Mein Tagebuch: 27.09.2022

27. September, Dienstag: Zu viele Impfdosen, Rückkehr in die Ukraine und weiteres Abschiednehmen

Im Berner Oberland hat es zum ersten Mal wieder geschneit, auch oberhalb von Leukerbad – mit 1400 m – liegt der Schnee bis auf 1500 m. Die Tage werden kürzer. Experten sagen einen milden Winter voraus. Ist dies ein Wunschdenken? In diesem Jahr sind die Gletscher in der Schweiz so viel geschmolzen wie noch nie. Drei Gletscher sind inzwischen sogar ganz verschwunden. Die Gründe sind der schneearme Winter und der heisse trockene Sommer.

In den sozialen Medien wurde für den 24. September eine weltweite Katastrophe mit Stromausfällen oder einem atomaren Vorfall grösseren Ausmasses usw. vorausgesagt. Der Tag werde allen in Erinnerung bleiben. Und? Was ist passiert? Die gemeldeten Wirbelstürme über Florida und der Karibik sind nicht so aussergewöhnlich. Vielleicht habe ich etwas verpasst?

Die Schweiz muss 10 Millionen Impfdosen vernichten, weil die Haltbarkeitsgrenze erreicht wurde. Aus Sicherheitsgründen hatte das BAG bei verschiedenen Herstellern eingekauft, sodass deswegen jetzt ein grosser Überschuss besteht. So lautet die offizielle Begründung. Den bald ablaufenden Impfstoff hatte die Schweiz verschiedenen Entwicklungsländern angeboten. Diese haben jedoch dankend abgelehnt. Wer bezahlt nun die überflüssigen Impfdosen? Die Krankenkassenprämien werden nächstes Jahr um ca. 10% ansteigen …

Man kann sich fragen, warum die notfallmässig zugelassene mRNA-Impfung immer noch propagiert wird, jetzt vor allem für Kinder. Die zahlreichen und teilweise heftigen Nebenwirkungen besonders für Jüngere sind inzwischen bekannt. Seit Juli gibt es weltweit eine Übersterblichkeit von ca. 12 %, auch jüngere Altersgruppen sind betroffen. Dr. John Campbell hat auf Youtube darüber berichtet. Er meinte, dass diese Zahlen «quite alarming», also ziemlich alarmierend seien. Auch in unserem Bekanntenkreis sterben plötzlich und unerwartet Leute, von denen wir wissen, dass sie mindestens zweimal geimpft waren. In den offiziellen Medien werden jedoch immer wieder Expert:innen zitiert, die sagen, dass es keine Beweise für einen Zusammenhang gäbe. Wie dem auch sei: Jedenfalls macht es uns sehr betroffen, wenn wir uns schon wieder von jemandem für immer verabschieden müssen.  

Georg und ich waren am Samstag bei unserer bisher noch gebliebenen ukrainischen Nachbarin zum Abschied zu Tee und Kuchen eingeladen. Am 30. September wird Veronika mit ihren drei Kindern im Alter von 12 und 5 Jahren und dem kleinen 2-monatigen Platon, mit dem Zug über Wien und Polen nach Odessa fahren. Gemeinsam mit ihrem dort auf sie wartenden Ehepartner wird sie eine neue Bleibe suchen. In ihre Heimat bei Mariupol können sie zurzeit nicht zurück. Das sei aber nicht so schlimm. Viel wichtiger sei, dass die Familie wieder zusammenfände und der Vater endlich seinen Jüngsten in die Arme nehmen könne. Veronikas Schwester mit ihren zwei Kindern und der Mutter bzw. Grossmutter hatten sich vor etwa drei Wochen von uns und Bremgarten verabschiedet. Sie sind inzwischen gut in Kiew angekommen. Auch sie können nicht nach Mariupol zurück. Der Vater bzw. Grossvater hat das kaputte Haus dort nicht reparieren können. Das nötige Material dazu hätte er nur von der russischen Besatzung und nur mit seiner Unterschrift erhalten. Er hätte bezeugen müssen, dass sein Haus von der ukrainischen Armee beschädigt worden sei. Das wollte er nicht.

