Mein Tagebuch: 13.12.2020

13. Dezember, 3. Adventssonntag:

«Go your own way!»

Premiere! Ich mache den ersten Ausflug mit meinen neuen Schneeschuhen. Auf Französisch heissen sie «raquetttes de neige», ähnlich wie «raquettes de tennis», also «Schneeschläger». Sie schlagen oder drücken den Tiefschnee hinunter, so dass man nicht darin versinkt und steckenbleibt, auch nicht rutscht. Das Werbemotto auf dem Prospekt lautet: «Go your own way!» Geh’ deinen eigenen Weg! Es ist herrlich, bei Sonnenschein und blauem Himmel geniesse ich die einsame und stille Schneelandschaft. Keine Gemse schaut zu. Oder schauen sie lieber weg?

Leukerbad hat sich einen neuen Markenauftritt gegeben, berichtet das Walliser Lokalradio. Das Motto heisst neu: «Quelle zum Glück». Auf Französisch heisst das Motto «Source de bonheur», «Quelle des Glücks». Den Unterschied finde ich sehr interessant: Auf Französisch ist das Glück schon da, auf Deutsch muss man wohl noch einen Weg bis zum Glück bzw. dessen Quelle gehen. – Dienstleistungsanbietende auf den Gebieten Gesundheit und Sport sollen bei Werbeaktionen mehr zu Wort kommen. Da bin ich am richtigen Ort gelandet!

An das «Walliser Ditsch» muss ich mich noch gewöhnen. Hier sagt man anders als in Zürich weder «Grüezi», noch wie in Bern «Grüessech», sondern «Tag wohl» und bereits ab 14 h «Abig wohl», also «Guten Abend». Man sagt auch nicht «ich werde», sondern das Futurum lautet «ich gehe», also « i go ». Dies erinnert mich eher an das Alltagsfranzösisch «je vais …», wenn man etwas in Zukunft machen wird. Eigentlich logisch: Ich muss erst in eine bestimmte Richtung gehen, Schritte machen … Das ist in Bewegung ausgedrückt Zukunft. Wenn ein Politiker sagt, «I go gwählt», so bedeutet das nicht, dass er wählen geht, sondern dass er gewählt wird. Das ist eben richtiges Walliser Ditsch.

Foto: Adventsschmuck vor einem Hauseingang in Leukerbad
und Text: Petra Dobrovolny

P.S.: Der Weihnachtsmann braucht keine Schneeschuhe!

Mein Tagebuch: 12.12.2020

12. Dezember, Samstag:

In Deutschland wird der Weihnachtsbraten eingefroren, in der Westschweiz kehrt wieder Leben ein

Es schneit. Seit gestern bin ich stolze Besitzerin von einem Paar Schneeschuhen. Es gibt hier in der Umgebung von Leukerbad dafür spezielle «Trails» und ich bin gespannt, ob ich bald einer Gemse begegnen werde. Die würde sich bestimmt über mein «Outfit» wundern und den Kopf schütteln: «Diese Menschen! Für jede Fortbewegung brauchen sie irgendein Gerät!»

In Deutschland gilt wahrscheinlich ab Montag ein kompletter Lockdown mit Ausgangssperre und geschlossenen Geschäften. Viele befürworten dies, damit «die ganze Sache mal endlich aufhört». Jemand von der Regierung eines Bundeslandes formuliert es drastisch: «Es ist jetzt wirklich nicht wichtig, ob wir schon alle Weihnachtsgeschenke eingekauft haben! Es geht jetzt um Leben und Tod!» Wer glaubt das noch? Welche Möglichkeit bleibt der Bevölkerung? Depression oder Revolution?

Die unabhängige Journalistin Preradovic interviewt auf ihrem Youtube-Kanal den Notfallarzt und Epidemiologen Dr. Paul Brandenburger aus Berlin. Dieser vergleicht die jetzige Situation mit dem starken Grippejahr 2018. Die Notfallbetten seien heute genauso wie damals saisonmässig normal ausgelastet, die heutigen Schlagzeilen der Zeitungen seien damals wortgenau dieselben. Die Schwachstellen des deutschen Gesundheitssystems seien seit Jahren bekannt, doch nichts werde unternommen. Dieses Jahr seien sogar Notfallbetten abgebaut worden. Wann wird die Zensur dieses Video löschen?

Als ich mit meiner Patentante in Bonn telefoniere, bereitet sie gerade den Sauerbraten für Weihnachten vor. Sie werde ihn dann in Scheiben schneiden und einfrieren, denn sie wüsste nicht, ob die weitere Familie aus Bayern an Weihnachten kommen dürfe. Man dürfe ja nichts mehr. Eine andere Freundin in Deutschland fragt mich, ob ich denn überhaupt in die Walliser Berge fahren dürfe. O je! Und das alles wegen der Empfehlungen einer einzigen Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina! Eine kleine Frage in Klammern: Wer finanziert die Leopoldina? Frau Merkel droht: «Wenn wir jetzt nicht handeln, könnten dies die letzten Weihnachten mit Oma und Opa gewesen sein.» Vielleicht sterben Oma und Opa aber wegen Einsamkeit und Isolation. Doch niemand spricht davon.

Die Westschweizer Kantone haben sich mit ihrem Protest durchgesetzt, der Bundesrat ist zurückgekrebst: Die Restaurants können wie ursprünglich vorgesehen ab dem 14. Dezember wieder öffnen, die bisher offen gebliebenen Hotelrestaurants dürfen wieder externe Gäste empfangen, die angekündigte Sperrstunde ab 19 h wird auf 21 h verschoben. In den Hotels und Ferienwohnungen in Leukerbad sind abends wieder mehr Fenster beleuchtet. Kinder jauchzen und wälzen sich im Schnee. Es kehrt wieder Leben ein.

Foto: Schneeschuhe und Text: Petra Dobrovolny