallis so liebe und hier das Gefühl habe, im Aussen und Innen angekommen zu sein. In meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich die Sommerferien entweder in der Provence oder in Spanien. Meine Eltern waren sehr reiselustig und hatten vor dem grauen Winter im nördlich gelegenen Luxemburg, wo wir wohnten, Sehnsucht nach dem Süden und dem Meer. Diese alljährliche Erfahrung des Südens gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Die Landschaft, das Klima, die Gerüche, der Geschmack bestimmter Speisen, besonders Mandelgebäck, haben mich so geprägt, dass ich mich dort zuhause fühle. Die Menschen dort begegneten mir als Kind mit grosser und der ihnen eigenen spontanen Herzlichkeit. Spanische Frauen hoben mich manchmal hoch und küssten mich, obwohl sie mich gar nicht kannten.

Und nun hören mir die Menschen, die zur Mittagszeit auf ihrer Wanderschaft in der Marienkirche von Leukerbad einen Halt einlegen, zu, obwohl sie mich nicht kennen. Und obwohl diese «Veranstaltung» im Internet nicht zu finden ist. Ich kenne diese Menschen auch nicht, doch wir begegnen uns in unserem gemeinsamen Menschsein als Gottes Geschöpf. Ich schenke ihnen meine Klänge und Gesänge. Dankbar nehmen sie mein «Benedictus, benedicta, qui venit in nomine domini» und «Andate in pacem» mit auf ihren weiteren Weg.

Foto: Foto auf dem Bildschirm im Rilke-Museum in Siders: Château-de-Muzot-sur-Sierre, und Text: Petra Dobrovolny               

Mein Tagebuch 19.10.2022

19. Oktober, Mittwoch: Die Talente in die Welt bringen

Die Lärchen färben sich goldgelb, die Mauersegler sind weiter in den Süden geflogen. Ab und zu höre ich abends das Zirpen einer einsamen Feldgrille. Seit der Abreise von Georgs jüngster Schwester und ihrem Ehepartner – unserem Besuch aus Mähren – am 1. Oktober hält das milde und sonnige Wetter an. In der Nacht wird es hier auf 1450 m Höhe nicht kälter als 10°C, tagsüber zeigt das Thermometer mindestens 23°C.

Diesen Monat ist schon so viel passiert, dass ich gar nicht mehr mit dem Schreiben nachkomme. Also Schritt für Schritt der Reihe nach:

Habt ihr mal etwas von dem Amerikaner William Toel gehört? In meinem Tagebuch habe ich ihn bereits erwähnt. Er erzählt auf Youtube, dass er von Gott dazu auserkoren wurde, ein Wächter oder Hüter Deutschlands zu sein. Ungefähr 1984 hatte er die Vision vom Fall der Mauer. Niemand glaubte ihm. Letztes Jahr organisierte er zum ersten Mal einen «Walk am Rhein» im Gedenken an die jungen deutschen Soldaten, die als Gefangene unter amerikanischer Besatzung in den Rheinwiesenlagern verhungerten, verdursteten oder erschossen wurden. Tausende von Menschen, besonders Familien mit drei Generationen, nahmen an dem Spaziergang teil, beteten und trauerten. Viele Tränen durften endlich fliessen. Diese «Aktion» bewirkte eine wichtige Heilung von alten Traumata.- Dieses Jahr rief William Toel im September wieder zu einem «Walk am Rhein» auf: Wir sollten in diesem Monat am Ort unserer Wahl eine Stunde lang für die Freiheit und Souveränität Deutschlands beten. Auch in der Schweiz beteten Menschen am Ufer des Rheins. Ich tat dies am Ufer der Aare, die in den Rhein fliesst. Deutsche sollten sich nicht mehr für ihr Deutschsein schämen und schuldig fühlen, sondern sich mit der deutschen Seele, Tugenden und Begabungen verbinden, um positiv für das Allgemeinwohl zu wirken. Es geht nicht darum, überheblich zu werden und sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen. Jedes Volk auf der Welt hat wie die Figuren auf einem Schachbrett eine bestimmte Rolle und Aufgabe. Jetzt sei es höchste der Zeit, so William Toel, dass die Deutschen sich an ihre einzigartige Rolle im Dienst der Welt erinnern und diese wahrnehmen. In diesem Sinne hielt er am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, eine Rede in Berlin. Zu Beginn erzählt er, dass er zu Hause in den USA vor zehn Tagen eine schlaflose Nacht hatte. Seine deutsche Frau riet ihm zu beten. Gott sprach zu ihm und gab ihm den Auftrag sofort nach Berlin zu reisen, um am Tag der deutschen Einheit zu den Menschen zu sprechen. William Toel prophezeit, dass Deutschland in vier bis fünf Monaten frei und souverän sein wird – gemäss dem Willen Gottes.