Diese Umstände erinnern Georg an Kosovo vor etwa 25 Jahren: Nach dem «Jugoslawien-Krieg» waren auch dort Häuser zerstört und viele Flüchtlinge wollten zurückkehren. Durch das von Georg 1994 gegründete «Forum Ost-West» konnte mitbewirkt werden, dass die Schweiz Baumaterial nach Kosovo lieferte. Die dortige Bevölkerung erhielt somit eine Hilfe zur Selbsthilfe und baute ihre Häuser wieder auf. Die Schweizer Hilfe war damals ein Erfolg, der eine verbreitete Beachtung fand. Auf unsere Anfrage hin schreibt das EDA (Schweizer Aussenministerium): «Es ist möglich, dass es in den Jahren 1998/99 eine Hilfe in dem Zusammenhang gegeben haben mag. Allerdings verfügen wir über keine Informationen zu diesem Thema.» Wir fragen uns, wo da das institutionelle Gedächtnis bleibt. Und jetzt? Georg meint, dass ukrainische und russische Oligarchen, die im Ausland leben, ein Zeichen setzen und Geld für Baumaterial spenden könnten. Ein Fonds dafür müsste gegründet werden, und Medien könnten die Information über entsprechende Konti, auf welche die Zahlungen eingehen können, verbreiten. Kaum hat Georg diese Idee, melden sich Oligarchen, die hohe Summen dafür bezahlen wollen, um von den Sanktionslisten gestrichen zu werden. Unsere Bekannten finden die Rückkehr von «Georgs Ukrainerinnen» entweder sehr mutig oder verrückt. Jemand meint sogar, dass wir sie unbedingt zurückhalten sollten. Georg meint: «Die Frauen sind doch mündig und wissen, was sie tun.» Selbstverständlich ist es keineswegs. Für andere Flüchtlinge aus der Ukraine ist eine Rückkehr kein Thema. – In Russland wurde eine weitere Teilmobilmachung ausgerufen. Junge Männer werden von der Strasse weg zwangsrekrutiert. Zehntausende fliehen über die Grenzen nach Finnland, Georgien oder Kasachstan, auch wenn jede Art von Dienstverweigerung oder Desertation mit 10 Jahren Gefängnis bestraft werden soll.

Foto: Orgel der Marienkirche in Leukerbad VS

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 19.09.2022

19. September, Montag: Ein historischer Tag

Heute findet das Begräbnis von Königin Elisabeth II. statt. Auch in der Schweiz ist es ruhig. Viele verfolgen das historische Ereignis live am Bildschirm. Die Choreographie, die Musik und Zeremonien sind sehr eindrucksvoll. Den Dichter William Wordsworth möchte ich hier zitieren:

« It shall came to a tribute of when her long life has reached its final day. Men are we and must grieve when even the shade of that what once was great has passed away.»  

Maria von Fatima in der kath. Kirche Leukerbad

Text und Foto: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 11.09.2022

11. September, Sonntag: Ein Abschied, singende Flügel und eine Marienstatue

Gestern ist unser Besuch nach einer Woche wieder nach Hause in die Tschechische Republik gefahren. Sie hatten Glück mit dem Wetter gehabt. Georgs jüngster Neffe, seine Frau und ihre zwei Kinder im Alter von 5 und 2 Jahren haben Ausflüge in die Berge und Schifffahrten auf dem Genfer und Thuner See sehr genossen. Den Kindern waren die verschiedenen Spielplätze, auf denen sie sich austoben konnten, am wichtigsten. Schöne Aussichten oder Wanderungen können sie nicht begeistern. Der grösste Hit war der Familienwagen des IC nach Genf: Gleichzeitig Zugfahren und eine Rutschbahn runterrutschen! Die Kinder wollten gar nicht mehr aussteigen.

Heute wurde Georg von «seinen» Ukrainerinnen in Bremgarten zu einer kleinen Abschiedsfeier eingeladen. Am Dienstag wird die Grossmutter und ihre jüngere Tochter mit ihren zwei kleinen Kindern nach 6 Monaten sicheren Aufenthalt in der Schweiz wieder in ihr Heimatland zurückreisen. Der Schwiegersohn hat in der Nähe von Kiew eine Wohnung gefunden. In ihre Heimatstadt Mariupol können sie zumindest vorläufig noch nicht zurück. Die Reise mit dem Zug über Wien und Polen dauert zwei Tage. Georg bringt ihnen eine grosse Wassermelone, die er während zwei Wochen auf unserer Veranda hat reifen lassen. Der Geschmack erinnere sie an die Melonen in der Ukraine, meinen seine Gastgeberinnen. Die ältere Tochter wird mit ihren inzwischen drei Kindern noch weiterhin in der Schweiz bleiben.

