Mein Tagebuch: 01. August 2022

  • 1. August, Montag: Schweizer Nationalfeiertag

Es ist tatsächlich ruhiger: Wegen der grossen Waldbrandgefahr und des Wassermangels wurde dazu aufgerufen, besonders das private Knallen zu unterlassen. Der Juli war sehr heiss, oft kletterte das Thermometer über 30°C.

Unsere ukrainischen Nachbarinnen möchten so bald wie möglich in ihre Heimat zurückkehren. Am liebsten noch vor dem Winter. Der kleine Platon ist schon fast 5 Wochen alt und schaut mit grossen blauen Augen in die Welt. Was nimmt er wohl wahr? Er scheint die Zeit und den Ort seiner Inkarnation bewusst ausgewählt zu haben. Georg sagt zu seiner Mutter: «Er wird der zukünftige Präsident der Ukraine sein!» Sie meint: «Das ist aber eine sehr schwierige Aufgabe.» Wohin jetzt erst mal mit nun 5 Kindern? In ihre zerstörte Heimatstadt Mariupol können sie nicht zurück. Und in der Westukraine gibt es keine freien Wohnungen, denn die Binnenflüchtlinge sind bereits dort und jene vom Ausland kehren dorthin zurück. Georg meint, dass die helfenden Länder besser dort Containerdörfer finanzieren sollten, anstatt im eigenen Land zu hohe Kapazität zu schaffen. Das Containerdorf im Berner Viererfeld wurde für 1000 Flüchtlinge konzipiert. Jetzt wurde erst mal eine Infrastruktur für 400 Personen bereitgestellt, aber seit zwei Wochen wohnt dort nur eine neunköpfige ukrainische Familie. Diese war vorher getrennt bei zwei Gastfamilien untergebracht und wollte lieber zusammen sein. Ich frage mich, wie die Menschen die hohen Sommertemperaturen im Container aushalten. Weit und breit gibt es keinen Baum.

Die Erntehelfer:innen aus Polen bleiben auch dieses Jahr wieder weg. Nicht wegen Corona, sondern wegen des inzwischen bereits 5 Monate andauernden russischen Angriffskriegs auf ihr Nachbarland. Sie wollen ihre Familien nicht allein lassen, falls … Eine Landwirtin aus dem Berner Seeland beklagt, dass das Gemüse auf den Feldern verrottet. Dabei spricht man von einer kommenden Hungersnot.

Astrolog:innen sprechen von einer aussergewöhnlichen Sternenkonstellation, die bis zum 11. August dauern soll. Auch die Sonne sende besondere und anscheinend hilfreiche Informationen zur Erde. Wer mehr dazu wissen möchte, wird auf Youtube fündig bei Heike Michaelsen, Sonja von Staden, Silke Schäfer, Bracha Goldsmith, Steve Judd oder Pam Gregory und Amanda Ellis.

In den sozialen Medien sind Morddrohungen sehr verbreitet. Es gibt keine Tabus, zum Beispiel einem jungen deutschen Journalisten zu schreiben, er solle am besten gleich selbst den Strick nehmen. In Österreich hat sich eine Ärztin das Leben genommen. Anscheinend hätte sie die Bedrohungen von Massnahmen- und Impfgegner:innen nicht mehr ertragen können. So etwas macht mich sehr betroffen. Sind wir schon so weit gekommen?
Vor drei Tagen hatten wir Besuch von unserem 46-jährigen Lausanner Freund. Er ist Geschichtslehrer an einem Gymnasium und liess sich dreimal impfen. Nach dem Booster hatte er massive Beschwerden, seine Haut juckte am ganzen Körper wie verrückt. Er hätte sich in seinem ganzen Leben noch nie so krank gefühlt. Sein Hausarzt meinte, er habe Leukämie. Auf meine Empfehlung hin nahm unser Freund die Tinktur Nummer 9 der «Solunate» für das Lymphsystem. Nach zwei Wochen war er wieder voll arbeitsfähig. Weitere vier Wochen später erkrankte er mit schweren Symptomen an Covid – trotz Impfungen. Er will sich auf keinen Fall mehr … –  Das aktuelle Heft der Zeitschrift «raum&zeit» ist sehr empfehlenswert. Es berichtet u.a. über die Hilfe der Homöopathie und Anthroposophie bei Impfschäden.