Gott hat uns alle – egal welcher Nation wir angehören – mit Talenten geschaffen und uns Begabungen geschenkt, damit wir uns frei – und nach bestem Wissen und Gewissen – ausdrücken und für das allgemeine Wohl wirken. Durch Minderwertigkeitsgefühle, Selbstboykott, Angst und Scham oder dem Gegenteil davon, durch Konkurrenzdenken, ein überhebliches Auftreten als Besserwisser oder Prahlhans verhindern wir dies.

Bei seiner Einsetzung am 14. August hatte der neue Pfarrer, der ursprünglich deutscher Herkunft ist, in Leukerbad gewünscht, dass jede und jeder mit seinen Talenten zum Wohl der Dorfgemeinschaft beitragen möge. Dies hat mich dazu motiviert, meine Kristallklänge in die Kirche zu bringen. Am Samstagabend, den 15. Oktober war es so weit. Das Programm des Ablaufs der Messe erhielt ich erst am Tag zuvor. Es enthielt einige vorher nicht besprochene Änderungen. Eine gemeinsame Probe hatte nicht stattgefunden. Zum Glück hatte ich die Idee, den Tisch mit meinen Instrumenten nicht in der Seitenkapelle lassen, sondern hinten in das Hauptschiff mit freiem Blick auf den Hauptaltar zu stellen. Zur Mittagszeit probte ich noch einmal für mich und merkte, wie sich meine Selbstzweifel leise, aber deutlich meldeten. Worauf hatte ich mich da eingelassen? Es gibt kein Zurück: Das Plakat vor dem Eingang kündigt klar und deutlich an, dass ich heute die Messe mit Gesang und Instrumenten aus Bergkristall begleite. Ein Musikinstrument kann man auch mit Selbstzweifeln einigermassen spielen, aber … singen? Der Atem reagiert wie ein Seismograf und verrät den inneren Zustand. Ich versuche während meiner letzten Probe so gut wie möglich zu singen, und – siehe da – mir kommt Unterstützung zu: An diesem Mittag besuchen so viele Menschen wie noch nie bei meinen bisherigen Proben die Kirche, nehmen für kurze oder längere Zeit Platz auf einer Kirchenbank, hören mir zu und zeigen mir einen «Daumen hoch», wenn sie wieder gehen. Diese Geste beruhigt mich und ich freue mich sehr darüber. 

Kurz vor Beginn der Messe begrüsst mich der Pfarrer und fragt, ob ich die Ruhe selbst sei, oder ob er noch für mich beten solle. Ich antworte, er könne immer für mich beten, und frage ihn, ob ich auch für ihn beten solle. Ja, meint er, das sei dann gegenseitig. Die Orgel beginnt, der Pfarrer begrüsst die Gemeinde, stellt mich als Klangtherapeutin vor und meint zu den etwa 130 Versammelten, sie müssten nicht mehr extra in eine Therapie gehen, es genüge ihre jetzige Anwesenheit hier. Hauptthema der Predigt ist das Gebet: Wann man beten solle oder könne, welche Formen ein Gebet haben könne – ich verstehe auch meine Klänge und Gesänge als Gebet – und dass der Spruch «Jetzt können wir NUR NOCH beten» das Gebet abwerte. Bald ist mein erster Beitrag «Kyrie eleison» dran. Es geht. Der Pfarrer sagt danach ein paar Worte zum Erbarmen des Herrn. Ich fuhr fort mit «Gloria» und fühlte mich etwas sicherer. Während der Gabenbereitung spielte ich Klänge ohne Gesang, bald steht mein «Agnus Dei» auf dem Programm, doch ich weiss weder, wann ich damit anfangen noch aufhören soll. Die Orgel schweigt, der Pfarrer vollzieht die Zeremonie und auf gut Glück singe und klinge ich. Es geht gut, die grösste Hürde ist genommen. Während der Kommunion spiele ich sehr meditativ eine tonmässig absteigende Melodie, mit der Absicht, die Betenden zu inspirieren. Ich fühle, dass ich jetzt im Geschehen angekommen bin und spüre, wie sich das göttliche Licht von oben her auf die andächtigen Menschen senkt. Am Schluss der Messe dankt mir der Pfarrer und zur Gemeinde sagt er: „Hoffentlich sind jetzt alle geheilt.“ Er beginnt mir Beifall zu klatschen, die Anwesenden schliessen sich ihm an und wenden sich dem Ausgang und damit auch mir zu. Jetzt habe ich ein Dilemma: Zum Ende wollte ich ursprünglich «Andate in Pacem» singen und klingen, doch der Organist hatte mich damit beauftragt, unbedingt noch ein Marienlied einzuflechten, denn es sei eine bestimmte Marienwoche. Ich hatte ihm entgegnet, dass es doch Maria gegenüber unhöflich sei, wenn die Leute in dem Moment ihrer Begrüssung die Kirche verlassen. Er meinte aber, die Leute blieben dann sitzen! Ich finde auch, dass die göttliche weibliche Kraft unbedingt noch begrüsst werden sollte und beginne vor dem mir jetzt zugewendeten Publikum mutig mit «Ave Maria», – und, siehe da, die Leute bleiben stehen oder noch sitzen! Ich kürze ab mit «gratia plena, ora pro nobis» und leite über zu «Andate in pacem» und «Amen». Alle klatschen noch einmal dankbar Beifall und werfen beim Hinausgehen neugierige und staunende Blicke auf meine Bergkristall-Instrumente.