Bei herrlichem Sonnenschein und 23°C im Schatten geniesse ich heute die Sonntagsruhe auf meiner Terrasse in Leukerbad. Der Stand der Sonne ist schon niedriger, bald sind wir bei der Tag-und-Nachtgleiche angelangt. Ein grüner Gast, eine grosse Grille, besucht mich. Bei Sonnenuntergang lässt sie ihre Flügel singen. Beneidenswert: Ich hätte auch gerne singende Flügel. Stattdessen versuche ich nun beim Proben in der Kirche meine Stimme möglichst ohne Heiserkeit singen zu lassen. Über die Mittagszeit legen einige Menschen, vor allem Frauen, auf ihrer Wanderschaft einen Halt ein und nehmen sich Zeit für ein Gebet. Es ist zu spüren, dass sie sich nach Frieden und Geborgenheit sehnen. Viele zünden eine Kerze an, stellen sie in den metallenen Ständer unter der Marienstatue in der Nische der Seitenkapelle und beten. Als ich diese Statue zum ersten Mal sah, dachte ich, dass die heilige Marie wohl tatsächlich so ausgesehen haben muss, denn ich empfand sie als sehr realistisch dargestellt. Heute habe ich im Kirchenführer gelesen, dass der portugiesische Künstler Antonio Alvas die Statue nach den Aussagen der Kinder von Fatima, denen die Muttergottes erschienen war, aus Zedernholz erschaffen hat. Im Jahre 1954 wurde sie aus Portugal übers Meer, den Rhein hinauf bis Basel und schliesslich bis ins Wallis nach Sitten, dem Bischofssitz, transportiert. Im Rahmen des «Marianischen Jahres» wurde sie von Gemeinde zu Gemeinde weitergereicht und danach von dem damaligen Pfarrer für Leukerbad erworben. Für die zahlreichen Portugies:innen, die hier wohnen und vor allem in der Gastronomie arbeiten, stellt diese Statue der Maria von Fatima ein Stück Heimat dar. – Die hiesige Pfarreikirche trägt seit ihrer Erweiterung und Drehung um 90° nach Norden in den Jahren 1864 bis 1866 den Namen «Maria, Hilfe der Christen». Ursprünglich war sie nach Osten ausgerichtet und seit ihrer Fertigerstellung im Jahre 1501 der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergbevölkerung, geweiht. Das ursprüngliche Kirchengebäude wurde bei der Erweiterung zum Glück nicht gänzlich abgerissen. Bis heute gibt es den Glockenturm, den Chor, die Nord- und Westwand mit dem gotischen Kirchenportal, welches heute als Seiteneingang dient. Der damalige Chor wurde zur Seitenkapelle umfunktioniert. Unter dessen Mitte, unter den spitz zulaufenden gotischen Bögen, darf ich nun musizieren, unter dem gütigen Blick der Heiligen Maria von Fatima.     

Die Besuchenden lauschen andächtig den Klängen meiner Lyra und Klangschalen aus Bergkristall und meinem Gesang, bleiben ein paar Minuten oder sogar so lange, bis ich mein Proben beende, schenken mir ein Lächeln oder ein Winken als Dank. Manchmal ergibt sich ein Gespräch. Ich werde gefragt, aus welchem Material meine Instrumente seien und wer die von mir gesungenen Gebete komponiert habe.

Fotos: Mein grüner Gast

und zu Gast bei der Heiligen Maria von Fatima

und Text: Petra Dobrovolny

Heilige Maria aus Fatima in der Kirche „Maria, Hilfe der Christen, in Leukerbad VS

Mein Tagebuch: 08. und 09. 09.2022

08. September, Donnerstag: Eine Ära geht zu Ende

In der Nacht auf heute zog eine heftige Gewitterfront über die Schweiz hinweg und setzte dem langen Sommer ein Ende.
Am Abend stirbt Her Majesty The Queen in ihrem Sommerschloss in Schottland. Friedlich und im Kreise ihrer Nächsten. Die Fernsehsender unterbrechen ihr normales Programm, Fahnen werden auf Halbmast gesetzt, die Welt hält inne. Zum letzten Mal ertönt «God save the Queen». Eine Ära geht zu Ende.

09. September, Freitag: Klänge für die Queen und eine Vision

Seit dem 30. August habe ich die Erlaubnis während der Mittagszeit in der katholischen Kirche Leukerbad für ein späteres Konzert in Form einer «Klangmeditation für den Frieden» zu proben. Heute nehme ich noch eine dritte Kristallklangschale mit, denn im Gedenken Ihrer Majestät möchte ich ganz besondere Klänge spielen. Während meines Spiels habe ich eine Vision: Die Queen, gekleidet mit einem langen weissen Kleid und einer diamantenen Krone, fährt in einer kristallenen Kutsche mit einem Gespann bestehend aus acht Schimmeln schräg hinauf in den Himmel. Erzengel Michael und weitere Engel begleiten sie. Oben angekommen hält die Kutsche an, ein Engel öffnet die Tür und schon steht ihr kürzlich verstorbener Ehegatte bereit und bietet ihr galant seine Hand, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Sie lächelt ihn an und sagt: «Here We are.» Er lächelt zurück: «That’s why I came here earlier, to welcome you.» Jetzt verstehen wir also, warum Prince Philip es so eilig hatte: Er wollte noch vor seiner Liebsten im Himmel sein, um sie jetzt willkommen zu heissen. «Let’s go then!» fordert sie ihn auf und hakt bei ihm ein. Beide begeben sich auf den himmlischen Balkon, der demjenigen vom Buckingham Palast sehr ähnlichsieht, um die Abschiedsfeierlichkeiten, die ihr zu Ehren auf der Erde stattfinden, zu verfolgen. Und siehe da: Auf dem Balkon warten bereits die vor längerer Zeit verstorbenen Familienmitglieder, allen voran ihre Mutter, die «Queen Mumm», auf sie. In meiner Vision hatte die Queen ihre Krone mit in den Himmel genommen. Sie hatte einmal gesagt, dass sie mit der Krone auf dem Haupt sterben werde. Und jetzt hat sie sie sogar mit in den Himmel genommen. Nicht in der bunten Form, wie wir sie aus den Medien kennen, sondern bestehend aus reinsten strahlenden Diamanten.

