Mein Tagebuch: 17.09.2021

18. September, Samstag: Zunfttag

Die Leukerbader Thermalquellenzunft hat ihre Mitglieder zum 5. Zunfttag eingeladen. Seit fast zwei Jahren konnte wegen Corona kein Anlass stattfinden, heute treffen sich 38 der 300 Mitglieder bei prächtigem Wetter zu einer Wanderung über den Thermalquellensteg, den die Zunft 2004 gebaut hat und nach jedem Winter die Schäden wieder repariert, zum Majingsee bis zum Restaurant Weidstübli. Ich freue mich sehr darüber, dass dieser Anlass stattfindet. Denn ich bin schon seit einem Jahr Mitglied und kann erst heute Gleichgesinnte kennenlernen, denen Leukerbad und die Thermalquellen am Herzen liegen.

Beim geselligen Mittagessen auf der grossen Terrasse des «Weidstübli» erfahre ich für mich Neues in Gesprächen mit meinen Tischnachbar*innen: Es dürfen keine Ferienwohnungen mehr gebaut werden. Die «Lex Weber», der das Volk vor einigen Jahren zugestimmt hatte, verbietet dies, um weitere «kalte Betten» zu vermeiden. Davon gibt es in Leukerbad bereits 10’000. Es dürfen aber sog. «Aparthotels» gebaut werden, d.h. Appartementhäuser mit Hoteldienstleistungen. Die Eigentümer*innen müssen die Wohnung während ihrer Abwesenheit an Gäste vermieten. Ich erfahre auch, dass es einen Verein gibt, der die Interessen der Zweitwohnungsbesitzer*innen gegenüber der Gemeinde vertritt. Ein dringendes Thema ist die Umrüstung der alten und bald nicht mehr erlaubten Erdölheizungen auf erneuerbare Energien. Die Gemeinde plant unterhalb des «Burgerbads», welches heute «Leukerbader Therme» heisst, den Bau einer Heizzentrale, die Holzschnitzel verbrennen und die Wärme des Abwassers der Therme weiterleiten wird. Dieses Projekt ist jedoch nur für öffentliche Gebäude und ein paar wenige Hotels bestimmt. Einen Plan, der die ganze Gemeinde und private Häuser einbezieht, gibt es nicht. Ein paar Mitglieder der Thermalquellenzunft wollen deswegen aktiv werden. Mein Tischnachbar meint, Leukerbad hätte ein «Luxusproblem». Das Thermalwasser sprudle zu heiss aus dem Boden.

Die mit 51°C wärmste Quelle ist nach dem Heiligen Lorenz benannt und sprudelt mit 900 l pro Minute aus der Tiefe.

In der Broschüre «Badebüchlein Leukerbad – 500 Jahre Badetourismus in Leukerbad» steht auf der Seite 20: «An heilendem Wasser herrschte in Leukerbad zu früheren Zeiten – aber auch heute – kein Mangel. Die kalkigen Wände des Torrentgebiets sind unverändert spendabel. Regen und Schmelzwasser versickern hier auf einer Höhe zwischen 2500 und 3000 Metern und fliessen dann durch das poröse Massiv bis auf eine Tiefe von 600 Metern unter dem Meeresspiegel, um dann durch die Wärme im Erdinneren aufgeheizt 27 bis 40 Jahre später an der Erdoberfläche in Leukerbad zu erscheinen und dies vermutlich schon seit ewigen Zeiten. Rund drei Millionen Liter Thermalwasser sprudeln täglich aus den 22 warmen Quellen.»

Da kann man sich wirklich fragen: Warum werden diese bzw. nur ein Teil davon lediglich zum Baden benutzt? Damit könnte man ganz Leukerbad heizen und klimaneutral machen. Die Gemeinde könnte mit klimaneutralem Tourismus werben und eine Pionierin für alle Thermalbäder in der Schweiz und sogar international sein.



Foto: Blick vom Thermalquellensteg auf die Dala-Schlucht
und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 12.09.2021

12. September, Sonntag: Immer wieder anders

Der Spätsommer hält noch an. Georg bringt von der Bio-Gärtnerei zwei noch blühende Tomatensetzlinge. Vielleicht bringen sie bis Oktober noch ein paar Früchte? Das wäre ein kleiner Trost nach dem Hagelschlag auf unsere Tomaten im Juli. Die Hoffnung geben wir nicht auf.

