Mein Tagebuch: 21.08.2022

21. August, Sonntag: Vor 54 Jahren und heute. Und: Nicht jede(r) ist ein Nelson Mandela

Heute jährt sich zum 54. Mal die Invasion in die damalige Tschechoslowakei durch die Warschauer-Paktstaaten unter der Führung des Kremls mit Leonid Breschnew. Die Panzer weckten Georg morgens um 5 Uhr, als sie auf dem Weg in die Prager Altstadt unter seinem Fenster vorbeifuhren. Er schaltete sofort das Radio ein, das noch einige Tage live von einem Versteck aus senden konnte. Vier Wochen später kam Georg als politischer Flüchtling in die Schweiz mit der Absicht, wieder in sein Heimatland zurückzukehren, sobald sich die Lage dort wieder «normalisiert» hätte. Dies war dann bekanntlich nicht der Fall. Die «Normalisierung» sah anders aus: Die demokratische Bewegung, der sogenannte «Prager Frühling», wurde zerschlagen, das Land blieb 22 Jahre lang besetzt.

Der tschechische Premier erinnert heute an das Ereignis von 1968 und vergleicht es mit dem immer noch andauernden russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Auch unsere ukrainischen Nachbarinnen möchten mit ihren fünf Kindern wieder in ihre Heimat zurück. Aber wohin, wenn die Häuser beschädigt sind? Und unsere Nachbarinnen sind bei weitem nicht die Einzigen. In der Ukraine benötigen 11 Millionen Menschen noch vor dem Winter eine sichere Unterkunft. Der Vater, der bei einem Angriff als Zivilperson durch eine russische Granate verletzt worden war, versucht jetzt nach seinem Spitalaufenthalt das Dach des Hauses zu reparieren. Das Material dazu kann er sich nur von der russischen Seite beschaffen. Bevor er es erhält, muss er eine amtliche Bestätigung unterschreiben, die besagt, dass sein Haus von der ukrainischen Armee beschädigt wurde. Die russische Seite hat tatsächlich Angst, dass sie einmal – wann? – für ihre Zerstörungen haftbar gemacht werden und eine Wiedergutmachung bezahlen muss. Georg meint, dass hier die Schweiz mit Materiallieferungen helfen könnte. Er und seine Organisation Forum Ost-West hatte diese Hilfe damals nach dem Jugoslawien-Krieg für Kosovo in die Wege geleitet.

Jemanden dazu zu zwingen, wissentlich etwas zu unterschreiben, was nicht stimmt, ist eine geistige Vergewaltigung. So ist es auch bei der mRNA-Impfung gegen Corona. Vorher muss man unterschreiben, dass man von einer Fachperson über die kurz- und langfristigen Folgen informiert wurde. Und wenn diese Fachperson die Folgen gar nicht kennt bzw. kennen kann? Wer haftet? Wie viele Menschen haben in letzter Minute, nachdem sie gelesen hatten, was sie vor der Impfung unterschreiben sollten, «nein» gesagt? Wahrscheinlich gibt es darüber keine offizielle Statistik. Darüber schreibt keine Zeitung.

In Italien wird die Impfpflicht für Lehrpersonen ab dem kommenden 1. September aufgehoben. Sie galt seit Dezember 2021. Wie viele ungeimpfte Lehrer:innen gibt es noch in Italien? Gibt es darüber eine Statistik? Und womit haben diese in den letzten 9 Monaten ihr tägliches Brot verdient?

Es ist eine grosse Herausforderung, sich geistig nicht vergewaltigen zu lassen bzw. sich nicht selbst zu verraten. Das kann nicht jeder oder jede. In diesem Zusammenhang denke ich oft an meinen 1981 verstorbenen Schwiegervater. Er wurde als politischer Gefangener unschuldig zu 12 Jahren Zwangsarbeit in den tschechischen Urangruben von Jachimov verurteilt, erlebte immer wieder eine von allen gefürchtete Isolationshaft, die viele nicht lebend überstanden, und wurde auch sonst immer wieder verhört und gefoltert. Hätte er unterschrieben, dass er gemeinsam mit anderen einen Putsch auf den Staat geplant hätte, was natürlich nicht der Fall gewesen war, hätte er sich das Leben vielleicht erleichtern können. Doch er liess sich seinen Willen nicht brechen. Er blieb bei seiner Wahrheit und behielt bis zu seinem Lebensende eine aufrechte Haltung. So wie Nelson Mandela.