Foto: Kirche Maria, Hilfe der Christen, Leukerbad

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 30.08.2022

30. August, Dienstag: Schlusslicht Deutschland? Und: ein geistiges Dach

In den Bergen sind die Tage immer noch sommerlich warm. In den Nächten sinkt das Thermometer nicht unter 16°C. Doch die hier dunkelbraunen Eichhörnchen sammeln schon fleissig Vorräte für den Winter.

Seit 1991 feiert die Ukraine jedes Jahr am 24. August ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Georg hat unseren ukrainischen Nachbarinnen frischen Fisch vom «Märit» besorgt. Sie freuen sich, dass sie den Tag mit einem guten Mahl feiern können und bedanken sich mit einem «Vergelt’s Gott!» – Im Zentrum von Kiew hat man «zur Feier des Tages» zerstörte russische Panzer ausgestellt. «Westliche» Journalist:innen fragen, ob damit nicht die Gefühle des Kreml-Chefs verletzt würden. Dieser bereitet seine Bevölkerung darauf vor, dass die «Spezialoperation Ukraine» länger als erwartet dauern werde.

Während in Deutschland ausser der seit Corona nie abgeschafften Maskenpflicht im öV bald wieder strengere «Corona-Massnahmen» gelten sollen, ist dies in der Schweiz kein Thema. Die Infektionszahlen sinken, die Intensivstationen sind normal belegt. Im Unterschied zum deutschen Gesundheitsminister glaubt man hier nicht, dass bald eine neue Welle mit einem noch aggressiveren Virus kommen wird. Jemand schreibt: «Deutschland ist das Schlusslicht.» Was ist nur los mit Deutschland? Goethe, Schiller, Herder, der deutsche Idealismus … Wo ist das alles geblieben? Rudolf Steiner meinte, dass die Deutschen, nicht als politische Nation, sondern als Kulturnation verstanden, für Europa eine spirituelle bzw. geistige Aufgabe zu erfüllen hätten. Auf YouTube gibt es zu diesem Thema einige Beiträge von Axel Burkart. Die Deutschen, damit sind auch weitere Deutschsprachige in Mitteleuropa gemeint, sollten endlich erwachen und ihre geistige Rolle zum Wohl Europas und für ein friedliches Zusammenleben von Ost und West wahrnehmen. Axel Burkart meint, die Deutschen stünden jetzt zum dritten Mal – wie schon nach dem ersten und zweiten Weltkrieg – vor der Wahl, ihre wichtige Rolle anzunehmen. Auch der Amerikaner William Toel ist dieser Meinung. Im Jahre 1987 hatte er eine Vision, in der Gott ihn aufrief, der «Wächter Deutschlands» zu werden. Ein paar Jahre später sah er den Fall der Mauer voraus, doch niemand glaubte ihm. Vor einem Jahr organisierte er gemeinsam mit seiner deutschen Frau Lisa Wanderungen zu den Rheinwiesen in Gedenken an die vielen jungen deutschen Soldaten, die dort als Kriegsgefangene in den Rheinwiesenlagern unter amerikanischer Besatzung verdursteten und verhungerten. Vielen ist dieses Schicksal nicht bekannt. Es wurde verschwiegen. Bis zum letzten Jahr wurde ihrer nie einer solchen Form geschweige denn offiziell gedacht. Dieses Jahr ruft William Toel erneut zum «Walk am Rhein» auf. Man solle sich im August oder September zum Rhein begeben und dort eine Stunde lang zu Gott für die Freiheit und Souveränität Deutschlands beten. Weitere Informationen darüber findet ihr auf www.williamtoel.de

In meinem Taschenkalender sind die Feiertage mit den Ländern eingetragen, in denen sie stattfinden. Oft findet derselbe Feiertag in Deutschland, Österreich und der Schweiz statt. Dies wird abgekürzt mit D-A-CH bezeichnet. Das geistige Dach Europas: Ein klares Denken, das sich der Wahrheit, der Freiheit und dem Frieden verpflichtet. Ansätze dazu gibt es durchaus, auch in Tschechien. Gerade während der «Corona-Zeit» haben Georg und ich öfters über die Klarheit und Unerschrockenheit einiger tschechischer Wissenschaftler:innen gestaunt. Und wenn Prag – wieder – mitteleuropäische Hauptstadt für freies Wissen und Kultur würde? Ob an der Moldau, der Donau, am Rhein oder an der Rhone oder Aare … lasst uns für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit beten, und für eine uns alle miteinander verbindenden Liebe.