Ab Montag soll eine erweiterte Zertifikatpflicht gelten. Auch für die Innenbereiche der Restaurants. Vor einer Woche meinte Bundesrat Berset noch, dies sei eine «bizarre» Vorstellung. Jetzt hat er wieder mal seine Meinung geändert. – Spucktests in Schulen sollen doch nichts bringen. Die Maskenpflicht für Schüler und Schülerinnen wurde in den letzten Monaten mal als notwendig erachtet, zwischendurch wieder abgeschafft. Seit 18 Monaten werden uns sich ständig ändernde Regeln auferlegt, die vorher als sinnlos betrachtet wurden. Zunächst wurden Leute ohne Symptome gar nicht für Tests zugelassen, und es hiess, Masken seien eher schädlich als nützlich. Viele Spitäler wurden in der Pandemiezeit geschlossen, weil sie nicht rentieren. Jetzt, nach den Sommerferien, erweist sich die Bettenkapazität in den Intensivstationen als zu klein. Nicht dringende Operationen werden wieder verschoben. Ein grösseres Problem ist das fehlende Pflegepersonal. Unter solchen Bedingungen wie ständiger Überlastung und Impfpflicht haben viele gekündigt und orientieren sich beruflich um.

Die offiziellen Medien hetzen gegen die angeblich uneinsichtigen und arroganten Ungeimpften, die alles andere als solidarisch seien. Leserbriefschreibende rufen dazu auf, im eigenen Familien- und Bekanntenkreis Ungeimpfte unter sozialen Druck zu setzen. Jemand schreibt im «Bund» vom 11.09.: Wenn ab Montag die Zertifikatspflicht in Restaurants gilt, werde er als geimpfter Gast vor seiner Bestellung fragen, ob das gesamte Personal geimpft sei. Ist dies nicht der Fall, würde er aufstehen und sagen: «Tut mir leid! In dem Fall gehe ich wieder!»

Georg meint: «Die neue Krankheit heisst Kontrollitis. Jeder kontrolliert jeden.»
Die Welt wird bizarrer. Vor allem Kinder und Jugendliche kommen damit nicht zurecht. Besonders nicht damit, dass ihnen gesagt wird, sie könnten den Tod ihrer Grosseltern und Eltern verursachen. Die psychiatrischen Kliniken sind überfüllt.

Die Demonstrationen gegen die Massnahmen nehmen seit letztem Donnerstag, an welchem der Bundesrat die Erweiterung der Zertifikatspflicht ankündigte zu. Die Warteschlangen vor den Impfzentren werden wieder länger.

Wie wird das Volk am 28. November über das Covid-Gesetz abstimmen? Die Hoffnung geben wir nicht auf.

Ich nehme mein viersaitiges indisches Musikinstrument, die Tampura, und fahre nach Leukerbad. Am Abend gehe ich noch in die Therme, denn ab Morgen wird für den Eintritt ein Zertifikat verlangt. 

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 28.08.2021

25. August, Mittwoch: Mehrere Welten

Ein Zwischenhoch bringt nochmal ein paar Tage Spätsommer.
Georg meint, ich solle endlich aufhören über Corona zu schreiben, das würde sowieso niemanden mehr interessieren. Vielleicht würde in zwanzig Jahren eine Geschichtsstudentin zu dem Thema recherchieren und sich darüber wundern, was wir heute erleben. Ich solle stattdessen von den Abenteuern meines neuen Lebens in Leukerbad berichten.
Eigentlich ist zu dem Thema auch schon alles gesagt worden. Spannend wird die Abstimmung am 28. November über das Covid-Gesetz. Wie wird das Schweizer Stimmvolk entscheiden? Angeblich rollt jetzt wegen der Delta-Variante die vierte Welle an.