Foto: Stadt Bern mit Bundeshaus und Bärenplatz

und Text: Petra Dobrovolny        

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Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 17.07.2022

17. Juli, Sonntag: Was ist ein «Posttraumatisches Syndrom»? Oder: Wie feiern wir den 1. August?

Georg hat mir gesagt, ich solle doch mal als Fachperson aus neuropsychologischer Sicht etwas darüberschreiben, was bei einer Traumatisierung bzw. einer Wieder-Traumatisierung passiert. Der aktuelle Anlass sind die baldigen Feuerwerke am Schweizer Nationalfeiertag.
Wenn wir in der Schweiz um den 1. August herum das Knallen von Feuerwerkskörpern hören, verstehen wir – oder sehr viele von uns – dies als einen Ausdruck der Freude über unsere demokratischen Errungenschaften, die gefeiert werden sollten. Bis in die 70er Jahre wurde dieser Tag mit Höhenfeuern gefeiert. Erst seit den 80er Jahren gibt es offizielle Feuerwerke und privates Knallen.
Viele in unserem Land, besonders Flüchtlinge, werden jedoch mit jedem Knall an Schiessereien und Bombenangriffe erinnert, die sie in ihrem Heimatland als lebensbedrohlich erlebt haben. Sie können sich zwar mit dem Verstand sagen: «Jetzt feiern die Schweizer:innen und freuen sich!», aber die Erinnerung an die eigenen traumatischen Kriegserlebnisse wird sofort wieder wach. Der Überlebensinstinkt setzt sich gegenüber dem Verstand durch – dies ist ein Naturgesetz -, das vegetative Nervensystem reagiert sofort: Die Atmung beschleunigt sich, der Blutdruck erhöht sich, Schweiss bricht aus, Stresshormone werden ausgeschüttet, Schlafstörungen folgen. Die früher erlebte lebensbedrohliche Situation, egal ob sie ein paar Tage oder bereits Jahre her ist, läuft im Gedächtnis wieder wie ein Film ab. Die betroffenen Menschen reagieren mit einem Flucht-, Totstellreflex, oder mit einem Angriff, also mit Aggression. Dies kann sogar so weit gehen, dass jemand aus dem Fenster springt oder Amok läuft. Denn in der wiederbelebten bedrohlichen Situation wird naturgemäss der Verstand ausgeschaltet.
 
Was können wir als Gastgebende in der Schweiz tun? Wir könnten zumindest unsere private Knallerei sein lassen und das Geld, welches wir dafür ausgeben würden, spenden. Zum Beispiel für Traumatherapien oder für die allgemeine Aufklärung darüber. Wenn wir als Laien und Mitmenschen sehen, wie jemand leidet, könnten wir diesen liebevoll umarmen. Wir können ihm sagen, dass wir seine Angst verstehen und dass es sich jetzt und hier nicht um eine lebensbedrohende Situation handelt. Uns selbst würde es als von einer solchen Situation Betroffene genauso gehen. Denn als Menschen haben wir alle das gleiche Gehirn und den gleichen Überlebensinstinkt.

Das «Posttraumatische Syndrom» wurde als offizielle Diagnose von der Psychopathologie und dem Diagnose-Index der Psychiatrie erst nach dem Vietnamkrieg anerkannt. Mittlerweile hat diese Diagnose auch in den europäischen Diagnose-Index Eingang gefunden und gilt nicht nur für Kriegstraumata, sondern auch für erlittenen sexuellen Missbrauch, Folterungen, Überfälle sowie für Folgen von Verkehrsunfällen. Bei den Kriegsveteranen aus Vietnam wurde erkannt, dass viele nach ihrer Rückkehr mit den klassischen Formen des Überlebensinstinkts reagierten: Sie zogen sich sozial völlig zurück – Totstellreflex -, flüchteten sich in Drogen oder Alkohol – Fluchtreflex. Oder sie wurden auf nicht nachvollziehbare Weise gegen ihre Partnerinnen und Kinder aggressiv – Angriffsreflex – oder liefen sogar Amok – ein Angriff auf anonyme Opfer stellvertretend als Rache an der Gesellschaft, der man zwar als Soldat gedient hat, aber dabei kaputt ging und nicht als Held gefeiert wurde. Diese drei Reflexe gehören zum Überlebensinstinkt und können nicht über den Verstand kontrolliert werden. Da Kriegsrückkehrende für eine Gesellschaft eine grosse Belastung sind, kann ihr Leiden nicht ignoriert werden. Die Anerkennung der Diagnose «Posttraumatisches Syndrom» hat natürlich für die Therapie und/oder Berentung der Betroffenen wichtige und positive Folgen. Ob Soldat:innen oder Flüchtlinge: Die Gesellschaft, d.h. wir, dürfen auch zu unserem eigenen Schutz deren Probleme nicht ignorieren.

