Mein Tagebuch: 02. 10.2021

02. Oktober, Samstag: Demos – zwei Städte, zwei Welten

Am letzten Donnerstag fand zum dritten Mal in der Folge in Bern eine nicht-bewilligte Demo für Freiheit und Demokratie statt. Skandiert wurde: «Liberté! Liberté! Liberté!» oder «Friede! Freiheit! Das Volk ist der Souverän!» Die Polizei verhaftete jeweils gezielt Leute, die zur Demo aufgerufen hatten. Sogar Trychlern wurden ihre Kuhglocken für 48 Stunden konfisziert. Tränengas wurde eingesetzt gegen friedlich Demonstrierende, die die Schweizer Fahne, eine rote Broschüre mit der Schweizer Verfassung oder Kerzen und Blumen in den Händen trugen. Gewaltbereite Mitglieder der autonomen Szene der Berner Reitschule, die vor allem bei der ersten Demo mit Feuerwerkskörpern und Flaschen die Polizei angegriffen hatten, waren bei der letzten Demo nicht mehr zu sehen. Lifestreams sind auf Youtube u.a. auf den Kanälen von Sabine Seibold und Yves the Chief zu sehen.

Die Stadt Zug hingegen hat für heute eine solche Demonstration bewilligt. Die Begründung lautet: «Die Demonstrations- und Meinungsfreiheit soll immer gewährleistet sein, weil es ein Grundpfeiler der Demokratie ist. Eine Kundgebung darf nicht rassistisch respektive hetzerisch oder die öffentliche Sicherheit gefährden. Wäre der Anlass als Event geplant, hätten die Veranstalter das 3G-Prinzip beziehungsweise die Zertifikats- und Maskenpflicht einhalten müssen. Da es sich aber um eine politische Kundgebung handelt, ist der Anlass von diesen Regeln nicht betroffen, da sonst nicht jeder teilnehmen könnte und somit das Recht auf freie Meinungsäusserung nicht gewährleistet wäre.» Quelle: Gratisblatt «20minuten» vom 29.09.21
Damit hält sich die Stadt Zug an den Entscheid des Schweizer Bundesgerichts.
Man könnte meinen, dass Bern und Zug nicht in demselben Land liegen.
Foto: Gartenzwerge in Leukerbad
undText: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 17.09.2021

17. September, Freitag: Demo in Bern von gestern

Als unmittelbare Reaktion auf die Ankündigung des Bundesrats über die Erweiterung der Zertifikatspflicht auf Restaurants, Schwimmbäder, Fitness-Studios etc. sowie den verstärkten Druck in Richtung Impfzwang fand gestern Abend eine unbewilligte Demo in Bern statt. Ich schaue mir hier in Leukerbad auf Youtube den Lifestream von Sabine Seibold an. Die Teilnehmenden versammeln sich beim Bahnhof und ziehen friedlich durch die Altstadt zum Bundeshaus. So viele Menschen habe ich in Bern noch nie gesehen. Der «Blick» schreibt am nächsten Tag von 1500, doch von anderer Seite heisst es, dass es etwa 30’000 waren: Familien mit Kindern, öfters alle drei Generationen waren dabei. Die Menge skandiert immer wieder «Liberté! Liberté! Liberté!» oder «Friede, Freiheit, Demokratie!» Viele tragen die Schweizer Fahne mit sich oder schwingen sie, ab und zu wird die Nationalhymne gesungen. Dann sind wieder die «Freiheitstrychler» mit ihren Kuhglocken zu hören. Etwa 30 Meter vor dem Bundeshaus ist ein vier bis fünf Meter hoher Zaun aufgestellt worden. Auch so etwas habe ich noch nie gesehen. Kurz vor 21 Uhr beginnt eine Gruppe des sog. «Schwarzen Blocks», gewaltbereite junge Leute, die an Wochenenden immer wieder in Bern demonstrieren und Schutz vor der Polizei in der Reitschule beim Berner Bahnhof finden, am Zaun zu rütteln und Petarden in Richtung Bundeshaus und Polizei zu werfen. Daraufhin schaltet die Polizei nach einer kurzen Vorwarnung ihren Wasserwerfer ein. Jemand schlägt Sabine Seibold ihr Handy mit einem solch kräftigen Schlag aus der Hand, so dass der Stick, auf dem sie es montiert hatte, abbricht. Andere helfen ihr, das Handy wiederzufinden und trösten sie. Trotz Schock kann sie weiterfilmen. Im Scheinwerfer des nun abgestellten Wasserwerfers tauchen zwei weiss gekleidete Männer mit indischen Trommeln auf. Sie tanzen und singen das Mantra «Hare Krishna», in kurzer Zeit singen, tanzen und klatschen etwa vierzig Leute mit. Die aufgeheizte Stimmung auf dem Bundesplatz wird wieder friedlich, gegen 22 Uhr löst sich die Demonstration auf, ohne dass die Polizei noch einmal eingreift.