Hier der Link zum Youtube-Kanal des Forums Ost-West und zu einem Interview zum Anlass des 50. Jahrestages der Invasion von Georg Dobrovolny mit Petr Feyfar, einem damaligen Regisseur des tschechoslowakischen Radios über die Ereignisse im August 1968 in Prag: https://www.youtube.com/watch?v=xrhpZY1AHUw

Foto: Böhmisches Flachsspinnrad

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 17.05.2022

17. Mai, Dienstag: Eine Versammlung kurz vor Vollmond

Am letzten Samstagabend, den 14. Mai, fand die 19. Mitgliederversammlung der Leukerbader Thermalquellenzunft statt. Diese Zunft setzt sich für Informationen rund um das hiesige Thermalwasser ein und hat den Thermalquellensteg in der Dalaschlucht erstellt, der besonders seit der Corona-Zeit sehr beliebt ist und seit 2020 jährlich mindestens von 48’000 Personen besucht wird. Im Oktober muss der Steg wegen der grossen Lawinengefahr geschlossen werden, im Mai werden die Winterschäden in Fronarbeit einiger Zunftmitglieder wieder eröffnet. Der Aufwand lohnt sich auch finanziell, denn gerne honorieren die Besuchenden nach dem Gang durch die Schlucht mit ihren steilen Felswänden, aus denen die Thermalquellen herausfliessen, dieses eindrucksvolle Naturerlebnis mit einer Spende.

Die Zunft besteht seit 2003 und hat heute 302 Mitglieder. Letztes Jahr starben 7 davon, 2 traten altershalber aus, 7 neue kamen dazu. Unter anderem auch ich. Der Präsident ermuntert die etwa 60 Versammelten besonders junge Leute als Mitglieder zu werben.

Mich beeindruckt die Herzlichkeit unter den Mitgliedern. Es sind etwa gleich viele Männer wie Frauen bei dieser Versammlung anwesend, in einem Alter von 50 an aufwärts. Hände werden geschüttelt, Umarmungen ausgetauscht, wie vor «Corona». Nur die Fenster in dem eher kleinen Raum schräg gestellt, um für frische Luft zu sorgen. Alle haben sich viel zu erzählen, denn zwei Jahre lang haben sich die meisten nicht mehr gesehen, die Abstimmungen zu den dringendsten Traktanden waren brieflich durchgeführt worden.