Foto des Hauptaltars im Rokokostil, Pfarrkirche „Maria, Hilfe der Christen“ , Leukerbad

und Text: Petra Dobrovolny                    

Mein Tagebuch: 07.10.2022

07. Oktober, Freitag: Goldener Oktober und Kristallklänge

Nach ein paar kalten Regentagen mit Schnee bis 1700 m ist der milde Herbst zurückgekehrt. Die Feriengäste geniessen auf den zahlreichen Leukerbadner Restaurantterrassen die noch wärmende Oktobersonne. Ab und zu schaut jemand in die Marienkirche, wenn ich zur Mittagszeit dort in der Seitenkapelle übe. Viele lauschen meinem Gesang und den Klängen meiner Instrumente aus Bergkristall. Meistens sind es Frauen, die bei der Marienstatue aus Fatima eine Kerze anzünden. Andere nehmen mit ihrem Handy meine Klänge auf. Mit einer Geste des Dankes und der Wertschätzung in meine Richtung verabschieden sie sich. Heute kam nach kurzer Zeit ein Besucher zum zweiten Mal, nahm sich noch mehr Zeit als beim ersten Mal, nahm in meiner Nähe auf einer Kirchenbank Platz und versank voller Andacht in einem stillen Gebet, als ich das «Credo» sang. Dies hat mich sehr berührt. – Am letzten Samstag kamen der Pfarrer und der Organist in die Kirche, als ich gerade meine Version des «Ave Maria» übte. Letzterer meine, das sei doch gregorianisch, was ich singe, und er sei beeindruckt von der Reinheit der Kristallklänge. Falls ich möchte, könnte ich am Samstag, den 15. Oktober die Abendmesse begleiten. Auch der Pfarrer findet dies einen Versuch wert. Jede Art von Musik oder Klängen würden immer wichtiger, denn die Menschen fühlten sich davon sogar eher angesprochen als von langen Predigten, bei denen sie öfters auf die Uhr schauen und sich fragten, wie lange rede «der da vorne» eigentlich noch. Ich sage zu und bitte die heilige Maria von Fatima um ihre Unterstützung. Der für mich schwierigste Punkt ist, dass ich in der Seitenkapelle ohne Sicht auf den Hauptaltar spielen werde. Der Organist will mir von seiner Empore her jeweils ein Zeichen geben. Ob das klappt?

Foto: Kirche „Maria, Hilfe der Christen“ in Leukerbad

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 11.09.2022

11. September, Sonntag: Ein Abschied, singende Flügel und eine Marienstatue

Gestern ist unser Besuch nach einer Woche wieder nach Hause in die Tschechische Republik gefahren. Sie hatten Glück mit dem Wetter gehabt. Georgs jüngster Neffe, seine Frau und ihre zwei Kinder im Alter von 5 und 2 Jahren haben Ausflüge in die Berge und Schifffahrten auf dem Genfer und Thuner See sehr genossen. Den Kindern waren die verschiedenen Spielplätze, auf denen sie sich austoben konnten, am wichtigsten. Schöne Aussichten oder Wanderungen können sie nicht begeistern. Der grösste Hit war der Familienwagen des IC nach Genf: Gleichzeitig Zugfahren und eine Rutschbahn runterrutschen! Die Kinder wollten gar nicht mehr aussteigen.