Anm.: Hört euch mal das Lied «Waltzing Mathilda» gesungen von Ronnie Drew auf Youtube an!

Es geht nicht darum, dass wir am 1. August darauf verzichten sollen, die Schweiz zu feiern. Es geht um Achtsamkeit und Mitgefühl dem Nächsten gegenüber. Unter Fachleuten, besonders den Neurowissenschaftler:innen, ist das Wissen über das Posttraumatische Syndrom eher verbreitet. In meiner Karriere habe ich oft erlebt, dass Psychiater:innen und Versicherungsärzt:innen in ihren Gutachten meine betroffenen Patient:innen als Simulant:innen darstellten, besonders wenn diese wegen eines Schmerzsyndroms und Depressionen arbeitsunfähig waren. Meine Berichte wurden dann als fachlich inkompetent verurteilt. Ich legte jeweils Berufung ein. Und, siehe da: Steter Tropfen höhlt den Stein! Vor etwa 8 Jahren erkannte das Schweizer Bundesgericht solche Syndrome als Grund für eine Rente an.  

Das Wissen darüber, was ein Trauma für Betroffene und Angehörige bedeutet, ist sehr wichtig. Der gemeinnützige Schweizer Verein «Pro Mundo» leistet hier eine wichtige Aufklärungsarbeit. Er sorgt mit Informationsblättern in verschiedenen Sprachen, u.a. auch auf Russisch und Ukrainisch, für die Verbreitung des Wissens über Traumata und deren Heilung. Falls Sie diese Arbeit unterstützen möchten, ist Ihre Spende willkommen:  http://www.promundo.ch/

IBAN: CH82 8080 8003 9639 42234
IID 80808 BIC: RAIFCH22

Konto «Pro Mundo» bei der Raiffeisenbank, Bahnhofstr. 20, CH-3400 Burgdorf

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 16.07.2022

16. Juli, Samstag: Das Leben – ein Zirkus

Gestern Abend habe ich die Vorstellung des Zirkus Harlekin hier in Leukerbad besucht. So wie vor einem Jahr. Damals musste das Publikum wegen Corona noch Maske tragen. Die heutige Vorstellung beginnt mit der Nachricht, dass letzte Nacht unerwarteterweise Pedro, der jahrzehntelange Zirkusdirektor, gestorben ist. Das Publikum erhebt sich für eine Schweigeminute. Ganz in Pedros Sinne soll das Programm weitergehen. Alle Mitwirkenden geben ihr Bestes, auch die Kamele, das Lama, die Ponys, die zwei Kühe und die Ziege. Die ukrainischen Musikanten des Zirkusorchesters durften ihr Land leider nicht verlassen. Sie werden zwar durch andere ersetzt, doch an den letztjährigen Sound kann ich mich noch erinnern. Niemand ist ersetzbar. Ich spüre die Präsenz der Seele des soeben verstorbenen Zirkusdirektors oben unter der Kuppel des grossen Zeltes. Es scheint, als habe er dort einen Ehrenplatz und würde nun, erlöst von seinen Altersbeschwerden, die Vorstellung erst recht geniessen. Das Motto des Zirkus Harlekin lautet: «Wir sind alle eine grosse Familie, und wir gehören alle zusammen.» In dieses Lied stimmt zum Schluss der Vorstellung auch das Publikum mit ein, in Dankbarkeit für die zwei kostbaren Stunden, die wir alle unter demselben Zelt verbracht haben, gemeinsam mit Artist:innen aus vielen verschiedenen Ländern wie Portugal, Weissrussland, Frankreich, Italien, Äthiopien, Deutschland, Marokko und der Schweiz. Der verstorbene Zirkusdirektor stammt ursprünglich aus Leukerbad. Sein Lebenskreis hat sich hier geschlossen. Sein Vermächtnis lebt weiter: Magie, Poesie, Humor, die Überwindung der Schwerkraft in gewagten Sprüngen, einander darin unterstützen … Wenn wir auch nur ein bisschen Zirkus in unseren Alltag mitnähmen, würde die Welt um einiges friedlicher.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 14.07.2022