An diesem Wochenende haben die «Freunde der Verfassung» zu einer Tagung mit vielen spannenden Vorträgen, u.a. auch von Sucharit Bhakdi und Karina Reiss eingeladen. Alles wurde live aufgenommen. Falls die Videos auf Youtube gelöscht würden, kann man sie finden bei http://cwl-live.ch

Für mich sind zwei Informationen von Prof. Bhakdi neu und interessant: Wenn keine Alarmsituation besteht, schläft das Immunsystem. Dann kann auch eine Blutprobe nicht nachweisen, ob man immun ist gegen Covid19. Eine entsprechende Blutanalyse sagt nichts aus. Ein weiterer Punkt betrifft Bluttransfusionen, die die mRNA-Impfung übertragen, wenn der Spender oder die Spenderin gerade geimpft wurde. Spendenwillige sollten mindestens 14 Tage warten. Das Deutsche Rote Kreuz findet, dass ein einziger Tag genügt.

Abseits der offiziellen Medien wird über Demonstrationen gegen die Massnahmen und vor allem gegen den grünen Pass in mehreren Ländern berichtet. Mich beeindruckt, dass in Italien und Griechenland viele Demonstrierende ein Holzkreuz auf der Schulter tragen. Kommt es doch noch zu einer weltweiten Freiheitsbewegung?

Wenn ich die Felswände rund um Leukerbad betrachte und mit den Bergwesen spreche, bin ich in einer anderen Welt. Doch was ist «die eine» und was «die andere» Welt?
Ich packe mein neues Aufnahmegerät ein und gehe in den Wald, um die gluckernden Bergbäche aufzunehmen. Im Moment ist es noch windstill, die Schweizer Luftwaffe hat Mittagspause, die Motorsägen ruhen, kein Helikopter ist in Sicht. Also, los geht’s!

Foto: Bergbach bei Leukerbad
und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 22. 07.2021

22. Juli, Donnerstag: Gesperrte Wege und der Ausweg durch die Luft

Vorgestern habe ich bei klarem Wetter mit meiner Freundin einen Ausflug in die Berge gemacht. Wir fuhren mit der Torrentbahn von Leukerbad zur Rinderhütte und wanderten auf dem Panoramaweg zur Torrentalp. Nach eine «Rüeblisuppe» auf einer wunderschönen Restaurantterrasse ging es weiter nach Flaschen. Dort war das Restaurant wegen Ruhetag geschlossen. Der Bus fuhr wegen einer Baustelle nicht nach Leukerbad. Schon auf dem Abstieg nach Flaschen war der Wanderweg nach Leukerbad wegen einer Baustelle – neue Lawinenverbauungen – gesperrt. Unterwegs trafen wir ein nettes Ehepaar aus Belgien, das schon seit 17 Jahren auf einem Campingplatz in der Nähe Sommerferien machen.
Es blieb uns nichts anderes übrig, als in Flaschen die Gondelbahn hinauf und zurück zur Rinderhütte zu nehmen und von dort aus die Seilbahn nach Leukerbad. Vor deren Abfahrt hatten wir noch Zeit, um die wunderbare Aussicht auf den Talkessel von Leukerbad mit seinen steilen Felswänden zu geniessen.
Während unserer Wanderung spürte ich hinter mir die Anwesenheit eines Lichtwesens in heller blaugrüner, fast türkiser Farbe. Zunächst dachte ich, es sei Erzengel Michael, den ich manchmal um Schutz bitte. Doch hat erscheint dieser ein kräftig blaues Licht. So fragte ich, wer er sei. Er antwortete, er sei Josef, der irdische Vater von Jesus. Er würde Menschen auf ihrer Wanderschaft beschützen. Ich danke ihm, dass wir trotz Hindernissen nicht nur wieder gut nach Hause kamen, sondern uns an unserem Ausflug freuen konnten über die gute Sicht auf die Alpenkette im Süden und das Rhonetal.