Heute wurde Georg von «seinen» Ukrainerinnen in Bremgarten zu einer kleinen Abschiedsfeier eingeladen. Am Dienstag wird die Grossmutter und ihre jüngere Tochter mit ihren zwei kleinen Kindern nach 6 Monaten sicheren Aufenthalt in der Schweiz wieder in ihr Heimatland zurückreisen. Der Schwiegersohn hat in der Nähe von Kiew eine Wohnung gefunden. In ihre Heimatstadt Mariupol können sie zumindest vorläufig noch nicht zurück. Die Reise mit dem Zug über Wien und Polen dauert zwei Tage. Georg bringt ihnen eine grosse Wassermelone, die er während zwei Wochen auf unserer Veranda hat reifen lassen. Der Geschmack erinnere sie an die Melonen in der Ukraine, meinen seine Gastgeberinnen. Die ältere Tochter wird mit ihren inzwischen drei Kindern noch weiterhin in der Schweiz bleiben.

Bei herrlichem Sonnenschein und 23°C im Schatten geniesse ich heute die Sonntagsruhe auf meiner Terrasse in Leukerbad. Der Stand der Sonne ist schon niedriger, bald sind wir bei der Tag-und-Nachtgleiche angelangt. Ein grüner Gast, eine grosse Grille, besucht mich. Bei Sonnenuntergang lässt sie ihre Flügel singen. Beneidenswert: Ich hätte auch gerne singende Flügel. Stattdessen versuche ich nun beim Proben in der Kirche meine Stimme möglichst ohne Heiserkeit singen zu lassen. Über die Mittagszeit legen einige Menschen, vor allem Frauen, auf ihrer Wanderschaft einen Halt ein und nehmen sich Zeit für ein Gebet. Es ist zu spüren, dass sie sich nach Frieden und Geborgenheit sehnen. Viele zünden eine Kerze an, stellen sie in den metallenen Ständer unter der Marienstatue in der Nische der Seitenkapelle und beten. Als ich diese Statue zum ersten Mal sah, dachte ich, dass die heilige Marie wohl tatsächlich so ausgesehen haben muss, denn ich empfand sie als sehr realistisch dargestellt. Heute habe ich im Kirchenführer gelesen, dass der portugiesische Künstler Antonio Alvas die Statue nach den Aussagen der Kinder von Fatima, denen die Muttergottes erschienen war, aus Zedernholz erschaffen hat. Im Jahre 1954 wurde sie aus Portugal übers Meer, den Rhein hinauf bis Basel und schliesslich bis ins Wallis nach Sitten, dem Bischofssitz, transportiert. Im Rahmen des «Marianischen Jahres» wurde sie von Gemeinde zu Gemeinde weitergereicht und danach von dem damaligen Pfarrer für Leukerbad erworben. Für die zahlreichen Portugies:innen, die hier wohnen und vor allem in der Gastronomie arbeiten, stellt diese Statue der Maria von Fatima ein Stück Heimat dar. – Die hiesige Pfarreikirche trägt seit ihrer Erweiterung und Drehung um 90° nach Norden in den Jahren 1864 bis 1866 den Namen «Maria, Hilfe der Christen». Ursprünglich war sie nach Osten ausgerichtet und seit ihrer Fertigerstellung im Jahre 1501 der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergbevölkerung, geweiht. Das ursprüngliche Kirchengebäude wurde bei der Erweiterung zum Glück nicht gänzlich abgerissen. Bis heute gibt es den Glockenturm, den Chor, die Nord- und Westwand mit dem gotischen Kirchenportal, welches heute als Seiteneingang dient. Der damalige Chor wurde zur Seitenkapelle umfunktioniert. Unter dessen Mitte, unter den spitz zulaufenden gotischen Bögen, darf ich nun musizieren, unter dem gütigen Blick der Heiligen Maria von Fatima.     