Am Tag nach der Demo verteidigt der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause den Einsatz der Polizei. Das Bundeshaus hätte geschützt werden müssen, sonst wäre so etwas wie am 6. Januar in Washington, als das Capitol gestürmt wurde, passiert. Die Tageszeitungen schreiben von einer zunehmenden Gewaltbereitschaft der Impfgegner und werfen alle Demonstrierenden in denselben Topf.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 27.07.2021

27. Juli, Dienstag: Unwetter und Hochwasser

Am letzten Freitag hat ein lieber Freund nach meinem Wohnwagen auf einem vom Hochwasser betroffenen Campingplatz am Neuenburgersee geschaut und auf meinen Wunsch hin daraus meine Traumharfe samt durchnässter Tasche befreit. Er musste durch kniehohes Wasser waten. Der Wasserpegel war inzwischen zum Glück wieder leicht unter die Türschwelle meines Wohnwagens gesunken, so dass sich die Türe öffnen liess. Ich bin sehr erleichtert und dankbar, dass mein Freund dieses wunderbare Instrument retten und zu uns nach Bremgarten bringen konnte. Georg hat ihn mit heissem Tee und Datteln bewirtet. Per Telefon bekam ich die Rettungsaktion erzählt.

Am Sonntag machte sich Georg auf den Weg nach Leukerbad und wollte ein paar Tage mit mir gemeinsam die Walliser Berge geniessen. Am Montag erhielten wir die Nachricht unseres Nachbarn, dass um 2 Uhr in der Nacht ein heftiges Gewitter mit Hagel über Bremgarten hinweggezogen sei. Deswegen fährt Georg heute so schnell wie möglich nach Hause, um nachzuschauen, wie die Lage aussieht. Wir sind noch glimpflich davongekommen: Unsere Tomaten und ein paar Geranien sind zwar nicht mehr zu retten, doch die Blumentöpfe und -kästen auf der Fensterbank vor unserem Esszimmer stehen noch auf ihrem Platz. Der Wind hatte die Schnur des Sonnenstoren gelöst, so dass dieser sich schützend über der Fensterbank und die Geranien ausbreiten konnte. Bei einigen Nachbarn ist Wasser unter der Haustüre in den Gang geflossen. Alle sagen: «So etwas haben wir noch nie erlebt.»

Mindestens bis Mitte August ist in unseren Breitengraden kein Hochsommerwetter in Sicht. Es werden weitere Stürme erwartet, der Sommer findet in Südosteuropa statt. Griechenland leidet unter einer Hitzewelle bis zu 46 Grad.

Das amerikanische Gesundheitsministerium will wegen der Delta-Virusvariante die Maskenpflicht für Geimpfte beibehalten. Ausserdem soll die Bewilligung des PCR-Tests, der in den USA am 2. Juli 2020 notfallmässig zugelassen wurde, per 31.12.2021 auslaufen. Bis dann hätten die Labors Zeit, um einen neuen Test zu entwickeln. Der bisherige kann nicht zwischen SARS-CoV2 und Influenza-Viren A und B unterscheiden! Welche Regierung der Welt ist denn darüber informiert? Ich bin zwar keine Regierung, wusste diesen wichtigen Tatbestand jedoch bis jetzt auch nicht. Quelle: Youtube-Kanal von RT DE am 27.07.2021. Von Grippe-Erkrankungen war schon lange Zeit nicht mehr die Rede, sodass man meinen könnte, die Grippeviren seien ausgestorben. 

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 25.01 2021

25. Januar, Montag: Heiter durch die Räume …

Erinnert ihr euch an das «Stufen-Gedicht» von Hermann Hesse?

«Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.»