Ein diesjähriges Traktandum ist auch anscheinend wieder mal die Erstellung eines frei zugänglichen Kneippbades auf einer Wiese. Da es sich bei dieser um ein privates Grundstück handelt, ist dieses Projekt nicht so einfach. Die Einzelheiten dazu und zu weiteren Plänen kann ich wegen des Leukerbader Wallisertitsch nur zur Hälfte verstehen. Ein «richtiges» Mitglied wird man erst durch ein Taufritual. Es wird die Liste der Anwärter*innen vorgelesen, plötzlich höre ich meinen Namen. Darauf war ich nicht gefasst. Aber «wegen Corona» musste alles auf dieses Jahr verschoben werden, auch wenn ich meinen Mitgliederbeitrag für 2021 bereits bezahlt hatte. Doch erstmal begibt sich die ganze Versammlung in den Saal des Restaurants. Die Zunft hat zu einem Aperitif und einem 4-Gang-Menü eingeladen. Als einzige habe ich eine vegetarische Variante bestellt. Das heisst: Die leckere Süsskartoffelsuppe bekomme ich auch, bei der anschliessenden kleinen Portion grüner Spargel sind für mich keine Crevetten, sondern mehr Spargel dabei. Der Hauptgang besteht aus Kalbsschulter an einer Pilzsauce und Bärlauch-Risotto, für mich gibt es zwar auch Risotto, jedoch mit einem mir nicht schmeckendem Sojaschnitzel mit Bratensauce. Zum Glück gibt es beim Risotto noch einen «Nachschlag». Vor dem Dessert – Joghurtmousse mit frischen Erdbeeren, mmh, lecker! –  steigt die Spannung, denn die Taufe der Neumitglieder wird vom Quellenkonsul und Zeremonienmeister feierlich angekündigt. Wir – zwei Kandidaten und zwei Kandidatinnen sollen nach vorne kommen, Schuhe und Socken ausziehen und der Reihe nach einzeln in eine hölzerne Bütte mit warmem Thermalwasser steigen. Der Quellenkonsul fragt jeden und jede nach der Herkunft und was wir bei einem ersten Besuch der hiesigen Therme erlebt hätten. Ich sage, dass ich u.a. aus Bern käme und bei meinem ersten Besuch einen Regenbogen gesehen hätte. Ich würde mir wünschen, dass Menschen aus allen Ländern der Welt und in allen Farben wie der Regenbogen nach Leukerbad kämen, um hier die Natur und das Wasser zu geniessen. Das Publikum klatscht Beifall. Weiter sage ich: «Leukerbad ist über die Dala und die Rhone mit dem Mittelmeer und so mit der ganzen Welt verbunden. Hier leben Menschen mit einer besonderen Herzenergie und Wasser transportiert Information. Ich bin Klangtherapeutin und weiss, dass der Ton CIS oder «Do majeur» die Herzenergie zum Fliessen bringt. Wenn wir also diesen Ton singen, fliesst diese Energie von hier in die ganze Welt.» Das Publikum klatscht noch mehr. Einige bedanken sich anschliessend auch noch persönlich für meine schönen Worte. Die Zunftratsmitglieder trocknen sodann den vier frisch «Getauften» die Füsse, und zwar die Frauen den Männern und die Männer den Frauen. Der Präsident überreicht jedem und jeder ein grafisch kunstvoll gestaltetes Blatt, das die Mitgliedschaft bei der Zunft bestätigt, sowie einen Pin zum Anstecken mit dem Logo der Zunft, einer kleinen kecken Nixe. Mit weiteren Gläsern Walliser Wein geht dieser wunderbare gesellige Abend um Mitternacht zu Ende. Der baldige Vollmond und die Sterne grüssen vom wolkenlosen Himmel. Es ist fast windstill und für die Jahreszeit sehr warm.

Foto: Thermalquellensteg in der Dalaschlucht, Leukerbad

und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 11.05.2022

11. Mai, Mittwoch: Bergfrühling

Der Bergfrühling ist nun auch erwacht. Die Lärchen tragen wieder ihr hellgrünes Kleid, die Wiesen leuchten in neuem Grün gesprenkelt mit dem Gelb des Löwenzahns. Die Wasserfälle, gespeist von den restlichen Schneefeldern, rauschen in Kaskaden den steilen Felswänden hinunter ins Tal. Gämse und Steinböcke schnuppern Frühlingsluft. Die Berge gehören ihnen, denn die Seilbahnen haben Pause bis Pfingsten. Der Bartgeier sucht die Geierin. Der Kuckuck ruft, die Mauersegler sind wieder aus dem Süden zurückgekehrt. In ihren Ställen freuen sich die Kühe schon auf den Alpaufzug.

Ich denke an die Ukraine. Dort können die Felder noch nicht bestellt werden.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 25.04.2022