14. Juli, Donnerstag: Hitzewelle und ein kleiner Platon

Die Kamele vom Zirkus Harlekin fühlen sich bei den jetzigen Temperaturen um die 30°C wahrscheinlich am wohlsten. Die spanische Hitzewelle hat inzwischen die Schweiz erreicht, in Basel sollen es mindestens 40°C werden. Unser Besuch aus Mähren hatte letzte Woche Glück: Es wurde kaum über 28°C. Wir konnten bei schönstem und nicht zu heissem Wetter wunderbare Ausflüge machen. Auch die Leukerbader Therme hat die jüngste Nichte von Georg mit ihren drei Kindern im Alter von 13, 15 und 17 Jahren genossen. Genau vor einem Jahr war Georgs älteste Nichte mit ihren zwei erwachsenen Kindern hier zu Besuch. Auch sie hatten Glück: Erst kurz vor ihrer Rückfahrt begann eine lange Regenperiode mit vielen Überschwemmungen.

Bei trockenem Wetter kann die Bergbauerfamilie die erste Heuernte des Jahres einbringen. Alle drei Generationen machen sich in der Nähe unseres Hauses gemeinsam an die Arbeit. – Die Walliser Kirschen und Aprikosen sind erntereif. Unsere schwarzen Johannisbeeren in Bremgarten haben im Juni zu sehr unter dem Hagel gelitten. Gerade mal zwei Hände voll geben die Sträucher her. Georg bringt sie unseren ukrainischen Nachbarinnen. Vor zwei Wochen kam der erwartete Junge gesund auf die Welt: Er heisst Platon und sieht auch wie ein Philosoph aus. Wir freuen uns sehr, dass Mutter und Kind wohlauf sind und bereits nach zwei Tagen Spitalaufenthalt wieder zu ihrer Gastfamilie «nach Hause» konnten. Unter diesen Lebensumständen ist dies keineswegs selbstverständlich. Eine afghanische Nachbarin hatte während ihrer Flucht aus Syrien vor sechs Jahren einen so grossen Schock erlitten, sodass ihr Kind schwer behindert auf die Welt kam.  

Foto und Text: Petra Dobrovolny      

Mein Tagebuch: 28.06.2022

28. Juni, Dienstag: Ein Aufruf

Der 1. August, der Schweizer Nationalfeiertag, nähert sich mit grossen Schritten. Bereits jetzt wird ab und zu in der Nacht in Bremgarten geknallt, denn Schüler:innen feiern jetzt zum Schulabschluss und Ferienbeginn Parties. Georg meint, es sei der richtige Zeitpunkt für einen Aufruf:

Aufruf zum 1. August:

Lasst die Knallerei – aus Rücksicht gegenüber Flüchtlingen aus Kriegsgebieten

«Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen,

bald ist wieder der 1. August, unser Nationalfeiertag. Bereits einige Tage vorher, je nach dem lokal sehr stark am 1.8., dem Feiertag selbst und einige Tage danach wird geknallt.

Bitte bedenkt: Zurzeit leben inzwischen ca. 70’000 Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder aus der Ukraine, die vor dem Dauerbomben geflohen sind. Das Knallen sowie Fluglärm haben sie als Lebensbedrohung erlebt und sind dadurch traumatisiert. Mit jedem Knall, den diese Menschen heute auch hier in der CH und besonders in der Nacht hören, erinnern sie sich an die Kriegssituation zu Hause.

Ebenso jene aus Syrien und anderen Kriegsgebieten, wo sie ebenfalls das Knallen als Lebensbedrohung erlebt haben und dadurch traumatisiert wurden.

Wollt Ihr im Ernst die Flüchtlinge, denen wir in der Schweiz Sicherheit versprochen und gewährt haben, wieder traumatisieren?

Und noch etwas: Das Geld, das wir für ein Feuerwerk ausgeben, könnten wir ihnen spenden.

Die offiziellen und privaten Feuerwerke sind in der Schweiz erst in den letzten Jahrzehnten in Mode gekommen. Ursprünglich wurden auf den Berghöhen Feuer entfacht, um diesen Tag würdig zu feiern.

Könnten wir nicht zu dieser Tradition zurückkehren?