Gestern habe ich das Leukerbader Thermalbad wieder genossen. Im Innenbereich wurde die Maskenpflicht auf dem Weg von der Garderobe bis zum Schwimmbecken aufgehoben. Eine Dame sagt mir, dass sie dies nicht verstehen könnte, doch es stimme vieles nicht mit den sich ständig ändernden Regeln. Jetzt seien vor allem die Jüngeren betroffen. Sie kenne einige, die an «Long-Covid», also an schweren Folgen der Krankheit litten.
Das Bad ist gut besucht, die Ferien machen sich bemerkbar. Die meisten Gäste scheinen in der Schweiz zu wohnen. Es gibt auch einige aus Deutschland und Italien, ab und zu hört man Russisch. Familien aus der Romandie mit drei bis vier Kindern sind häufig. Lebensfreude pur! Obwohl laut Medien die Zahlen der mit der Delta-Variante Infizierten steigen.  Der Bundesrat hat Ferien bis Anfang August und wird erst danach über das weitere Vorgehen entscheiden. Die Spitäler haben freie Kapazitäten. Die Medien warnen vor einem schlimmen Herbst, weil noch zu wenig Menschen geimpft seien und sich auch nicht impfen lassen wollten. Grossveranstaltungen und Restaurants sollten nur noch für Geimpfte zugänglich sein. Der Gebrauch des Covid-Zertifikats sollte dringend erweitert werden.
Der in Grossbritannien verkündete «Day of Freedom», an dem alle Corona-Massnahmen aufgehoben wurden, wurde dort am 19. Juli mit gemischten Gefühlen begangen. Boris Johnson verbringt auf seinem Landgut eine Quarantäne und lässt sich nicht blicken. Die Menschen in GB sind sich unsicher, ob sie nun auf die Maske verzichten können oder nicht. Auch sind sie desillusioniert in Bezug auf die zuvor so gepriesene Wirkung der Impfung.

Eine Schlagzeile im heutigen «Bund» auf Seite 7 lautet: «Das Gesundheitssystem könnte wieder an seine Grenze stossen. Vierte Welle: Die Mehrheit der Erwachsenen ist geimpft, doch noch immer sind 3,38 Millionen Menschen in der Schweiz nicht immun.» In derselben Ausgabe steht auf Seite 3 über Grossbritannien: «Nun droht ein Chaos-Sommer». Obwohl bekannt ist, dass trotz sehr hoher Impfquote in GB und Israel die Zahlen der Infizierten dort massiv steigen, werden nur Geimpfte als immun bezeichnet. Niemand spricht von den nach einer Covid-Erkrankung von selbst Genesenen. Woher wissen die Medien, wer jetzt immun und wer nicht? Der Wissenschaftler Dr. Robert Moltane stellt in einer Studie fest, dass Länder mit sehr hohen Impfquoten die höchsten Zahlen von Infizierten mit der neuen Virus-Variante aufweisen.  
Es stimmt auch nicht, dass das Gesundheitssystem «wieder» an seine Grenzen stossen wird. Die Spitäler in der Schweiz waren auch im Jahr 2020 nie überlastet gewesen, standen monatelang fast leer und mussten sogar Kurzarbeit einführen. Die Intensivstationen waren nur teilweise ausgelastet. Das Gesundheitssystem konnte wegen der Anordnung des Bundesrats, alle Kapazitäten für eventuelle Covid-Kranke freizuhalten, die sonst übliche medizinische Versorgung nicht mehr gewährleisten.
Georg meint: «Warum wollen die Medien uns ständig belehren? Damit lenken sie nur von ihrem eigenen Unwissen ab. Kompetente Kritiker und Kritikerinnen kommen immer noch nicht zum Wort.»

Foto: Die Torrentalp mit Blick in den Süden auf Alpenkette und Rhonetal
und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 13.07.2021

13. Juli, Dienstag:

Es regnet fast nur noch. Unser Besuch aus Mähren hatte letzte Woche noch Glück gehabt mit dem Wetter. Jetzt gibt es an vielen Orten Hochwasser-Alarm, Erdrutsche versperren Strassen und Bahngleise.

Ich habe gerade eine «Udo-Lindenberg-Phase». Seine Texte sind so treffend für die jetzige Zeit. «Hinter all’ den schwarzen Wolken wieder gute Zeiten warten. Es ist nie zu spät, um wieder durchzustarten.» Wunderbar! Das Lied stammt aus dem Jahre 2016!