25. April, Montag: Gottes Wege sind unergründlich …

Georg hatte mir nach Leukerbad einen Ausdruck des Infoblatts über das Erkennen und Heilen eines posttraumatischen Syndroms auf Ukrainisch mitgebracht. Vorgestern, am 23.04.22, las ich bei einer kulturellen Veranstaltung der evangelisch-reformierten Kirche hier in Leukerbad meine Gedichte vor. Der Eintritt war frei, eine Kollekte war erwünscht. Also nahm ich dieses Infoblatt mit, um für dessen Verbreitung Geld zu sammeln. Trotz aller Bemühungen diesen Anlass zu bewerben – mit Plakaten im Dorf und im Internet – kamen lediglich zwei Gäste, ein älteres russisches Ehepaar aus Moskau. Sie erklärten mir, dass sie kein Deutsch verstehen, sie wollten aber trotzdem bleiben. Da sie die einzigen Gäste waren, bot ich an, meine Gedichte auf Deutsch vorzulesen und anschliessend Vers für Vers auf Englisch zu übersetzen. Ich begann mit meinen fünf Frühlingsgedichten. Wir stellten fest, dass «Krokus» auch auf Russisch «Krokus» heisst. Sie verstanden auch, dass die Schlüsselblume, um die es in einem weiteren Gedicht geht, das Tor zum Himmel aufschliesst. Auch in Russland. Bald fragte ich sie, ob ich fortfahren solle, oder ob es für sie zu langweilig sei. Doch, beteuerten sie, es sei sehr interessant, ich solle weitermachen. So wurde die einstündige Veranstaltung zu einer faszinierenden interkulturellen Begegnung für alle. Mein Gedicht «Engelgeflüster Nr. 2: Du bist der Meister der Regie!» war für den russischen Gast eine Provokation. Er konnte nicht glauben, dass auch er der Regisseur auf der Bühne seines Lebens sei und bestimmen könne, was dort geschieht. In meinem Gedicht bitten die Engel die Menschen, dies nie zu vergessen. Nach diesem Satz entfuhr meinem Zuhörer ein tiefer Seufzer.
Nach meiner Lesung fragt er mich: «Glauben Sie, dass es besser wird mit unserer Welt?» Ich erwiderte: «Oh ja, aber wir können nicht einfach die Hände in den Schoss legen und warten, sondern wir müssen etwas dafür tun! Wie es die Engel sagen: Wir sind die Meister der Regie!» Der russische Gast schüttelt den Kopf: «Aber all diese Kriege und dann noch die Pandemie! Die Stimmung in Moskau ist katastrophal und sehr depressiv! Ich bewundere Ihren Optimismus!» Dann macht er mir noch Komplimente über mein gutes Englisch und möchte wissen, wie das schöne Musikinstrument heisst, welches ich zwischen den Gedichten immer wieder gespielt habe. Ich erkläre ihm, dass dies eine Traumharfe sei und ich sie absichtlich auf einen tieferen Kammerton gestimmt habe, der die Herzen berühre und tröste.   

Zu Beginn der Veranstaltung hatte ich die russischen Gäste darüber informiert, dass die Kollekte für die Verbreitung und Übersetzung eines wichtigen Infoblattes über die Erkennung und Heilung des Posttraumatischen Syndroms bei kriegstraumatisierten Menschen sei. Ich hatte Ihnen das Exemplar auf Ukrainisch gezeigt und gesagt: «Das können Sie ja lesen!» – gemeint hatte ich die kyrillische Schrift – und es ihnen in die Hand gedrückt. Sie verstanden und staunten. Ich erklärte, dass der gemeinnützige Schweizer Verein «Pro Mundo» mit Kiewer Fachleuten daran gearbeitet hätte und eine Übersetzung auf Russisch geplant sei. Sie könnten mit ihrer Spende dazu beitragen. Am Schluss überreichte mir der Gast aus Moskau feierlich einen Zwanzigfranken-Schein, den ich der Kirchgemeinde weitergegeben habe.

Sehr beeindruckt verabschiedet sich Moskauer Ehepaar von mir. Ich gebe ihnen meine Visitenkarte mit und sage noch, dass sie auf meiner Webseite dolphinkissis.ch mein Märchen vom kleinen Delfin auf Russisch finden können. Ich spüre, dass sie dieses Erlebnis nicht so schnell vergessen werden. Ich auch nicht. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass meine Gedichtlesung in dieser Form verlaufen würde. Und doch bin ich der Überzeugung, dass es so sein musste. Ich erinnere mich an die Nonnen, die mitten in der Stadt Bern in ihrem Haus Gäste in Not für ein paar Nächte aufnehmen. Wenn es klingelt, sagen sie sich: «Gott hat uns einen Gast geschickt!» Ich empfinde es auch so: Gott hat diese zwei Gäste an meine Gedichtlesung in die Kirche geschickt. SEINE Wege sind eben unergründlich.