Die Besuchenden lauschen andächtig den Klängen meiner Lyra und Klangschalen aus Bergkristall und meinem Gesang, bleiben ein paar Minuten oder sogar so lange, bis ich mein Proben beende, schenken mir ein Lächeln oder ein Winken als Dank. Manchmal ergibt sich ein Gespräch. Ich werde gefragt, aus welchem Material meine Instrumente seien und wer die von mir gesungenen Gebete komponiert habe.

Fotos: Mein grüner Gast

und zu Gast bei der Heiligen Maria von Fatima

und Text: Petra Dobrovolny

Heilige Maria aus Fatima in der Kirche „Maria, Hilfe der Christen, in Leukerbad VS

Mein Tagebuch: 16.07.2022

16. Juli, Samstag: Das Leben – ein Zirkus

Gestern Abend habe ich die Vorstellung des Zirkus Harlekin hier in Leukerbad besucht. So wie vor einem Jahr. Damals musste das Publikum wegen Corona noch Maske tragen. Die heutige Vorstellung beginnt mit der Nachricht, dass letzte Nacht unerwarteterweise Pedro, der jahrzehntelange Zirkusdirektor, gestorben ist. Das Publikum erhebt sich für eine Schweigeminute. Ganz in Pedros Sinne soll das Programm weitergehen. Alle Mitwirkenden geben ihr Bestes, auch die Kamele, das Lama, die Ponys, die zwei Kühe und die Ziege. Die ukrainischen Musikanten des Zirkusorchesters durften ihr Land leider nicht verlassen. Sie werden zwar durch andere ersetzt, doch an den letztjährigen Sound kann ich mich noch erinnern. Niemand ist ersetzbar. Ich spüre die Präsenz der Seele des soeben verstorbenen Zirkusdirektors oben unter der Kuppel des grossen Zeltes. Es scheint, als habe er dort einen Ehrenplatz und würde nun, erlöst von seinen Altersbeschwerden, die Vorstellung erst recht geniessen. Das Motto des Zirkus Harlekin lautet: «Wir sind alle eine grosse Familie, und wir gehören alle zusammen.» In dieses Lied stimmt zum Schluss der Vorstellung auch das Publikum mit ein, in Dankbarkeit für die zwei kostbaren Stunden, die wir alle unter demselben Zelt verbracht haben, gemeinsam mit Artist:innen aus vielen verschiedenen Ländern wie Portugal, Weissrussland, Frankreich, Italien, Äthiopien, Deutschland, Marokko und der Schweiz. Der verstorbene Zirkusdirektor stammt ursprünglich aus Leukerbad. Sein Lebenskreis hat sich hier geschlossen. Sein Vermächtnis lebt weiter: Magie, Poesie, Humor, die Überwindung der Schwerkraft in gewagten Sprüngen, einander darin unterstützen … Wenn wir auch nur ein bisschen Zirkus in unseren Alltag mitnähmen, würde die Welt um einiges friedlicher.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 25.06.2022

25. Juni, Samstag: Literaturfans treffen sich in Leukerbad      

Vom 23. bis 26. Juni findet das 26. Internationale Literaturfestival in Leukerbad statt. Vor einem Jahr konnte es trotz Corona durchgeführt werden, im grossen weissen Zelt musste das Publikum Hygienemasken tragen. Das ist jetzt zum Glück nicht mehr nötig. Das Publikum ist etwas zahlreicher als letztes Jahr. Es besteht zu mindestens 70% aus Frauen im Alter von 50 bis über 80. Einige haben ihre Ehepartner, noch mehr ihre Schwestern, Mütter und Freundinnen mitgebracht. Ich besuche wieder den samstäglichen Literaturabend, an welchem 12 Schriftsteller:innen für jeweils ca. 20 Minuten aus ihren Werken vorlesen. Das dominierende Thema ist die Ukraine und wie die Betroffenheit seit der Annexion der Krim 2014 und die weiteren Ereignisse in dem Land, „das am Rande liegt“, so heisst die Ukraine wörtlich übersetzt, literarisch verarbeitet werden. Eindrucksvolle Worte findet die seit 11 Jahren in Wien lebende ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk: „Was ist Heimat? Heimat ist woher die Traumata kommen.“ Und sie fragt: „Kann man Kriege mit Kriegen beenden und statt der Bienen Nektar sammeln …?“