Am letzten Samstag war ich in Leukerbad im Zirkus! Das war am 10. Juli, Neumond im Krebs. Das bedeutet: Für sich selbst zu sorgen, sich zuhause zu fühlen, Geborgenheit. Auch für die Familie und die Nächsten sorgen. Das Motto der Vorstellung des Zirkus Harlekin: «Wir sind alle eine Familie!» Ich war begeistert! Für etwa anderthalb Stunden habe ich «die Welt» vergessen, Kamele und Pferde bewundert, mit welcher Würde und Freude sie sich präsentieren, die Clowns, die äthiopischen Akrobaten, die Seilakrobatin aus Weissrussland, das Ehepaar aus Portugal mit ihren gewagten Künsten auf Rollschuhen … Vielleicht habe ich mal in einem früheren Leben als Künstlerin in einem Zirkus gearbeitet, denn ich fühle mich in dieser Welt sehr zuhause. In der Nacht träume ich, dass mir mein ehemaliger Jungscher Psychoanalytiker ein Buch zeigt mit vielen Kapiteln und geheimnisvollen Zeichen. Ich frage ihn, ob ich es kaufen könne. Er sagt: «Das Buch des Lebens kann man nicht kaufen.» Ich weiss: Man muss es leben. Und es ist für jeden Menschen einzigartig. Die Zahl der Auflage beträgt eins. Es gibt nur ein einziges Exemplar.


Foto: Zirkus Harlekin in Leukerbad
und Text: Petra Dobrovolny  


Mein Tagebuch: 08.07.2021

8. Juli, Donnerstag: Berge und Berufung

Vorgestern, Dienstag, war das Wetter passend für einen Ausflug mit der Gemmi-Seilbahn auf 2350 m. Die Sicht auf die Alpenkette Richtung Süden war atemberaubend. Unsere Gäste aus Mähren, CZ, Georgs Nichte und ihre zwei erwachsenen Kinder, waren begeistert und jauchzten vor Freude. Berge haben es in sich: Sie heben die Menschen in eine höhere Dimension. Die alltäglichen Sorgen werden unwichtig oder sogar vergessen.
Nach einer gut einstündigen Wanderung konnten wir auf der Terrasse des Berghotels Schwarenbach Hobelkäse, Weisswein und Apfelschorle geniessen. Danach liess ich unseren Besuch weiter nach Sunnbüel wandern, wo sie die nächste Seilbahn nach Kandersteg und dort den Zug durch den Lötschbergtunnel ins Wallis und zurück nach Leukerbad nahmen. Rechtzeitig vor dem sich ankündigen Gewitter. Ich hingegen kehrte zurück zur Bergstation der Gemmi-Seilbahn. Kaum war ich angelangt, fing es an zu regnen. Unten in Leukerbad schien noch für ein paar Stunden die Sonne.
Am nächsten Tag stand eine Schifffahrt auf dem Genfersee auf dem Programm. Das Wetter war besser als vorhergesagt. Ein stabiles Hoch sei aber vorläufig nicht in Sicht, sagt meteo.ch. Besonders im Tessin gibt es Erdrutsche und gesperrte Strassen.

Der Bericht im «Walliser Boten» vom 5. Juli über einen maronitisch-katholischen Priester, der aus dem Libanon stammt und viele Jahre in Zermatt tätig war, beeindruckt mich. Er sollte diesen Sommer die Pfarrstelle für die Region Leukerbad übernehmen, hat dem Bischof von Sitten jedoch kurzfristig abgesagt. Er spüre eine andere Berufung: Er möchte sich in Zukunft für die Menschen in seinem Heimatland einsetzen und deren Not mit Hilfe direkt vor Ort lindern. Dieser innere Ruf mache es ihm unmöglich das Amt in Leukerbad anzunehmen. Seit seiner Entscheidung fühle er «eine tiefe innere Freiheit und christliche Freude». Ich freue mich immer, wenn ein Mensch seine Berufung spürt und ihr folgt. Sich dazu durchzuringen ist eine grosse Herausforderung. Ich weiss selbst, was das bedeutet und habe viele Menschen in diesem Prozess begleitet bis zum «Hier stehe ich und kann nicht anders».