Foto: Die Aare in Bremgarten bei Bern und Text: Petra Dobrovolny   

Mein Tagebuch: 21.08.2022

21. August, Sonntag: Vor 54 Jahren und heute. Und: Nicht jede(r) ist ein Nelson Mandela

Heute jährt sich zum 54. Mal die Invasion in die damalige Tschechoslowakei durch die Warschauer-Paktstaaten unter der Führung des Kremls mit Leonid Breschnew. Die Panzer weckten Georg morgens um 5 Uhr, als sie auf dem Weg in die Prager Altstadt unter seinem Fenster vorbeifuhren. Er schaltete sofort das Radio ein, das noch einige Tage live von einem Versteck aus senden konnte. Vier Wochen später kam Georg als politischer Flüchtling in die Schweiz mit der Absicht, wieder in sein Heimatland zurückzukehren, sobald sich die Lage dort wieder «normalisiert» hätte. Dies war dann bekanntlich nicht der Fall. Die «Normalisierung» sah anders aus: Die demokratische Bewegung, der sogenannte «Prager Frühling», wurde zerschlagen, das Land blieb 22 Jahre lang besetzt.

Der tschechische Premier erinnert heute an das Ereignis von 1968 und vergleicht es mit dem immer noch andauernden russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Auch unsere ukrainischen Nachbarinnen möchten mit ihren fünf Kindern wieder in ihre Heimat zurück. Aber wohin, wenn die Häuser beschädigt sind? Und unsere Nachbarinnen sind bei weitem nicht die Einzigen. In der Ukraine benötigen 11 Millionen Menschen noch vor dem Winter eine sichere Unterkunft. Der Vater, der bei einem Angriff als Zivilperson durch eine russische Granate verletzt worden war, versucht jetzt nach seinem Spitalaufenthalt das Dach des Hauses zu reparieren. Das Material dazu kann er sich nur von der russischen Seite beschaffen. Bevor er es erhält, muss er eine amtliche Bestätigung unterschreiben, die besagt, dass sein Haus von der ukrainischen Armee beschädigt wurde. Die russische Seite hat tatsächlich Angst, dass sie einmal – wann? – für ihre Zerstörungen haftbar gemacht werden und eine Wiedergutmachung bezahlen muss. Georg meint, dass hier die Schweiz mit Materiallieferungen helfen könnte. Er und seine Organisation Forum Ost-West hatte diese Hilfe damals nach dem Jugoslawien-Krieg für Kosovo in die Wege geleitet.

Jemanden dazu zu zwingen, wissentlich etwas zu unterschreiben, was nicht stimmt, ist eine geistige Vergewaltigung. So ist es auch bei der mRNA-Impfung gegen Corona. Vorher muss man unterschreiben, dass man von einer Fachperson über die kurz- und langfristigen Folgen informiert wurde. Und wenn diese Fachperson die Folgen gar nicht kennt bzw. kennen kann? Wer haftet? Wie viele Menschen haben in letzter Minute, nachdem sie gelesen hatten, was sie vor der Impfung unterschreiben sollten, «nein» gesagt? Wahrscheinlich gibt es darüber keine offizielle Statistik. Darüber schreibt keine Zeitung.

In Italien wird die Impfpflicht für Lehrpersonen ab dem kommenden 1. September aufgehoben. Sie galt seit Dezember 2021. Wie viele ungeimpfte Lehrer:innen gibt es noch in Italien? Gibt es darüber eine Statistik? Und womit haben diese in den letzten 9 Monaten ihr tägliches Brot verdient?

Es ist eine grosse Herausforderung, sich geistig nicht vergewaltigen zu lassen bzw. sich nicht selbst zu verraten. Das kann nicht jeder oder jede. In diesem Zusammenhang denke ich oft an meinen 1981 verstorbenen Schwiegervater. Er wurde als politischer Gefangener unschuldig zu 12 Jahren Zwangsarbeit in den tschechischen Urangruben von Jachimov verurteilt, erlebte immer wieder eine von allen gefürchtete Isolationshaft, die viele nicht lebend überstanden, und wurde auch sonst immer wieder verhört und gefoltert. Hätte er unterschrieben, dass er gemeinsam mit anderen einen Putsch auf den Staat geplant hätte, was natürlich nicht der Fall gewesen war, hätte er sich das Leben vielleicht erleichtern können. Doch er liess sich seinen Willen nicht brechen. Er blieb bei seiner Wahrheit und behielt bis zu seinem Lebensende eine aufrechte Haltung. So wie Nelson Mandela.

Hier der Link zum Youtube-Kanal des Forums Ost-West und zu einem Interview zum Anlass des 50. Jahrestages der Invasion von Georg Dobrovolny mit Petr Feyfar, einem damaligen Regisseur des tschechoslowakischen Radios über die Ereignisse im August 1968 in Prag: https://www.youtube.com/watch?v=xrhpZY1AHUw

Foto: Böhmisches Flachsspinnrad

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 20.08.2022

20. August, Samstag: Ewigkeit und Vergänglichkeit

Nach dem Durchzug einer Gewitterfront wird es wieder sommerlich warm. Die Pegel der Seen und Flüsse sind immer noch viel zu niedrig. Die Zeitungen bringen Fotos von massenweise verendeten Fischen. An der Oder sollen in Polen und Deutschland sogar fast 200 Tonnen tote Fische gesammelt worden sein.