Besten Dank, auch im Namen der Betroffenen.»

Die meisten unsere Bekannten finden den Aufruf eine gute Idee, ein paar aber nicht. Damit muss man rechnen. Viele wissen nicht, was ein „Posttraumatisches Syndrom“ ist bzw. was eine Retraumatisierung bedeutet.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 25.06.2022

25. Juni, Samstag: Literaturfans treffen sich in Leukerbad      

Vom 23. bis 26. Juni findet das 26. Internationale Literaturfestival in Leukerbad statt. Vor einem Jahr konnte es trotz Corona durchgeführt werden, im grossen weissen Zelt musste das Publikum Hygienemasken tragen. Das ist jetzt zum Glück nicht mehr nötig. Das Publikum ist etwas zahlreicher als letztes Jahr. Es besteht zu mindestens 70% aus Frauen im Alter von 50 bis über 80. Einige haben ihre Ehepartner, noch mehr ihre Schwestern, Mütter und Freundinnen mitgebracht. Ich besuche wieder den samstäglichen Literaturabend, an welchem 12 Schriftsteller:innen für jeweils ca. 20 Minuten aus ihren Werken vorlesen. Das dominierende Thema ist die Ukraine und wie die Betroffenheit seit der Annexion der Krim 2014 und die weiteren Ereignisse in dem Land, „das am Rande liegt“, so heisst die Ukraine wörtlich übersetzt, literarisch verarbeitet werden. Eindrucksvolle Worte findet die seit 11 Jahren in Wien lebende ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk: „Was ist Heimat? Heimat ist woher die Traumata kommen.“ Und sie fragt: „Kann man Kriege mit Kriegen beenden und statt der Bienen Nektar sammeln …?“

Mich erstaunt, dass „Corona“ kaum ein Thema ist. Oder habe ich etwas verpasst? Wie findet die Erosion der Demokratie, der Menschenrechte, der Meinungsfreiheit usw. ihren Eingang in die zeitgenössische Literatur? Darauf erhalte ich keine Antwort. Jonas Lüscher beschreibt lediglich seine „tropische Traurigkeit“ während einer ungeplanten Quarantäne in einem Hotelzimmer in Kapstadt. – Lukas Bärfuss hinterfragt den europäischen Lebensstil. Dazu gehöre, im Sommer ans Meer zu fahren. Er hatte Ferien in einem Ort der Toskana gebucht und stellt nach seiner Ankunft fest, dass dort die Spuren des Faschismus noch sehr präsent sind. Auch der „Duce“ und seine Anhänger:innen hatten eine Vorliebe für diesen Ort. Dies veranlasst den Schweizer Schriftsteller über die toxische Maskulinität nicht nur des „Duce“, sondern auch zeitgenössischer Regierungshäupter in Ost und West zu schreiben, Berlusconi mit seinem „nachgezeichneten Haaransatz“ schliesst er nicht aus. Auch die Sicht auf das wunderbar türkise Mittelmeer lässt in Herrn Bärfuss keine Ferienlaune aufkommen: Jedes Jahr ertrinken dort doppelt so viele Flüchtlinge wie Leukerbad Einwohner:innen hat. Somit habe er eher nachdenkliche als erholsame Ferien verbracht. Vielleicht wird er in Zukunft lieber in die Walliser Berge fahren? Ich habe ihn nicht gefragt. Dankbar und zufrieden reisen alle wieder nach Hause, in der Gewissheit, dass es auch nächstes Jahr wieder genügend Sponsor:innen und Menschen mit Tatkraft geben wird, die dieses Festival ermöglichen. Auch wenn der Preis für Papier sich verdoppelt hat.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 23.06.2022