Und fast wäre es zu einem chinesisch-russischen Treffen gekommen! Auf dem Nachhauseweg läuft mir die Chefin des chinesischen Restaurants mit dem Plakat für meine Lesung aufgeregt hinterher und fragt mich in Zeichensprache und ein paar Brocken Englisch, ob oder wo dies stattgefunden hätte. Sie sei mit ihrer Tochter um 19 Uhr in der Kirche gewesen. Ich kläre sie auf, dass es in Leukerbad eine zweite Kirche gäbe, die versteckt neben dem Busbahnhof läge. Sie bedauert sehr, diesen Anlass verpasst zu haben, denn sie und ihre Tochter hätten mein Musikinstrument unbedingt hören wollen. Das hätte mich aber vor eine besondere Herausforderung gestellt, denn diese Gäste hätten meine Gedichte weder auf Deutsch noch auf Englisch verstanden. Doch wer weiss, eine göttliche Lösung wäre sicher auch in einem solchen Fall möglich. Vielleicht sollte ich in Zukunft meine Gedichte in einer internationalen Lichtsprache singen und gleichzeitig dazu Harfe spielen …?

Foto: Evangelisch reformiertes Kirchenzentrum in Leukerbad und Text:
Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 31.03.2022

31. März, Donnerstag: Das Ende der Corona-Krise in der Schweiz und ein fehlendes Gericht

Am letzten Sonntag bin ich von der Walliser Schneelandschaft in den Berner Frühling gefahren. In unserem Garten blühen Tulpen und Osterglocken. Georg hat zu meiner Begrüssung fast 2 m lange Forsythien-Zweige in einer grossen Vase neben unseren Esstisch gestellt. Ihr leuchtendes Gelb strahlen sie in den Raum. Am Montag, ein warmer Frühlingstag, hat eine Familie, die am Anfang unserer Strasse wohnt, zum „Magnolien-Apéro“ eingeladen. Ein riesiger Magnolienbaum nimmt fast ihren ganzen Garten ein. Er fühlt sich sichtlich geehrt, als gut 40 Erwachsene und Kinder ihn bestaunen und ihm mit Champagner und Apfelsaft zuprosten. Zum Sonnenuntergang verströmt er das zarte Rosa seiner Blüten noch einmal mit voller Kraft, bevor er sie für die Nacht leise schliesst. Alle sind dankbar für dieses heitere und ungezwungene Zusammensein, das in den letzten zwei Jahren wegen Corona nicht möglich war.

Der Bundesrat erklärt für heute Mitternacht die „besondere Lage“ wegen Corona für beendet. Die „Zahlen“ sind nach wie vor sehr hoch, aber die Intensivstationen sind schon seit längerem nicht überlastet. Die Lage in den Spitälern ist nicht wegen Covid-Erkrankungen angespannt, sondern weil das Personal fehlt oder krank ist. Der Bundesrat bezeichnet die kommende Zeit als eine „Phase der Vorsicht“. Masken- und Isolationspflicht nach einem positiven Test fallen weg, Zertifikate im Inland sind schon seit dem 16. Februar abgeschafft. Für Auslandsreisen werden sie auf Wunsch erstellt. Die Taskforce wird zwei Monate früher als geplant aufgelöst. Ihr Vizepräsident sagt heute bei einem Radio-Interview, es gäbe etwa vier Coronavirus-Varianten, mit denen wir auch in Zukunft leben müssten und auch könnten. Sie würden eine Art Grippe verursachen. Ich staune. Bis vor kurzem hätte man eine solche Aussage als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet.

„Corona ist nun Sache der Kantone“, schreibt „Der Bund“ von heute und weiter: „Die Hürde für die Ausrufung einer besonderen Lage, die in den ersten Wochen der Pandemie und vom 29. Juni 2020 bis Ende März 2022 galt, setzt der Bundesrat hoch an. … Damit der Bundesrat noch einmal nationale Massnahmen beschliesst, müsste eine höhere Belastung des Gesundheitssystems drohen, als es in den bisherigen Wellen der Fall war.“  Man lese und staune: Die potenziellen Patient:innen müssen sich der aus wirtschaftlichen Gründen reduzierten Betten- und Personalkapazitäten anpassen.
Forscher:innen warnen: Das Virus müsste unbedingt auch weiterhin beobachtet werden. Doch wer bezahlt das? Die Gensequenzierungen, die die vorhandenen Virusvarianten bestimmen, und die Abwasseruntersuchungen, die darüber Auskunft geben, wo wie viele Menschen infiziert sind, müssen vom Bund noch finanziell geregelt werden. Und was passiert mit den 15 Millionen Impfdosen, die die Schweiz noch bestellt hat? Fast niemand möchte sich mehr impfen lassen, sondern lieber einen Beitrag für die Entwicklungshilfe leisten.