Heute feiert «Pro Bremgarten» sein 50-jähriges Bestehen. Der Verein setzt sich für die Pflege des Ortsbilds, der Natur und Kultur in der Umgebung ein. Der Besitzer von Schloss Bremgarten ist unser Gastgeber und öffnet zu diesem Anlass die Tore zu seinem Anwesen über den Ufern der Aare, wo damals Hermann Hesse oft zu Gast war. Ein Blasorchester sorgt für eine feierlich beschwingte Stimmung, in drei kurzen Ansprachen wird Rückschau über die letzten 50 Jahre gehalten und alles Gute für die nächsten 50 Jahre gewünscht.

Das Gedicht «Schloss Bremgarten» von Hermann Hesse macht Vergänglichkeit und Ewigkeit zum Thema. Generationen kommen und gehen, pflanzen Bäume, trinken aus dem Brunnen, feiern Feste. Niemand weiss mehr, wer es war, aber die Gärten, das Schloss und die Aare sind immer noch da.

«Wer hat die Kastanienbäume gepflanzt …» Aus Copyright-Gründen bringe ich hier kein längeres Zitat. Aber bestimmt findet ihr das Gedicht in eurer Bibliothek. Es ist in einem kleinen Reclam-Bändchen erschienen. Vor langer Zeit.

Foto: Schloss Bremgarten bei Bern

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 13.08.2022

13. August, Samstag: Wie wird es im Herbst? Und der Rütli-Schwur

Die Süddeutsche Zeitung fragt: «Ist Deutschland zu vorsichtig oder ist Europa zu leichtsinnig?» Die Frage bezieht sich auf «Corona». Vor ein paar Tagen hat der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach das neue Infektionsschutzgesetz vorgestellt, das ab dem 1. Oktober gelten soll, falls der Bundestag zustimmt. Die Hypothese: Im Herbst werde es eine schlimmere Virusvariante geben und das Gesundheitssystem werde überlastet. Also muss jeder, der einen öffentlich zugänglichen Innenraum betreten will, seine «Gesundheit» beweisen. Es gelten ein Test, eine Impfung oder Genesung, die nicht länger als 3 Monate her ist. Die bisherigen Impfungen halten leider nicht, was sie versprochen haben, also seien sie alle 3 Monate nötig, doch bald gäbe es einen neuen Impfstoff. Kurz nach seiner Ankündigung erkrankt Herr Lauterbach an Covid, trotz aller Vorsichtsmassnahmen und 4 Impfungen. Am 9. September soll es in Berlin eine grosse Demonstration gegen die «Pandemieregeln» geben. Da anscheinend die Infektionszahlen sehr steigen, empfiehlt Herr Lauterbach das Maskentragen in allen Innenräumen. Ab dem 1. Oktober wird bundesweit wohl wieder die 3G-Regel gelten. Die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr wurde seit der Einführung gar nicht mehr abgeschafft. Es ist sogar immer noch eine FFP2-Maske vorgeschrieben. Da käme ich mit meiner kleinen Stoffmaske nicht weit und verzichte auch dieses Jahr darauf, meine Liebsten in Deutschland zu besuchen.

Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit meint, dass man noch keine zuverlässigen Voraussagen machen könnte. In der ersten Augustwoche war die 7-Tage-Inzidenz im Vergleich zur Woche davor sogar um mindestens 30% gesunken. Die «Pandemie» wird allmählich zu einer «Endemie», d.h. das Virus wird nur noch eine leichte Grippe verursachen. 70% der Bevölkerung in der Schweiz sind geimpft, 40% zum 3. Mal, an einer 4. Impfung, die vor kurzem zugelassen wurde, haben über 80-Jährige kaum Interesse. Die Intensivstationen sind schon seit langem höchstens nur zu 78% ausgelastet. Ein Problem ist der Personalmangel.

Am letzten Wochenende hat das Bundeslager der Pfadfinder:innen stattgefunden. Etwa 30’000 Scouts kamen im Oberwallis zusammen. Dieses Wochenende findet seit 3 Jahren wieder die Streetparade in Zürich statt. Es wird eine Million Teilnehmende erwartet. Der Veranstalter warnt vor der Ansteckung mit Affenpocken. Wer infiziert sei, solle zuhause bleiben. Eigenverantwortung ist plötzlich ein Thema. Von «Corona» spricht bei so grossen Veranstaltungen niemand mehr.