Heute gebe ich dem Verwalter die Schlüssel zu meinem Praxisraum ab. Nach 12 ½ Jahren unter einem Dach in der Mitte der Berner Marktgasse. Ein langer Zyklus geht zu Ende: 40 Jahre lang habe ich Raum um Raum durchschritten, während meiner Tätigkeit als selbständige Psychotherapeutin und Erwachsenenbildnerin: Davon 33 Jahre in der Stadt Bern, 19 Jahre lang in der Altstadt. Etwa 25 Jahre davon war ich auch beteiligt an Georgs Projekten, die er im Rahmen des Forums Ost-West durchführte. Diese Organisation hatte er 1994 in Bern gegründet, um nach der Wende und dem Fall der Berliner Mauer eine neue partnerschaftliche Zusammenarbeit von Ost und West zu bewirken. Mit Georg zusammen habe ich interkulturelle Trainings entwickelt und durchgeführt, zahlreiche Veranstaltungen organisiert und den Youtube-Kanal mit Interviews von Zeitzeugen ins Leben gerufen. Es war eine wunderbare und sehr erfüllte Zeit, manchmal durchschritten wir Räume gemeinsam, manchmal allein.

Meine Arbeit verlangte viel Verantwortung und Kraft von mir, sodass meine Heiterkeit in manchen Zeiten der Erschöpfung wich. Ich sehnte mich nach langen Ferien, auch nach einem Sabbatjahr, welches bis jetzt nie stattfinden konnte. Am meisten Energie brauchte ich für Menschen, die ein Trauma oder mehrere Traumata erlitten hatten. Ein schweres Erlebnis in einem Krieg, unter einer Diktatur, durch einen Verkehrsunfall, durch sexuellen Missbrauch oder noch schlimmer durch jahrelangen Inzest, durch Misshandlungen im Kinder- oder Jugendalter …  Grosse Freude brachte jeweils eine gelungene Wandlung von einer Lebenskrise zu einem neuen Lebenssinn, wenn endlich der richtige Partner geheiratet wurde, wenn endlich ein Kind geboren werden konnte, wenn sich endlich der berufliche Erfolg einstellte. Oder wenn nach vielen Rekursen endlich die rechtmässige Rente ausbezahlt wurde. Ich ermunterte immer zum Weitermachen, Weiterkämpfen. Oft sagte ich: «Wenn wir jetzt – im Kampf für das eigene Recht oder mitten in einem seelischen Heilungsprozess – schon so weit gekommen sind, dann geben wir erst recht nicht auf.»

Mit einem Ritual habe ich gestern Abend Abschied genommen. Zum letzten Mal habe ich in dem nun leeren Raum eine Kerze und ein Räucherstäbchen angezündet. Ich danke für alles, was ich in den vergangenen 40 Jahren erleben und bewirken durfte, weil die Ratsuchenden mir ihr Vertrauen schenkten. Ich danke vor allem dafür, dass ich Zeugin sein durfte für das heilende Wirken der Träume, des bewusst wahrgenommenen Atems und meiner harmonisierenden Naturtonklänge.  
Die geistige Welt antwortet auf meinen Dank mit einem Bild: Georg und ich stehen nebeneinander mit je einer brennenden Fackel in der rechten Hand. Eine Schlange von Menschen geht an uns vorbei, jeder und jede entzündet an unserem Feuer die eigene Fackel und trägt das Licht weiter in die Welt. Dieses Bild berührt mich sehr.

Neue Räume erwarten uns. Auch diese möchten wir heiter durchschreiten und freuen uns auf die nächste Stufe. Denn, so Hermann Hesse, der Weltgeist will uns «nicht fesseln und engen», sondern «heben und weiten».

Und noch einmal zum Stufen-Gedicht:

«Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben …»  

Foto: Die leere Marktgasse in der Berner Altstadt zu Corona-Zeiten
und Text: Petra Dobrovolny          

Mein Tagebuch: 9.12.2020

9. Dezember, Mittwoch:

In Deutschland gibt es auch Wissenschaftler*innen, die damit einverstanden sind, dass die Bundesregierung etwas gegen die Verbreitung des Virus unternimmt. Aber sie sind für verhältnismässige und menschlichere Einschränkungen. So hat zum Beispiel der Infektiologe, Herr Prof. Dr. Schrappe, der Bundesregierung bereits mehrmals geschrieben, konkrete Vorschläge gemacht und auch auf Fehler des Robert-Koch-Instituts hingewiesen. Er erhält keine Antwort. Noch nicht einmal eine Diskussion geschweige ein sonst normaler wissenschaftlicher Diskurs darüber ist möglich. Herr Schrappe ist zum Beispiel dagegen, dass man alle Risikopersonen einfach wegsperrt. Angehörige könnten doch vor dem Besuch ihrer Liebsten in einem Alters- oder Pflegeheim einen Schnelltest machen lassen. Auf diese Weise wäre ein sicherer Besuch möglich.