Georg geht wie jeden Donnerstag zum Dorfmarkt. Den griechischen Stand von „greekfood“ betreut heute ein Freund von Jorgos. Auf Georgs Frage, was er denn sonst mache, antwortet Athanasios, dass er in Genf lebe und Rechtsanwalt für Völkerrecht sei. Es kommt zu einem Gespräch über das Budapester Abkommen aus dem Jahre 1994: Damals verzichteten die Ukraine, Belarus und Kasachstan auf ihre atomaren Waffen. Im Gegenzug wurden ihnen die bestehenden Landesgrenzen garantiert. Mitunterzeichnende waren Russland, die USA, GD, Frankreich und später auch China. Georg fragt Athanasios, warum im Falle eines Vertragsbruchs, wie dies vor ein paar Jahren bei der Annexion der Krim und wie dies jetzt seit dem 24. Februar mit dem russischen Invasionskrieg in die Ukraine der Fall ist, niemand vor Gericht käme. Die erstaunliche Antwort des Juristen lautet: „Es gibt dafür kein zuständiges Gericht!“ Georg kann nicht fassen, dass es ein Abkommen geben kann, ohne dass ein Gericht bei dessen Verletzung zuständig wäre, und ermuntert Athanasios ein solches aufzugleisen.

Foto und Text: Petra Dobrovolny    

Mein Tagebuch: 26.02.2022

26. Februar, Samstag: Frühling in welcher Welt?

Ein Freund aus dem „Unterland“ schickt mir Fotos mit Winterlingen und Krokussen, damit ich hier in den Schneebergen nicht vergesse, wie der Frühling aussieht. Die Störche seien schon zurückgekehrt, schreibt er.

In Kanada hat Premierminister Trudeau das Notstandsgesetz wieder aufgehoben, nachdem die Polizei brutal gegen die friedlich Demonstrierenden durchgegriffen hat. Er hatte sie als Kriminelle, die obendrein noch die Hakenkreuzfahne schwenken, bezeichnet. Sogar das Parlament hatte er für ein paar Tage ausser Kraft gesetzt. Nun wird ihm vorgeworfen, dass er mit den Truckern noch nicht einmal geredet, sondern auch seine Macht missbraucht habe. Einen Grund für den Ausruf des „Act of Emergency“ hätte es nicht gegeben. Inspiriert von den kanadischen Truckern hat sich in den USA von Kalifornien aus ein „Convoy for Freedom“ in Gang gesetzt. Dieser will am 5. März Washington D.C. erreichen und findet in der Bevölkerung grosse Unterstützung. Es geht schon längst nicht mehr nur um „No Pass – no Vaxx“, sondern grundlegend um die Freiheit und Selbstbestimmung über den eigenen Körper. In einem BBC-Interview sagt Novak Djokovic, dass er lieber auf seine Teilnahme an Tournieren mit Impfpflicht verzichte als sich impfen zu lassen. Er sei immer damit sehr achtsam gewesen, was er in seinen Körper hereinlasse. Da kenne er keinen Kompromiss, auch wenn der Preis sehr hoch sei und er nicht als bester Tennisspieler aller Zeiten in die Geschichte einginge.
 
Vor dem Hauseingang treffe ich meinen 80-jährigen Nachbarn aus Norddeutschland, der nun 2 Wochen lang in Leukerbad war. Morgen fährt er wieder nach Hause. Ich frage ihn nach der Corona-Situation, denn in Deutschland sind die Massnahmen immer noch in Kraft und werden noch andauern. Er sagt: „Zum Glück!“  Ich wundere mich, warum er Angst hat, denn er hatte mir gesagt, er sei zweimal geimpft und einmal geboostert. Wir Deutsche hätten aber jetzt ein grösseres Problem, meint er, denn wir hätten Krieg. Die Schweiz sei da zwar neutral, aber die russischen Panzer stünden schon vor Kiew. Er erwartet eine massive Geldabwertung und einen Mangel an russischem Gas. Dann könnte er im Winter nur noch ein einziges Zimmer seiner Wohnung heizen. Schliesslich sagt er, an dem allen könnten wir sowieso nichts ändern. Ich denke anders, doch er will meine Meinung gar nicht hören.