Foto: Blick auf den Daubensee von der Gemmi
und Text: Petra Dobrovolny

Blick auf den Daubensee beim Gemmi-Pass

Mein Tagebuch: 26.06.2021

25. Juni, Freitag: Auf ins Wallis!

Meine Reise habe ich wegen eines Unwetters um einen Tag verschoben. Der Sturm kam vom Westen über Bern, Österreich und verwandelte sich über Südmähren in einen Tornado. Es gab auch in der Schweiz Überschwemmungen, sieben mährische Dörfer wurden schwer betroffen: Dächer wurden abgedeckt, Autos in die Luft gewirbelt, Fenster eingedrückt. Dieses Ereignis war bis jetzt der stärkste Orkan in Europa. Stärker als jener vor etwa 2 Jahren über dem Süden von Luxemburg.

Leukerbad begrüsst mich mit vielen Blumen geschmückt. Zum 25. Mal findet hier ein internationales Literaturfestival statt. Ich habe erst vor kurzem davon erfahren. 45 Schreibende aus der Schweiz, Österreich, Deutschland, Frankreich, Weissrussland, Polen und Brasilien lesen aus ihren Werken vor. Ich besorge mir das Programm und entscheide mich für den literarischen Abend am Samstag.

In mehreren Zeitungsartikeln und Leserbriefen werden sogenannte Impfzögerer – nach «Impfmuffel» und «Impfskeptiker» wieder ein neues Wort – dringend und drängend dazu aufgerufen, sich endlich impfen zu lassen. Aus Solidarität, und damit das Virus bis Herbst endlich besiegt sei und so ein Zurück zur Normalität möglich sei. Eine Journalistin schreibt sogar, dass Unentschlossenen eine Impfpflicht helfen würde! Über nach der Impfung Verstorbene oder Notfalloperierte, bei denen der Dünndarm nicht mehr durchblutet wurde, oder von Betroffenen mit einer Entzündung des Herzmuskels berichten die offiziellen Medien nicht.

Foto von der grünen Bank auf unserer Terrasse mit Walliser Wein und Roggenbrot
und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 20.05.2021

20. Mai, Donnerstag: Aufatmen!

In Frankreich, Italien und Österreich werden die Corona-Massnahmen gelockert. Nach vielen Monaten Lockdown atmen die Menschen wieder auf. Kanzler Kurz besucht das Restaurant Schweizerhaus in Wien und genehmigt sich eine Schweinshaxe mit tschechischem Budweiser Bier. Präsident Macron lässt sich auf einer offenen Restaurantterrasse mit einer Tasse Café fotografieren. Jeder auf seine Weise.

Bald sollen auch 12- bis 16-Jährige geimpft werden können. Notfalls auch ohne die Zustimmung der Eltern. – Das Hauptthema der Diskussionen ist jetzt, welche Regeln fallen für Geimpfte, Getestete und nachweislich Genesene weg. Es gibt nur diese drei «G», von Natur aus Immune gibt es nicht. Laut Bundesrat Berset soll die Maskenpflicht weiterhin für alle gelten. Bald wird entschieden, ob Anfang Juni die Innenräume der Restaurants wieder öffnen dürfen und die Pflicht zum Home-Office aufgehoben wird.

Leukerbad scheint doch nicht nur eine Winterdestination zu sein. Viele Restaurants rüsten ihre Terrassen mit grossen Sonnen- oder Regenstoren auf. Wo es möglich ist, werden sie auch räumlich erweitert. Der Unternehmergeist regt sich wieder. Ich finde das wunderbar. Eine Immobilienfachfrau erzählt mir, dass die Nachfrage nach Wohnungen seit letztem Winter gestiegen ist. Familien wollen aus den Städten in die Berge umziehen und sich hier niederlassen. Auch das finde ich wunderbar, denn die vielen meist leerstehenden Häuser mit Ferienwohnungen, besonders solche mit Flachdächern, verbreiten nicht gerade eine gemütliche Atmosphäre.