In der Schweiz gibt es seit November immer häufiger Unterbrüche im Zugverkehr. Nicht nur wegen der Schneefälle. Viele Menschen sehen für sich keine Zukunft mehr und werfen sich vor den Zug. Besonders auf der Strecke Bern – Thun, auf welcher ich jetzt öfters fahre.

Wie viele Menschen sterben oder erkranken wegen der Corona-Massnahmen? Darüber wird es wohl nie Statistiken geben.

Heute liesse sich Folgendes dichten mit dem Titel

Zweierlei Ansichten aus Berlin und Bern
oder zweimal EGAL


Frau Merkel verteidigt ungewohnt emotional
die härteren Massnahmen, EGAL
aus welcher Richtung ihr
ein kalter Wind entgegenweht.
Hat Herr Drosten ihr den Kopf verdreht?

Frau Merkel winken Ferien im Schweizerland.
Da können ihre Landsleute noch so sein
ausser Rand und Band.
Aus dem Herzen vieler
spricht die AfD.
Deutschland, o weh!

Der Berner Gesundheitsdirektor Alain Schnegg
meint, der Bundesrat könne machen, was er will,
bei noch so viel Massnahmen und Drill
mache das Virus, was es will.
So oder so würden die Zahlen wieder steigen.
Das liesse sich mit nichts vermeiden.

Herrn Schnegg winkt per Ende Jahr die Pension.
Er winkt ab und meint: „Ich geh‘ ja schon!
Es ist mir dann EGAL, was Gesundheitsminister Berset
anordnet per se.
Bleibt nur zu hoffen, dass seine Liebesaffäre
ihm nicht kommt in die Quere.
Ein Job bei der Pharma wäre dann mal
bestimmt die sicherste und beste Wahl.“

Foto: Georg Dobrovolny
Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 24.11.2020

24. November, Mittwoch

Der Titel dieses Eintrags könnte lauten: „Vorsicht beim Wünschen!“

Die Morgensonne schickt ihr Licht schon um 6 Uhr zu den Spitzen der Walliser Berge und taucht sie ein zartes Rosa. Bei den alten Griechen war eine Göttin für dieses wundervolle Schauspiel zuständig. Sie hiess „Eos“, die Rosenfingrige. Später ruft mich Georg aus Bern im Nebel an. Er wäre jetzt auch gerne in Leukerbad, hat aber noch viel Arbeit mit der Archivierung des Forums Ost-West.

Die Maler haben uns die zwei Gartenbänke in ihrer Werkstatt frisch gestrichen und zurückgebracht. Nun stehen sie wieder auf der grossen Dachterrasse und strahlen in einem kräftigen Frühlingsgrün. Ich freue mich darüber. Schon seit langem habe ich mir eine grüne Gartenbank aus Holz gewünscht. Jetzt ist mein Wunsch gleich zweimal in Erfüllung gegangen. Beim Wünschen ist eine gewisse Achtsamkeit nötig, denn es könnte doppelt eintreffen. So ist es mir hier auch mit den Lautsprechern passiert. Schon lange suche ich ein Paar Lautsprecher mit besserer Qualität. Von den vorherigen Eigentümern dieser Wohnung haben wir gleich zwei Paar „geerbt“, alles ertönt in Quadrophonie. Ich lege die CD mit meiner Kristall-Lyra auf. Georg meint: „Das klingt wie am letzten Heiligabend in der Kirche. Man hört die Klänge auch hier überall im Raum und wird darin eingehüllt.“ Ich durfte am letzten 24. Dezember an der Christnachtfeier „Vom Himmel hoch“, Alle Jahre wieder“ und „Stille Nacht“ spielen. Und jetzt klingt es in unserem Wohnzimmer dank Quadrophonie ähnlich. Das muss ich bei nächster Gelegenheit meinem Tontechniker erzählen. Vor Jahren hatte er einmal höflich gemeint: „Wenn ich mir schon soviel Mühe gebe und mit modernster Technik deine Werke aufnehme, dann solltest du eigentlich zuhause bessere Lautsprecher haben, die alle Fassetten deiner Klänge wiedergeben können.“ Nun habe ich sie.