23. Juni: Ist Leukerbad erwacht?

Für heute Abend lädt die Leukerbad Tourismus AG „My Leukerbad“ die am Ort tätigen Geschäftsleute und sonstigen Unternehmer:innen zu einer Informations-veranstaltung ein. Ein Team von Fachleuten hat seit 2019 an einem Masterplan zur Förderung des Tourismus in der Region erstellt und nun abgeschlossen mit der Feststellung: „Leukerbad ist erwacht.“ Mit viel Selbstlob über die fast dreijährige Arbeit, besonders über den neuen Internetauftritt leukerbad.ch, stellt das Team dem gespannten Publikum vor, wie die Weichen für das Generationen-Projekt gestellt wurden und wie nun dieses Erwachen in die Tat umgesetzt werden soll. A m Anfang stand die Rückbesinnung auf die unglaublich reichhaltigen Ressourcen der Umgebung: Thermalwasser und Natur. Die Region von 27 km Durchmesser – man müsse eben über den Tellerrand hinausdenken und sich nicht nur auf das Dorf Leukerbad konzentrieren – bietet auf kleinem Raum eine grössere Vielfalt als andere Regionen in der Schweiz. Man kann hier Wein und gutes Essen geniessen, in der Natur wandern und Biken, Schneesport betreiben, die Gesundheit stärken und Kulturelles erleben. Leukerbad soll neu als ganzjährige Destination vermarktet werden mit den Schwerpunkten Gesundheit und Naturerlebnis. So würde Leukerbad eine der 10 „Wellnessdestinationen“ der Schweiz. Dazu werden nun Partner:innen gesucht, die etwa Yoga usw. anbieten. Ich spitze die Ohren und sage mir: „Hier sind meine Wellness-Klänge am richtigen Ort!“ In den kommenden 5 Jahre sind Investitionen von 75 bis 100 Mill. CHF geplant. Davon benötigt der Bau eines zentralen Fernwärmenetzes 10 bis 15 Mill. CHF. In Zukunft soll das Abwasser der Thermalbäder alle Haushalte des Dorfes beheizen, klimaneutral. Die grösste Therme und die Sportarena müssen dringend renoviert werden, neue Alterswohnungen geschaffen werden. Der jährliche Umsatz der Gemeinde beträgt 22 Mill. CHF. Der Bund, d.h. das Staatssekretariat für Wirtschaft Séco, wird finanziell mithelfen und hat die Entwicklung dieses Masterplans bereits mit 1,2 Mill CHF unterstützt. Das Argument: Leukerbad kommt eine Pionierrolle zu. Die gemachten Erfahrungen werde man für weitere Tourismusprojekte im Land nutzbar machen. Dies sagt die eingeladene junge Mitarbeiterin des Séco und lobt wie eine gute Mutter die Herren Vortragenden vor allem dafür, dass der Masterplan ein halbes Jahr früher als geplant abgeschlossen werden konnte.
Dem Optimismus und der Begeisterung der Vortragenden steht eine gewisse Skepsis im Publikum gegenüber. Leukerbad hat 1329 Einwohner:innen und 2700 Zweitwohnungen, die seit „Corona“ zwar weniger, aber doch die meiste Zeit leer stehen. Sehr viele sind renovationsbedürftig. Die Gemeinde schickt den Eigentümer:innen hohe Steuerrechnungen, kommuniziert aber sonst nicht mit ihnen. Das soll jetzt eine neu gegründet Gesellschaft mit Namen myval.ch ändern. Diese will die Eigentümer:innen mit Vermietungen, Renovationen und weiteren Dienstleistungen unterstützen.

Zum Schluss bleiben noch 10 Minuten für Fragen aus dem Publikum. Eine Zweitwohnungseigentümerin kritisiert, dass sie erst gestern über diese doch so wichtige Veranstaltung informiert worden sei. Weitere Kritikpunkte: Die Anschlüsse innerhalb des öffentlichen Verkehrs seien alles andere als optimal, besser aus der Richtung Genf als aus der Richtung Zürich. Der regionale Anschlussbus, der um das ganze Dorf herumfährt, werde oft von den gerade aus dem Tal Angekommenen verpasst. Die mangelhafte Auswahl an Lebensmitteln bewirke, dass Familien ihr Privatauto bevorzugen und es mit ihrem Lieblingsessen vollpacken, sodass sie hier erst gar nicht einkaufen müssen. Ein Herr fragt, warum auf der Internet-Plattform booking.com bei den Angeboten von Leukerbad ein Foto von Bad Gastein – ausgerechnet! – oben im Bild dominiere. Die Antwort: Darauf habe man keinen Einfluss, das sei Sache von booking.com. Ich frage, was unter dem Kapitel „Wassererlebnis“ geplant sei. Die inzwischen abgeschlossenen Bauarbeiten zum Hochwasserschutz der Dala habe doch vor dem Eingang zum Thermalquellensteg eine Rampe freigelassen. Sei dort eine Bank geplant? Kinder würden dort doch gerne ihre Hände und Füsse in die Dala tauchen. Der Gemeindepräsident winkt entsetzt ab: „Nein, die Stelle werde noch zugeschüttet. Das ist eine Gefahrenzone.“ Auch frage ich nach Partnerschaften mit Gemeinden im In- und Ausland. Ja, da sei etwas geplant, doch jetzt wäre höchste Zeit zum Apero, zu dem die Leukerbad Tourismus AG einlädt.