Der im Winter gesperrte Thermalquellensteg ist wieder geöffnet, die Winterschäden wurden von der Thermalquellenzunft repariert. Es ist ein abenteuerliches Erlebnis auf diesem Metall-Steg mit Treppen und Hängebrücken die enge Schlucht zu durchwandern, unten das Getöse der Dala, in welche sich aus den Felswänden einige Thermalquellen ergiessen. An einer Stelle kann man sogar einen kleinen Metalleimer an einem Seil in die Tiefe lassen und warmes Wasser zu sich heraufziehen. Zum ersten Mal erlebe ich dieses überwältigende Naturschauspiel. Diesen Weg werde ich bestimmt in Zukunft öfters gehen. 

Foto: Hängebrücke des Thermalquellenstegs in Leukerbad mit weissen Orbs
und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 13.05.2021

13. Mai, Sonntag: Auffahrt oder Himmelfahrt: «Ich werde bei euch sein …»

Vor dem Gotthardtunnel staut sich seit langem wieder der Verkehr. Heute um 11 h auf mindestens 8 km. Wartezeit über eine Stunde. Rückkehr zur früheren Normalität? Alle wollen ins Tessin oder nach Italien. Gestern sagte mir eine Nachbarin, dass Leukerbad hauptsächlich eine Winterdestination sei. Zu den anderen Jahreszeiten wollten alle ans Meer.
Auch Flüge für Ferienreisen werden wieder gebucht. Für Geimpfte soll das Reisen jetzt kein Problem mehr sein. Fehlanzeige! Das Gratisblatt 20minuten berichtete gestern von einer Schweizer Familie. Der 57-jährige Vater musste vor dem Rückflug von den Seychellen trotz Impfung einen PCR-Test machen lassen. Dieser fiel positiv aus! Die Folge: Die übrigen nicht-geimpften und negativ getesteten Familienmitglieder durften nach Hause fliegen, der Vater wurde zur Quarantäne in ein Hotelzimmer gesperrt. Ein sofortiger zweiter PCR-Test wurde ihm verweigert! Nach einem diplomatischen Hin und Her durfte der Betroffene nach drei Tagen nach Hause fliegen. Wahnsinn! Hier kommen zwei Probleme zusammen: Der PCR-Test ist oft falsch positiv, und Geimpfte können Virusträger*innen sein. Sie sind nicht steril immun! Ein drittes Problem kommt noch hinzu: Die Bürokratie der Kontrollstellen der Flughäfen ändert sich nicht so schnell. 

Wieder muss ich daran denken, dass Georg vor einigen Monaten zu einem Freund, der ihn fragte, ob er sich impfen lassen solle, sagte: «Warte noch ab mit deiner Entscheidung: Vielleicht dürfen bald nur noch Nicht-Geimpfte ins Flugzeug!»

Heute darf ich ab 17 Uhr beim Abendgottesdienst der evangelisch-reformierten Kirche mitwirken: Meine Kristall-Lyra – sie umfasst acht Röhren aus Bergkristall, die schwingend auf einem Rahmen aus Akrylglas montiert sind – habe ich auf den Altar zwischen die grosse Kerze und die Vase mit orangen Rosen gelegt. Nach dem Glockengeläut schlage ich beidhändig mit zwei Schlägeln jeweils eine Röhre der Oktave in C – Dur mit 432 hz an, langsam und meditativ. Jeder Ton klingt und schwingt lange nach, ähnlich wie bei tibetischen Klangschalen. So stimme ich die Anwesenden auf den Gottesdienst ein. Sie lauschen verwundert und andächtig. Die ungewöhnlichen Klänge passen zum heutigen Thema. Der Pfarrer schildert, wie Christus auf dem Ölberg vor den Augen seiner Jünger durch das Licht Gottes emporgehoben wurde. Seine letzten Worte: «Ich werde bei euch sein bis aller Tage Ende.» Was für ein Abschied, der Hoffnung schenkt! Nach der Predigt spiele ich die passenden Klänge zu dieser Szene. Die Gemeinde singt noch zwei Kirchenlieder. Mit Maske ist dies seit kurzem wieder erlaubt. Es folgt der Segen, und zum Abschluss lauschen die Anwesenden noch einmal andächtig meinen Klängen. Der Sigrist hat jetzt zum Glück den «Beamer», der die Psalm- und Liedertexte an die Wand projiziert, ausgeschaltet, so dass dessen Ventilator meine Klänge nicht mehr mit einem technischen Rauschen stört. Die reinen Töne des Bergkristalls können nun ungehindert die Lauschenden erreichen und ihnen einen Moment schenken, der Ewigkeit und Unendlichkeit erahnen lässt.
Ein leises dankbares Klatschen zeigt mir, dass meine Darbietung angekommen ist. Der Sigrist meint, es sei an der Zeit den alten Beamer durch einen neuen zu ersetzen. Auch der Pfarrer dankt mir beim Abschied. «Auf ein nächstes Mal!»
Voller Freude packe ich meine Lyra ein und ziehe sie auf zwei Rädern hinter mir her, den Berg hinauf nach Hause. Auch die steilen Felswände rund um Leukerbad scheinen sich zu bedanken und strahlen auf ihre Art zurück. Die Wolken haben sich gelichtet. Morgen wird sich der blaue Himmel zeigen.