In einem Monat wird wieder Weihnachten sein. Unser Gesundheitsminister Berset macht sich bereits Sorgen. Er wolle das nächste Jahr auf keinen Fall mit exponentiell steigenden Fallzahlen beginnen. Weihnachten sei dieses Jahr eben anders und Silvester erst recht, denn es sei gefährlich, wenn so viele Leute zusammenkämen.

Ich plädiere dafür, dass man das Bundeshaus im nebligen Bern in das sonnige Wallis verlegt …                                                                                                                                                                                              

Foto einer der grünen Bänke und Text: Petra Dobrovolny
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     

Mein Tagebuch: 14.11.2020

14. November, Samstag:

Der Titel zu meinem heutigen Tagebucheintrag könnte heissen: „Wenn Papierservietten erzählen könnten …“

An der Marktgasse in Bern packe ich weiter meine Praxis ein. Ich finde einen Stapel bunter Papierservietten mit unterschiedlichen Mustern. Erinnerungen werden wach: Im Herbst 2011 suchte Georg einen Büroraum für sich und seine Organisation Forum Ost-West. Ich bat ihm zu seiner Überraschung einen Teil meines Praxisraumes an. Georg sagte zu, und die Umstände bewirkten, dass ich das Sekretariat des Forums übernahm. So kamen auf den 42 m2 über den Dächern der Berner Altstadt zwei Kulturen zusammen: Eine nach innen gewandte meditativ-therapeutische mit den Klängen meiner Naturtoninstrumente und vielen Tassen Tee und eine nach aussen gewandte international kommunizierende mit Computer, Internetanschluss und Drucker sowie vielen Tassen Espresso.

Im Jahre 1994 hatte Georg den gemeinnützigen Verein Forum Ost-West gegründet, um nach den Jahren des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs mit Gleichgesinnten kreative Impulse für ein neues partnerschaftliches Verhältnis zwischen Ost und West zu geben. An den Seminaren, Veranstaltungen, Projekten und Gruppenreisen – nach Moskau, St. Petersburg, Slowenien, Kroatien und die Ukraine – kam es zu eindrücklichen Begegnungen mit Menschen aus vielen Kulturen Mittel- und Osteuropas sowie Zentralasiens wie Kasachstan und Kirgisistan. In all den 25 Jahren wurden über 150 Projekte gemäss den Bedürfnissen vor Ort verwirklicht, die von Fachleuten aus der Schweiz auf den Gebieten der Touristik, des Bank-, Schul- und Gesundheitswesens, der Textilindustrie usw. durchgeführt wurden. Georg brachte es fertig, dass Behörden in der Schweiz und in Mittel- und Osteuropa im Dienste der Sache zusammenarbeiteten.

Ein besonderer Höhepunkt waren die jährlichen einwöchigen Medienforen, an denen jeweils ca. 20 Medienfachleute aus den neuen EU-Ländern wie zum Beispiel den Baltischen Staaten, Zypern, Bulgarien, Rumänien u.a. und auch der Russischen Föderation teilnahmen. So war ich einmal dabei, als die Teilnehmenden die Jean-Monnet-Stiftung in Lausanne besuchten. Es wurde ein Film über die Entstehung der Europäischen Gemeinschaft sowie das Archiv mit eindrucksvollen Dokumenten gezeigt. Ich lernte den Leiter und die Archivarin kennen und sagte, dass mein Vater damals in Luxembourg einer der ersten Mitarbeiter von Jean Monnet gewesen sei. Sein persönliches Archiv von über 800 Pressefotos und Dokumenten könnten mein Bruder und ich der Stiftung vermachen, denn dies sei eigentlich der Wunsch meines im Jahre 1991 verstorbenen Vaters gewesen. Mein Angebot findet Begeisterung, die entsprechende Vereinbarung über den „Fonds Dr. Karl Mühlenbach“ ist bald einmal unterschrieben, und wenige Wochen später brachte ich einen ganzen Einkaufswagen mit wertvollen und gut erhaltenen Dokumenten aus den Anfängen der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ in den 50er Jahren nach Lausanne in das schön renovierte alte Gebäude der „Fondation Jean Monnet pour l’Europe“ neben der Universität. Einen Nachmittag lang erkläre ich den für das Archiv Zuständigen die historischen Zusammenhänge und Begebenheiten, die auf den Fotos festgehalten sind. Die leitende Archivarin bestätigt mir: Alles, auch die Fotos der Europa-Schule ist eine ideale und wesentliche Ergänzung des bestehenden Archivs, welches von Studierenden aus der ganzen Welt besucht wird. Und wir als Familie und Nachkommen seien jederzeit bei der Stiftung zu einer Besichtigung willkommen.