Wir können viel mehr als wir meinen. Zum Beispiel für den Frieden beten und auf dem Majdan in Kiew eine Lichtsäule errichten. Vor ein paar Tagen hatte ich Putins Rede zur Kriegserklärung auf Youtube in Simultanübersetzung gehört. Die deutschen Kommentare unter dem Video waren alle positiv. Es sei logisch, was er sage, Russland sei tatsächlich vom Westen bedroht. Ein Freund, der in der Nähe von Berlin wohnt, wird am Sonntag an der dortigen Grossdemo für den Frieden und gegen die Invasion in die Ukraine teilnehmen.

So weit ist es inzwischen mit der Spaltung der Gesellschaft gekommen. Andersdenkende werden als Kriminelle, Nazis, Sektenmitglieder oder Drogensüchtige beschimpft. Sie werden zu Monstern gemacht, gegen die man sich schützen und gewaltsam vorgehen muss. In welcher Welt leben wir?

Foto: Georgs Friedensfeuer
und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 05.02.2022

05. Februar, Samstag: Angst vor den Taliban oder dem Virus?

Ein paar Tage habe ich im «Flachland» verbracht. Dort macht sich der Frühling schon bemerkbar. An einer Mauer blühen bereits die Forsythien. Hier im Wallis hat es unterdessen wieder geschneit. Heute wärmt mich statt Georgs Kaminfeuer die Walliser Sonne. Ab heute gilt in Österreich eine gesetzliche Impfpflicht für Erwachsene ab 18 Jahren. Ab Mitte März sollen Stichproben erhoben und Bussen von 300.- bis 3’600.- Euro bei Nichteinhaltung erteilt werden. Früher erzählte man sich in der Schweiz Witze, in denen man sich lustig über die Österreicher machte. Zum Beispiel: «Weisst du, warum die Österreicher über den Ofen-Pass in die Schweiz fahren müssen?» «Nein.» «Weil sie noch nicht ganz gebacken sind!»

Diese Woche hat der Schweizer Bundesrat die Homeoffice-Pflicht in eine Empfehlung umgewandelt und die Quarantäne für Leute, die mit Infizierten in Kontakt waren, aber keine Symptome haben, aufgehoben. Weitere Lockerungen werden ab dem 16. Februar erwartet. Auch wenn die «Zahlen» wegen der Omikron-Variante immer noch steigen. Es besteht die Aussicht, dass die Zertifikatspflicht für das Inland abgeschafft wird. Lässt sich der Bundesrat von Dänemark inspirieren?

In einem Beitrag auf Youtube vergleicht Dr. John Campbell Dänemark mit Neuseeland in Bezug auf den Umgang mit Corona. In Dänemark steigen die «Zahlen» mit Omikron, doch man habe dort vor ein paar Tagen beschlossen, dies zu ignorieren und sämtliche Massnahmen gleichzeitig aufzuheben. Dr. Campbell meint, das sei erstaunlich. Aber mehr als 80% der Bevölkerung sei geimpft, das Gesundheitswesen funktioniere nach wie vor sehr gut und sei nicht überlastet. Während der Corona-Zeit hätte immer eine transparente Diskussion der Regierung mit den Wissenschaftler:innen im Land sowie mit der eigenen Bevölkerung stattgefunden. Die Massnahmen und Impfempfehlungen hätte die Bevölkerung mit Vertrauen aufgenommen und befolgt. Die Pandemie sei in Dänemark nie parteipolitisch missbraucht worden. Und was macht Neuseeland? Die Regierung hat auch «während Omikron» die Landesgrenzen geschlossen, sogar für Leute mit Wohnsitz im Land! In der Welt verstreut gibt es zahlreiche Neuseeländer:innen, die unfreiwilliger Weise gestrandet sind. Die Geschichte einer Neuseeländerin ging durch die Zeitungen: Sie war in Afghanistan schwanger geworden und wollte ihr Kind in ihrer Heimat auf die Welt bringen. Die Einreise wurde ihr erst erlaubt, nachdem sie die regierenden Taliban darum gebeten hatte, bei der neuseeländischen Regierung anzufragen. Bei dieser war die Angst vor den Taliban wohl grösser als die Angst vor dem Virus.