Foto: Balmhorn über Leukerbad und Text: Petra Dobrovolny           

Mein Tagebuch: 12.05.2021

12. Mai, Mittwoch: Die Eisheiligen

Die Eisheiligen machen sich bemerkbar: Es ist sehr kalt geworden, tagsüber klettert das Thermometer kaum über 12°C, nachts werden es 3°C. Für heute Mittag ist Sonnenschein angekündigt, also packe ich meine Badetasche für die Leukerbader Therme. Wegen der schlechten Wettervorhersage für Auffahrt – zu Deutsch «Himmelfahrt» – bleibt der grosse Andrang von Touristen aus. Das Weidstübli will ab morgen seine Terrasse von 11 bis 17 Uhr wieder öffnen, aber nur bei schönem Wetter und ab 15°C. Bis dahin werden wohl noch einige Tage vergehen.

Eine weitere Wahrheit kommt ans Licht: Die tschechische Journalistin Jana Kovacova interviewt auf ihrem Youtube-Kanal die Hygiene-Expertin Eva Travnickova. Der brisante Titel: Pandemie oder Lüge? Die Expertin sagt, nur die Regierung, genauer gesagt, Ministerpräsident A. Babis hätte die Pandemie ausgerufen. Dies sei gegen die vom Gesetz vorgeschriebene Vorgehensweise geschehen. Gemäss Gesetz berichten die «Hygiene-Ämter» der Landkreise dem tschechischen Gesundheitsministerium über das Infektionsgeschehen vor Ort. Zu der Zeit gab es jedoch kaum Fälle von Covid-19, geschweige denn aussergewöhnlich viele Fälle von Atemwegserkrankungen, alle zusammengezählt, um eine Epidemie auszurufen und Massnahmen anzuordnen. Aufgrund der Meldungen der zuständigen Kreisämter ergreift das Gesundheitsministerium entsprechende Massnahmen. Aufgrund welcher Zahlen kam A. Babis darauf? Es war ein Befehl «von oben», der nicht der gemeldeten Datenlage «von unten» entsprach.

Vor einigen Jahren hatte die WHO eine Pandemie neu definiert. Ursprünglich waren die Kriterien eine sich sehr schnell durch Ansteckung verbreitende Krankheit und eine hohe Anzahl von Todesfällen als Folge dieser Krankheit. Im Jahre 2009 wurde das Kriterium der Todesfälle ersatzlos gestrichen. Seitdem kann eine Pandemie schneller ausgerufen werden. Und es hat sich durch die neue Definition erübrigt, statistisch genau festzuhalten, ob jemand «mit» oder «an» gestorben ist.
Vor kurzem hat die WHO auch den Begriff «Herdenimmunität», der ursprünglich in Zusammenhang mit Tierseuchen verwendet wurde, umdefiniert. Vorher galt: Wenn 80% der Menschen eine ansteckende Krankheit durchgemacht haben beziehungsweise geimpft sind, besteht eine Herdenimmunität. Dies sei ein erstrebenswertes Ziel, dann könnte man wieder «zurück zur Normalität». Jetzt gilt: Erst wenn 80% der Menschen geimpft sind, kann man von einer Herdenimmunität sprechen. Die Genesenen werden nicht mehr dazugezählt. Sind wir alle Schafe? Oder belämmert?

Foto und Text: Petra Dobrovolny