Mit Georg zusammen durfte ich ein interkulturelles Training entwickeln und den Youtube-Kanal des Forums mit der Serie „Interviews als Zeitzeugnis“ gestalten.  Es war eine sehr erfüllte Zeit, die noch intensiver wurde, als ich das Sekretariat des Forums übernahm und die jährlichen Mitgliederversammlungen organisierte. Dazu mieteten wir jeweils einen Seminarraum im Umfeld der Marktgasse, den wir mit Blumen und den vorhin erwähnten Papierservietten jeweils selbst dekorieren durften. Georg organisierte Weisswein und eine riesige Käseplatte.

Seit 2014 beschäftigt uns der Krieg in der Ukraine und die notleidende Bevölkerung. Dank Sach- und Geldspenden organisierten wir 11 Transporte mit humanitären Hilfsgütern von der Schweiz nach Odessa und weiter in die Ostukraine. Tragbahren, Krücken, Spitalbetten, weiteres medizinisches Material sowie Wolldecken und Pullover fanden zum jeweiligen Bestimmungsort. Viele staunten, dass dies ohne die Bezahlung der sonst üblichen Bestechungsgelder möglich war.

In all den Jahren intensiver Zusammenarbeit wuchs auch unser Verständnis für die Tätigkeit des anderen. Georgs Begabung besteht darin, die unterschiedlichsten Menschen zusammenzubringen und für gemeinsame Projekte zu begeistern. Er wiederum respektierte von Anfang an meine therapeutische Arbeit, putzte unseren ab 2011 gemeinsamen Arbeitsraum und schmückte ihn in jeder Saison mit Blumen auf den Fensterbänken und in den Vasen. Vormittags arbeitete Georg an der Marktgasse in unserem „Atelier d’Inspiration“, wie wir den Raum nannten, ich empfing am Nachmittag und Abend Ratsuchende, vormittags führte ich das Sekretariat des Forums von zuhause aus. Eine Freundin fragte mich einmal: „Wann schläfst du eigentlich?“ Denn abends ging ich oft auch noch ins Tonstudio, um meine neusten Klangkompositionen aufnehmen zu lassen.

Georg hat nun das Forum Ost-West der jüngeren Generation anvertraut. Historisch wertvolle Dokumente bereitet er in diesen Wochen für den Transport in das Archiv der Jean-Monnet-Stiftung in Lausanne und für dasjenige der Schweizerischen Osteuropa-Bibliothek in Bern vor.

Somit sind wir beide am Aufräumen und Packen. Bald werden wir diesen Ort verlassen, die Kündigung habe ich bereits abgeschickt. Wir suchen eine geeignete Nachfolge.

Text und Foto vom Berner Oberland mit Eiger, Mönch und Jungfrau:
Petra Dobrovolny        

Mein Tagebuch: 23. und 27. Oktober 2020

23. Oktober, Freitag:

Ab heute gelten in vielen Kantonen stärker einschränkende Massnahmen wegen „Corona“. Im Wallis sind auch die öffentlichen Bäder geschlossen. So stehe ich mit meiner Badetaschen vor den verschlossenen Türen des Thermalbades in Leukerbad und denke: „Alles, was unser Immunsystem stärkt, wird verboten!“ Doch vom Immunsystem redet niemand. Im März gab es moralische Appelle der Regierung und eine behördliche Selbstherrlichkeit: Sie taten so, als wüssten sie Bescheid über die Wirkung der verordneten Massnahmen, Eigenverantwortung wurde gar nicht angesprochen. So wurden wir zu Untertanen gemacht, die darauf warten, bis einer „von oben“ sagt, was wir zu tun haben. Seit Anfang Oktober sprechen die von oben plötzlich über die Eigenverantwortung von Familien. Diese sollten sich erst gar nicht treffen und schon gar nicht gemeinsam feiern. Fussballspiele mit Publikum sind noch bis Ende Oktober erlaubt.