Mich erstaunt, dass „Corona“ kaum ein Thema ist. Oder habe ich etwas verpasst? Wie findet die Erosion der Demokratie, der Menschenrechte, der Meinungsfreiheit usw. ihren Eingang in die zeitgenössische Literatur? Darauf erhalte ich keine Antwort. Jonas Lüscher beschreibt lediglich seine „tropische Traurigkeit“ während einer ungeplanten Quarantäne in einem Hotelzimmer in Kapstadt. – Lukas Bärfuss hinterfragt den europäischen Lebensstil. Dazu gehöre, im Sommer ans Meer zu fahren. Er hatte Ferien in einem Ort der Toskana gebucht und stellt nach seiner Ankunft fest, dass dort die Spuren des Faschismus noch sehr präsent sind. Auch der „Duce“ und seine Anhänger:innen hatten eine Vorliebe für diesen Ort. Dies veranlasst den Schweizer Schriftsteller über die toxische Maskulinität nicht nur des „Duce“, sondern auch zeitgenössischer Regierungshäupter in Ost und West zu schreiben, Berlusconi mit seinem „nachgezeichneten Haaransatz“ schliesst er nicht aus. Auch die Sicht auf das wunderbar türkise Mittelmeer lässt in Herrn Bärfuss keine Ferienlaune aufkommen: Jedes Jahr ertrinken dort doppelt so viele Flüchtlinge wie Leukerbad Einwohner:innen hat. Somit habe er eher nachdenkliche als erholsame Ferien verbracht. Vielleicht wird er in Zukunft lieber in die Walliser Berge fahren? Ich habe ihn nicht gefragt. Dankbar und zufrieden reisen alle wieder nach Hause, in der Gewissheit, dass es auch nächstes Jahr wieder genügend Sponsor:innen und Menschen mit Tatkraft geben wird, die dieses Festival ermöglichen. Auch wenn der Preis für Papier sich verdoppelt hat.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 23.06.2022

23. Juni: Ist Leukerbad erwacht?

Für heute Abend lädt die Leukerbad Tourismus AG „My Leukerbad“ die am Ort tätigen Geschäftsleute und sonstigen Unternehmer:innen zu einer Informations-veranstaltung ein. Ein Team von Fachleuten hat seit 2019 an einem Masterplan zur Förderung des Tourismus in der Region erstellt und nun abgeschlossen mit der Feststellung: „Leukerbad ist erwacht.“ Mit viel Selbstlob über die fast dreijährige Arbeit, besonders über den neuen Internetauftritt leukerbad.ch, stellt das Team dem gespannten Publikum vor, wie die Weichen für das Generationen-Projekt gestellt wurden und wie nun dieses Erwachen in die Tat umgesetzt werden soll. A m Anfang stand die Rückbesinnung auf die unglaublich reichhaltigen Ressourcen der Umgebung: Thermalwasser und Natur. Die Region von 27 km Durchmesser – man müsse eben über den Tellerrand hinausdenken und sich nicht nur auf das Dorf Leukerbad konzentrieren – bietet auf kleinem Raum eine grössere Vielfalt als andere Regionen in der Schweiz. Man kann hier Wein und gutes Essen geniessen, in der Natur wandern und Biken, Schneesport betreiben, die Gesundheit stärken und Kulturelles erleben. Leukerbad soll neu als ganzjährige Destination vermarktet werden mit den Schwerpunkten Gesundheit und Naturerlebnis. So würde Leukerbad eine der 10 „Wellnessdestinationen“ der Schweiz. Dazu werden nun Partner:innen gesucht, die etwa Yoga usw. anbieten. Ich spitze die Ohren und sage mir: „Hier sind meine Wellness-Klänge am richtigen Ort!“ In den kommenden 5 Jahre sind Investitionen von 75 bis 100 Mill. CHF geplant. Davon benötigt der Bau eines zentralen Fernwärmenetzes 10 bis 15 Mill. CHF. In Zukunft soll das Abwasser der Thermalbäder alle Haushalte des Dorfes beheizen, klimaneutral. Die grösste Therme und die Sportarena müssen dringend renoviert werden, neue Alterswohnungen geschaffen werden. Der jährliche Umsatz der Gemeinde beträgt 22 Mill. CHF. Der Bund, d.h. das Staatssekretariat für Wirtschaft Séco, wird finanziell mithelfen und hat die Entwicklung dieses Masterplans bereits mit 1,2 Mill CHF unterstützt. Das Argument: Leukerbad kommt eine Pionierrolle zu. Die gemachten Erfahrungen werde man für weitere Tourismusprojekte im Land nutzbar machen. Dies sagt die eingeladene junge Mitarbeiterin des Séco und lobt wie eine gute Mutter die Herren Vortragenden vor allem dafür, dass der Masterplan ein halbes Jahr früher als geplant abgeschlossen werden konnte.
Dem Optimismus und der Begeisterung der Vortragenden steht eine gewisse Skepsis im Publikum gegenüber. Leukerbad hat 1329 Einwohner:innen und 2700 Zweitwohnungen, die seit „Corona“ zwar weniger, aber doch die meiste Zeit leer stehen. Sehr viele sind renovationsbedürftig. Die Gemeinde schickt den Eigentümer:innen hohe Steuerrechnungen, kommuniziert aber sonst nicht mit ihnen. Das soll jetzt eine neu gegründet Gesellschaft mit Namen myval.ch ändern. Diese will die Eigentümer:innen mit Vermietungen, Renovationen und weiteren Dienstleistungen unterstützen.