So können wir immer wieder staunen, wie die Regierungen verschiedener Länder unterschiedlich mit dem gleichen Virus umgehen. Und kaum jemand, ausser Georg natürlich, stellt zum Beispiel die Frage: Warum haben sich in Dänemark und Israel so viele Menschen mit dem Virus angesteckt, obwohl sie geimpft sind? Was nützt dann die Impfung? Ich würde seine Frage ergänzen: «Was nützt der gegenwärtige Impfstoff, der immer noch auf der ersten Variante des Virus, nämlich der Alpha-Variante beruht?»

Foto: Leukerbad, Blick nach Süden, und Text: Petra Dobrovolny  

Mein Tagebuch: 31.12.2021

31. Dezember, Freitag:
Nun wünsche ich allen, die dies lesen oder sogar den ganzen Text meines diesjährigen Tagebuchs gelesen haben, ein glückliches neues Jahr: Gesundheit, Heiterkeit und viel Freude im Herzen.
Das neue Jahr soll leichter und lichter werden. Wer mehr wissen möchte, dem kann ich die Astrologinnen Pam Gregory und Bracha Goldsmith auf Youtube empfehlen, auf Deutsch können Silke Schäfer und Günter Kerschbaummayr auch inspirieren.

Leukerbad ist über die Festtage überfüllt von Leuten, die feiern möchten und keine Angst haben. Sie bringen viele Hunde mit. Beim Tauwetter kommen deren Hinterbleibsel zum Vorschein. Vielleicht ist dies auch symbolisch für dieses Jahr: Die Wahrheit kommt ans Licht!

Von einem Bekannten, der Arzt ist, erfahren wir, dass er sich in seiner Praxis mit Covid angesteckt hatte. Er musste notfallmässig ins Spital, obwohl er viermal geimpft ist. Auch eine andere Nachricht stimmt nachdenklich: Ein Kreuzschiff mit über 2000 Menschen an Bord, die alle geimpft oder genesen und getestet waren, musste nach Lissabon zurückkehren, da das Virus auch mit auf die Kanarischen Inseln wollte. Georg schenkt mir wunderschöne orange Tulpen. Ich freue mich sehr über diese Vorboten des Frühlings.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Hoffnung

Hoffnung

Über Nacht hat der Schnee
die Krokusse zugedeckt:
Es ist nochmal der Winter, der neckt!
Doch die Krokusse bewahren ihren Traum,
denn bald nimmt sich der Frühling seinen Raum.

Die Vöglein künden von ihm schon lange,
damit’s dir nicht soll werden bange.
Streu‘ ihnen nochmal Futter hin,
es wird dir danken die Amselin.
Ihr Nest ist schon fast bereit,
auch wenn es jetzt noch so schneit.

Petra Dobrovolny

Was die alte Eiche dir flüstert

Du kannst immer wieder
zu mir kommen
und mich fragen um Rat.
Er wird dich unterstützen bei deiner Tat.

Sieh‘! Bald blüht wieder der Flieder!
Und es summen die Bienen,
singe nun du wieder neue Lieder!
Vom Honig darfst du dich bedienen.
Mutter Natur stellt dir alles bereit,
du bist von Arbeit und Müh‘ befreit!
Du darfst jetzt empfangen,
musst nicht mehr bangen.
Freu‘ dich am Leben
voller Glück und Segen.

Geh‘ offenen Herzens durch die Welt
uns spür‘, dass dich dein Liebster
– deine Liebste – liebevoll hält.
Geht gemeinsam Hand in Hand
und Schritt für Schritt:
Die Engel beschützen euch
und kommen immer mit!

Du kannst immer wieder zu mir kommen
und mich fragen um Rat …

Deine Freundin, die alte Eiche