27. Oktober, Dienstag:

Heute habe ich einen Termin für Dentalhygiene bei meiner Zahnärztin und wundere mich, dass er nicht abgesagt wurde. Die Praxis soll man mit Maske betreten und sich sofort die Hände desinfizieren. Der nette Herr vom Empfang macht mir ein Kompliment über meine schöne Stoffmaske, es sind bunte Schmetterlinge darauf. Dann fragt er mich höflich, ob er mir zur Sicherheit Fieber messen dürfe. Mit 36.1 °C ist er zufrieden. Nach diesem Ritual darf ich den Behandlungsraum betreten. Die Zahnärztin erscheint in einem Schutzmantel und sieht aus wie ein Astronaut, der gerade den Mond betritt. Sie lacht selbst darüber und meint, sie müsse übervorsichtig sein. Zum Glück hätte sie zwei Behandlungsräume, mache immer Pause zwischen den Terminen und lüfte alle Räume gut durch. In ihrer Praxis würde sich sicher niemand anstecken, höchstens unterwegs. Und davor haben viele Patient*innen Angst und verschieben ständig den Termin. Deswegen gäbe es schon eine lange Warteliste. Die Behandlung ist für mich eine sehr positive Erfahrung. Meine Zahnärztin empfiehlt mir, dass ich erst in einem Jahr wiederkommen soll. Wir verabschieden uns mit den besten Wünschen füreinander und in der Hoffnung, in einem Jahr bessere Bedingungen vorzufinden.

Im „Bund“ von gestern lese ich einen interessanten Artikel mit dem Titel: „Warnung vor dem Impfstoff der ersten Generation“. Denn dieser dürfte nicht der beste sein. Seine Zulassung könnte die Entwicklung potenziell überlegener Impfstoffe verlangsamen. „Swissmedic“ ist die verantwortliche Zulassungsbehörde. Dieser müssten die Politiker*innen jetzt genau auf die Finger sehen. Korruption lässt grüssen…

Rom greift durch. Premier Conte verbietet jeden Spass: „Das ist ein kritischer Moment. Kleine Opfer sind notwendig.“ Spanien wartet noch ab. Deutschland verordnet besonders strenge Massnahmen in der Gastronomie und Hotellerie. Übernachtungen von Tourist*innen sind nicht mehr erlaubt. In Bern sollen jetzt Masken auch unter den Lauben getragen werden. Der Vorteil: Es raucht hier niemand mehr.

In den Regalen der Lebensmittelgeschäfte fehlen ab und zu Artikel, die wie wir auch viele andere gerne mögen: Prosecco, eine bestimmte Schokolade, Thunfisch im Glas und vor allem Dinkelbrot. Hatten wir das nicht schon mal? Besonders ältere Menschen sieht man in der Stadt deutlich weniger, das unbeschwerte Lachen der Kinder hört man seltener.

Heute höre ich die passende Geräuschkulisse für diese Situation: Unter den Berner Lauben singt ein Chor „Halleluja“ und von der 50 m entfernten Baustelle der Schweizerischen Nationalbank ertönt im Refrain der Presslufthammer. 

Text: Petra Dobrovolny

Foto Chutzegarte: Georg Dobrovolny

Mein Tagebuch: 2. Oktober 2020

2. Oktober, Freitag:

Der extremwarme September endete mit Schnee bis zu 1‘400 m. Der Winter macht sich für ein paar Tage bemerkbar.

Wir waren im Wallis und mussten auch in Geschäften und in öffentlich zugänglichen Räumen eine Maske tragen. Das ist sehr unangenehm. Der Kanton Bern erlässt vorläufig keine Maskenpflicht beim Einkaufen. Auch deswegen kommen viele hierher. Der Widerstand gegen die Corona-Massnahmen wächst. Unser Gesundheitsminister Berset wurde bei einer Veranstaltung sogar ausgepfiffen und als Landesverräter beschimpft.

Es ist sehr verwirrend: Manche reden oder schreiben jetzt von einer 3. Welle, andere meinen, die 2. beginne gerade, wieder andere bestehen darauf, dass es nie eine erste Welle gegeben hat. Wer kann das noch verstehen? Viele Fragen sind nach wie vor ungeklärt: Wer ist an und wer mit Covid19 gestorben? Warum sind die Spitäler immer noch unterbelegt? Warum sterben weniger Menschen? Nützen die Masken etwas oder schaden sie? Übertragen zum Beispiel Stechmücken das Virus? Vor etwa einer Woche war die Schweiz nach eigenen Kriterien noch ein Risikoland. Gestern stand in der Zeitung, sie sei es jetzt nicht mehr.