Wir werden sehen, wie es im Oktober weitergeht. Ende September wird das Parlament auf Antrag des Bundesrats über eine zweijährige Verlängerung der Möglichkeit eines Zertifikats abstimmen. – Das Verfassungsgericht von Liechtenstein hatte vor ein paar Monaten die 2G-Regel als verfassungswidrig erklärt. Die Schweiz hat kein Verfassungsgericht. Das Volk ist der Souverän.

Der Text vom Rütli-Schwur lautet:

«Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,

in keiner Not uns trennen und Gefahr.

Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,

eher den Tod als in der Knechtschaft leben.

Wir wollen trauen auf den höchsten Gott,

und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.»

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 07.08.2022

07. August, Sonntag: Weisse Rosen als Dank

Heute Morgen riecht es nach Herbst. Nebelschwaden tasten die Berghänge ab. Der Sommer mit seinen Hitzetagen scheint sich zu verabschieden. Die Wasserfälle rund um Leukerbad sind schon seit Mitte Juni nicht mehr zu hören. Sie sind versiegt. Regen wird sehnlich erwartet.

Am 21. Juli bekam ich eine Nachricht aus Luxemburg: Die ehemalige Schwiegermutter meines Bruders ist mit fast 94 Jahren gestorben. Sie konnte Anfang Juni noch am 70. Geburtstag ihres Sohnes Jos teilnehmen. Er erzählt mir am Telefon, dass er bei seiner Mutter war, als sie starb. Sie wünschte sich, dass er ihr den Rosenkranz um den Kopf legen sollte. Ich bat Jos, bei der Beerdigung in meinem Namen 12 weisse Rosen auf das Grab seiner Mutter zu legen.
Dieses Ereignis ruft viele Erinnerungen in mir wach. Ich mochte die Verstorbene sehr gerne. Sie hiess Maria und hatte italienische Wurzeln. Ihre Kochkünste waren legendär, besonders ihre Lasagne und ihre Mousse au Chocolat. Ich schaute ihr einige Male beim Kochen zu. Maria zeigte mir, wie sie mit ihren geschickten Händen Spaghetti machte. Damals war ich 16 und 17 Jahre alt.

Ich erinnere mich auch wieder an die Musik jener Zeit: Mit 13 hatte ich von meinem Vater ein kleines Radio geschenkt bekommen. Vom Sender «Radio Luxemburg» liess ich mich ausser sonntags um 6.45 h wecken, meistens wurden französische, italienische und deutsche Schlager bzw. Chansons gespielt. Ich schaue bei Youtube nach und werde fündig. Meine Lieblinge wie Michel Sardou, Joe Dassin, Gilbert Bécaud, Mireille Matthieu, Léo Ferré, Yves Montand, Georges Moustaki, … alle sind da, oft in historischen Aufnahmen. Manche sind bereits gestorben, wie Jacques Brel oder France Gall, einige haben vor kurzem ihren 80. Geburtstag gefeiert, wie zum Beispiel Charles Aznavour. Ihre Stimmen, die Texte und Melodien haben meine Jugend begleitet und geprägt. Sie sind ein Teil meiner kulturellen Identität.

Ein paar Tage nach dem Begräbnis schickt Jos mir Fotos vom Grab seiner Eltern. Sein Vater war vor einiger Zeit im Alter von 90 gestorben. Mein weisser Rosenstrauss liegt in der Mitte der grossen Steinplatte, links und rechts davon sehe ich die grossen Kränze der Kinder und Enkelkinder mit vielen grünen Blättern und … ebenfalls weissen Rosen. Wir alle hatten, ohne uns abzusprechen, die gleiche Idee. Jos meint, irgendwie hätte alles gut zusammengepasst, die Feier sei sehr stimmig gewesen.  – Ein Lebenskreis hat sich geschlossen. Und ich danke Maria, dass auch sie und ihre Familie eine Rolle in meiner Prägung gespielt haben. Weisse Rosen sind mein Dank und ein Zeichen meiner Wertschätzung.