In weiteren Gesprächen bei einem Glas Walliser Wein meinen viele, dass Leukerbad teilweise noch immer schlafe und das Aufwachen Zeit braucht.

Foto und Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 21.06.2022

21. Juni, Sommersonnenwende: Eine besondere Zeit und noch eine Klangschale

Vom 14. Juni bis zum 14. Juli, von Neumond zu Neumond, findet dieses Jahr der energetische Höhepunkt statt. Besonders in der Zeit vom 21. bis 28. Juni. Sechs Planeten und der Mond befinden sich von der Perspektive der Erde aus gesehen in einer Linie. Das bedeutet eine Zeit der Prüfungen, denn alles wird verstärkt. Inneres Ausbalancieren ist wichtig. Heute schickt die Sonne ihre Strahlen in einem bestimmten Winkel durch die Steintore in Stonehenge, UK: Die Herzenergie wird dadurch weltweit aktiviert. Am 24. Juni feiern die Maoris das neue Jahr. Die Erntezeit ist vorbei, neue Samen können ab jetzt auf der südlichen Erdhalbkugel ausgesät werden. Vor kurzem wurde dieser Tag in Neuseeland zum offiziellen Feiertag erklärt.

Diese Zeit markiert einen wichtigen Schritt von alten nicht mehr passenden Herrschaftsstrukturen und -gehabe in eine Zeit der Zusammenarbeit zum Wohle des Ganzen. Am Beispiel der Ukraine wird dies deutlich: Dort tobt seit Ende Februar immer noch der Angriffskrieg des Kremls, und am 5. und 6. Juli wird in Lugano eine internationale Konferenz zum Aufbau der Ukraine stattfinden.

Bei der Leukerbader Floristin, die aus Bayern stammt, habe ich eine von Hand hergestellte Allgäuer Heilkräuterkerze gekauft, die speziell für die Zeit der Sonnenwende unterstützend wirkt. Die unter Hälfte ist orange, die obere feuerrot. Das Wachs enthält unter anderem Beifuss, Johanniskraut, Rosmarin und Holunder. In der dazugehörigen Broschüre steht: „Der Sommer ist ein Fest der Fülle, der Sinne und der Sinnlichkeit. Wir Menschen geniessen diese grenzenlose Kraft des Sommers – nun ist es wichtig, immer wieder in die Stille zu gehen, um mit unserem Inneren in Berührung zu kommen.“ Wir können uns zum Beispiel fragen: „Wie pflege und nähre ich den Samen, der in mir erblüht ist?“ – In mir ist die Liebe zu Kristallklangschalen erblüht. Seit dem 1. Juni habe ich als Ersatz für die zerbrochene eine neue mit Himalayasalz, Indium und Platin. Sie wirkt reinigend und weckt Einsichten und Visionen. Wenn ich sie anschlage, meine ich den Urklang der Schöpfung zu hören und sehe im Geiste Mönche in einem tibetischen Kloster. Natürlich hatte ich bei meinem letzten Besuch bei „UniversHarmonie“ vor drei Wochen in Lausanne eine dazu im Ton passende Klangschale aus rosa Rhodochrosit und Platin gefunden, aber wegen des hohen Preises nicht gekauft. Georg möchte sie mir zu meiner grossen Freude zum Geburtstag schenken. Für heute, dem Tag der Sonnenwende, habe ich wieder einen Termin in Lausanne vereinbart.     

Foto: Meine zwei neuen Kristallklangschalen und

Text: Petra Dobrovolny

Mein Tagebuch: 19.06.2022

19. Juni, Sonntag: Ein kleiner Spaziergang

Seit ein paar Tagen dauert nun bereits eine Hitzewelle. Sogar auf unserer Terrasse in Leukerbad auf ca. 1450 m Höhe wurde es gestern 33° C warm. Zur Abkühlung verlinke ich für euch hier einen kleinen Spaziergang mit Geplätscher eines Bergbächleins:

Fotos und Klänge: Petra Dobrovolny