Unser Freund hat sich in einem Drive-in testen lassen, innerhalb weniger Stunden hatte er das Ergebnis und ein Attest. Jetzt kann er zurück nach Moskau fliegen, wo er lebt, ohne in Quarantäne zu müssen. Er rät davon ab, sich beim Hausarzt testen zu lassen. Hausärzt*innen seien nicht dafür eingerichtet.

Die Werbetrommel für Grippeimpfungen wird kräftig gerührt. „Man“ – auch Babys ab 6 Monaten – solle sich doch impfen lassen, um im Winter die Spitäler nicht zu belasten, denn die Betten müssten für Corona-Patient*innen freigehalten werden. Andererseits sei der Impfstoff knapp. Von woher wird er wohl importiert? Also hätten Risikopersonen den Vortritt. Aha! Jetzt wird von „Risikopersonen“ und nicht mehr von „Risikogruppen“ gesprochen. Eine Immunologin erklärt, wie man sich zur Begrüssung umarmen bzw. lieber nicht umarmen soll. Georg meint, die Anmassung der Behörden, die Privatsphäre zu regeln, sei kolossal. Sogar unter dem Kommunismus sei es nie ein Thema gewesen, ob Grosseltern ihre Enkelkinder umarmen dürfen oder ob Paare sich küssen dürfen.

Die Karten von Estelle sagen: Innerhalb der kommenden Monate erschafft Ihr den Himmel auf Erden. „Focus on your dreams!“ Neue Abenteuer erwarten Euch!

Foto in Leukerbad und Text: Petra Dobrovolny 

Mein Tagebuch: 24. September 2020

24. September, Donnerstag:

Am Montag begannen die Klima-Aktivist*innen ihr Camp auf dem Berner Bundesplatz aufzubauen. Sie wollten mindestens eine Woche Tag und Nacht bleiben. Dazu waren sie professionell organisiert und ausgerüstet: Grosse Lastwagen transportierten das nötige Material. Vor dem Gebäude der Schweizer Nationalbank wurde ein riesiges Zelt für die Küche aufgebaut, die etwa 200 Leute pro Tag versorgen sollte. Im Vergleich dazu wirkte Greta Thunberg mit ihrem Schulstreikschild bei ihren ersten Auftritten romantisch naiv, aber auch beeindruckender. Diese Demo war nicht bewilligt, die Polizei hielt sich zunächst zurück. Am Dienstag findet hier der Berner Wochenmarkt statt. Die Gemüsebauern waren nicht gerade begeistert über die Blockade des Platzes, konnten aber schliesslich ihre Stände aufbauen. An diesem Tag machten sie trotzdem ein gutes Geschäft: Die Demonstrierenden und deren Küche kauften sehr viel Gemüse ein. Am Abend gab es eine weitere unbewilligte Demo von Flüchtlingen und Asylsuchenden gegen die Bedingungen in den Unterkünften. Diese wollten sich dem Klima-Camp anschliessen, wurden jedoch durch einen massiven Polizei-Einsatz daran gehindert. Viele bürgerliche Politiker*innen reagierten sehr erbost auf die Besetzung des Bundesplatzes und die massive Blockierung des öffentlichen Verkehrs. Über Inhalte wird nicht gesprochen, eine Nationalrätin spricht von einer „Empörungshysterie“ ihrer Kolleg*innen. Dies erinnert mich an die Demo vom 29. August in Berlin. Das beherrschende Thema in den Medien waren die etwa 7 reichsdeutschen Fahnen und der Versuch einiger rechtsextremer Demonstranten in das Reichstagsgebäude einzudringen. Am Mittwoch löste die Berner Stadtpolizei das Klima-Camp friedlich auf. Es kam zu Festnahmen.   

Gesundheitsminister Berset kann sich ein Impfobligatorium für das Personal in Alters- und Pflegeheimen vorstellen, falls dies die Kantone wünschten. Dabei gibt es noch keinen Impfstoff! Und wer würde für die Impfschäden haften?

Eine neue Volksinitiative ist im Umlauf: Die Mobilfunkhaftungsinitiative. Falls es genügend Unterschriften gibt, kann über eine Gesetzesänderung abgestimmt. Stimmt das Volk „ja“, müssten die Mobilfunkanbieter für gesundheitliche Schäden, die der Mobilfunk verursacht, haften.

Text und Foto: Petra Dobrovolny