Zum Schluss bleiben noch 10 Minuten für Fragen aus dem Publikum. Eine Zweitwohnungseigentümerin kritisiert, dass sie erst gestern über diese doch so wichtige Veranstaltung informiert worden sei. Weitere Kritikpunkte: Die Anschlüsse innerhalb des öffentlichen Verkehrs seien alles andere als optimal, besser aus der Richtung Genf als aus der Richtung Zürich. Der regionale Anschlussbus, der um das ganze Dorf herumfährt, werde oft von den gerade aus dem Tal Angekommenen verpasst. Die mangelhafte Auswahl an Lebensmitteln bewirke, dass Familien ihr Privatauto bevorzugen und es mit ihrem Lieblingsessen vollpacken, sodass sie hier erst gar nicht einkaufen müssen. Ein Herr fragt, warum auf der Internet-Plattform booking.com bei den Angeboten von Leukerbad ein Foto von Bad Gastein – ausgerechnet! – oben im Bild dominiere. Die Antwort: Darauf habe man keinen Einfluss, das sei Sache von booking.com. Ich frage, was unter dem Kapitel „Wassererlebnis“ geplant sei. Die inzwischen abgeschlossenen Bauarbeiten zum Hochwasserschutz der Dala habe doch vor dem Eingang zum Thermalquellensteg eine Rampe freigelassen. Sei dort eine Bank geplant? Kinder würden dort doch gerne ihre Hände und Füsse in die Dala tauchen. Der Gemeindepräsident winkt entsetzt ab: „Nein, die Stelle werde noch zugeschüttet. Das ist eine Gefahrenzone.“ Auch frage ich nach Partnerschaften mit Gemeinden im In- und Ausland. Ja, da sei etwas geplant, doch jetzt wäre höchste Zeit zum Apero, zu dem die Leukerbad Tourismus AG einlädt.

In weiteren Gesprächen bei einem Glas Walliser Wein meinen viele, dass Leukerbad teilweise noch immer schlafe und das Aufwachen Zeit braucht.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 21.05.2022

21. Mai, Samstag: Endlich wieder Musik!

An diesem Wochenende findet das 78. Treffen der Musikgesellschaften des Bezirks Leuk statt. Zwei Jahre lang war dies nicht möglich, Blasmusik war in der Corona-Zeit nicht erlaubt. Umso mehr freuen sich alle darauf, die Gemeinde Leukerbad ist die Gastgeberin. Das Motto: «Äntli widär Müsig!» 11 Verbände aus allen Dörfern der Umgebung mit durchschnittlich 50 bis 70 Mitgliedern dreier Generationen marschieren in ihren traditionellen Uniformen und Fahnen voller Freude und Dankbarkeit durch die Gassen, angeführt von Kindern und Ehrendamen in Trachten und mit Blumensträussen. Zwei weitere Musikverbände wurden eingeladen: Einer von Lauterbrunnen im Kanton Bern und einer von Vimbuch aus Süddeutschland. Trommeln, Hörner, Trompeten und weitere Blasinstrumente werden gekonnt und schwungvoll gespielt. Das gute Wetter trägt zur feierlichen und fröhlichen Stimmung bei. Besonders gefällt mir die Gruppe der Majoretten. In ihren weiss-roten Kleidchen tanzen die 6- bis 15-jährigen Mädchen leichtfüssig zum Rhythmus der Musik und erhalten viel Beifall vom Publikum am Strassenrand.

Fotos und Text: Petra Dobrovolny