Es mag erstaunlich klingen, aber ich weiss genau, dass die Zeit der Prägung meiner Identität an meinem 18. Geburtstag, dem Tag meiner Führerscheinprüfung endete. Ich hatte einen sehr guten Fahrlehrer. Das Wichtigste, was ich bei ihm gelernt habe: «Wenn du in deinem Wagen fährst, fährst du gleichzeitig in dem Wagen des Fahrers vor dir und in dem Wagen des Fahrers hinter dir. Wenn dir das bewusst ist, wirst du niemals einen Unfall bauen.» Recht hatte er. Später – 1986 – nahm ich in Washington DC ein paar Stunden Fahrunterricht, um das amerikanische Verkehrskonzept kennenzulernen. Wir wollten nach unserem Aufenthalt in Washington DC noch Ferien in Kalifornien verbringen und in San Francisco ein Auto mieten. Auch dieser – diesmal ein afroamerikanischer – Fahrlehrer sagte mir: «Du hast die Tendenz, anderen nachzufahren. Aber du hast doch deinen eigenen Weg. So follow your own way!» Mit dieser Aussage hatte er ins Schwarze getroffen. Seither gehe oder fahre ich bewusst meinen eigenen Weg. Dieser amerikanische Fahrlehrer hatte auch klare Ansichten, was das in den USA das Überleben betraf. Er sagte: «Either you make it or not.» Entweder schaffst du es oder nicht. Ganz einfach. Und man müsste auch kein Mitleid haben mit denjenigen, die es nicht schaffen. – Nach der achten Fahrstunde meinte er, alles, was ich jetzt noch zu lernen könnte, seien enge Kurven auf schmalen Parkstrassen in der Nacht. Ich bedankte mich bei ihm für die bisherigen Stunden und sagte, dass ich als Schweizerin enge Kurven gewohnt sei, auch in der Nacht. Das verstand er sehr gut. Und das war es dann auch. – In Kalifornien fuhr ich die Kurven des berühmten Highways Number One, der Küstenstrasse am Pazifik, so rasant, dass Georg meinte, er müsse seine Hand ständig an der Handbremse für den Notfall bereithalten. Meine amerikanischen Erfahrungen kamen mir dann im Jahre 2012 zugute, als wir Ferien auf Kauai’i verbrachten. Nur waren auf der hawaiianischen Insel die Strassen fast europäisch schmal und die Geschwindigkeitsbegrenzung betrug 80 Miles per hour. Und alle Verkehrsteilnehmer:innen waren noch höflicher, sanfter und rücksichtsvoller als sonst in den «Festland-USA». Niemand will den anderen erziehen, dem anderen einen Vogel zeigen oder es besser wissen. Nach zwei Tagen hatte ich es begriffen und schämte mich für meine europäische Ellenbogenmentalität, die besonders während meiner Fahrten in der Tschechischen Republik und auf deutschen Autobahnen gefragt war. Das Miteinander im Verkehr geht auch anders, nämlich liebevoll. Wir haben doch alle etwas gemeinsam: Wir sind unterwegs und möchten ein Ziel erreichen.

Foto und Text: Petra Dobrovolny 

Mein Tagebuch: 03.08.2022

3. August, Mittwoch: Löwenportal

Vom 1. bis zum 12. August öffnet sich das sogenannte Löwenportal, der 8. August ist der Höhepunkt. Die alten Ägypter:innen feierten diese Zeit, in der Sirius über der Spitze der Pyramide in Gizeh aufgeht, als eine Zeit der Fülle. Aus astrologischer Sicht steht der Löwe für das mutige Herz. Wir werden in dieser Zeit daran erinnert, mutig für unsere Werte einzustehen und für uns und die Erde Verantwortung zu übernehmen.

In Leukerbad war auch der Abend des 1. August sehr ruhig verlaufen: Die Gemeinde hatte wegen der hohen Waldbrandgefahr das Feuerwerk abgesagt. Das Dorf hat sich in ein grosses Restaurant verwandelt: Alle Tische der Aussenterrassen sind besetzt, Verwandte und Bekannte geniessen das friedliche Beisammensein. Dankbarkeit liegt in der Luft. Auch in Bremgarten sei es sehr ruhig gewesen, wie mir Georg am Telefon erzählt.  Wir sind überzeugt von der Wirkung unseres Aufrufs, das private Knallen aus Rücksicht auf die Flüchtlinge im Land, zu unterlassen. Denn dies erinnert sie an real erlebte lebensbedrohende Situationen während des Kriegs. Jeder Knall kann wieder traumatisieren. Auf diesen Zusammenhang hatten wir seit Anfang Juni auch Politiker:innen und Medienschaffende aufmerksam gemacht und dazu angeregt, den 1. August achtsam zu feiern. Eine Nachbarin hatte unsere Notiz vervielfältigt und im Quartier verteilt, auch bei Bushaltestellen aufgehängt. Nach dem Feiertag hätten ihr viele gesagt, die Ruhe sei herrlich gewesen, man wolle auch in Zukunft ohne Lärm feiern. An einer Bushaltestelle wurde unsere Notiz abgerissen. Georg meint, diese Person hätte zumindest vorher den Text gelesen. Als Psychologin denke ich, dass jemand, der einen Aufruf zur Rücksichtnahme auf Schwächere oder auf Menschen, die sich nicht wehren können, nicht verträgt und mit Ärger oder Wut reagiert, selbst traumatisiert sein könnte. Vielleicht hat diese Person in der Kindheit oft erlebt, dass die Mutter um Rücksicht auf die jüngeren Geschwister bat. Es blieb so – meist unbewusst – das Gefühl zurück, Rücksicht nehmen sei immer mit Verzicht verbunden, und dass andere bevorzugt werden.  Später wird diese Situation auf die ausländischen Flüchtlinge projiziert, die von Vater oder Mutter Staat alles gratis bekommen.

Foto: Luftballonlöwe in der Berner Altstadt

und Text: Petra Dobrovolny